Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lässt sich am 10.09.2015 nach dem Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Berlin-Spandau für ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren.

1.4.2016 | Von:
Priska Daphi

Zivilgesellschaftliches Engagement für Flüchtlinge und lokale "Willkommenskultur"

Einfluss auf Einstellungen der Lokalbevölkerung

Zu den Herausforderungen in der Flüchtlingsaufnahme gehört neben der Bereitstellung von ausreichend Wohnraum und adäquater Betreuung auch die weitergehende Integration der Flüchtlinge vor Ort. Dies ist oft nicht einfach: In einigen Städten und Gemeinden, in denen Unterbringungen für Flüchtlinge vorhanden oder geplant sind, regt sich Protest. Die Gründe reichen von fremdenfeindlicher Ablehnung bis zum Gefühl, von der Politik vergessen worden zu sein. Bei diesen Protesten werden vermehrt Vorurteile, Aggressionen und Gewalt sichtbar, die oft von rechtsextremen und rassistischen Gruppierungen geschürt werden.

Während laut Bevölkerungsumfragen Fremdenfeindlichkeit in den vergangenen zwölf Jahren insgesamt zwar leicht zurückgegangen ist,[21] hat sich die Einstellung gegenüber Flüchtlingen in bestimmten Punkten zwischen 2011 und 2014 deutlich verschlechtert: Waren es 2011 nur 25 Prozent der Befragten, die eine "großzügige Prüfung" von Asylanträgen seitens des Staates ablehnten,[22] waren es 2014 bereits 76 Prozent.[23] Der Anteil derjenigen, die vermuten, dass die meisten Flüchtlinge in ihrer Heimat nicht wirklich verfolgt würden, ist um knapp 10 Prozent gestiegen.[24] Auch haben gewalttätige Übergriffe auf Flüchtlinge und Flüchtlingsunterkünfte in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Das Bundeskriminalamt verzeichnete 2015 fünfmal mehr Straftaten gegen Einrichtungen für Flüchtlinge als im Vorjahr.[25] Laut der Chronik flüchtlingsfeindlicher Vorfälle der Amadeu Antonio Stiftung und Pro Asyl fanden darüber hinaus 2015 mindestens 183 tätliche Übergriffe auf Flüchtlinge statt; 267 Verletzte wurden gezählt.[26]

Nichtsdestotrotz gibt es Standorte, an denen Anwohnerinnen und Anwohner weitgehend positiv auf Flüchtlinge reagieren, ihnen offen begegnen und sie unterstützen. Eine Analyse ausgewählter Fälle zeigt, dass zivilgesellschaftliches Engagement in der Flüchtlingsarbeit einen großen Einfluss auf diese Reaktionen hat.[27] Es trägt entscheidend dazu bei, Vorurteile und Ängste abzubauen, und verbessert damit die öffentliche Wahrnehmung von Flüchtlingen vor Ort deutlich – indirekt wie direkt:

Zum einen beeinflusst das Engagement in der Flüchtlingsarbeit die Wahrnehmung von Flüchtlingen indirekt, indem die Ehrenamtlichen Unterbringung und Betreuung verbessern. Die Integration in das alltägliche Leben spielt eine zentrale Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung der Flüchtlinge. Gute Wohn- und Betreuungsbedingungen fördern diese soziale Integration und beugen Vorurteilen sowie Stigmatisierungen vor. Dies betrifft sowohl den Zustand, die Pflege und die Ausstattung von Unterkünften als auch die soziale und therapeutische Betreuung der Flüchtlinge. Sind Flüchtlinge in Wohnungen untergebracht, fällt es ihnen deutlich leichter, sich in den Alltag einzufügen, als in der speziellen Wohnsituation von Gemeinschaftsunterkünften und besonders von prekären Notunterkünften. Zivilgesellschaftliche Beiträge, um Wohn- und Betreuungsbedingungen zu verbessern, können die Integration jedoch durchaus auch in schwierigen Wohnsituationen erleichtern.

Zum anderen prägen zivilgesellschaftliche Initiativen den lokalen Diskurs zu Flüchtlingen auch direkt, und zwar sowohl durch die Begegnungsmöglichkeiten, die die Flüchtlingsarbeit zwischen Flüchtlingen und Anwohnerinnen und Anwohnern schafft, als auch durch strategische Interventionen im öffentlichen Diskurs, beispielsweise auf Veranstaltungen und Kundgebungen.

Verschiedene Studien zeigen, dass besonders persönliche Begegnungen zu Offenheit und Akzeptanz gegenüber Flüchtlingen beitragen und Vorurteilen und Ablehnung entgegenwirken können, vor allem, wenn sie in einem positiv besetzten Kontext stattfinden.[28] Zivilgesellschaftliche Initiativen schaffen eine Vielzahl solcher positiven Begegnungskontexte, zum Beispiel durch die Organisation von "Patenschaften", Werkstätten, Fußballgruppen und anderen Freizeitaktivitäten sowie durch Sprachkurse und Nachhilfeangebote. Diese Aktivitäten intensivieren nicht nur den Kontakt zwischen Flüchtlingen und den bereits Engagierten, sie binden darüber hinaus Anwohnerinnen und Anwohner in wiederholte Begegnungen ein und tragen damit zur allgemeinen "Willkommenskultur" bei.

Um den Einfluss von Begegnungsmöglichkeiten zu veranschaulichen: Die Initiative "Offenes Anzing" im oberbayerischen Anzing konnte den Kontakt zwischen Flüchtlingen und Anwohnerinnen und Anwohnern fördern und damit der anfänglichen Ablehnung der neuen Flüchtlingsunterkunft entgegenwirken. Als die relativ wohlhabende Gemeinde im Herbst 2013 von der geplanten Gemeinschaftsunterkunft für 20 Flüchtlinge erfuhr, formierte sich zunächst Widerstand. Daraufhin gründete sich die Initiative "Offenes Anzing" und bot Behördenbegleitung, Fahrdienste, Sprachkurse, Freizeitaktivitäten sowie ein "Patenschaftsprogramm" an. Die hierdurch geschaffenen Begegnungsmöglichkeiten halfen, Vorurteile und Ängste abzubauen und Offenheit zu fördern.[29]

Auch intervenieren Ehrenamtliche häufig direkt in öffentlichen Diskursen zu Flüchtlingen und zur Asylpolitik und verändern dadurch die öffentliche Wahrnehmung. Hierzu zählen nicht nur Veranstaltungen, die über die Situation und Erfahrungen von Flüchtlingen informieren – etwa über Gründe und Gefahren der Flucht sowie Bedingungen der Unterbringung. Auch Demonstrationen gegen Vorurteile und Hetze sowie gegen politische Entscheidungen in der Flüchtlingspolitik, wie beispielsweise der Erklärung weiterer Länder zu "sicheren Herkunftsländern" oder die Wiedereinführung der Sachleistungen, beeinflussen die öffentliche Meinung.

Die Berliner Initiative "Hufeisern gegen Rechts" zum Beispiel trug mit anderen lokalen Akteuren entscheidend dazu bei, einer beginnenden fremdenfeindlichen Stimmungsmache gegen eine neue Unterkunft in Berlin-Britz im Bezirk Neukölln entgegenzuwirken. Aufgrund der starken rechtsextremen Infrastruktur im Viertel standen die Vorzeichen für die 2014 eröffnete Gemeinschaftsunterkunft nicht gut. Wegen fremdenfeindlicher Proteste im Berliner Stadtteil Hellersdorf kurz zuvor waren Flüchtlingsinitiativen und behördliche Akteure jedoch sehr darauf bedacht, eine Stimmungsmache von dieser Seite abzuwenden. Die Initiative "Hufeisern gegen Rechts" spielte hierbei eine zentrale Rolle. Sie half, Informationsveranstaltungen und Demonstrationen zu organisieren, und verbreitete Informationsmaterial, um ihre Unterstützung für die Flüchtlinge zu signalisieren und rechtsextremen Gruppen im Diskurs um die Unterkunft zuvorzukommen. So konnte Offenheit gefördert und eine breite Mobilisierung gegen die Unterkunft – trotz einiger Versuche – verhindert werden.[30]

Fußnoten

21.
Vgl. Oliver Decker/Johannes Kiess/Elmar Brähler, Die stabilisierte Mitte. Rechtsextreme Einstellung in Deutschland 2014, Leipzig 2014, S. 44.
22.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Deutsche Zustände, Folge 10, Frankfurt/M. 2012, S. 67.
23.
Vgl. O. Decker/J. Kiess/E. Brähler (Anm. 21), S. 50.
24.
Vgl. ebd.
25.
2014: 199; 2015: 1005. Vgl. Fünfmal mehr Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte, 28.1.2016, http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-01/fluechtlingsunterkuenfte-straftaten-zunahme-anschlaege-bka-zahlen« (3.3.2016).
26.
Vgl. Chronik flüchtlingsfeindlicher Vorfälle, http://mut-gegen-rechte-gewalt.de/service/chronik-vorfaelle« (3.3.2016).
27.
Weitere zentrale Faktoren sind Transparenz und Beteiligungsangebote seitens der lokalen Behörden. Vgl. hierfür und im Folgenden J. Aumüller/P. Daphi/C. Biesenkamp (Anm. 2), S. 124–133.
28.
Vgl. ebd.; M. Han-Broich (Anm. 5), S. 45f.; Friedrich Heckmann, Willkommenskultur was ist das, und wie kann sie entstehen und entwickelt werden? EFSM-Paper 7/2012, S. 7–9.
29.
Vgl. J. Aumüller/P. Daphi/C. Biesenkamp (Anm. 2), S. 134ff.
30.
Vgl. J. Aumüller/P. Daphi/C. Biesenkamp (Anm. 2), S. 155ff.
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Autor: Priska Daphi für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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