Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lässt sich am 10.09.2015 nach dem Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Berlin-Spandau für ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren.

Editorial


1.4.2016
Wir schaffen das, erklären viele im Einklang mit der Bundeskanzlerin und packen an. "Deutschland ist ein starkes Land. (…) Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das!" Um diesen Satz, den Angela Merkel am 31. August 2015 auf ihrer Sommerpressekonferenz äußerte, dreht sich ein großer Teil des öffentlichen Diskurses zur sogenannten Flüchtlingskrise. Diese ist auch und vielleicht vor allem eine Identitätskrise, mit Blick sowohl auf die Rolle Deutschlands in Europa als auch auf die deutsche Gesellschaft. Wer gehört zum "Wir"? Wie hat sich dieses imaginierte Kollektiv in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Und wie können "Fremde" in diese Gemeinschaft integriert werden?

Wir schaffen das nicht, befürchten andere, und manche sehen die Bundesrepublik Deutschland bereits als failed state. Mit den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht schienen sich Annahmen über "die Flüchtlinge", vor allem über männliche Muslime, zu bestätigen, wurde gar "Staatsversagen" angesichts des hilflos erscheinenden Agierens der Sicherheitskräfte zu einer Diagnose. In den Diskussionen, die folgten, zeigte sich erneut ein strukturelles Problem (nicht nur) in der gesellschaftlichen Mitte: Rassismus. Ihn gilt es zu bearbeiten, um die Debatte um Identität und Zugehörigkeit voranzubringen.

Wir wollen das nicht schaffen, sagen manche. "Wir", das bedeutet für viele von ihnen ein rückwärtsgewandtes, ethnodeutsches "Wir", bezogen auf die Vorstellung einer homogenen Nation, die es in der Geschichte allerdings niemals gegeben hat. In Hass und Gewalt schlägt Feindlichkeit gegenüber den Fremden, die nach Deutschland fliehen, zurzeit allerorten um, verbünden sich mitunter "besorgte Bürger" mit organisierten Rechtsextremen. Ist Deutschland eine Zufluchtsgesellschaft?


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Autor: Anne Seibring für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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