30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Dunkle Rauchwolken steigen am 03.03.2016 von der gesprengten Förderbrücke F34 im stillgelegten Braunkohletagebau Cottbus-Nord nahe Cottbus (Brandenburg) auf.

18.3.2016 | Von:
Claudia Kemfert

Globale Energiewende: "Made in Germany"?

Weitere Länder: Hindernisse und Potenziale

Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass Regierungen weltweit jährlich um die 500 Milliarden Dollar ausgeben, um fossile Energieträger künstlich billig zu halten.[11] Das geht mal mehr, mal weniger kreativ zu: In Mexiko etwa gibt es ganz offen einen Staatsfonds, der dazu dient, die Benzinpreise an den Tankstellen niedrig zu halten. Auch in öl- und gasreichen Ländern, vor allem im arabischen Raum, werden Energiepreise nach unten reguliert. In Deutschland werden Nutzer fossiler Energien dezent steuerlich begünstigt – so wird Diesel indirekt über eine geringere Steuer subventioniert, und Aluminiumhersteller zahlen keine Ökosteuer. Dazu kommen Milliarden Euro, mit denen bis 2018 die Kohleförderung subventioniert wird. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat jüngst veröffentlicht, dass weltweit 5,3 Billionen Dollar allein für die Subventionierung fossiler Energien ausgegeben werden, um die Preise für Kohle, Öl und Gas zu drücken. Diese enorme Summe entspricht 6,5 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts.[12]

Rekordhalter an direkten Subventionen ist Iran, dort kosten Öl, Gas und Kohle nur 15 Prozent des Weltmarktpreises. Ob günstige Kredite bei der Förderung von Öl und Gas, garantierte Mindestrenditen oder Steuererleichterungen für Investoren – gerade die erdölexportierenden Länder gewähren ihren Bürgern und Geschäftspartnern zahlreiche Vergünstigungen, wenn es um fossile Energien geht. Gespart wird dagegen bei Investitionen in Forschung und Entwicklung erneuerbarer Energien oder Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz. Würden diese direkten oder indirekten Subventionen abgeschafft, wäre schon eine Menge gewonnen. Und könnte man dasselbe Geld in Energieeffizienz oder erneuerbare Energien investieren, ließen sich sicherlich große Fortschritte in Richtung Klimaschutz erzielen. Ideen gibt es genug, es fehlt nur an Geld beziehungsweise am Willen, Geld in diese Ideen zu investieren. Das wirtschaftlich schwer gebeutelte Griechenland etwa hat enormes Potenzial für Sonnen- und Windenergie. Stattdessen denkt man dort darüber nach, ob man per Fracking jüngst gemachte Gasfunde im Mittelmeer heben könnte. Dass damit ungeheure Investitionen und Risiken verbunden sind, wird offenbar verdrängt.

Auch Spanien könnte vor allem im Bereich Fotovoltaik neue Wirtschaftskraft entwickeln. Das bereits nach deutschem Vorbild eingeführte Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien wurde jedoch nach langen Diskussionen 2008 wieder abgeschafft, der Markt brach zusammen, viele Anlagenhersteller gingen bankrott. Gleichzeitig mit dem Moratorium für die Einspeisevergütung für Ökostrom wurde die Laufzeit des Atomkraftwerks Santa María de Garoña bis 2019 verlängert. Der Meiler ist baugleich zu den havarierten Blöcken im japanischen Fukushima und hätte 2011 nach 40 Jahren Laufzeit eigentlich abgeschaltet werden sollen.

Atomenergie hat vor allem in Osteuropa eine starke Lobby. Die Kraftwerke sind allerdings veraltet, die Leitungsnetze marode oder nicht ausreichend vorhanden. Im Rahmen der europäischen Energiediskussionen beginnt deswegen allmählich auch in den östlichen EU-Ländern die Debatte um erneuerbare Energien. Rumänien etwa hat den Beitritt zur EU genutzt, um sich in der Energiewirtschaft neu aufzustellen. Durch eine Mengenregelung in Form einer Quotenverpflichtung mit kombiniertem Zertifikatehandel und vorgeschriebenen Höchst- und Mindestpreisen werden seit 2008 erneuerbare Energien gefördert. In Tschechien setzt man zwar weiterhin auf Atomstrom, fördert aber auch die Betreiber von Ökokraftwerken, entweder mit einer Einspeisevergütung oder einem zusätzlich zum Marktpreis gezahlten "Grünen Bonus".

In Polen ist eine Energiewende nach deutschem Vorbild – mit einem deutlichen Ausbau erneuerbarer Energien und konsequentem Energiesparen – bisher kein politisches Ziel. Der Anteil von Kohle an der Stromproduktion ist nach wie vor groß. Erneuerbare Energien werden zwar mit einem Quotensystem gefördert – ihr Anteil soll von heute etwa 8 Prozent bis 2017 auf 12,9 Prozent ansteigen –, als Energiewende wird aber eher die Verminderung der Abhängigkeit von Gaslieferungen aus Russland verstanden. Aus diesem Grund wurde ein neues Flüssiggasterminal gebaut; eigene Schiefergasvorkommen sind als Erdgasquelle zu unergiebig. Zugleich setzt Polen weiterhin auf Atomenergie und will bis 2020 ein weiteres Atomkraftwerk bauen. Unter den erneuerbaren Energien haben Wind- und Bioenergie das größte natürliche und wirtschaftliche Potenzial.

Ausgerechnet für die arabischen Länder, deren Reichtum auf großen Ölvorkommen beruht, werden erneuerbare Energien zunehmend interessant. Ihr stark wachsender Energiebedarf erfordert Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe, um die Kraftwerkskapazitäten entsprechend auszubauen. Dafür sind intelligente und effiziente Energiekonzepte gefragt. Dabei rücken auch erneuerbare Energien immer stärker in den Fokus. Saudi-Arabien, das weltweit die größten Erdölreserven besitzt, entwickelt neuerdings ein Bewusstsein für die natürlich vorhandenen Ressourcen erneuerbarer Energien. Zwar werden die Ölpreise dort nach wie vor subventioniert, aber inzwischen hat die nüchterne ökonomische Betrachtung zu der Erkenntnis geführt, dass man mehr davon hat, wenn man das wertvolle Öl exportiert und die Binnennachfrage mit günstigen Ökoenergien deckt. Insofern sucht das ölreiche Land zunehmend nach Konzepten und Techniken zur Nutzung von Solar-, Wasser- und Windenergie. Immer stärker steht auch die Energieeffizienz im Blickpunkt.

Bemerkenswert ist auch Abu Dhabi. Das größte arabische Emirat hat sich sehr früh auf ein quantitatives Ziel festgelegt und will bis 2020 sieben Prozent seiner Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien generieren. Das ist angesichts des Potenzials vor allem im Bereich Solarenergie wenig, aber energiepolitisch ein starkes Signal. Schließlich basiert die Energieerzeugung bislang ausschließlich auf Erdgas.

Fazit

Die Welt ist im Umbruch: Das im Dezember 2015 abgeschlossene Klimaabkommen von Paris hat das Ende des fossilen Zeitalters eingeleitet. In vielen Staaten ist diese Entwicklung schon seit Längerem spürbar, entsprechend werden in unterschiedlicher Weise wirtschaftliche Lösungen für den Einstieg in das Zeitalter der erneuerbaren Energien gesucht. Manche Staaten sind in dem Prozess schon weiter, manchen steht die Zeitenwende erst noch bevor. Deutschland könnte dabei zur Lokomotive werden: Der mittelfristige Umbau des gesamten Energiesystems macht durchaus Eindruck in der Welt. "Klimaschutz made in Germany" könnte der nächste Verkaufsschlager des Exportweltmeisters werden.

Natürlich sind auch in der deutschen Energiewende noch nicht alle Weichen auf schnelle Fahrt zum wahrscheinlich inzwischen utopischen, aber immer noch wichtigen Zwei-Grad-Ziel gestellt. Dennoch bleibt sie wichtiges Vorbild und dient bereits als Zugpferd: Dank der Investitionen aus Deutschland, der steigenden Nachfrage und der damit verbundenen Skalierungseffekte sind die Kosten erneuerbarer Energien weltweit massiv gesunken. Zum ersten Mal fließen global mehr Investitionen in erneuerbare als in fossile Energien – und dies trotz noch immer hoher Subventionen in Kohle, Öl und Gas. So werden immer mehr Länder dem deutschen Vorbild folgen können und statt in Atom- oder fossile lieber in erneuerbare Energie investieren: mehr Chancen, weniger Risiken! Bei anderen Aspekten nachhaltiger Energie, etwa beim Kohleausstieg oder beim Messen echter Abgaswerte, kann Deutschland dagegen von anderen Ländern wie beispielsweise den USA lernen. So steigt die weltweite Lernkurve, und der Energiewendezug kommt langsam und allmählich, aber hoffentlich gewaltig ins Rollen.

Fußnoten

11.
Vgl. IEA (Anm. 2).
12.
Vgl. David Croady et al., How Large Are Global Energy Subsidies?, IMF Working Paper 105/2015, http://www.imf.org/external/pubs/ft/wp/2015/wp15105.pdf« (16.2.2016).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Claudia Kemfert für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Coverbild Energie und Umwelt
Informationen zur politischen Bildung (Heft 319)

Energie und Umwelt

Die Versorgung mit Energie ist für Wirtschaft wie Privathaushalte lebensnotwendig. Dabei gilt es, verschiedene Interessen gegeneinander abzuwägen, Umweltschutz und Kosten zu berücksichtigen. Das Heft bietet Grundlagen zu den Bereichen Energie sowie Umwelt- und Klimaschutz und verdeutlicht die verschiedenen Problemlagen im Zeichen der aktuellen Energiewende.

Mehr lesen