Young man with a rocket on his back (©Tijana/fotolia)

15.4.2016 | Von:
Christina Hoon

Management und Erfolgsfaktoren von Familienunternehmen

Familienunternehmen sind in ihren Ausprägungen ebenso vielfältig wie unterschiedlich, sodass eine einheitliche Definition schwer fällt. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit stellen sie einen bedeutenden Unternehmenstypus dar, in dem eine oder mehrere Familien maßgeblichen Einfluss ausüben.[1] Ein deutsches Familienunternehmen ist zu weltweitem Ruhm gekommen, seine Historie hat Thomas Mann in seinem Roman "Buddenbrooks" beschrieben. Die Kaufmannsfamilie Buddenbrook gründet 1835 einen Getreidehandel, der in der Hansestadt Lübeck über die Zeit hinweg wächst und der Familie Wohlstand und Ansehen beschert. Thomas Buddenbrook führt das Unternehmen in der dritten Generation, er wird Senator und gilt damit als Repräsentant einflussreicher Unternehmer, die neben finanziellem Wohlstand auch Zutritt zum Patriziat erhalten. Der Ausspruch von Johann Buddenbrook "Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bei Nacht ruhig schlafen können" lässt sich auch heute noch als Maßstab für eine verantwortungsvolle, generationenübergreifende Familienunternehmensführung verstehen.

Zwischen Adel und Arbeiterschaft

Der nobelpreisgekrönte Roman von Thomas Mann, in dem der Autor seine eigene Familiengeschichte verarbeitet, zeichnet ein detailreiches Bild der Herausbildung des Mittelstandes,[2] der in Deutschland auch heute noch stark durch das Familienunternehmertum geprägt ist.

Aus der Tradition des Standesdenkens heraus oblag dem Adel als oberster Gesellschaftsschicht das Privileg des Handels, und es bildeten sich Unternehmen heraus, die in den Bereichen des Geldwesens oder des Postwesens agierten. In diesen adeligen Familien wurde das Prinzip des Erstgeborenenrechts streng verfolgt, um die gesellschaftliche Position zu sichern und das Unternehmen zu erhalten und auszubauen. Während dem Erstgeborenen das Unternehmen vererbt wurde, bekamen die Töchter eine angemessene Mitgift und alle weiteren Söhne eine Versorgung mit einem Amt oder einem Platz im Kloster oder Stift.[3] Das Betreiben von Handel war damit den oberen, adeligen Vertretern der Feudalherrschaft vorbehalten und mit entsprechenden Rechten der Einflussnahme auf die gesellschaftliche Ordnung verbunden. Im Mittelalter begann verstärkt die Herausbildung des Handwerks in den Bereichen der Wirtschaft, die der Adel traditionell nicht übernahm. Insbesondere in den Städten entwickelten sich Zünfte und Gilden, in denen Handwerker ihre Gewerke ausübten. Diese Betriebe umfassten nicht nur den Meister, sondern auch Gesellen und Arbeiter, die im Hause des Meisters lebten und arbeiteten. Weitere Familienmitglieder halfen im Unternehmen aus, und – angelehnt an das Erbfolgeprinzip des Adels -übernahm auch hier der Erstgeborene das Unternehmen und sorgte dafür, dass das Gewerbe in der Familie verblieb. Über die Zeit gewannen diese Betriebe an gesellschaftlichem Einfluss und bildeten für sich einen eigenen Stand in der Mitte zwischen Adel und Arbeiterschaft.

Unternehmer dieser neu aufkommenden Gesellschaftsschicht begannen zunehmend, sich insbesondere durch ihren finanziellen Erfolg gegenüber dem Adel zu behaupten.[4] Die frühen Kaufleute inszenierten sich und ihre Unternehmen gerne "adelsähnlich" durch eine Fabrikarchitektur, die der absolutistischen Schlossanlage nachempfunden war. Das imposante Industrieschloss wurde durch Fabrikhallen, die Villa des Unternehmers und Arbeitersiedlungen erweitert und in eine Parkanlage integriert. Der Wunsch der Kaufleute nach Ansehen und Macht wird auch in den Statussymbolen deutlich, die Unternehmer der damaligen Zeit auf ihr Firmenpapier drucken ließen. Insbesondere nach 1830 wurden oft den gesamten Fabrikkomplex überragende Schornsteine dargestellt, die nicht nur den Fortschritt der Produktion durch die Nutzung von Dampfmaschinen kennzeichneten, sondern zu Symbolen der industriellen Dynamik wurden.

Abbildung 1: Briefkopf eines Nordhorner Textilunternehmens um 1900Abbildung 1: Briefkopf eines Nordhorner Textilunternehmens um 1900

Auch die – nicht immer ganz wirklichkeitsgetreue – Abbildung von Eisenbahnlinien, Kanälen mit Frachtkähnen und befahrenen Straßen sollte den Eindruck von Fortschritt, Prosperität und der Verbindung mit der weiten Welt vermitteln. Um kaufmännische Leistung und Tüchtigkeit zu beweisen, zeigten die Brief- und Rechnungsköpfe neben der Firmenansicht auch Medaillen, Patente, persönliche Orden des Fabrikanten, Wappen der Unternehmerfamilie und weitere Handelszeichen. Diese Selbstdarstellung als großbürgerlicher Unternehmer des Mittelstandes spiegelte das Bedürfnis der Fabrikanten nach Profilierung gegenüber dem Adel wider und gleichzeitig nach einer klaren Abgrenzung zur Arbeiterschaft.

Dieser Mittelstand umfasste Unternehmen, die nach ihrer Gründung über die Generationen hinweg im Besitz und unter Kontrolle der Familie blieben. Familienunternehmen der damaligen Zeit standen nicht nur unter der oftmals patriarchalischen Führung und Kontrolle des Familienunternehmers und Gründers, sondern waren auch dadurch gekennzeichnet, dass die nachfolgende Generation schon früh mitarbeitete und später den Betrieb übernahm. Die enge Verflechtung zwischen Familien- und Erwerbsleben war zentraler Bestandteil dieser Unternehmensform.

Schon seit dem 12. Jahrhundert entwickelte sich das Bild des ehrbaren Kaufmanns und damit verbunden eine Ethik, deren Normen und Werte handlungsleitend für das Wirtschaften und den kaufmännischen Umgang wurden. Regional stark durch den Protestantismus geprägt, zielte der kaufmännische Ehrenkodex auf Vertrauenswürdigkeit, Ehrlichkeit, Fleiß, die Bewahrung eines guten Rufes und die Sozialverpflichtung des Eigentums ab. Während sich im 18. Jahrhundert das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns weiterentwickelte, verschmolzen im Zuge der Aufklärung Kaufmannsehre und Bürgerehre. Das Prinzip der Vertragstreue stellte die Grundregel der redlichen Zusammenarbeit dar und reduzierte durch das Einhalten von Versprechen und der pünktlichen Erfüllung von Verpflichtungen Transaktionskosten. Während aktuell verstärkt ein Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit kaufmännischer Wertvorstellungen beklagt wird, galt zwischen ehrbaren Kaufmännern der Handschlag als Symbol des vertrauenswürdigen Vertragsabschlusses.

Ein Blick in die Historie belegt, dass Familienunternehmen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit den Archetypus unter den Unternehmensformen darstellen. Allerdings zeugt nicht nur die Geschichte des Familienunternehmens Buddenbrook vom "Verfall einer Familie". So formulierten in den 1960er Jahren Ökonomen wie Alfred Chandler zunehmende Skepsis, ob sich familienkontrollierte Unternehmen gegenüber kapitalorientierten Großunternehmen langfristig als wettbewerbsfähig erweisen könnten. Heute ist die herausragende volkswirtschaftliche Bedeutung der Familienunternehmen unstrittig.[5] Sie haben einen Anteil von über 90 Prozent am gesamten Unternehmensbestand, und die Grundgesamtheit der Kleinbetriebe und des Mittelstandes ist in Deutschland im Wesentlichen durch familienkontrollierte Unternehmen geprägt. Aber auch unter den deutschen Großkonzernen finden sich Unternehmen mit maßgeblichem Familieneinfluss, sodass insgesamt über die Hälfte der in der Privatwirtschaft beschäftigten Personen in familienkontrollierten Unternehmen tätig ist.

Fußnoten

1.
Vgl. Stiftung Familienunternehmen (Hrsg.), Die volkswirtschaftliche Bedeutung von Familienunternehmen, München 2014.
2.
War der Begriff Mittelstand in der Ständegesellschaft die Bezeichnung für das Besitzbürgertum, repräsentiert er heute kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die sich aufgrund der Höhe des Umsatzes und/oder der Beschäftigtenzahl sowie über die Bilanzsumme von großen Unternehmen abgrenzen. Zudem wird auch die Einheit von Eigentum und unternehmerischer Verantwortung als charakteristisch für den Mittelstand angesehen.
3.
Vgl. hierzu Heinz Reif (Hrsg.), Die Familie in der Geschichte, Göttingen 1982.
4.
Vgl. hierzu und zum Folgenden Erich E.J. May, Auf Mark und Pfennig. Rechtsformulare aus alter Zeit, Dortmund 1982.
5.
Vgl. Stiftung Familienunternehmen (Anm. 1).
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Autor: Christina Hoon für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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