Festival für urbane Kunst und Kultur in Plauen 2015
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13.5.2016 | Von:
Jens Adam

Zwischen Selbstdarstellung und "Arbeit an der Weltvernunft": Wohin treibt die deutsche Auswärtige Kulturpolitik?

Innerhalb des Auswärtigen Amtes wird die Auswärtige Kulturpolitik – neben politischer Diplomatie und den Außenwirtschaftsbeziehungen – häufig als "Dritte Säule"[1] der deutschen Außenpolitik bezeichnet. So lässt sich durch die Geschichte der Bundesrepublik nachzeichnen, dass die staatliche Förderung der wissenschaftlichen und kulturellen Außenbeziehungen immer auch als Beitrag zur Unterstützung jeweils zentraler politischer Zielsetzungen auf internationalen Bühnen betrachtet wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es etwa das grundlegende Anliegen außenpolitischer Eliten, die junge Bundesrepublik als einen vertrauenswürdigen und konstruktiven Partner zu positionieren und somit auch sukzessive die Handlungsspielräume zur Gestaltung bilateraler Beziehungen und multilateraler Zusammenarbeit zu vergrößern.[2] "Kultur" erschien vor diesem Hintergrund als ein geeigneter Modus, um durch die Mobilisierung von Bildern einer demokratischen, weltoffenen und zivilisierten Gesellschaft das "Ansehen Deutschlands wiederherzustellen" sowie "die Wiedereingliederung des deutschen Volkes in die internationale Gemeinschaft" zu unterstützen.[3] Formate zur kulturellen Selbstdarstellung, die Förderung der deutschen Sprache im Ausland sowie zunehmend die internationale Vernetzung deutscher Kulturschaffender und Wissenschaftler rückten in den Mittelpunkt des Politikbereichs. Elementare außenpolitische Zielsetzungen – wie etwa die Westbindung oder die europäische Integration – spiegelten sich auch in der Verteilung von Ressourcen und dem Aufbau einer kulturpolitischen Infrastruktur wider: So setzte der wichtigste deutsche Kulturmittler, das Goethe-Institut, insbesondere in den ersten Jahrzehnten des Kalten Krieges klare Schwerpunkte im westlichen Europa.

Für die Diskussion des konzeptionellen Anspruchs und der praktischen Umsetzung Auswärtiger Kulturpolitik, aber auch für das Verständnis aktueller Entwicklungen, ist die Beleuchtung zweier Dimensionen grundlegend: einerseits die Beziehung zwischen "Kultur" und "Politik" als den beiden bereits im Namen aufgerufenen Grundbegriffen; andererseits das Verhältnis zwischen Infrastrukturen, Ressourcen und Zielsetzungen als den zentralen Rahmenbedingungen.

Kultur und Politik

Die Beziehung zwischen "Kultur" und "Politik" ist in offiziellen Erklärungen zur Auswärtigen Kulturpolitik von einer gewissen Ambivalenz geprägt: Zum einen ist unbestritten, dass öffentliche Gelder aufgewendet werden, um politisch formulierte Zielhorizonte durch kulturelle Formate zu unterstützen; zum anderen wird durchgängig an dem Ideal einer "Kultur" festgehalten, die sich frei von politischen Interessen und Vorgaben entfalten soll. Diese vorgebliche Freiheit wird häufig als die Grundlage und der eigentliche Mehrwert von "Kultur" in internationalen Beziehungen oder sogar als besonderes Merkmal einer deutschen Auswärtigen Kulturpolitik betrachtet. In einer seither häufig zitierten offiziellen Formulierung aus den 1970er Jahren wird diese Idealvorstellung wie folgt beschrieben: "Diese Orientierung der auswärtigen Kulturpolitik an den außenpolitischen Zielen darf nicht als Absicht der Bundesregierung mißverstanden werden, sie wolle die Kultur zur ‚Magd‘ des Politischen oder gar ihrer Außenpolitik machen."[4] Auch in zeitgenössischen Äußerungen knüpfen politische Entscheidungsträger oder Repräsentanten der großen deutschen Kulturmittler an ein solches Verständnis an. So spricht etwa Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier von "Kultur" als dem "vorpolitischen Freiraum, in dem gesellschaftliche Themen gezeigt, erzählt, in Bilder und Töne gefasst werden".[5]

In der zeitgenössischen kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschung wurde vielfach betont, wie eng kulturelle Dynamiken, Praxen und Produktionsweisen mit gesellschaftlichen Entwicklungen und Machtkonstellationen sowie nicht zuletzt mit den Prioritäten jeweiliger Förderpolitiken verbunden sind.[6] Vor diesem Hintergrund mag man der Vorstellung einer "Kultur", die sich frei von politischen Vorgaben und staatlichen Interessen entfaltet, mit einer gewissen Skepsis begegnen. Dies gilt insbesondere auch für eine grenzüberschreitende kulturelle Arbeit, die es ohne die kontinuierliche Unterstützung durch staatliche Gelder in dieser Form schlichtweg nicht gäbe. Darüber hinaus hat sich auch die Auswärtige Kulturpolitik spätestens seit den 1970er Jahren von der Dominanz eines ästhetischen Kulturbegriffs gelöst: Kategorien und Fragestellungen gesellschaftspolitischer Debatten, alltagskulturelle Phänomene, Lebensstile oder die sich ausdifferenzierenden Unternehmungen der "Sinnsuche" innerhalb spätmoderner Gesellschaften werden hier ebenso aufgegriffen und bearbeitet wie in anderen kulturpolitischen Arbeitsgebieten innerhalb Deutschlands.

Aus einer distanzierteren Perspektive erscheinen "Kultur" und "Politik" innerhalb der Auswärtigen Kulturpolitik entsprechend enger miteinander verwoben, als es ihre Protagonistinnen und Protagonisten in der Regel anerkennen. Im Rahmen dieses Textes wird deutlich werden, dass kulturelle Formate, Programme und Arbeitsweisen durchaus durch politische Leitlinien prä-konfiguriert werden, allerdings ohne ihnen komplett untergeordnet zu sein. Ein wesentliches Element dieser verwobenen Beziehung stellen institutionelle Arrangements dar, die einerseits kulturpolitische Zielsetzungen und kulturelle Praxis verbinden, andererseits direkte politische Einflussnahmen in den Arbeitsalltag deutscher Kulturmittler abfedern.

Infrastrukturen, Ressourcen und Zielsetzungen

Über die Jahrzehnte hat sich zur Umsetzung Auswärtiger Kulturpolitik eine spezifische Infrastruktur herausgebildet, in deren Zentrum die globalen Netzwerke deutscher Mittlerorganisationen stehen. Akteure des Politikbereichs selbst verweisen regelmäßig auf das besondere "deutsche Modell" dieser formell unabhängigen Kulturmittler. Dies betrifft zunächst die dauerhaften Hauptpartner des Auswärtigen Amtes, die in ihren jeweiligen Arbeitsfeldern eine einzigartige Position besitzen: etwa das Goethe-Institut, das in 160 voll ausgestatteten Instituten im In- und Ausland sowie mit einer großen Anzahl weiterer kleinerer Präsenzformen deutsche Sprache fördert und kulturelle Programme realisiert; der Deutsche Akademische Austauschdienst mit einem weit verzweigten Netzwerk aus Lektorinnen und Lektoren samt vielfältiger universitärer Kontakte und Programme; oder die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, die deutsche Schulen weltweit durch die Entsendung von Lehrkräften und andere Förderungen unterstützt. Diese drei Organisationen erhalten aktuell gemeinsam rund 75 Prozent der Gelder, die dem Auswärtigen Amt in diesem Politikbereich zur Verfügung stehen.[7] Die Besonderheit des "deutschen Modells" besteht entsprechend in der Kombination einer institutionellen Eigenständigkeit und relativen inhaltlichen Unabhängigkeit als nichtstaatliche Akteure mit der exklusiven Rolle als kontinuierliche Empfänger des Löwenanteils des Budgets der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik und somit einer weitgehenden materiellen Abhängigkeit von der Bewilligung öffentlicher Mittel.

Ein umfassenderes Bild von den Infrastrukturen Auswärtiger Kulturpolitik entsteht, wenn die weiteren Akteure hinzugezogen werden, die vom Auswärtigen Amt gleichfalls als Kulturmittler oder Partner aufgeführt werden. Dies gilt für sektoral arbeitende Organisationen wie das Deutsche Archäologische Institut oder auch für Einrichtungen, die ihre finanziellen Mittel in erster Linie von anderen Ministerien erhalten: beispielsweise der Auslandssender Deutsche Welle, der den Auftrag hat, "ein realistisches, facettenreiches Deutschlandbild zu vermitteln und dadurch zur Reputation Deutschlands in der Welt beizutragen";[8] die Kulturstiftung des Bundes, die "innovative Programme und Projekte im internationalen Kontext" fördern soll; oder auch das Haus der Kulturen der Welt in Berlin, das vom Auswärtigen Amt als ein "kosmopolitischer Ort für die internationalen zeitgenössischen Künste und ein Forum für aktuelle Entwicklungen und Diskurse" vorgestellt wird.[9]

Die Zusammensetzung der öffentlichen Gelder und somit der zentralen finanziellen Ressourcen zur Realisierung Auswärtiger Kulturpolitik ist vielschichtig. Folgt man einem breiteren Verständnis Auswärtiger Kulturpolitik, das nicht auf die Bundesebene begrenzt bleibt und die Gelder der Länder, Kommunen oder auch privater Stiftungen zur Förderung internationaler kultureller und wissenschaftlicher Beziehungen einbezieht, so entsteht ein noch komplexeres Bild.[10] Aber um bei den Bundesmitteln zu verbleiben, die nach geläufigem Verständnis weiterhin den Kern der finanziellen Mittel ausmachen: Der aktuelle Bericht der Bundesregierung zur Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik weist für 2015 eine Gesamtsumme von 1,673 Milliarden Euro im Bundeshaushalt aus, von denen mit 57 Prozent der weitaus größte Anteil auf das Auswärtige Amt entfällt.[11] Es folgen das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 19,2 Prozent und die Beauftragte für Kultur und Medien mit 17,5 Prozent. Über kleinere Anteile verfügen die Bundesministerien für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (2,8 Prozent), für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2,0 Prozent) und des Inneren (1,9 Prozent). Diese Aufteilung der Ressourcen spiegelt sich auch in den Förderstrukturen wider: Viele der etablierten Mittler arbeiten mit Geldern aus verschiedenen Ressorts. Trotz dieser Auffächerung der Budgets beansprucht das Auswärtige Amt eine führende Rolle in diesem Politikbereich.

Entscheidend ist weiterhin, dass die Bundesregierung selten selbst die praktische Umsetzung kulturpolitischer Maßnahmen in die Hand nimmt, sondern in der Regel mit den bereits vorgestellten nichtstaatlichen Partnern zusammenarbeitet. Hierbei setzen die Ministerien auf eine kontinuierliche Vergabestruktur, welche die Zugänge zum Großteil der Ressourcen auf einen engen Kreis von Kulturmittlern begrenzt und somit auch Formen der Konkurrenz ausschließt – anders formuliert: Die Bewerbung einer Kultureinrichtung außerhalb des Mittlerkreises um diese Kernressourcen ist nicht vorgesehen. Ein größerer Kreis möglicher Zuwendungsempfänger wird durch Teile der deutlich geringer ausgestatteten "Projektförderung" oder durch temporäre Sonderprogramme – aktuell etwa zur "Förderung der Zivilgesellschaft in den Ländern der Östlichen Partnerschaft" Ukraine, Belarus, Georgien und Moldau – adressiert. Dennoch entsteht der Eindruck, dass die öffentlich formulierte Zielvorstellung des Auswärtigen Amtes, den Politikbereich stärker zivilgesellschaftlich zu vernetzen, sich in der Zusammensetzung und Vergabestruktur der öffentlichen Ressourcen bisher höchstens in Anfängen abbildet.

Zur Diskussion der Ziele, die die Bundesregierung erklärtermaßen mit dieser Infrastruktur verfolgen möchte, ist eine grundlegende Unterscheidung hilfreich: Einerseits zeichnet sich Auswärtige Kulturpolitik durch kontinuierliche, über die Jahrzehnte etablierte Zielhorizonte aus, die in jeweiligen Selbstdarstellungen des Politikbereichs in einer aktuellen Weise immer wieder aufgegriffen werden. Hierzu zählen die bereits erwähnten Intentionen, ein zeitgenössisches und differenziertes Deutschlandbild zu vermitteln, die Rolle und Verbreitung der deutschen Sprache im Ausland zu fördern oder die wissenschaftliche und kulturelle Praxis in Deutschland international zu vernetzen. Gleichfalls hatte sich bereits in der Bonner Republik der Grundsatz herausgebildet, dass es hierbei nicht um einen einseitigen Kulturexport Deutschlands gehen soll, sondern um eine wechselseitige Begegnung und Zusammenarbeit;[12] ein Ideal, dessen Realisierung vor dem Hintergrund der beschriebenen Infrastrukturen und Ressourcenverteilungen gerade außerhalb des engen Kreises westlicher Industriestaaten in der Praxis immer eine Herausforderung darstellt.

Andererseits tauchen zu bestimmten Zeitpunkten neue Formulierungen auf, die sich auf geopolitische Veränderungen, andere politische Konstellationen und Prioritäten oder auf neue Problemstellungen zurückführen lassen. So zeigt sich etwa seit den späten 1990er Jahren eine Tendenz zur Erweiterung der Zielvorstellungen: Mit dem Regierungswechsel zu Rot-Grün 1998 kamen neue Intentionen hinzu, die deutlich aus einem engen Verständnis des Politikbereichs als einer Form der kulturellen Selbstdarstellung hinausweisen: In Regierungspapieren und öffentlichen Diskussionen werden nunmehr verstärkt kulturpolitische Potenziale zur Konfliktprävention, Friedenssicherung und Förderung von Demokratie und Menschenrechten thematisiert.[13] Der Politikbereich wird somit – zumindest nominell – in ein Prestigeprojekt damaliger Außen-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik einbezogen, das im Koalitionsvertrag von 1998 festgeschrieben worden war und sich auf den "Aufbau einer Infrastruktur für Krisenprävention und zivile Konfliktbearbeitung" konzentrieren sollte. Den Hintergrund bildeten hierbei die noch frischen Erfahrungen mit neuen Konfliktformen etwa in Ruanda oder im ehemaligen Jugoslawien und den über weite Strecken hilflos erscheinenden Reaktionen der internationalen Gemeinschaft. Die Hoffnungen auf eine neue friedliche Weltordnung nach Ende des Kalten Krieges waren zerbrochen; "Konfliktprävention" wurde auch innerhalb der Vereinten Nationen zu einem neuen Schwerpunktthema. Hinzu kamen Diskussionen zu einem neuen Rollenverständnis deutscher Außenpolitik nach 1989, die bis heute andauern und sich auf die Forderung nach einem größeren Engagement in den Problem- und Konfliktkonstellationen der Welt zuspitzen lassen.

Zumindest auf der Ebene der öffentlichen Präsentation und Legitimierung des Politikbereichs werden solche Dynamiken der Öffnung Auswärtiger Kulturpolitik für neue Themen, Problemstellungen und Arbeitsweisen jenseits einer kulturellen Selbstdarstellung auch aktuell fortgesetzt. So heißt es etwa im Bericht der Bundesregierung unter dem Schlagwort "Kultur und Bildung in Krisenzeiten und -regionen": "Angesichts der zahlreichen aktuellen politischen Problemfelder" habe der Politikbereich "flexibel reagiert und einen besonderen Schwerpunkt ausgebildet und zwar insbesondere durch den Schutz und Erhalt von kulturellen Freiheitsräumen als ‚Hilfe zur Humanität‘, in Ergänzung der humanitären Hilfe."[14] Der "Schutz von kulturellen Identitäten", "Maßnahmen des Kulturerhalts", der "Wiederaufbau von Kulturstätten" nach Beendigung von gewalttätigen Konflikten oder die Unterstützung von geflüchteten Akademikerinnen und Akademikern werden in diesem Zusammenhang als gegenwärtige Arbeitsfelder angeführt. Dabei ist der Begriff "Konfliktprävention", der um die Jahrtausendwende immer auch die Vorstellung transportierte, durch eine Förderung von Kultur ließe sich mehr oder weniger direkt auf Konfliktverläufe einwirken, in den Hintergrund getreten. Geblieben ist die Hoffnung, dass Kultur eine "soziale Kraft"[15] entfalten und hierdurch besondere Potenziale der Verständigung mit sich bringen kann – zum einen in Gesellschaften, die sich nach gewaltdurchzogenen Konflikten wieder um ein Zusammenleben bemühen; zum anderen in einer Welt, "die im Augenblick ohne Ordnung ist" und neue Umgangsweisen und Institutionen zur Friedenssicherung braucht. Vor diesem Hintergrund wird Auswärtige Kulturpolitik als Beitrag zur "Arbeit an der Weltvernunft" positioniert: Dialog und Begegnung sollen Räume öffnen, um die "Träume und Traumata der Partner" – also ihre Geschichtsbilder, Denkmuster, Zukunftshoffnungen und Verletzungen – kennenzulernen und hierdurch zeitgenössische Entwicklungen in ihrer Unterschiedlichkeit besser zu verstehen.

Blackbox "Dialog"

Es stellt sich die Frage, ob die Formulierung universaler Zielhorizonte auch zu konkreten Veränderungen führt – etwa in der Ausgestaltung der kulturpolitischen Infrastruktur, bei der Vergabe der finanziellen Ressourcen oder auch bei der Entwicklung von Projektformaten. Hierzu vier Beobachtungen:

Erstens fällt auf, dass weitgehend gleichbleibende Handlungsfelder und Zielvorstellungen anderen Oberbegriffen zugeordnet und somit neu gerahmt werden: Die altbekannte "Förderung von Deutsch als Fremdsprache" findet nunmehr als Beitrag zu einer "Koproduktion von Wissen und Kultur" und der Förderung von "Bildungsbiografien" Erwähnung; der seit Jahrzehnten gewachsene Bereich "internationaler Jugendaustausch" wird neuerdings als Möglichkeit zum Erlernen des aktuell durch den Bundesaußenminister häufig zitierten "sechs-Augen-Prinzips" vorgestellt, das die Entwicklung eines "eigenen Standpunktes", die Erfahrung "fremder" Perspektiven und die Suche nach Gemeinsamkeiten miteinander verknüpfen soll; die eigentlich durch die Realitäten inzwischen weitgehend hinfällig gewordene "Förderung der deutschen Minderheiten in Mittel- und Osteuropa" erhält als Ausdruck einer "Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft" eine neue Aufmerksamkeit; und die Kommunikation eines "Deutschlandbildes im Ausland" bleibt als kulturpolitischer Schwerpunkt unhinterfragt.

Zweitens kann die Korrespondenz zwischen dem selbst gesetzten Projekt einer "Arbeit an der Weltvernunft" und der aktuellen Rolle Deutschlands auf europäischer und globaler Bühne, etwa im Rahmen der Eurokrise oder im Umgang mit Flucht und Migration, kritisch betrachtet werden. Lassen sich die Bilder von kreativen Begegnungen, zufriedenen Jugendlichen oder kosmopolitischen Kulturschaffenden in ästhetisierten urbanen Kontexten, die der Politikbereich über Hochglanzbroschüren und öffentliche Veranstaltungen transportiert, nicht auch als Feigenblätter für eine deutsche und europäische Politik lesen, die immer routinierter Zugänge verweigert und globale Ungleichheiten reproduziert? Misst man die Auswärtige Kulturpolitik an den selbst gesetzten Maßstäben universaler Zielhorizonte,[16] so bleiben eine Vielzahl solcher Reibungen, Inkonsistenzen und Leerstellen zu konstatieren, die sich positiv formuliert auch als Potenziale für ihre zukünftige Entwicklung betrachten ließen.

Drittens stehen im Zentrum der "Arbeit an der Weltvernunft" offenbar weiterhin die deutschen Mittler, die ihre Gestalt und ihr Renommee unter dem ursprünglichen Leitmotiv der kulturellen Selbstdarstellung gewonnen haben. Die bleibende Bedeutung der Ziele "Herstellung von Deutschlandbezügen" und "Vermittlung eines zeitgenössischen Deutschlandbildes" demonstriert etwa das Goethe-Institut bereits durch seinen aktuellen Wahlspruch "Sprache. Kultur. Deutschland". Die etablierten Institutionen der deutschen kulturpolitischen Infrastruktur werden durch den Außenminister nunmehr aber als "Knotenpunkte" vorgestellt, in denen eine "Koproduktion von Bildung, Wissen und Kultur" und somit "die gemeinsame Arbeit an der Weltvernunft"[17] konkret vonstattengeht. An solche Äußerungen schließt sich die Frage an, ob die Formulierung neuer, explizit universal ausgerichteter Zielvorstellungen nicht sehr viel stärker durch ein umfassendes Nachdenken begleitet sein sollte, in welchem Umfang eine gewachsene, ursprünglich an nationalstaatlichen Interessen ausgerichtete kulturpolitische Infrastruktur zu deren Umsetzung geeignet ist.

Viertens [18] erscheint ein Interesse an der Qualität, den praktischen Rahmenbedingungen und dem konkreten Verlauf der Dialogprozesse im Politikbereich bisher eher gering ausgeprägt. Zwar wenden sich beispielsweise Goethe-Institute in instabileren Weltregionen inzwischen fraglos mit einer bewundernswerten Energie und innovativen Formaten gesellschaftspolitischen Fragestellungen, umstrittenen Kategorien und somit auch "Konflikten" zu. Dennoch bleiben die Begegnungen in weiten Strecken asymmetrisch und somit von dem Ideal eines "Dialogs auf Augenhöhe" weit entfernt: So sind die Projekte weiterhin durch die "Herstellung von Deutschlandbezügen" präkonfiguriert, anstatt etwa lokale Bedürfnisse tatsächlich als primären Ausgangspunkt zu nehmen. Eine Orientierung an deutschen kulturpolitischen Interessen wird durch grundlegende Hierarchien innerhalb der Goethe-Institute selbst unterstützt. Denn hier arbeitet ein entsandtes deutsches Leitungspersonal mit deutlich höheren Gehältern, Karrierechancen und Entscheidungsbefugnissen mit lokalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammen, die auf die Rolle nachgeordneter "Ortskräfte" festgelegt sind – wobei deren Kenntnisse der lokalen Sprachen, Gegebenheiten, Diskussionen und Ansprechpartner für den Erfolg der Programme erklärtermaßen unverzichtbar sind. Aber auch die Beziehungen zu den lokalen Kooperationspartnern sind von vielfältigen Asymmetrien durchzogen: Hierbei treffen häufig die prekären Arbeitsbedingungen und existenziellen Unsicherheiten lokaler Kulturschaffender in Krisenregionen mit dem abgesicherten Status entsandter deutscher Kulturmittler aufeinander. In der Regel entscheiden die Institutsleiter dabei alleine über die Verteilung von Programmgeldern und bestimmen hierdurch maßgeblich über den Charakter und die Dauer einer Kooperation. Ebenso dominieren in der Programmarbeit Formate, in denen bezahlte deutsche Gäste, Expertinnen oder Workshopleiter lokalen Teilnehmenden begegnen. Hiermit verbunden zeigt sich weiterhin ein großes Ungleichgewicht in den Fließmustern des Wissens und kulturellen Produktionen: In einem weitaus größeren Ausmaß werden Künstler, kulturelle Positionen und Güter aus Deutschland in die Zielregionen mobilisiert denn umgekehrt. Der Schlüsselbegriff "Dialog" erscheint vor diesem Hintergrund als eine Blackbox, deren Bedeutung gewissermaßen vorausgesetzt wird, ohne dass ihre innere Struktur, Funktionsweise und Ambivalenz hinreichend untersucht und im Hinblick auf die öffentlich formulierten Zielsetzungen diskutiert würden.

Ausblick

Der Historiker und postkoloniale Theoretiker Achille Mbembe hat kürzlich daran erinnert, dass wir auch nach Ende des Kolonialismus weiterhin "in einer hierarchisch geordneten Welt" leben, "in der die Idee einer gemeinsamen conditio humana zwar Gegenstand frommer Erklärungen, aber weit entfernt von jeder praktischen Umsetzung" ist.[19] Mit Sorge beobachtet er die Ausdehnung neuer "imperialer Praktiken" der ökonomischen Ausbeutung, der "Militarisierung von Grenzen", der "Zerstückelung der Territorien", der "transnationalen Vernetzung der Repression" oder der widersprüchlichen Machteffekte einer "Vielzahl fragmentierter Autoritäten", gerade in den Krisenregionen und Konfliktzonen dieser Erde. Aus der Perspektive des globalen Südens ist auch Deutschland an solchen Entwicklungen beteiligt, verfügt aber zugleich über größere Potenziale, zu einer gerechteren und nachhaltigeren Weltordnung beizutragen.

Vor diesem Hintergrund ist es fraglos positiv zu bewerten, dass sich aktuelle Zielformulierungen Auswärtiger Kulturpolitik explizit solchen Rahmenbedingungen und Problemlagen zuwenden. Zugleich gilt es kritisch festzuhalten, dass es jenseits der diskursiven Oberflächen bisher meist bei zaghaften ersten Schritten bleibt. Der Paradigmenwechsel von einer Kulturpolitik, die sich primär an nationalstaatlichen Interessen orientiert zu einer Kulturpolitik, die sich auf universale Zielhorizonte ausrichtet, ist bisher in der Infrastruktur und in der Verteilung von Ressourcen nicht vollzogen worden. Postkoloniale Kritikerinnen und Kritiker verdeutlichen auch, dass die Formulierung "Dialog" nur dann wirklich glaubhaft wird, wenn sie mit der Suche nach Positionen und Mechanismen zur Herstellung von Gleichwertigkeit in einer hierarchischen Welt verbunden wird. Eine umfassende Diskussion über Veränderungen in den infrastrukturelle Arrangements und den Vergabelogiken der materiellen Ressourcen, die einer solchen Zielvorstellung dienen würden, könnte der nächste Schritt für eine Kulturpolitik sein, die sich der "Arbeit an der Weltvernunft" verschreibt.
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Fußnoten

1.
So eine viel zitierte Formulierung von Willy Brandt.
2.
Vgl. Kurt-Jürgen Maaß, Überblick: Ziele und Instrumente der Auswärtigen Kulturpolitik, in: ders. (Hrsg.), Kultur und Außenpolitik. Handbuch für Studium und Praxis, Baden-Baden 20092, S. 25–32; Kurt Düwell, Zwischen Propaganda und Friedensarbeit – 100 Jahre Geschichte der deutschen Auswärtigen Kulturpolitik, in: ebd., S. 61–111.
3.
Deutscher Bundestag (Hrsg.), Bericht der Enquete-Kommission "Auswärtige Kulturpolitik" gemäß Beschluß des Deutschen Bundestages. Drucksache 7/215, Bonn 1975, S. 10.
4.
Deutscher Bundestag (Hrsg.), Stellungnahme der Bundesregierung zu dem Bericht der Enquete-Kommission "Auswärtige Kulturpolitik" des Deutschen Bundestages. Drucksache 8/927, Bonn 1977, S. 5.
5.
Auswärtiges Amt (AA), 19. Bericht der Bundesregierung zur Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, Berlin 2016, S. 3.
6.
Siehe exemplarisch Glen Jordan/Chris Weedon, Cultural Politics: Class, Gender, Race and the Postmodern World, Oxford 1995.
7.
AA (Hrsg.) (Anm. 5), S. 19.
8.
AA (Anm. 5), S. 94.
9.
Beide Zitate: AA (Anm. 5), S. 95.
10.
Siehe etwa K.J. Maaß (Anm. 2), insb. S. 259ff.
11.
Siehe hier und im Folgenden AA (Anm. 5), S. 17ff.
12.
Vgl. K. Düwell (Anm. 2).
13.
Siehe exemplarisch AA, Auswärtige Kulturpolitik – Konzeption 2000, Berlin 2000.
14.
AA (Anm. 5), S. 23.
15.
Hier und im Folgenden AA, Dialog und die Erfahrung des Anderen. Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Konferenz des Goethe-Instituts, 23.2.2015, http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Reden/2015/150223-BM_Konf_GI.html« (20.4.2016).
16.
Siehe Stefan Wellgraf, Das Ende der Hauptschule in Berlin. Zur ideologischen Dimension von Bildungsmythen, in: Jens Adam/Asta Vonderau, Formationen des Politischen. Anthropologie politischer Felder, Bielefeld 2014, S. 35–65, hier: S. 62.
17.
So etwa AA (Anm. 15).
18.
Vgl. hier und im Folgenden Jens Adam, Kontaktzonen des Nationalen. Auswärtige Kulturpolitik als Konfliktprävention. Eine Ethnografie, Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin 2015.
19.
Achille Mbembe, Kritik der schwarzen Vernunft, Frankfurt/M. 2014, S. 294; die folgenden Zitate: ebd., S. 18f.
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