Festival für urbane Kunst und Kultur in Plauen 2015
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13.5.2016 | Von:
Sabine Dengel

Kultur und politische Bildung

Politische Bildung beobachtet und thematisiert zwar die Makroebene des politischen Systems und seiner Feldbedingungen. In operationaler Hinsicht ist sie als pädagogische Disziplin aber subjektbezogen und auf die Einbeziehung der Lebensbedingungen der Menschen angelegt – nicht nur in ihrer Rolle als Bürgerinnen und Bürger. In dem Grad, in dem politische Bildung aufgehört hat, sich auf die Bereitstellung von Bildungsangeboten für den politikaffinen Teil des Bildungsbürgertums zu beschränken und der Wandel der Sphären des Öffentlichen und Privaten sie vor neue Herausforderungen stellt, ist es für die Disziplin nötig geworden, die orthodoxen Pfade zu ergänzen. So hat es sich mittlerweile eingespielt, dass politische Bildnerinnen und Bildner mit einer offen-neugierigen Haltung nach Inspiration suchen, wie sie den rasanten Veränderungen in Politik und Gesellschaft adäquat begegnen können. Dieser Frage wird innerhalb der Profession sehr unterschiedlich begegnet. Einer der eingeschlagenen Wege bezeichnet die eingehende Beschäftigung mit dem Phänomen der "Kultur" und dem Feld der kulturellen Bildung.

Kulturpolitik als Gegenstand

Kaum erklärungsbedürftig ist eine Auseinandersetzung politischer Bildung mit Kulturpolitik(en). Wie in Bezug auf andere Politikfelder vermittelt politische Bildung hier Faktenwissen, bildet kontroverse Diskussionen ab und ermöglicht Orientierung, Urteilsbildung und idealerweise sogar Handlungskompetenz. Kulturpolitik wird auf allen Politikebenen – in Kommunen, Ländern, auf Bundesebene und im Rahmen der Außenpolitik – und von vielfältigen Akteuren betrieben. Sie kann Interessenpolitik von Einzelnen, Trägern, Vereinen oder Kultureinrichtungen sein. Auf kommunaler und Landesebene ist sie meist Verteilungs- beziehungsweise Förderpolitik, die von einer entweder stärker "mäzenatischen" oder planvoll-strategischen Haltung geleitet sein kann. Auf Bundes- und internationaler Ebene kann sie neben repräsentativen auch ordnungspolitische Ziele verfolgen.[1]

Wie "Kultur" als Gegenstand gefasst wird, hängt von dem jeweils vertretenen Kulturbegriff ab. Für die politische Bildung ist der weite Kulturbegriff der Neuen Kulturpolitik seit den 1970er Jahren besonders interessant: Denn das Verständnis von Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik umschließt einen Gegenstandsbereich, der eine Auseinandersetzung mit sozialen Transformationsprozessen ermöglicht.[2] Der Kulturwissenschaftler Max Fuchs, der die Begriffsverwendungen der UNESCO untersucht hat, konstatiert, Kultur sei "dort der gesamte Komplex unterschiedlicher spiritueller, materieller, intellektueller und emotionaler Ausdrucksformen, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Sie schließt nicht nur die Künste und Literatur, sondern auch die Weisen des Lebens, die fundamentalen Menschenrechte, Wertesysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen ein".[3] Fuchs erinnert daran, dass seit der Entdeckung der Individualität in der Renaissance die Eigenverantwortlichkeit des Individuums bei der Gestaltung seines Lebens kennzeichnend für die Gesellschaften des Westens ist. Sein Leben zu meistern sei so zu einer Bildungsaufgabe des Einzelnen geworden: "Kultur ist Lebensweise, Lebensweise ist eine Bildungsaufgabe, Kultur und Bildung hängen also aufs Engste zusammen."[4]

Angesichts der aktuell spürbaren intensiven Selbstsuche von Teilen der Gesellschaft wird es in Zukunft vermutlich dazu kommen, dass sich Kulturpolitik insbesondere auf der Ebene der Länder und Kommunen stärker Fragen der Lebensweisen zuwenden wird. Jüngst ist es im Bereich der kulturellen Bildung vermehrt zu ressortübergreifenden Kooperationen gekommen, um Fragen der Zugangsgerechtigkeit zu Kunst, Kultur und kultureller Bildung sowie der Integration zu bearbeiten.[5] Derzeit steht die Integration der Geflüchteten im Vordergrund, die nicht mehr nur als Versorgungsfrage, sondern auch als Frage nach den normativen Bedingungen des künftigen Zusammenlebens gedeutet wird.

Kulturfragen am Beispiel Stadt

Vor diesem Hintergrund wurde in den vergangenen Jahren die Stadt als Kultur- und Bildungsraum sowohl für die politische als auch für die kulturelle Bildung ein interessanter Bezugspunkt. Jenseits der akuten Krisenlage vieler Kommunen gibt es eine Vielzahl von Gründen, den Blick auf die Städte zu richten, denn diese haben im Zuge der Globalisierung als Lebensräume an Bedeutung gewonnen: Dass die "Zukunft der Menschheit in den Städten" liegt, hatte UN-Generalsekretär Kofi Annan bereits 2000 bei der Eröffnung der Weltkonferenz zur Zukunft der Städte "Urban 21" in Berlin erklärt. Die Größe der westlichen Massendemokratien und die Erweiterung der Politikebenen um die europäische rückt institutionalisierte Politik in die Ferne. Demgegenüber werden die eigenen Lebensbedingungen im städtischen Lebensumfeld immer wichtiger. Zwar ist die Stadt ein dem Gemeinwohl verpflichtetes, demokratisch legitimiertes politisches Subjekt, sie bietet jedoch – trotz steigender Nachfrage – bisher meist nur in eingeschränktem Maße direkte politische Beteiligungschancen.

Es sind heute vor allem die kulturelle Produktivität der Stadt und das Maß ihres Vermögens, divergierende Tendenzen zu integrieren, sowie ihr Angebot an öffentlichem Raum und ihre Funktion als Bühne für die Aushandlung gesellschaftlicher und kultureller Konflikte, die sie zu einem zentralen Gradmesser für die Ausprägung und Fortentwicklung der (politischen) Kultur einer Gesellschaft machen. Anhand dieses Beispiels soll daher im Folgenden das Potenzial kulturbezogener Fragestellungen für die politische Bildung verdeutlicht werden.

Städte können Antriebskräfte der Integration sein oder dabei versagen. Wird Integration als das Ergebnis einer neuen (symbolischen) Aushandlung von Werten, Lebensstilen und Lebensweisen betrachtet, bildet die Stadt ein ideales Labor für die Untersuchung der Motoren sozialen Wandels. Der Stadtsoziologe Walter Siebel charakterisiert Städte dadurch, dass sie seit jeher eine Vielfalt unterschiedlichster Milieus beherbergen.[6] Der Migrant sei lediglich ein "Sonderfall der ganz normalen Tatsache", dass Städte Orte sind, an denen Fremde leben. Städte präsentieren "Mosaiken von Lebensweisen"; sie seien in sich homogene "kulturelle Dörfer", die einander berühren. Sowohl der Kontakt mit anderen Kulturen als auch mit der in den Städten sichtbaren Geschichte sei geeignet, die eigene Lebensweise, die eigenen Selbstverständlichkeiten zu relativieren. Als "Brücken zwischen alter und neuer Heimat" stellen spezifische, ethnisch geprägte Stadtviertel, die für die Ankommenden die Funktion einer notwendigen frühen Stufe der Integration erfüllen, wichtige Übergangsräume dar.[7]

Wichtig wurde in den vergangenen Jahren die Formel der "Kultur als Standortfaktor". Diese hängt eng mit dem "Sichtbarmachen" bestimmter Aspekte von Stadt durch Politik und Wirtschaft zur Attraktivitätssteigerung zusammen: Die Programme der Kultureinrichtungen sollen ebenso wie die Produkte der Kreativwirtschaft und Luxusindustrie sowie Dienstleistungsofferten im Wellness- oder kulinarischen Bereich Tourismus und ein zahlungskräftiges Publikum anziehen. Das Phänomen der "Sichtbarkeit" im öffentlichen Raum verdeutlicht zugleich gesellschaftliche Machtverhältnisse und Konflikte: Sichtbar im öffentlichen Raum ist heute vor allem jener Teil der Stadtbevölkerung, der sich "Teilhabe" im Sinne von Konsum und speziell Kulturkonsum leisten kann. Nirgends deutlicher als in den Städten zeigt sich das Auseinanderdriften der Milieus von Arm und Reich, die sich kaum noch als Teile einer Gesellschaft auf der Basis eines gemeinsamen Gesellschaftsvertrages verstehen. Zudem ist der öffentliche Raum der Innenstädte und Malls häufig gar nicht mehr öffentlich, sondern Privatraum von Wirtschaftsunternehmen, die öffentlichen Raum simulieren, um von dessen Versprechen von Freiheit, Glück und Emanzipation wirtschaftlich zu profitieren.[8] Ebenso wie die Produkte der Warenwelt wird die Stadt "mit Bedeutung aufgeladen", was dem Publizisten Robert Misik zufolge Merkmal einer sukzessiven "Kulturalisierung" ist.[9] Kultur wird dann "als ein Dienstleistungsangebot neben anderen begriffen (…) und nicht als Medium der Auseinandersetzung."[10] Stadtkultur sei jedoch "im Kern eine Auseinandersetzung um die Qualität von Stadt, um ein Bild vom richtigen Leben in der Stadt. Und an dieser Diskussion sind die Städter als Bürger beteiligt und nicht als Kunden."[11] Politische Bildung thematisiert die "Kapitalisierung der Kultur" für die "Kulturalisierung des Kapitals"[12] in diesem Zusammenhang unter den Stichworten Kulturkapitalismus, ästhetischer Kapitalismus oder Lifestyle-Kapitalismus und hält es für ein zentrales Bildungsziel, über das Nichtoffensichtliche im Bereich des Visuellen sowie über die Funktionsweisen kultureller Identitätspolitiken für bestimmte soziale Gruppen aufzuklären.

Gegenwärtig treten sowohl im Zuge der Kulturalisierungs- als auch der Flüchtlingsdebatte ungelöste gesellschaftliche Identitätskonflikte hervor. Dem Sozialpsychologen Andreas Zick zufolge ist in Deutschland das "Wir" noch immer inhaltlich mit Nationalstaatsgedanken und der Vorstellung einer homogenen Volksgemeinschaft besetzt.[13] Die Identitätsproblematik ist zwar so alt wie die Bundesrepublik, scheint aber neue Facetten zu zeigen. Viele wissenschaftliche Beobachterinnen und Beobachter bewerten Deutschland als eine gefestigte Demokratie, wenngleich die affektive Bindung an das politische System immer noch stark an ökonomische Effizienz gekoppelt ist.[14] Die autoritäre und totalitäre politische Vergangenheit war es, die Politik in Westdeutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zum Verzicht auf affektive Identifikationsangebote bewogen hat, obwohl solche wahrscheinlich einen Beitrag zu einem neuen Leitbild für ein gemeinsames "Wir" hätten leisten können. Hierbei handelt es sich um einen Ansatzpunkt für die politische Bildung, denn soziale Identität gründet sich gerade in der einwanderungsgeprägten Demokratie nicht auf Einheit durch Herkunft und Abgrenzung, sondern auf Pluralität, Konflikt und Diskurs. Es sind die Widersprüche und Unvereinbarkeiten, die den Charakter der Demokratie in der Gegenwart ausmachen und für das Salz in der Suppe eines in jeder Hinsicht sozial differenzierten Ganzen sorgen, das Lebensqualität für den Einzelnen bringt. Die liberale politische Theorie denkt soziale und politische Integration als eine Einigung auf gemeinsame politische "Spielregeln" bei gleichzeitiger Möglichkeit zum Ausleben des persönlichen "Guten", der kulturell unterschiedlich geprägten Lebensweisen, wobei diese Lebensweisen implizit und explizit in die Sphäre des Privaten verwiesen werden. Nach wie vor finden jedoch Demonstrationen, Arbeits- und Wahlkämpfe, Protestaktionen und symbolische Handlungen im öffentlichen Raum statt; Museen und andere Kultureinrichtungen können ihre gesellschaftlichen Funktionen nur durch die Generierung von Öffentlichkeit gewährleisten; Künstlerinnen und Künstler suchen nach öffentlicher Sichtbarkeit, und auch das kollektive und selektive Erinnern gehört zu Phänomenen, die sich schwer in den virtuellen Raum verlegen lassen. Schließlich sind unsere Städte Manifestationen des kollektiven Gedächtnisses; ihre Zerstörung – Dresden oder Aleppo – bereitet Menschen schmerzhafte Traumata, weil die Städte als unmittelbare Lebensräume Identifikation ermöglichen.

Schließlich ist der öffentliche Raum der Städte Austragungsort für spezifisch kulturelle Konflikte, die wiederum eng mit der Frage der Integration zusammenhängen. Kulturelle Konflikte artikulieren sich laut Siebel als Kämpfe um die öffentliche Präsenz von Symbolen.[15] Politik könne dabei unterstützen, die Sichtbarkeit von marginalisierten Gruppen zu erhöhen. Charakteristisch und funktional sei dabei, dass diese Konflikte Treibstoff des kulturellen Wandels und der Integration sind: Zwar wäre es etwa ein Zeichen der Integration des Islam, wenn dessen bauliche Symbole neben den bereits vorhandenen Gebäuden im Zentrum von Städten ihren Platz fänden. Aber es könne kein islamisch inspiriertes Bauen sein, das nicht angefochten worden sei und sich nicht mit der kulturellen Umgebung konstruktiv auseinandergesetzt habe. Solche Auseinandersetzungen und auch das dabei entstehende Neue sind Beobachtungsgegenstände politischer Bildung, zu deren Aufgaben die Thematisierung sozialer Transformation genauso gehört wie die "Übersetzung" von Zeichensystemen im Rahmen eines auf Kritikfähigkeit orientierten Bildungsprozesses.

Zwar sind sozialen Codierungen in den seltensten Fällen klare Bedeutungen zuzuweisen,[16] aber das Ermöglichen von Distanzierung und Aufklärung über die Funktionsweisen von Symbolpolitik und politischer Symbolik beziehungsweise Ikonik haben mittlerweile einen hohen Stellenwert im Rahmen einer Demokratiebildung, die sich an den Bedingungen medial vermittelter Politik ausrichten muss. Symbolpolitik in ihren plakativen Varianten war schließlich vor allem das Geschäft der autoritären wie totalitären politischen Systeme des 20. Jahrhunderts, und einige ihrer Protagonisten wie Wilhelm II., Adolf Hitler oder Walter Ulbricht hatten eine sehr starke Affinität zur Architektur, die sie durch enormen persönlichen Schaffenswillen im Bereich des Repräsentations- und sonstigen Staatsbaus auslebten.[17] Die Inszenierung von Politik als kulturelle Praxis in ihren modernen und zeitgenössischen Formen thematisiert die politische Bildung seit den 1990er Jahren. Die aufklärerische Seite der politischen Bildung im Sinne von Kulturkritik wird dabei vor allem dort gefordert, wo eine neue Qualität etwa insofern erreicht wird, als "schöner Schein"[18] beziehungsweise "Realitätsillusionen"[19] strategisch absichtsvoll erzeugt und Authentizität simuliert wird oder politische "Visualisierungsstrategien" zum Einsatz kommen, die politische Macht durch selektive und gestaltete "Sichtbarmachung" von bisher "Verborgenem" generieren sollen – bei gleichzeitiger gezielter Verschleierung anderer Bereiche. Hier kann politische Bildung die "vorherrschenden Sichtbarkeitsverhältnisse infrage" stellen.[20]

Dies ist allerdings nur eine Dimension einer Thematik, die mit den Begriffen eines iconic oder visual turn zusammenhängt. Zu beobachten ist ein zumindest langsam erwachendes Interesse der Sozialwissenschaft an dem Phänomen, das der Politikwissenschaftler Thomas Meyer mit dem Begriff "Revisualisierung der Kommunikations-Kultur" belegt, und das in Verbindung mit der Ästhetisierung der Kultur im Allgemeinen zu betrachten ist. Meyer spricht von der "Ästhetisierung der sozialen Welt" und des öffentlichen Raumes, die sich als "Dominanz des Visuellen gegenüber dem gesprochenen und geschriebenen Wort" äußert.[21] Ähnlich interessiert sich der Soziologe Andreas Reckwitz dafür, "sinnliche Wahrnehmungen soziologisch zugänglich zu machen", und betrachtet soziale Ordnungen auch als "sinnliche Ordnungen" oder "Sinnesregime" und untersucht die damit zusammenhängenden ästhetischen Praktiken.[22] Ein Schwinden der Trennlinie zwischen Ethik und Ästhetik aufgrund der Ästhetisierung des Sozialen hatte der Philosoph Wolfgang Welsch bereits in den 1990er Jahren festgestellt.[23] In eine theoretisch nicht ganz klare Beziehung rücken die Aktionskünstler vom "Zentrum für politische Schönheit" Kunst, Politik, Ethik und Ästhetik, indem sie politische mit moralischer Schönheit gleichsetzen und dabei auf den ästhetischen Wert humanistischer Politik zielen. Gründer Philipp Ruch formuliert zum Beispiel die These, "dass die höchste Form aller Künste, die es überhaupt geben kann, der Gipfel, gute und schöne Politik ist".[24] Zwar sind die jeweiligen Motive zur Auseinandersetzung mit Kultur, Ästhetik und Sinnlichkeit im Einzelnen unterschiedlich. Ähnlich wie die gegenwärtig zu beobachtende Revitalisierung der Religionen weisen sie jedoch darauf hin, dass die seit Max Webers These von der "Entzauberung der Welt" vorherrschende Auffassung von sozialer Modernisierung als Prozess sukzessiver Rationalisierung infrage gestellt werden muss, die auch für die politische Bildung in ihrer Aufklärungstradition maßgeblich war.[25]

Politische Bildung ist auf den Umgang mit den dort thematisierten sozialen Affekten als Signifikanten der Gegenwartskultur in dem Sinne nicht ausreichend vorbereitet, als sie die Phänomene zwar thematisieren, nicht aber im Rahmen ihrer methodischen Zugänge integrieren kann. Ihr Methodenrepertoire ist kognitiver Natur, das heißt es wird erklärt, argumentiert, diskutiert. Der idealtypische politische Bildner ist um Distanzierung, Objektivität und Neutralität bemüht; sein Anliegen ist die Analyse sowie die Vermittlung von Wissen, Urteilskompetenz und operationalen Fähigkeiten. Aus den politischen Indoktrinationspädagogiken des NS-Staates und der DDR hat er gelernt und den Bereich der Sinne und Emotionen sowohl als Gegenstandsbereich als auch im Rahmen der Didaktik und Methoden bisher weiträumig umschifft. Diese aus verständlichen Gründen vollzogene Selbstbeschränkung wird aufgrund des im Beutelsbacher Konsens formulierten "Überwältigungsverbotes" auch nicht aufgegeben werden, um das Interesse an beziehungsweise die Bedürfnisse der Menschen nach sinnlichem Erleben – auch der Bildung – zu moderieren.

Annäherung an die kulturelle Bildung

Dennoch gibt es aufgrund der auf den vorangegangenen Seiten skizzierten Tendenzen seit der Jahrtausendwende ein sich steigerndes Interesse an der kulturellen Bildung, für die es konstitutiv ist, Menschen auch emotional zu tangieren und Position zu beziehen. Deren Angebote einer Weltaneignung über eine ganzheitliche, sowohl affektive als auch kognitive und sinnliche Auseinandersetzung mit Kunst birgt oftmals eine Anziehungskraft und Tiefe, mit der politische Bildung nicht konkurrieren kann. Das hat auch damit zu tun, dass Demokratie in der Regel wenig Faszination bietet, sondern sehr mühsam ist. Weltaneignung seitens der politischen Bildung könnte aber den Weg suchen, zeitgenössische Kunst dort, wo sie als gesellschaftspolitisch relevant intendiert ist, stärker als bisher in den Fokus zu rücken. Kunst will, Kunst soll überwältigen und kann in ihrer auratischen Wirkung erlebt werden, bevor Bildungsprozesse Distanzierung schaffen, analysieren, interpretieren und generalisieren.

Die Annäherung zwischen den Protagonistinnen und Protagonisten der politischen und der kulturellen Bildung lässt sich vor allem seit der zweiten Dekade beobachten. Diese hatte bisher vor allem das Ziel, die Ansätze, Methoden, Qualitätskriterien und Zielsetzungen der jeweils anderen Profession kennen zu lernen, um Aspekte daraus im Rahmen der eigenen Arbeit fruchtbar zu machen. Angesichts der hohen Zuwanderungszahlen hat sie in den vergangenen Monaten deutlich an Intensität zugenommen. Denn kulturelle und politische Bildung sind immer dann gefragt, wenn der Begriff der Gesellschaft in einen geistigen Zusammenhang mit dem der Krise gestellt wird. Beide Bildungsansätze versuchen ihre bisherigen, oftmals recht eng gefassten Bildungsziele zu transzendieren. Die Akteure möchten eine größere gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und öffentlich, wenn nicht politisch wirksam werden. In der Regel wird praxisorientiert innerhalb von gemeinsamen Projekten zusammengearbeitet, Theoriedebatten oder gemeinsame didaktische Fachdiskurse werden bisher kaum geführt. Metadiskurse, beispielsweise im Kontext der Kongressreihen "Kinder zum Olymp!" oder der Kulturpolitischen Bundeskongresse, orientieren sich meist an bestimmten Zielsetzungen, die für beide Richtungen relevant sind und sich aus veränderten gesellschaftlichen oder politischen Rahmenbedingungen ergeben, wie etwa die Öffnung der Häuser für nichtakademische Zielgruppen. Wie sich an den aktuellen Diskussionen um das Humboldtforum abzeichnet, wird es in Zukunft vermutlich stärker um Fragen der Denationalisierung von Kultur, um Vergangenheitsbewältigung und Neuorientierung im Feld des Postkolonialen sowie um transkulturelle Bildung gehen.

Charakteristisch für diese Debatten ist, dass noch kaum über Methoden oder Struktur diskutiert wird, sondern um Fragen der "Haltung", um welche angesichts gewachsener Systeme von Organisation und Autorität zunächst "gerungen" werden muss. Dies ist innerhalb der politischen Bildung leichter, weil hier – trotz der gewollt vielfältigen Landschaft der Anbieter – seit den 1950er Jahren ein inner- und außerschulischer Fachdiskurs geführt wird, der eine Bereitschaft zu Selbstreflexion, Strukturwandel und Orientierung an politischen Weichenstellungen begünstigt. Das Feld der Anbieter kultureller Bildung ist dagegen sehr viel größer und heterogener, und ihre Zielsetzungen sind weniger klar eingegrenzt. Je nachdem, ob Künstler Kunst diskutieren oder Mitwirkung bei der Entstehung anbieten, ob Kulturpädagogen Kunst diskursiv in Kultureinrichtungen vermitteln oder ob Anbieter kultureller Bildung in künstlerische Felder einführen und beispielsweise Musik-, Tanz oder Bildende Kunst unterrichten – vorwiegend geht es bei der kulturellen Bildung um eine Auseinandersetzung mit Kunst in ihren Kontexten.

Das größte Missverständnis zwischen den Vertretern der kulturellen und der politischen Bildung besteht bei den sogenannten Sekundäreffekten der kulturellen Bildung: Kunst schafft nach Auffassung der kulturellen Bildner "Weltzugänge sui generis", die sich etwa von diskursiv-normativen Weltzugängen unterscheiden,[26] und bildet unvermittelt durch das Erlebtwerden. Aufgrund des historisch gewachsenen autonomen Charakters der Kunst ist dieser Vorgang als freigestellt von Zwecken zu denken. Bestrebungen der Bildungspolitik, die mit Losungen wie Kultur "macht stark", "verbessert Soft Skills", "fördert mathematisches Denken" verbunden sind, werden daher abgewehrt. Politische Bildung interessiert sich jedoch nur in klar abgesteckten Zusammenhängen für Kunst und kulturelle Bildung: Dort etwa, wo Künstler selbst gesellschaftspolitisch wirken wollen, Kritik formulieren, provozieren oder Handlungsoptionen aufzeigen, wird dies aufgegriffen, zur Diskussion gestellt und gegebenenfalls in Kontexte eingeordnet. Dort wo Kultureinrichtungen gesellschaftspolitische Fragestellungen wie etwa Zuwanderung bearbeiten, kann politische Bildung methodisch beraten, würde aber keinesfalls Einfluss auf das Kuratorische geltend machen. Möchten Anbieter Kunst "generieren", indem sie beispielsweise einen Film mit Geflüchteten erarbeiten, würde politische Bildung auf den Bildungsprozess blicken: Werden bestimmte Personen ausgegrenzt? Wird eine Meinung unterdrückt oder beeinflusst? Wird jemand überfordert? An diesem Beispiel verdeutlicht sich ein zweites Missverständnis zwischen den Professionen: Während politische Bildung ausschließlich "Bildung" im Auge hat und diese zunächst einmal frei von anderen "politischen" Zwecken stellt, haben die Anbieter kultureller Bildung oftmals noch andere drängende Aufgaben: Eine Ausstellung muss zu einem bestimmten Termin fertig werden; ein Stück muss auf die Bühne.

Möchte man das Trennende zwischen den Ansätzen akzentuieren, wie es die Mehrzahl der dazu publizierenden Autoren tut, dann ist die Liste deutlich länger als die der Gemeinsamkeiten. Die Gunst der Stunde sollte dennoch unbedingt genutzt werden, um die Potenziale einer Zusammenarbeit weiter zu erproben. Wesentlich wären gemeinsame Fachdiskurse, die eine Überarbeitung der Bildungskonzeptionen und deren Verbindung mit sozialen Integrationskonzeptionen verstetigen. Die gemeinsame Präsenz der demokratischen Akteure, Vereine, Verbände und Institutionen im öffentlichen Raum und ihre Beteiligung am und Einladung zum – kontrovers geführten – öffentlichen Diskurs könnte für Menschen aus anderen kulturellen und politischen Kontexten ein starkes Symbol für die Demokratie sein. Gelänge es darüber hinaus, gemeinsame Räume für eine kreative und auch künstlerische Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Zeitfragen zu schaffen und zu institutionalisieren, könnte die Frage nach dem "Wir", welche auch eine Frage nach der Substanz der Demokratie ist, möglicherweise anders gestellt werden als bisher: Es müssten vielleicht weder Feste oder Events lanciert werden, um der Demokratie zu Glanz zu verhelfen, noch Sinn erzeugt werden – sondern es wäre einfach Sinn da.
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Fußnoten

1.
So plädiert Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier im Rahmen des Review-Prozesses der deutschen Außenpolitik dafür, "eine Kulturpolitik (zu) gestalten, die über die Repräsentation, die Darstellung unseres Landes hinausgeht, die Kooperation ermöglicht und die die gemeinsame Arbeit an der Weltvernunft, die Koproduktion von Bildung, Wissen und Kultur zu ihrem Schwerpunkt macht und dadurch auch die Trennung von Innen und Außen zu überwinden hilft.", Rede bei der Konferenz des Goethe-Instituts "Dialog und die Erfahrung des Anderen", 23.2.2015, http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Reden/2015/150223-BM_Konf_GI.html« (18.4.2016). Zur Außenkulturpolitik siehe auch Jens Adams Beitrag in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Siehe Kulturpolitische Gesellschaft, Grundsatzprogramm, September 2012, http://www.kupoge.de/dok/programm_kupoge.pdf« (18.4.2016).
3.
Vgl. Max Fuchs, Kulturpolitik in Zeiten der Globalisierung, in: APuZ, (2003) 12, S. 15–20.
4.
Ebd. Wenn sich politische Bildung mit dem Anliegen, demokratisches Bewusstsein zu festigen, als Angebot zu demokratischer Persönlichkeitsbildung versteht, findet sie hier einen Anknüpfungspunkt für eine intensive Auseinandersetzung mit den Lebensweisen, ohne bereits kulturelle Konflikte als Gegenstand bemühen zu müssen.
5.
Ein Beispiel dafür ist das Projekt "Schule:Kultur!", das Niedersachsens Kultusministerium in Kooperation mit dem Landesministerium für Wissenschaft und Kultur und der Stiftung Mercator initiiert hat, das Schülerinnen und Schüler für kreatives Arbeiten und kulturelle Aktivitäten interessieren soll. Siehe http://www.mwk.niedersachsen.de/themen/kultur/kulturelle_jugendbildung/schulekultur/schulekultur-127886.html« (18.4.2016).
6.
Vgl. Walter Siebel, Die Kultur der Stadt, Berlin 2015, S. 285ff.; ders. im Gespräch mit Beatrix Novy, in: Deutschlandfunk, Kulturfragen, Sendung vom 26.12.2015.
7.
Ebd.
8.
Die Wirtschaftsunternehmen assoziieren beispielsweise an heterotopische Orte wie das 1780 errichtete Palais Royal in Paris, das Cafés und Restaurants sowie Geschäfte jeder Art in sich barg und in dem sich eine neue, öffentliche bürgerliche Freiheit jenseits der Feudalgesellschaft formieren konnte, die zukunftsweisenden, fast revolutionären Charakter hatte. Vgl. Aldo Legnaro/Almut Bierenheide, Die Mall als Ort kommoder Freiheit, in: Jan Wehrheim (Hrsg.), Shopping Malls. Betrachtungen eines neuen Raumtyps, Wiesbaden 2007, S. 261–276, hier: S. 263f.; Robert Misik, Das Kult-Buch. Glanz und Elend der Kommerzkultur, Bonn 2007, S. 64–79.
9.
R. Misik (Anm. 8), S. 31.
10.
W. Siebel (Anm. 6), S. 280; vgl. auch ders., Stadtkronenpolitik, in: Norbert Sievers/Ulrike Blumenreich/Patrick S. Föhl (Hrsg.), Jahrbuch für Kulturpolitik 2013, Bd. 13: Kulturpolitik und Planung, Bonn 2013, S. 55–60.
11.
Ders. (Anm. 6), S. 280.
12.
Vgl. R. Misik (Anm. 8), S. 62. Diesen Zusammenhang verdeutlicht er durch das plakative Beispiel des Zusammengehens des als "links" geltenden Stararchitekten Rem Koolhaas mit der Luxusmodemarke Prada beim Bau des New Yorker Flagshipstores: "Die Marke wird zum Kunstwerk, weil der Künstler, der selbst eine Marke ist, für sie arbeitet, wodurch er seine Markenidentität wiederum untermauert."
13.
Vgl. Andreas Zick im Gespräch mit Stefan Koldehoff, in: Deutschlandfunk, Kulturfragen, Sendung vom 5.9.2015.
14.
Vgl. Martin Greiffenhagen/Sylvia Greiffenhagen, Politische Kultur, in: Uwe Andersen/Wichard Woyke (Hrsg.), Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, 2013, http://www.bpb.de/202093« (18.4.2016).
15.
Vgl. hier und im Folgenden W. Siebel (Anm. 6).
16.
Vgl. diesbezüglich am Beispiel Mode Gertrud Lehnert, Mode. Theorie, Geschichte und Ästhetik einer kulturellen Praxis, Bielefeld 2013, S. 8.
17.
Vgl. Sabine Dengel, Untertan, Volksgenosse, Sozialistische Persönlichkeit: Politische Erziehung im Deutschen Kaiserreich, dem NS-Staat und der DDR, Frankfurt/M. 2005; Peter Reichel, Der schöne Schein des Dritten Reiches. Gewalt und Faszination des deutschen Faschismus, Hamburg 2006; Saul Friedländer, Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus, Frankfurt/M. 2007.
18.
Vgl. Herfried Münkler, Visualisierungsstrategien im politischen Machtkampf. Der Übergang vom Personenverband zum institutionellen Territorialstaat, in: ders./Jens Hacke (Hrsg.), Strategien der Visualisierung. Verbildlichung als Mittel der Kommunikation, Frankfurt/M. 2009, S. 21–51, hier: S. 40.
19.
Vgl. Thomas Meyer, Die Theatralität der Politik in der Mediendemokratie, in: APuZ, (2003) 53, S. 12–19, hier: S. 14.
20.
H. Münkler (Anm. 18), S. 40.
21.
Thomas Meyer, Visuelle Kommunikation und Politische Öffentlichkeit, in: H. Münkler/J. Hacke (Anm. 18), S. 53–69, hier: S. 53ff.
22.
Andreas Reckwitz, Sinne und Praktiken. Die sinnliche Organisation des Sozialen, in: Hanna Katharina Göbel/Sophia Prinz (Hrsg.), Die Sinnlichkeit des Sozialen. Wahrnehmung und materielle Kultur, Bielefeld 2015, S. 441–455, hier: S. 446.
23.
Vgl. Wolfgang Welsch, Die Aktualität des Ästhetischen, München 1993; siehe auch Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität – Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung, Berlin 2012; ders., Die Erfindung der Kreativität, in: Kulturpolitische Mitteilungen, (2013) 2, S. 23–34.
24.
Vgl. Phillip Ruch im Gespräch mit Jürgen Wiebicke, in: WDR 5, Das philosophische Radio, Sendung vom 4.3.2016.
25.
Unterstrichen wird dies etwa auch durch Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, Hamburg 2014; ders., Das Gefühl der Welt: Über die Macht von Stimmungen, München 2016; Hartmut Rosa, Eine Soziologie der Weltbeziehungen, Berlin 2016.
26.
Vgl. Rat für Kulturelle Bildung (Hrsg.), Zur Sache. Kulturelle Bildung: Gegenstände, Praktiken und Felder, Essen 2015, S. 99.
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