Eine 80 x 30 Zentimeter große gefaltete Urkunde mit der Formulierung "in civitate nostra Dresden" aus dem Jahr 1216 liegt am 21.01.2016 in einer Glasvitrine im Stadtarchiv in Dresden. Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde die wertvolle Urkunde mit der Ersterwähnung der Stadt Dresden vor 800 Jahren präsentiert.

29.1.2016 | Von:
Frank Willmann

Einblicke in die Dresdner Fußballseele

Neue, alte, vielfältige Fanszene

Obgleich in der DDR der Antifaschismus Staatsdoktrin war, spukte in vielen Köpfen noch die Ideologie des Naziregimes. Wie konnte man als Fußballfan im Schutz der anonymen Masse den DDR-Staat auch heftiger ärgern? Nazi zu sein, war die extremste aller Provokationen und gerade unter jugendlichen Fußballfans en vogue. Offiziell wurde das Problem totgeschwiegen, in der Öffentlichkeit nicht thematisiert. Nach der Wende nutzten die NPD und andere rechtsextreme Verbindungen das politische Vakuum und die Zukunftsängste in der ehemaligen DDR für ihre Ziele aus. Auch in Sachsen entwickelte sich eine starke rechtsextreme Szene, die tief in den Fußball hineinreichte. In den 1990er Jahren liefen die Reichskriegsflagge und andere Nazisymbole bei vielen Fangruppen unter Fußballfolklore.

Nachdem sich die Hooligans durch das Nachwendejahrzehnt geprügelt hatten, kam ab 2001 wieder Stimmung im Stadion auf. Die Ultramode schwappte nach Dresden. Große Choreografien, positive Stimmung, Dynamo war plötzlich für jüngere Leute wieder chic. Die Dresdner Massenbewegung für den Fußball wurde durch die "Ultras Dynamo" neu entfacht. Es folgten fünf bis sechs Jahre Fasching, Pyro, Rauch. Am Anfang wurden die Dresdner Ultras von der anderen starken Außenseiterfraktion, den Hooligans, kritisch beäugt, auch zurechtgestampft. Che hing erst am Zaun, später nicht mehr.

Als die linke Gruppe "Solo-Ultra" vor einigen Jahren von rechtsextremen Fans aus dem Stadion geprügelt wurde, gab es kaum Proteste. Mitte der 2000er Jahre war zudem die Gruppe "Faust des Ostens" aufgetaucht, Kleinkriminelle mit Nazitouch. Die Organisation und ihre Banner verschwanden zwar vor einiger Zeit wieder aus dem Stadion – als Einzelpersonen sind ihre potenziellen Mitglieder aber zum Teil geblieben, wie Polizeisprecher Geithner erklärt: "Es gibt Fans mit einer rechten politischen Gesinnung, die brüllen am Samstag beim Fußball ausländerfeindliche Parolen oder rechtes Gedankengut. Am Dienstag sind die dann bei der Demo gegen das Asylbewerberheim. Das ist aber nicht die Dynamo-Szene, das sind einzelne Personen, die auch zu Dynamo gehen."

Heute sind Ultragruppen fester Bestandteil der Fanszene. Zwar gibt es nach wie vor auch zahlreiche Hooligans – den "Hooligans Elbflorenz", den klassischen Hauern, bestätigte der Bundesgerichtshof Anfang 2015 gar die Eignung als "kriminelle Vereinigung" – aber es gibt in der Dresdner Fanszene inzwischen auch Gruppierungen, die sich aktiv gegen Gewalt und Rassismus im Stadion einsetzen. Eine davon ist die 2006 gegründete Faninitiative "1953international". Sie positioniert sich klar gegen rassistische Vorfälle im Kontext von Dynamo-Spielen: "Ob im Fanblock oder in der Gesellschaft – wir finden es wichtig, mit verschiedenen Aktionen einen kleinen Beitrag dagegen zu setzen", so ein Vertreter der Initiative. Regelmäßig werden Flüchtlinge ins Stadion eingeladen und andere Solidaritätsaktionen auf die Beine gestellt, um Fans und Verein für das Thema zu sensibilisieren.

Die Zusammenarbeit mit Dynamo ist zwar gewachsen, aber nicht unproblematisch: "Man darf ja nicht vergessen, dass in der Vereinssatzung steht, man dürfe sich zu politischen Themen nicht äußern. Von daher bekommt er gerade hier eine Menge Gegenwind, da sich sehr viele hinter diesem ‚unpolitischen‘ Dasein verstecken." Dennoch wurde schon einiges erreicht. So heißt es seit Januar 2015 in Dynamos Fancharta: "Der Verein SG Dynamo Dresden und die Fans stehen aktiv gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung (aufgrund ethnischer Zugehörigkeit, religiöser und sexueller Orientierungen sowie körperlicher und geistiger Beeinträchtigung) innerhalb und außerhalb des Stadions ein."

Neben "1953international" ist das unabhängige "Fanprojekt Dresden" eine Oase des Guten. Das Fanhaus in der Löbtauer Straße 17 ist ein offenes Haus, das jungen Leuten vielfältige Möglichkeiten zur Entfaltung weit über den Fußball hinaus bietet. So werden unter anderem Wandertouren und mehrtägige Workshops organisiert ("Fair Play", "Gewalt im Abseits", "Der Ball ist bunt", "VorbeigeRAUSCHt"). Im Schuljahr 2015/16 startete zudem das Langzeitprojekt "Am Ball bleiben. Spielerisch Deutsch lernen" mit wöchentlichem Sprach- und Fußballtraining für Kinder aus einer Grundschule mit erhöhtem Sprachförderbedarf. Zusätzlich gibt es Veranstaltungen aus dem kulturellen und erlebnispädagogischen Bereich, den Projekttag Sehbehinderung und Blindenfußball, einen Leseklub sowie das Bildungsprojekt "SG Dynamo Dresden, die Vergangenheit deines Vereins!".

Gewappnet für die Zukunft?

Dynamo-Geschäftsführer Schäfer resümiert: "Fußball braucht alles, den Ultra, die Familie, den VIP-Gast. In Dresden entscheidet sich gerade, wie ein Traditionsverein mit den aktuellen Herausforderungen der Fußballwelt umgeht. Gewalt, politische Bewegungen, Alkohol, Fankultur. Unser Verein ist mitgliedergeführt, das wird gern verdreht als fangesteuert dargestellt, ist aber einfach Basisdemokratie. Wir versuchen die Balance zu halten zwischen der Bewahrung der Fankultur und dem Kommerz des professionellen Fußballs."

Dass es nach wie vor ein zu bearbeitendes Gewaltproblem gibt, scheint dem Verein bewusst zu sein: "Auswärts ist unser Fanblock für einige ein rechtsfreier Raum. Wenn unsere Fans das nicht selbst erkennen und verhindern, müssen wir das regeln." Dennoch sei die 3. Liga entgegen vieler Befürchtungen zu keiner "Krawall-Liga" geworden, "im Gegenteil: Wir hatten eine Menge sehr stimmungsvoller Spiele, wie zuletzt unser Heimspiel gegen den 1. FCM, das völlig friedlich über die Bühne ging. Wir haben 140 Ultras für den Innenraum akkreditiert, damit die Choreo realisiert werden konnte. Außerdem haben wir ihnen das Stadion im Vorfeld zu mehreren Ablaufproben zur Verfügung gestellt. Dieses Vertrauen hat sich gelohnt. Sie haben es uns gedankt, es ist nichts passiert und war eine super Kooperation. Wir ermöglichen Teilhabe, jeder kann sich einbringen, aber jeder muss auch Verantwortung für sich und sein Handeln übernehmen."

Das Eintreten für Weltoffenheit, Toleranz und gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit hat sich der mit 16.000 Mitgliedern größte Fußballverein Ostdeutschlands inzwischen offiziell auf die Fahnen geschrieben. Die finanzielle (und dann sportliche) Konsolidierung soll Schäfer zufolge bald folgen: "Wir haben innerhalb eines Jahres die Hälfte der 7 Millionen Euro Schulden an (den Medienunternehmer, Anm. d. Red.) Michael Kölmel abbezahlt. Ziel ist, alle Schulden bis zum 30. Juni 2016 zu begleichen." Dabei werden auch die Fans wieder großen Einsatz zeigen müssen: "Unsere Fans haben bei der letzten Mitgliederversammlung (2015) beschlossen, dass jedes Vereinsmitglied abermals 72 Euro extra bezahlt. Wer den Betrag nicht zahlt, ist laut Satzung kein Mitglied mehr. Die erste Umlage wurde von 98 Prozent aller Mitglieder bezahlt."

Sollte Dynamo Erfolg haben und nächstes Jahr nach dem erhofften Aufstieg in die 2. Bundesliga gut in die Gänge kommt, werden weiterhin auch die "normalen" Dresdner mit ihren Familien ins Stadion kommen. Wenn dann trotzdem weiter Fanrandale stattfinden, wird der Verein den Sumpf trocken legen. Die größeren politischen Probleme in der Stadt und ihrem Umland löst das natürlich nicht. Aber kann das die Aufgabe eines Fußballvereins sein?

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Autor: Frank Willmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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