Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lässt sich am 10.09.2015 nach dem Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Berlin-Spandau für ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren.

1.4.2016 | Von:
Fatima El-Tayeb

Deutschland postmigrantisch? Rassismus, Fremdheit und die Mitte der Gesellschaft

Grenzen hegemonialer Selbstkritik

Zur Analyse dieses Systems des rassifizierten Kapitalismus, in das Europa zentral eingebunden ist, trugen kontinentaleuropäische Intellektuelle nicht nur wenig bei, sie sperrten sich überwiegend aktiv gegen eine Öffnung europäischer Theorie für die so wichtigen Einflüsse von postkolonialer und Critical Race-Theorie. Auch die kontinentale Linke hat es versäumt, diese Strukturen effektiv infrage zu stellen – oder sie auch nur systematisch zu analysieren. Sie bleibt verhaftet in ihnen, von einem universalistischen Aufklärungshumanismus, der den weißen europäischen Mann als den paradigmatischen Menschen setzt, hin zu einer kontinentalen marxistischen Theorie, die "Rasse" als fundamentale Herrschaftskategorie noch stets ignoriert, sie stattdessen als partikularistische Ablenkung von der universal relevanten Kategorie "Klasse" einschätzt – ironischerweise, da Klasse auch in Europa eine extrem rassifizierte Kategorie ist. Bei Rassismus geht es so scheinbar immer um etwas anderes: Angst vor der Zukunft, wirtschaftliche Unsicherheit oder sozialistische Altlast. Als Konsequenz der fehlenden Rassismusanalyse ist die mehrheitsdeutsche Debatte zunehmend isolationistisch, im eigenen Saft kochend, immer weniger fähig, an einem transnationalen Dialog teilzunehmen, in dem Europa nicht mehr automatisch Dominanz zugestanden wird.

Die US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen erzwangen eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichem Rassismus, die unter anderem dazu führte, dass Black und Ethnic Studies sich etablierten, noch immer umstrittene akademische Disziplinen, die dennoch, ebenso wie Women’s und Queer Studies, den unumkehrbaren Einzug derjenigen manifestierten, die zuvor in Theorie und Praxis aus der Universität – und anderen Entscheidungs- und Meinungszentren – ausgeschlossen worden waren. In Europa, Deutschland eingeschlossen, hat eine derartige Öffnung nach Holocaust und Kolonialismus nicht stattgefunden, stattdessen übte man sich in hegemonialer Selbstkritik – ausgehend von der Annahme, dass die europäische intellektuelle Tradition genug Handhabe biete, das System, wenn nötig, von innen heraus zu korrigieren. Problematisch hierbei ist unter anderem, dass bestehende Definitionen von Europas "Außen" und "Innen" weitgehend unhinterfragt übernommen wurden, sodass etwa Kritik von rassifizierten Europäerinnen und Europäern als von außen kommend wahrgenommen wird, eben weil ihnen kein Platz innerhalb dieser Tradition zugestanden wird.

Anstatt zu einem pluralistischen Modell zu gelangen, reproduzieren Deutschland und Europa so, was Stuart Hall 1991, am Vorabend des Vertrags von Maastricht (und der 500-Jahrfeiern zur "Entdeckung" Amerikas), das "internalistische Narrativ" des Kontinents nannte:[6] eine narzisstische Geschichtsauffassung, in der komplexe historische Interaktionen einem insularen Modell untergeordnet werden, in dem ein essentialistisch definiertes, weißes, christliches Europa immer und zwangsläufig die Norm bleibt. Kritik üben dürfen wiederum nur diejenigen, die zumindest annähernd der Norm entsprechen, was bequemerweise noch stets die überwältigende Mehrheit postkolonialer, dekolonialer und intersektionaler Ansätze ausschließt. Deren Analyse des rassifizierten Kapitalismus hat schon längst Rassismus als globales – und damit auch deutsches – Herrschaftsprinzip dekonstruiert. Das Resultat ist die Weißwaschung von Theorie – zum Teil getragen von der Behauptung, dass die Gemengelage von Rassifizierung und Migrantisierung hierzulande zu komplex sei, um sie mit aus den USA importierten Konzepten zu analysieren – als ob die Lage dort weniger kompliziert sei. Women of Color-Feminismus arbeitet schon seit Jahrzehnten mit statt gegen Differenz als einer Kategorie, mit der diese Komplexitäten und Widersprüche gefasst, aber nicht aufgelöst werden können.[7] Dies ist ein Ansatz, der etwa in der Debatte um die Kölner Silvesternacht bitter nötig wäre.

Weiße Wissenschaft und gesellschaftlicher Rassismus

Der Ausschluss derjenigen Theorien, die keine hegemoniale, sondern eine subalterne und subversive Herrschaftskritik vermitteln, führt logischerweise zum Ausschluss rassifizierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, auch wenn das nicht explizit intendiert ist. Zur Illustration hier kurz ein Beispiel von sehr vielen: 2015 erhielt ich eine Einladung als Referentin für eine Konferenz zur Geschichte des "Rasse"-Begriffs in Deutschland. Die Veranstaltung schien außerordentlich zeitgemäß, hat die Forschung zu diesem Thema doch in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen, auch wenn sie akademisch noch stets marginal bleibt. Zudem hatten die Mordserie des NSU und die zu diesem Zeitpunkt ihren Zenit erreichenden Pegida-Demonstrationen mehr als deutlich gemacht, dass das erklärte Ziel der Veranstaltung – eine interdisziplinäre Debatte zur zeitgenössischen Wirkung von Rassismus in Deutschland – von zentraler gesellschaftspolitscher Bedeutung war.

Mein Enthusiasmus ließ allerdings schlagartig nach, als ich die Liste der eingeladenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sah, die so aussah wie fast jede Liste akademischer Veranstaltungen in Deutschland – dass es sich bei den Eingeladenen fast ausschließlich um weiße Männer handelte, schien angesichts des erklärten Ziels der Konferenz besonders kontraproduktiv, eine seriöse Veranstaltung zu "Rasse" und Rassismus in dieser Besetzung nahezu unmöglich. Es ging mir dabei weniger darum, wer vertreten, als wer nicht vertreten war, nämlich die zahlreichen Forscherinnen und Aktivisten aus rassifizierten Gruppen, die wichtige Arbeiten zu diesem Thema leisten, innerhalb und außerhalb der Universitäten. Methodisch, pädagogisch und politisch ist ein "farbenblinder" Ansatz, der die durch rassistische Strukturen produzierten Ausschlüsse und Hierarchien ignoriert, dazu verdammt, sie zu reproduzieren; unter anderem dadurch, dass Rassifizierte Objekte der Debatte bleiben, statt teilhabende Subjekte zu sein – während weiße Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unmarkiert und "neutral" bleiben können. Dies geschieht auch und gerade dann, wenn es nicht weiße, sondern überwiegend markierte, rassifizierte Akademiker und Aktivistinnen waren, die durch ihre langjährige Arbeit die Mehrheitsgesellschaft zur Auseinandersetzung mit diesem Thema gezwungen haben.

Ich teilte meine Bedenken dem Veranstalter mit und nannte ihnen eine Reihe nicht-weißer Expertinnen und Experten zum Thema. In der durchaus freundlichen Antwort wurde mir erklärt, es gehe bei der Konferenz um die wissenschaftliche, nicht die politische Aufarbeitung des "Rasse"-Begriffs, sonst hätte man natürlich auch Interessenvertreterinnen und -vertreter betroffener Gruppen eingeladen (die Liste der Eingeladenen wurde nicht geändert). Die implizite Annahme, dass rassifizierte Menschen nie Analyse, sondern nur "Betroffenheit" produzieren können, ist hier noch weniger problematisch als die dazugehörige Überzeugung: dass weiße, heteronormative Wissenschaft nicht politisch und subjektiv sei. Nochmals, diese Konferenz wurde nicht von besonders ignoranten weißen Menschen organisiert. Ansatz und Begründung des Ausschlusses rassifizierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – denn es handelt sich hier um einen aktiven Prozess des Ausschlusses, nicht um ein passives Ignorieren –, sind vielmehr symptomatisch für den wissenschaftlichen Umgang mit (der Geschichte von) "Rasse" und Rassismus in Deutschland: Was vor allem fehlt, ist eine Wissenschaftskritik, die Forschung nicht als ausschließlich neutral beschreibend, sondern auch diskursbestimmend begreift – wenn es um die Positionalität weiß rassifizierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geht, fehlt diese Fähigkeit zur Selbstkritik gänzlich, sogar wenn "Rasse" das explizite Thema ist.

Fußnoten

6.
Stuart Hall, Europe’s Other Self, in: Marxism Today, 18 (1991), S. 18f.
7.
Vgl. etwa Cathy Gelbin/Kader Konuk/Peggy Piesche (Hrsg.), AufBrüche: Kulturelle Produktionen von Migrantinnen, Schwarzen und jüdischen Frauen in Deutschland, Königstein 1999.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Fatima El-Tayeb für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.