APuZ 8/2016 Syrien, Irak und Region
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Der Nahe Osten 2025: Drei Zukunftsszenarien


19.2.2016
Die Zukunft des Nahen Ostens wird momentan als eher düster wahrgenommen; Prognosen sagen einen dreißigjährigen Krieg voraus, einen dritten Weltkrieg oder gar das Ende der Welt, wenn man dem Islamischen Staat (IS) Glauben schenkt. Doch die große Mehrheit dieser Prognosen nährt sich vorrangig aus der gegenwärtigen Situation und bläst damit quasi das alltägliche Geschehen zu einem Jahrzehnt auf. Dabei finden fundamentale Veränderungen, sei es auf individueller oder gesellschaftlicher Ebene, eher langsam statt und entgehen daher dem täglichen Beobachter.[1] Wer die mögliche Zukunft der Region verstehen will, muss daher einen Schritt weg vom Tagesgeschehen machen und sich den mittel- und langfristigen Prozessen zuwenden. Das tut die Zukunftsforschung.

Dabei muss zuerst einmal das Vorurteil überwunden werden, dass Zukunftsprognosen ausschließlich spekulativ seien und noch dazu meistens fehlerhaft. Jede überraschende Entwicklung in der internationalen Politik – sei es der Fall der Mauer oder der Arabische Frühling – wird zum Anlass genommen, die gesamte Disziplin als nutzlos zu geißeln. Dabei dient die Zukunftsforschung, im Gegensatz zur Wahrsagerei, nicht dazu, die Zukunft akkurat vorherzusagen. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, sich kreativ mit aktuellen Prozessen auseinanderzusetzen, um sowohl positive als auch negative Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Auf Basis dieser Ergebnisse können Entscheidungsträger die Weichen stellen, die nötig sind, um diese Entwicklungen abzuwenden oder einzuleiten. Wo Zukunftsforschung besonders ernst genommen wird, treten ihre Vorhersagen gar nicht ein: Beispiele sind das Ozonloch oder das Baumsterben der 1980er Jahre. In beiden Fällen führten alarmierende Vorhersagen dazu, dass Maßnahmen eingeleitet wurden, die die Entwicklung aufhalten oder sogar umkehren konnten.[2] Wo Warnungen nicht gehört werden, ergeht es der Zukunftsforschung wie der griechischen Mythologiefigur Kassandra: Sie mag Recht behalten, doch ihre eigentliche Aufgabe, die erfolgreiche Frühwarnung, hat sie verfehlt.[3]

Auch zum Nahen Osten gab und gibt es eine ganze Reihe an Vorhersagen, die teils eingetreten sind, teils nicht. Im besten Fall haben die Vorhersagen eine Verhaltensänderung angestoßen – zum Beispiel waren demografische Vorhersagen für die Region in den 1970er und 1980er Jahren derart katastrophal, dass dies Politiker dazu bewog, Schritte zur Senkung der Geburtenrate einzuleiten. Die Prognosen aus diesen Jahrzehnten sind folglich nicht eingetreten. Im weniger guten Fall verhalten sich Menschen anders als angenommen, weil sie zu jeder Zeit eine Fülle von Handlungsoptionen zur Verfügung haben, Szenarien jedoch nur eine limitierte Anzahl davon durchspielen können. Ein Beispiel ist das Verhalten des ägyptischen Militärs 2011 und 2013: Beide Male handelten die Offiziere anders, als die meisten Beobachter vorausgesagt hatten, weil sie noch andere Optionen hatten.[4] Die schiere Unendlichkeit an Entwicklungsmöglichkeiten ist es, was Prognosearbeit so komplex macht.

Eine beliebte Methode in der Zukunftsforschung ist die Szenarienentwicklung.[5] Hier werden nicht nur präzise Situationen in der Zukunft entworfen, sondern auch die Entwicklungen, die dahin geführt haben. Szenarien müssen aber immer aus verschiedenen Faktoren auswählen, um die Komplexität der Optionen zu reduzieren – und dabei können sie in der Tat Wichtiges übersehen. Die Szenarios, die nachstehend vorgestellt werden, sind wahrscheinlicher Natur, sie beschränken sich auf Schlüsselfaktoren in Sicherheit und Politik. Sie bilden drei Entwicklungsmöglichkeiten für den Nahen Osten im Jahr 2025 ab.[6]

Megatrends: Das ganze Bühnenbild



Wahrscheinliche Szenarien bewegen sich, im Gegensatz zu möglichen oder wünschenswerten, nicht in einem luftleeren Raum: Sie basieren auf sogenannten Megatrends. Das sind in der Zukunftsforschung langfristige Trends, die nur noch schwer umzukehren sind. Sie sind quasi das Bühnenbild, vor dem die Handlung (in diesem Fall Terrorismus und Bürgerkrieg) sich abspielt – doch im Gegensatz zum statischen Bühnenbild entwickelt es sich nicht nur, es kann selbst positive und negative Einflüsse auf die Situation nehmen.

Im Nahen Osten gibt es fünf solcher Trends, wovon vier potenziell noch mehr Konflikte befeuern können, der fünfte kann sowohl positiv als auch negativ gewertet werden: die Bevölkerungsentwicklung, die Verstädterung, der Klimawandel, die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten sowie die zunehmende Internetpenetration. Alle fünf werden, in absteigender Intensität, die Zukunft der Region mitbestimmen. Die Demografie wird dabei der wichtigste Faktor sein. Wenngleich der Zuwachs der Bevölkerung sich stark verlangsamt hat, wächst die Region (mit Ausnahme des Libanon) nach wie vor weiter: von 324 Millionen Einwohnern 2015 auf 370 Millionen im Jahr 2025.[7] In diesen zehn Jahren werden die geburtenstarken Jahrgänge von 1990 bis 2010 den Arbeitsmarkt erreichen. Die Gesamtbevölkerung der Region bleibt dabei nach wie vor jung: Je nach Land sind zwischen 40 und 60 Prozent unter 30 Jahre alt. Die Internationale Arbeitsorganisation sieht in ihren Prognosen einen Anstieg der nahöstlichen Jugendarbeitslosigkeit von 27 Prozent 2015 auf über 31 Prozent 2025.[8] Dies ist deshalb ein politisches und nicht nur soziales Problem, weil ein signifikanter Zusammenhang besteht zwischen hoher Arbeitslosigkeit (über 30 Prozent) in dieser Altersgruppe und vermehrten politischen Unruhen, Gewalt und Terrorismus.[9]

In den vergangenen Jahrzehnten haben einige Staaten versucht, die immer größer werdende Schere zwischen Bevölkerung und eigener Lebensmittelproduktion durch Subventionen abzufedern; da die Region (mit Ausnahme Israels) insgesamt jedoch über 50 Prozent ihrer Lebensmittel importiert, bedeutet dies, dass sie den traditionell stark schwankenden Preisen des Weltmarktes ausgeliefert bleibt. Ende 2010 bedeutete dies, dass die Bevölkerung quasi über Nacht Lebensmittelpreisanstiege von im Schnitt 25 bis 30 Prozent verkraften musste – ein Faktor, der in die Unruhen von 2011 hineinspielte.

Doch nicht nur die Demografie drückt auf die Infrastrukturen der Staaten; auch der Klimawandel wird den Nahen Osten härter als andere Weltregionen treffen, weil er bereits bestehende Probleme mit Wasser und Hitze verstärkt. Schon 2007 sagte der Weltklimarat voraus, dass die Region bis 2025 Temperaturanstiege von durchschnittlich zwei Grad Celsius zu verzeichnen haben werde. Dies hat weitreichende Konsequenzen: Laut der Weltbank würden fast ein Drittel der Bevölkerung Wassermangel ausgesetzt sein, die Landwirtschaft würde noch weniger als bisher produzieren. Durch den prognostizierten Anstieg des Meeresspiegels (zwischen zehn und 30 Zentimetern bis 2050) werden mehrere Millionen Menschen in Küstenstädten wie etwa Alexandria in Ägypten von Hochwasser und Überflutungen bedroht werden.

Diese Entwicklung geht einher mit der Verstädterung: Lebten 2015 56 Prozent der Bürger im Nahen Osten in Städten, wird dieser Wert, auch durch den Klimawandel und die Arbeitslosigkeit, auf über 60 Prozent ansteigen. Dies muss nicht, kann aber ein soziales Megaproblem werden, wenn die schon jetzt überforderte Infrastruktur der Städte die Masse an Menschen nicht aufnehmen kann. Dies ist schon jetzt der Fall in Metropolen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv gewachsen sind wie etwa Kairo. Zu guter Letzt wird das Internet weiter aufholen und nicht nur auf politische Kommunikation Einfluss nehmen, sondern auch die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft vorantreiben. Waren 2015 rund 49 Prozent der Bevölkerung im Nahen Osten online, werden es 2025 bis zu 80 Prozent sein; über 85 Prozent hiervon nutzen es bereits jetzt von ihrem Mobiltelefon aus – ein Trend, der sich noch verstärken wird.


Fußnoten

1.
Siehe auch Florence Gaub, Understanding Instability: Lessons from the "Arab Spring", Arts & Humanities Research Council, Public Policy Series 9/2012, http://www.ahrc.ac.uk/documents/project-reports-and-reviews/ahrc-public-policy-series/understanding-instability-lessons-from-the-arab-spring/« (7.1.2016).
2.
Vgl. Waldsterben in Deutschland gestoppt, in: Wirtschaftswoche vom 13.7.2003, http://www.wiwo.de/unternehmen/waldsterben-in-deutschland-gestoppt/4788852.html« (7.1.2016); Johannes Pennekamp, Abschied vom Ozonloch, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.8.2014, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/vergangenheit-abschied-vom-ozonloch-13094502.html« (7.1.2016).
3.
Siehe auch Michael I. Handel, Surprise and Change in International Politics, International Security, 4 (1980) 4, S. 57–85; Norman Henchey, Making Sense of Futures Studies, Alternatives, 7 (1978) 2, S. 24–29.
4.
Vgl. Florence Gaub, Countdown to a Coup d’Etat in Egypt?, 19. April 2013, http://carnegieeurope.eu/strategiceurope/?fa=51567« (7.1.2016).
5.
Vgl. Hannah Kosow/Robert Gaßner, Methods of Future and Scenario Analysis: Overview, Assessment, and Selection Criteria, German Development Institute Studies 39/2008.
6.
Für eine regional übergreifende Analyse siehe auch Florence Gaub/Alexandra Laban, Arab Futures: Three Scenarios for 2025, European Union Institute for Security Studies, Report 22, 17.2.2015, http://www.iss.europa.eu/publications/detail/article/arab-futures-three-scenarios-for-2025« (11.1.2016).
7.
Vgl. World Bank, Population Estimates and Projections, http://datatopics.worldbank.org/hnp/popestimates« (5.1.2016). Die Zahlen für die palästinensischen Gebiete stammen aus dem Palestinian Central Bureau of Statistics, A Special Bulletin on the Palestinian Population as the World Reaches VII Billion, http://www.pcbs.gov.ps/Downloads/book1797.pdf«. Israelische Experten stellen diese Daten in Frage.
8.
Vgl. World Bank, Predictions, Perceptions and Economic Reality, MENA Quarterly Economic Brief, Juli 2014; International Labour Organisation, Global Employment Trends for Youth 2013: A Generation at Risk, Genf 2013; dies., Global Employment Trends 2014: Risk of a Jobless Recovery, Genf 2014.
9.
Vgl. Salif R. Niang, Terrorizing Ages: The Effects of Youth Densities and the Relative Youth Cohort Size on the Likelihood and Pervasiveness of Terrorism, Department of Political Science, Purdue University, West Lafayette 2010.
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Autor: Florence Gaub für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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