Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lässt sich am 10.09.2015 nach dem Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Berlin-Spandau für ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren.

1.4.2016 | Von:
Fatima El-Tayeb

Deutschland postmigrantisch? Rassismus, Fremdheit und die Mitte der Gesellschaft

"Fremdenfeindlichkeit" und Rassismusamnesie

Die Not der Geflüchteten hat etwas erschreckend Stabilisierendes für die deutsche Identität. Die Welle rassistischer Gewalt um die sogenannte Asylkrise in den 1990er Jahren, der politische Ruck nach rechts, um den "Sorgen der Bürger" entgegenzukommen, die Verschärfung eines vormals relativ großzügigen Asylrechts, das zum ersten Mal auf die Probe gestellt worden war – all das scheint ebenso vergessen wie die Diskussionen um die Notwendigkeit, Rassismus als solchen zu benennen. Stattdessen geht es nun wieder um "Fremdenfeindlichkeit" – und um die Gefühlslage der guten Deutschen, die Flüchtlinge unterstützen, und dafür von fremdenfeindlichen Dunkeldeutschen bedroht werden.

Gleichzeitig herrscht ein merkwürdiges Desinteresse daran, wie sich dieser Konflikt auf Nicht-Mehrheitsdeutsche auswirkt. Der Grund scheint recht deutlich: Es wurde wieder einmal vergessen, dass diese Gruppe existiert und ein Alltagsrassismus, der nicht erst mit der Ankunft der Geflüchteten aktiviert wurde (und der weiterexistieren würde, könnte kein einziger Flüchtender Deutschland erreichen). Rassismus trifft und traf auch rassifizierte Deutsche – eben weil er mitten in der deutschen Gesellschaft zuhause ist und nicht von "Fremden" in sie hineingetragen wurde. Rassismus braucht keine Fremden, um zu existieren, er produziert sie. Die Sympathiekundgebungen für Flüchtende haben dagegen einen einfacheren, aufbauenden Kontext: Flüchtende sind bedürftig, brauchen Hilfe, die großzügig von Mehrheitsdeutschen geleistet wird (die wiederum als Gegenleistung verständlicherweise Dankbarkeit erwarten) – es ist klar, wer zuhause, wer "Gast" ist, es gibt notwendigerweise keine Gleichwertigkeit.

In den zunehmend breit geführten Diskussionen über Rassismus seit den 1980er Jahren äußerte sich auch Kritik an progressiven Gruppen. Diese reagierten verunsichert bis aggressiv auf den Verlust der absoluten Diskurshoheit. Die Debatte um Rassismus in Kinderbüchern 2013 etwa zeigte deutlich, wie schwer vorstellbar es noch immer für weiße Deutsche ist, dass ihre Positionalität nicht neutral und objektiv ist, sondern subjektiv und limitiert, dass rassifizierte Deutsche aufgrund ihrer Positionierung andere Erfahrungen machen, die weder ignoriert noch unter die dominante weiße Sichtweise subsummiert werden können. Die gefährdete diskursive und territoriale Hoheit wird in der Flüchtlingsdebatte wiederhergestellt, zunächst durch die Trennung zwischen "echten" Kriegs- und "falschen" Wirtschaftsflüchtlingen. Die dankbaren und unbestreitbar fremden, nicht deutschen Flüchtlinge sind ein angenehmeres Gegenüber als schwierige, aggressive, anspruchsvolle, ewig beleidigte Migrantisierte. So ist schon abzusehen, dass die Willkommenskultur sich für die zweite Generation der migrantisierten Deutschen erledigt haben wird. Wie gehabt wird ihr eine Assimilation abverlangt werden, die unmöglich bleibt, weil gleichzeitig von ihr erwartet wird, dass sie den Part des Fremden weiterspielt – nichts ist für die Mehrheit irritierender an Migrantisierten als das Deutschsein, das sie verkörpern –, daran ändert auch die Willkommenskultur nichts, ganz im Gegenteil: Was sich hinter ihr verbirgt, die zwanghafte ewige Wiederholung der ersten Begegnung mit dem Fremden, ist ein Prozess, den ich als "Rassismusamnesie" bezeichnet habe: die anhaltende Dialektik von rassistischer moralischer Panik und der Verdrängung der historischen Präsenz rassifizierter Bevölkerungen.[4]

In diesem aktiven Prozess des Vergessens können sich regelmäßig wiederholende Zyklen von Medienkampagnen gegen rassifizierte Gruppen und von rassistischen Gewaltausbrüchen ebenso ignoriert werden wie Widerstandsbewegungen, etwa das seit mehr als 20 Jahren bestehende Flüchtlingsforum "The Voice", indem sie nie zusammengedacht werden. Ohne Ursache und Wirkung, ohne Bezug, bleiben sie ohne Ort im kollektiven Gedächtnis. Die Erklärung von Rassismus als Reaktion auf das plötzliche Auftauchen des Fremden verlangt, dass jede Anerkennung einer nicht-weißen Präsenz immer scheinbar zum allerersten Mal geschieht. Das kennzeichnet sie als Ausnahmezustand, entleert sie aber zugleich jeder bleibenden Konsequenz: Aufstände in den französischen Vorstädten erzeugen Debatten über das Ende Europas, aber keine Strategieänderungen, stattdessen wird dem nächsten "Ausnahmezustand" erneut mit äußerster Überraschung begegnet – wie aktuell dem angeblichen "Flüchtlingsstrom" und vorher der multikulturellen Gesellschaft. Die lange zurückreichende, aber unterdrückte Geschichte von "Rasse" und Rassismus in Europa lässt den gegenwärtigen kontinentalen "Multikulturalismus", festgemacht an Markern des Nicht-Europäischseins wie Kopftuch oder dunkle Haut, als etwas nie Dagewesenes erscheinen; eine überraschende und dramatische Entwicklung, die im besten Fall gesellschaftliche Anpassung, im schlimmsten Ablehnung hervorruft und die vor allem bei Bedarf als "gescheitert" erklärt werden kann. Die Ursachen dieses Scheiterns liegen natürlich bei den Vertreterinnen und Vertretern der Minderheiten im Multikulti-Mix, da die Kultur der Mehrheit weitgehend unhinterfragt bleibt.

Neoliberaler Multikulturalismus und koloniale Altlasten

Die Mehrheitsposition wird kaum hinterfragt, und das verbindet das heutige, "postmigrantische" Deutschland wieder mit US-Debatten um die "postracial society", zeigt aber gleichzeitig auch deutlich, wo die Unterschiede liegen. Im US-Gebrauch impliziert "postracial", dass Rassismus zwar nicht gänzlich überwunden, aber nicht mehr systemisch ist, dass die institutionelle Diskriminierung rassifizierter Gruppen in der Vergangenheit liegt und ein "farbenblinder" Ansatz den Weg in eine gleichberechtigte Zukunft weist. Das bedeutet nicht nur eine Abgrenzung gegenüber dem explizit rassistischen System, das bis in die 1960er Jahre Gesetz war, sondern auch gegenüber der konzertierten Infragestellung der weißen Vorherrschaft durch die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung – und in der Folge durch Black und Brown Power-Aktivismus, inspiriert auch von antikolonialen Befreiungsbewegungen gegen die rassistische Herrschaft Europas über kolonisierte Völker. Die Phase des – nötigen – Widerstands gegen dieses ungerechte System gilt nun als erfolgreich abgeschlossen, ein Festhalten an ihm als kontraproduktiv oder gar als "umgekehrter Rassismus", da wir uns inzwischen im Stadium des farbenblinden liberalen Multikulturalismus befinden. – So zumindest das amerikanische "postracial" Narrativ.

In Europa dagegen wird zumeist angenommen, dass hier keine derartige Nachkriegstransformation stattfand, da sie nicht notwendig war – weil es kein rassistisches innereuropäisches Herrschaftssystem gegeben habe, das ersetzt werden musste. Diese Annahme schließt notwendigerweise die Überzeugung ein, dass der europäische Kolonialismus langfristige und fundamentale Auswirkungen nur auf die Kolonisierten hatte, nicht auf die Kolonialisatoren (zumindest keine Auswirkungen, die es zu problematisieren gilt) und dass der nationalsozialistische Rassenstaat eine atypische Ausnahme, kein Ausdruck europäischer Tiefenstrukturen war. So wurde die umfassende Analyse des globalen Systems, das von dem Politikwissenschaftler Cedric Robinson und anderen als "racial capitalism" benannt wurde, vornehmlich von Postcolonial Theory und Critical Race Studies geleistet, einschließlich des Women of Color-Feminismus – was Sinn macht, da Frauen of color sowohl in den USA als auch global überproportional mit prekären Arbeits- und Lebensbedingungen konfrontiert sind.[5] Women of Color-Feminismus liest den Aufstieg der USA zur Weltmacht unter dem Vorzeichen des neoliberalen Multikulturalismus daher als Teil, nicht als Überwindung dieser Herrschaftsform des rassifizierten Kapitalismus.

Neoliberaler Multikulturalismus verspricht, vormals ausgeschlossene Gruppen einzuschließen – sofern sie sich als einschlussfähig erweisen. So wird nicht nur die Disziplinierung marginalisierter Communities auf diese selbst abgewälzt – die Beweislast, dass sie nicht minderwertig oder bedrohlich sind, liegt bei ihnen –, sie werden auch gegeneinander ausgespielt, während die Mehrheitsgesellschaft die Rolle des Vermittlers und Wahrers von Grundrechten einnimmt, aber gleichzeitig weiter normbestimmend bleibt. Der Erfolg dieser Strategie zeigt sich etwa in der Mobilisierung feministischer Argumente für den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan oder in der Pathologisierung muslimischer Communities in Deutschland als strukturell homophob, frauenverachtend und antisemitisch. Diese Eigenschaften als repräsentativ zu setzen, bedeutet wiederum, dass trotz Aufforderungen an "moderate Muslime", sich von den Extremisten zu distanzieren, Ausnahmen immer die Regel bestätigen. Zugrunde liegt der feste Glaube an die Überlegenheit "westlicher Werte", die angeblich denen des Feindes/Fremden diametral entgegengesetzt sind. Der Feind der freiheitlichen Ordnung, für die nun der Neoliberalismus steht, wird nicht mehr im sozialistischen Osten verortet, sondern wieder im Globalen Süden, und dieser wird traditionell als demokratiefern, wenn nicht gar demokratiefeindlich rezipiert. Gleiches gilt für die Wahrnehmung derjenigen Bürgerinnen und Bürger, deren "migrantischer Hintergrund" im Süden, insbesondere in der islamischen Welt, liegt. Für die Krise des (neo)liberalen Multikulturalismus werden so global wie national Bevölkerungsgruppen verantwortlich gemacht, deren Position bereits durch ökonomische und politische Marginalisierung geschwächt ist. Eine Auseinandersetzung mit den anhaltenden Auswirkungen (neo)kolonialer europäischer Herrschaft findet dagegen nicht statt.

Fußnoten

4.
Vgl. F. El-Tayeb (Anm. 1).
5.
Vgl. etwa Cedric Robinson, Black Marxism. The Making of the Black Radical Tradition, Chapel Hill 1983; Jodi Melamed, Represent and Destroy. Rationalizing Violence in the New Racial Capitalism, Minneapolis 2011.
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Autor: Fatima El-Tayeb für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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