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Dunkle Rauchwolken steigen am 03.03.2016 von der gesprengten Förderbrücke F34 im stillgelegten Braunkohletagebau Cottbus-Nord nahe Cottbus (Brandenburg) auf.

18.3.2016 | Von:
Claudia Kemfert

Globale Energiewende: "Made in Germany"?

BRICS-Staaten: Gemischte Bilanz

Die sogenannten BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika kennzeichnet nach wie vor ein großer Energiehunger, Wirtschaftswachstum steht dort eindeutig vor Klimaschutz und Energieeffizienz. Von Energiewende ist nirgends die Rede, jedenfalls nicht in offiziellen Regierungserklärungen.

China ist inzwischen größter CO2-Emittent der Welt und für knapp ein Viertel des Ausstoßes verantwortlich. Trotzdem hat die chinesische Regierung sich bisher schwergetan, Klimaschutzabkommen zu unterschreiben. Zuerst müssten die traditionellen Industrieländer ihre Emissionen begrenzen, so die chinesische Position, schließlich hätten diese ihren heutigen Reichtum über Jahrzehnte ohne Rücksicht auf Umwelt und Natur aufgebaut. China habe deswegen quasi das Recht, als Klimasünder Nr. 1 noch ein Weilchen weiter zu wachsen, bevor es sich durch CO2-Grenzwerte bremsen lasse. Seinen wachsenden Energiebedarf stillt China vor allem mit Kohle und Atomstrom; allerdings hat das Land weltweit auch den höchsten Zubau an erneuerbaren Energien. Ursache ist nicht etwa ein sonderliches Interesse am Klimaschutz, sondern der Wunsch nach Unabhängigkeit von Energieimporten und mittlerweile verstärkt auch nach Schonung der direkten Umwelt. China verfügt über das weltweit größte natürliche Wasserkraftpotenzial, es ist deswegen führend in der Entwicklung entsprechender Projekte und könnte bald die Hälfte seines Strombedarfs auf diese Weise decken. Die meisten chinesischen Kraftwerke befinden sich letztendlich über Beteiligungen in staatlichem Besitz. Darüber hinaus werden erneuerbare Energien mit hohen Staatskrediten und Subventionen wie günstigem Land gefördert. Technikplagiate und billige Arbeitskräfte machen die Produktion von Fotovoltaik in China ausgesprochen attraktiv. Dadurch sind die Produzenten auch international wettbewerbsfähig, was zu (weiteren) Handelsstreitigkeiten führen könnte. Die USA und mittlerweile auch die Europäische Union haben wegen der chinesischen Dumpingpreise bereits Strafzölle verhängt. Doch diese haben den chinesischen Solar-Eifer nicht gebremst, im Gegenteil: Jetzt wird die Binnennachfrage gefördert. Dadurch entsteht ganz nebenbei auch in China eine "heimliche Energiewende", wenngleich aufgrund des hohen Energiebedarfs die konventionellen Energieproduzenten bislang weder die Konkurrenz der erneuerbaren Energien noch irgendwelche finanziellen Einbußen fürchten mussten. Wichtig ist vor allem der Netzausbau, der in dem riesigen Land nur stockend vorangeht, auch weil unklar ist, wer dafür die Verantwortung und die Kosten tragen soll.

Genau wie China nutzt Indien alle Energiequellen, um seinen wachsenden Bedarf zu stillen.[9] Mehr als 50 Prozent der Energieversorgung wird durch Kohle gedeckt, die zu einem großen Teil importiert werden muss. Erdöl macht ein Drittel des indischen Energiemixes aus, Erdgas acht Prozent, Atomstrom und Wasserkraft ebenfalls acht bis neun Prozent. Zwar wächst der Bereich der erneuerbaren Energien rasch, doch trägt er bislang nur unwesentlich zur Versorgung des Landes bei. Durch Deregulierung des Marktes sollen ausländische Geldgeber motiviert werden, in die indische Energieerzeugung zu investieren. Aufgrund der günstigen Preisentwicklung steht dabei die Solarenergie im Mittelpunkt. Weil durch die dezentrale Energieerzeugung die fehlende Netzstruktur kompensiert werden kann, werden vor allem in strukturschwachen Regionen Solaranlagen gefördert. In Südindien gibt es deswegen ein erhebliches Wachstum an Fotovoltaikanlagen. Um die ehrgeizigen Ziele der indischen Regierung zu erreichen, wurden mehrere Förderinstrumente implementiert: Einerseits wird der Ausbau erneuerbarer Energien durch Quotensysteme begünstigt, andererseits wird Strom aus Fotovoltaik- und Windenergieanlagen seit Anfang 2009 durch Einspeisetarife vergütet.

In Brasilien ist nach wie vor Erdöl die wichtigste Energiequelle. Der Strom kommt überwiegend aus Wasserkraftwerken. Im Amazonasbecken entsteht ein riesiges Staudammsystem von futuristischem Ausmaß. Erklärtes Ziel ist es, energieautark zu werden. Atomstrom spielt keine Rolle. Das einzige Kernkraftwerk Brasiliens liefert gerade einmal drei Prozent des im Land verbrauchten Stroms. Dagegen sollen die erneuerbaren Energien massiv ausgebaut werden. Deswegen hat auch Brasilien eine Art EEG eingeführt, um Fotovoltaik auf Dächern zu fördern. Die Regulierung erlaubt eine Verrechnung der Stromerzeugung in Fotovoltaikanlagen mit dem Stromverbrauch. Bis zu einer Leistung von einem Megawatt läuft der Zähler gewissermaßen rückwärts – damit bekommt der Solarstrom automatisch denselben Wert, den Haushaltskunden für ihren herkömmlichen Strom bezahlen müssen. Das Potenzial für Solarstrom in Brasilien ist groß, und auch für die Nutzung von Wind- und Bioenergie bietet das Land beste Voraussetzungen, nämlich große landwirtschaftliche Brachflächen, günstige klimatische Bedingungen und immense Erfahrung in der Nutzung der relevanten Energieformen in der Landwirtschaft und der Industrie. Dank seines großflächigen Zuckerrübenanbaus ist Brasilien nach den USA zweitgrößter Bioethanolproduzent der Welt.

Südafrika gilt als der Wirtschaftsmotor Afrikas. Das stetige Wirtschaftswachstum der vergangenen zwei Jahrzehnte wurde allein durch die Weltwirtschaftskrise 2009 etwas gebremst. In puncto Energie verlässt sich das Land nach wie vor auf die einheimische Kohle und ist einer der 15 größten Verursacher von Treibhausgasen. Allerdings ist Südafrika gleichzeitig stark vom Klimawandel betroffen. Bereits heute treten Wetterextreme wie Dürren und Überschwemmungen merklich häufiger auf. Forscher sind sicher, dass im afrikanischen Süden Hungersnöte zunehmen werden.[10] Schon aus eigenem Interesse also hat sich Südafrika verpflichtet, den Klimawandel zu bekämpfen und die Treibhausgase deutlich zu senken. Das Land hat großes Potenzial für erneuerbare Energien, vor allem Sonne und Wind sind im Überfluss vorhanden. Die südafrikanische Regierung hat deshalb erste Initiativen gestartet, die gleichzeitig die Stromversorgung sichern, CO2-Emissionen reduzieren und Arbeitsplätze schaffen sollen. Zusammen mit Dänemark, dem Vereinigten Königreich, Norwegen, der Schweiz und der Europäischen Investitionsbank beteiligt sich auch Deutschland an der südafrikanischen Initiative zum massiven Ausbau der erneuerbaren Energien, SARI. Im Gegenzug war auch Südafrika mit von der Partie, als im Juni 2013 der deutsche Umweltminister Altmaier Kollegen aus aller Welt zu sich nach Berlin einlud und den "Club der Energiewende-Staaten" gründete. Weitere Gründungsmitglieder sind China, Dänemark, Frankreich, Indien, Marokko, Tonga, die Vereinigten Arabischen Emirate, das Vereinigte Königreich sowie der Generaldirektor der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien IRENA, Adnan Amin.

Auch Russland hat einen großen Energiebedarf und einen entsprechend hohen Verbrauch an Gas, Kohle, Öl und Atomstrom. Da das Land aber auch über große Vorkommen an Energierohstoffen verfügt, gibt es bislang wenig Ambitionen, daran irgendetwas zu ändern: keine Anstrengungen zum Klimaschutz, keine zur Reduktion des Energieverbrauchs und kaum welche zum Ausbau erneuerbarer Energien. Stattdessen soll der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung ausgebaut werden, um noch mehr Erdöl und Erdgas exportieren zu können. Auch der Kohleanteil soll steigen. Erneuerbare Energien dagegen werden eher belächelt. Die Energiewende ist für die staatliche russische Energiewirtschaft dennoch interessant, vor allem in Deutschland, da sie sich darüber gute Geschäfte erhofft. Die russische Regierung bot nach dem deutschen Atomausstieg spontan an, in deutsche Kraftwerke zu investieren – Gaskraftwerke, versteht sich. Das dafür nötige Gas würde man gleich mitliefern. Wären die Deutschen allerdings auf Dauer nicht bereit, die russischen Preise zu bezahlen, würde man eben nach China liefern, dessen Energiebedarf (und Zahlungsbereitschaft) ohnehin deutlich größer ist.

Fußnoten

9.
Zur chinesischen und indischen Energiepolitik siehe auch den Beitrag von Joachim Betz in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
10.
Vgl. Kathryn Hansen, NASA Study Projects Warming-Driven Changes in Global Rainfall, 5.3.2013, http://www.nasa.gov/home/hqnews/2013/may/HQ_13-119_Rainfall_Response.html« (16.2.2016).
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Autor: Claudia Kemfert für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Coverbild Energie und Umwelt
Informationen zur politischen Bildung (Heft 319)

Energie und Umwelt

Die Versorgung mit Energie ist für Wirtschaft wie Privathaushalte lebensnotwendig. Dabei gilt es, verschiedene Interessen gegeneinander abzuwägen, Umweltschutz und Kosten zu berücksichtigen. Das Heft bietet Grundlagen zu den Bereichen Energie sowie Umwelt- und Klimaschutz und verdeutlicht die verschiedenen Problemlagen im Zeichen der aktuellen Energiewende.

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