dpa, Digitalisierung, 1985

29.4.2016 | Von:
Martina Heßler

Zur Persistenz der Argumente im Automatisierungsdiskurs

Ende der Arbeitsgesellschaft versus Kompensationsthese

Der Topos der "Ersetzung des Menschen", der einerseits Fortschritts- und Wohlstandsversprechen einer von anstrengender Arbeit befreiten Welt, andererseits Angst vor Arbeitslosigkeit, Existenzverlust und dem Überflüssigwerden des Menschen in anthropologischer Hinsicht implizierte, war, wiederum seit den 1950er Jahren, eng verknüpft mit dem Topos des "Endes der Arbeitsgesellschaft". Für eine Gesellschaft, die sich wesentlich über Erwerbsarbeit definierte, war die Frage nach der Bedeutung und dem Stellenwert von Arbeit zentral, nicht nur in anthropologischer, sondern vor allem auch in gesamtgesellschaftlicher Hinsicht. Das Verhältnis von Muße, Freizeit und Arbeit wurde intensiv diskutiert.

Vor dem Hintergrund der "Ächtung des Müßiggangs"[25] verwundert es nicht, dass bereits im frühen Automatisierungsdiskurs der 1950er Jahre sorgenvolle Kommentare die Debatte bestimmten. Teils wurde nun versucht, Muße gesellschaftlich zu legitimieren. So war in den "Gewerkschaftlichen Monatsheften" die Rede von der "ruhigen, der Selbstbesinnung gewidmeten Stunden der Muße".[26] In der "VDI-Zeitschrift" wurde bereits 1951 betont, dass Muße doch das eigentlich Menschliche sei.[27] Häufiger wurde ein Zuviel an Freizeit jedoch als verhängnisvoll eingeschätzt. Auch in den "Gewerkschaftlichen Monatsheften" fanden sich kritische Stimmen: "Es wäre naiv zu meinen, die Menschen wüssten, was sie mit dieser Zeit anfangen sollen." Betont wurde, dass es keine "geschichtliche Erfahrung (gäbe), die uns einen tragfähigen Ansatz bieten könnte, die Frage einer wirklichen Muße der Masse in der rechten Weise anzugehen".[28] Ähnlich beklagte der Wirtschaftswissenschaftler Edgar Salin die Auflösung des "christlich-jüdischen Arbeitsbegriffs"; darin liege die "größte und drohendste Unbekannte" der Automatisierung.[29] Die Philosophin Hannah Arendt bemerkte, bis heute vielzitiert, 1958: "Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, als die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?"[30] Dramatisch sei die Situation, weil die moderne Arbeitsgesellschaft "höhere Tätigkeiten" verlernt habe. Günther Anders äußerte die Überzeugung, dass der "Mensch ohne Arbeit, zu der er nun einmal verflucht ist, nicht leben kann".[31]

In den 1970er und 1980er Jahren wiederholte und intensivierte sich, nun in einer ökonomisch krisenhafteren Zeit, die Debatte um das Ende der Arbeitsgesellschaft. Automatisierung war inzwischen ein realer Prozess, nicht mehr nur der antizipierende Diskurs, wie es zumeist in den 1950er Jahren noch der Fall war. Nicht nur in den Medien war das Ende der Arbeitsgesellschaft immer wieder Thema. Es entspann sich ein Diskurs, der von Soziologen, Philosophen und Ökonomen geführt wurde und sich bis zum Anfang des neuen Jahrtausends erstreckte. Im "Merkur" diagnostizierte Ralf Dahrendorf 1980, dass der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgehe.[32] Der deutsche Soziologentag tagte 1982 unter dem Motto "Krise der Arbeitsgesellschaft", wenngleich mit Fragezeichen versehen.[33] Der Zukunftsforscher Jeremy Rifkin sprach 1995 vom "Ende der Arbeit", und 2000 verhandelte der Sozialphilosoph André Gorz "Arbeit zwischen Misere und Utopie".[34] Die Prognosen zum Ende der Arbeitsgesellschaft waren begleitet von Forderungen nach einem Grundeinkommen, die teils auch heute wieder zu finden sind.

Gegen die Unkenrufe vom Ende der Arbeitsgesellschaft wurde die sogenannte Kompensationsthese gesetzt: Verschwindende Arbeitsplätze würden stets durch neu entstehende kompensiert und daher könne keine Rede vom Ende der Arbeitsgesellschaft sein.[35] Bereits im 19. Jahrhundert wurde, nicht zuletzt auch bei Marx und der zeitgenössischen Ökonomie, erörtert, ob "alle Maschinerie, die Arbeiter verdrängt, stets gleichzeitig und notwendig ein adäquates Kapital zur Beschäftigung derselben identischen Arbeiter freisetzt".[36]

Historisch betrachtet ist die Persistenz der Ängste vor Arbeitslosigkeit und dem Ende der Arbeitsgesellschaft bemerkenswert, weil die Entwicklungen, mit denen sie verbunden waren, mit einer Erhöhung der Erwerbsquote einhergingen und das Ende der Arbeitsgesellschaft nicht kam. Die Ängste scheinen daher, so wird heute häufig argumentiert, irrational, unnötig und die Kompensationsthese treffender zu sein. Doch greift diese Sichtweise zu kurz. Notwendig ist ein geschärfter Blick auf die Konzepte, die Rhetorik und die impliziten Vorstellungen, die sich im Diskurs zeigen.

Der Topos von der "Ersetzung" beziehungsweise des "Verschwindens der Arbeit" entspricht erstens einer anthropozentrischen Sichtweise, denn die Arbeit verschwindet nicht, sondern sie wird von Technik, von Maschinen gemacht. Sie verschwand in Teilen für den Menschen, der sich bislang als zentral in Arbeitsprozessen dachte. Es ist zweitens eine Perspektive westlicher Industriestaaten, keine globale. Und drittens offenbaren die Diskurse bis in die 1980er Jahre hinein, wie stark aus der Perspektive der Industriegesellschaft argumentiert wurde. Dies betraf nicht nur das Verschwinden der körperlichen Arbeit, sondern vor allem die Gleichsetzung des Verschwindens bestimmter Formen der Industriearbeit mit dem Ende der Arbeitsgesellschaft. So konstatierte beispielsweise Dahrendorf 1982 in der "Zeit": "Der Weg zurück in die Arbeitsgesellschaft ist uns verbaut."[37] Auch Gorz war von einem solchen Pessimismus geleitet: "Die mikroelektronische Revolution leitet das Zeitalter der Beseitigung der Arbeit ein."[38] Die Analyse des Diskurses verdeutlicht das Verhaftetsein in Kategorien der Industriegesellschaft, das den Wandel als ein Ende interpretierte. Gleichwohl beschrieb der Diskurs einen historischen Prozess, wenngleich er heute treffender als Transformationsprozess denn als Ende der Arbeitsgesellschaft gefasst werden kann. Sichtbar wird aber vor allem, gerade in der Persistenz der Ängste, die Bedeutung von Erwerbsarbeit sowohl für die Gesellschaft als auch für das menschliche Selbstverständnis.

Fazit und Ausblick

Die Art und Weise, wie Arbeit organisiert wird, bestimmt Lebensweisen, Konsum, Identität und, in einer Arbeitsgesellschaft wie der der westlichen Gesellschaften seit dem 18. Jahrhundert, auch die Frage der Selbstdeutungen der Menschen. Die Automatisierungsdiskurse, insbesondere in den 1950er bis in die 1980er Jahre, machen diese gesellschaftliche und anthropologische Bedeutung von Arbeit überdeutlich. Auffällig ist die Persistenz der eng verknüpften Topoi der "Ersetzung des Menschen", des "Verschwindens der Arbeit" und des "Endes der Arbeitsgesellschaft".

Heute haben sich, auch im Zuge der Digitalisierung, neue Formen der Arbeit ausgebildet. Die damit verbundenen Diskurse sind noch detailliert zu untersuchen, drehen sich jedoch offensichtlich um die Ambivalenzen neuer Selbstständigkeit, Freiheit und Flexibilität einerseits und Prekarisierung und Ausbeutung andererseits. Darüber hinaus gleichen die Argumentationsfiguren auffällig den hier beschriebenen. Das "Ende der Arbeit" und die "Ersetzung des Menschen" durch Maschinen sind wieder Thema;[39] Berechnungen, welche Jobs verschwinden könnten, welche sozialen Gruppen betroffen sind, werden diskutiert.[40]

Die Persistenz der Argumentationsfiguren mag den Eindruck erwecken, es handle sich um die stets gleichen Bedenken, um aufgeregte Diskurse, die sich im Laufe der Zeit als haltlos erweisen werden, gleichwohl aber bei jedem Automatisierungsschub erneut auftauchen. Gleichwohl wäre diese Lesart, wie bereits angedeutet, zu einfach und würde die historische Entwicklung unterschätzen. Sicher, Arbeit verschwand nicht. Doch handelte es sich um gravierende Transformationsprozesse. Ein Diskurs um Technik ist immer auch ein Aushandlungsprozess über das, was gesellschaftlich erwünscht und machbar ist. Selten tritt genau das ein, was versprochen und befürchtet wird, zumal die Akteure zumeist ihrer Zeit verhaftet bleiben und die zukünftigen gesellschaftlichen Veränderungen aufgrund der Komplexität und des Zusammenwirkens verschiedener technologischer Entwicklungen nicht vorauszusehen sind. Mit der Automatisierung der Arbeitswelt ging jedoch das Verschwinden von Tätigkeiten und von Berufen einher, und sektorale Verschiebungen traten ein. Die Entstehung neuer Arbeitsplätze und Tätigkeitsfelder bedeutete massive Veränderungen der Arbeitswelt, der Arbeitserfahrungen, der Qualifikationen und Berufsstrukturen. Automatisierungsprozesse erzeugten immer auch Verlierer: Arbeitskräfte, deren Qualifikationen und Kompetenzen nicht den neuen Jobs entsprachen.

Die Veränderungen, die mit dem derzeitigen Digitalisierungsschub bevorstehen, sind noch nicht absehbar. Eine Tendenz seit Beginn der Verwendung von Computern im Arbeitsprozess scheint jedoch unverkennbar: Computer, Roboter, Automatisierung durchdringen immer mehr Bereiche. Es gelingt, sie immer mehr Tätigkeiten übernehmen zu lassen. Die Zahl der "technischen Delegierten" (Bruno Latour) steigt. Sie schreiben einfache Sportreportagen, beraten Finanzberater, ersetzen Lehrende und werden teils schon an Hotelrezeptionen eingesetzt. Ob dies zu einer "Ersetzung des Menschen" führen wird, zu neuen Jobs für Menschen, während die alten von Robotern übernommen werden, oder zu einer ganz neuen Form der Mensch-Computer-Kollaboration, wie es derzeit im Diskurs um Industrie 4.0 betont wird, bleibt abzuwarten. Die Tätigkeiten und Strukturen der Arbeitswelt werden sich mit der Digitalisierung verändern, wenn auch vermutlich in anderer Weise, als es derzeit debattiert wird. Der erneute Diskurs ist aber als Teil gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse unabdingbar, auch mit den altbekannten Argumenten.

Fußnoten

25.
Anson Rabinbach, Motor Mensch. Kraft, Ermüdung und die Ursprünge der Moderne, Wien 2001, S. 344.
26.
Konrad Schayer, Arbeit und Freizeit in der industriellen Gesellschaft, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 7 (1956) 4, S. 237–242, hier: S. 242.
27.
O.V., Mensch und Arbeit im technischen Zeitalter. VDI-Sondertagung vom 30. und 31. März 1951, Bericht 1. Teil, in: VDI-Z., 93 (1951), S. 659ff.
28.
Franz Klüber, Der moderne Mensch und die Automation, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 8 (1957) 1, S. 19–28, hier: S. 25.
29.
Edgar Salin, in: Harry W. Zimmer (Hrsg.), Aspekte der Automation. Die Frankfurter Tagung der List-Gesellschaft. Gutachten und Protokolle, Tübingen 1960, S. 400.
30.
Hannah Arendt, Vita Activa oder Vom Tätigen Leben, München–Zürich 2002 (1958), S. 13.
31.
G. Anders (Anm. 13), S. 98.
32.
Vgl. Ralf Dahrendorf, Im Entschwinden der Arbeitsgesellschaft: Wandlungen in der sozialen Konstruktion des menschlichen Lebens, in: Merkur, 34 (1980) 8, S. 749–760, hier: S. 751.
33.
Vgl. Joachim Mathes (Hrsg.), Krise der Arbeitsgesellschaft? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages, Frankfurt/M. 1982.
34.
Jeremy Rifkin, Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Frankfurt/M. 1995; André Gorz, Arbeit zwischen Misere und Utopie, Frankfurt/M. 2000. Siehe auch Ulrich Beck (Hrsg.), Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Frankfurt/M. 2000.
35.
Vgl. Jürgen Kocka, Thesen zur Geschichte und Zukunft der Arbeit, in: APuZ, (2001) 21, S. 8–13.
36.
Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1, Buch I, Berlin 1970 (1890), S. 461.
37.
Ralf Dahrendorf, "Die Arbeitsgesellschaft ist am Ende?", in: Die Zeit vom 26.11.1982.
38.
Er spezifizierte diese Aussage dahingehend, dass das "Quantum notwendiger Arbeit" rasch abnehme und die Arbeit nicht mehr impliziere, "daß der Arbeiter der Materie gegenüberstehe". Vgl. André Gorz, Wege ins Paradies, Berlin 1984, S. 53.
39.
Vgl. z.B. Constanze Kurz/Frank Rieger, Arbeitsfrei. Die Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen, München 2013.
40.
Vgl. z.B. Carl Benedikt Frey/Michael A. Osborne, The Future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerisation?, 17.9.2013, http://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf« (4.4.2016).
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Autor: Martina Heßler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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