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Statue von Mao Zsedong in Henan kurz vor der Fertigstellung

3.6.2016 | Von:
Daniel Leese

Kulturrevolution in China: Ursachen, Verlauf und Folgen

Die "Große Proletarische Kulturrevolution" ragt wie ein erratischer Fremdkörper aus der Geschichte des Weltkommunismus im 20. Jahrhundert.[1] Kein anderer kommunistischer Parteiführer außer Mao Zedong setzte den Erfolg einer sozialistischen Staatsgründung scheinbar mutwillig aufs Spiel, indem er die Volksmassen zum Widerstand gegen "revisionistische" Tendenzen innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) selbst aufrief. Zeitgenössisch wurde die Bewegung von Vertretern der Moskau-treuen Linie als "Kinderkrankheit des Kommunismus" und als Ausdruck eines "wildgewordenen Kleinbürgertums" gebrandmarkt. Heute reicht das Spannungsfeld der Interpretationen der Kulturrevolution in den Extremen von Gleichsetzung mit dem Holocaust bis zur Verteidigung von Maos Absichten als letzten Versuch, alternative Formen politischer Repräsentation jenseits des bürokratischen Parteistaates zu etablieren.

Die enorme Divergenz der Interpretationen auch 50 Jahre nach Beginn der Bewegung verweist auf bis heute bestehende Defizite in der wissenschaftlichen Erforschung und politisch-gesellschaftlichen Aufarbeitung der Epoche. Auch wenn von einer gänzlichen Tabuisierung der Thematik in der Volksrepublik China nicht gesprochen werden kann, so ist der Rahmen offiziell zulässiger Einordnung durch eine im Juni 1981 verabschiedete Resolution zur Parteigeschichte klar vorgegeben. Kritische Diskussionen werden in der Öffentlichkeit unterbunden, und in Schulbüchern wird der Zeitraum so knapp behandelt, dass die Kulturrevolution für die jüngere chinesische Generation ähnlich fremd und von der eigenen Lebenswirklichkeit entrückt erscheint wie die Jungsteinzeit. Dieser Eindruck trügt jedoch: Ob als Schreckensszenario politischen Machtverlusts und bürgerkriegsähnlicher Gewaltorgien oder als nostalgisches Vorbild einer weitgehend egalitären Gesellschaftsordnung – das Erbe der Kulturrevolution prägt die chinesische Gegenwart auf vielfältige Weise.

Hintergründe und Ursachen

Die Hintergründe der Kulturrevolution sind von der Person Mao Zedongs und seiner Wahrnehmung der politischen Geschehnisse der 1950er und 1960er Jahre nicht zu trennen. Im Bereich der Außenpolitik waren es besonders die Entwicklungen in der Sowjetunion nach dem Tod Stalins 1953, die Maos Argwohn hervorriefen. Nikita Chruschtschows Abrechnung mit der Gewaltherrschaft Stalins in seiner Geheimrede auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) im Februar 1956 wurde von der chinesischen Seite als Vertrauensbruch und als schwerer politischer Fehler betrachtet, da hierdurch das sozialistische Lager als Ganzes in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dieses Misstrauen verstärkte sich, nicht zuletzt in Anbetracht der sowjetischen Propagierung der Möglichkeit einer friedlichen Überwindung des Kapitalismus und der scheinbaren Aufgabe des Klassenkampfes. Zum Bruch zwischen den Schwesterparteien kam es 1960, als die Sowjetunion ihre technischen Berater zurückzog, inklusive der Einstellung sowjetischer Unterstützung bei der Entwicklung einer chinesischen Atombombe. Ein offener ideologischer Schlagabtausch in den Jahren 1963/64 breitete die Differenzen vor der Weltöffentlichkeit aus. Die Entwicklungen in der Sowjetunion waren für Mao das alarmierende Beispiel, dass der Erfolg der sozialistischen Revolution mit der Staatsgründung 1949 keineswegs gesichert sei. Ein Rückfall in kapitalistische Denk- und Wirtschaftsweisen, zeitgenössisch als "Revisionismus" bezeichnet, erschien somit auch in der Volksrepublik China als potenzielle Gefahr.

Vor diesem Hintergrund verfolgte Mao Zedong die innenpolitischen Entwicklungen im Gefolge des desaströsen "Großen Sprungs nach vorne" (1958 bis 1961) zunehmend kritisch. Die zeitweilige Wiedereinführung von Marktprinzipien war ihm ebenso suspekt wie die Ansicht seines Nachfolgers Liu Shaoqi, dass vorwiegend politische Fehler zur Hungerskatastrophe geführt hätten und nicht widrige Wetterbedingungen. Auch Fragen des revolutionären Erbes und der politischen Loyalität beeinflussten Mao Zedongs Wahrnehmung eines zunehmend krisenhaften Zustandes der Partei. Die in der älteren Literatur vertretene Annahme, dass ein offener "Zwei-Linien-Kampf" innerhalb der KPCh die primäre Ursache der Kulturrevolution gewesen sei, muss als überholt gelten. Weder Staatspräsident Liu Shaoqi noch der einflussreiche Parteisekretär Deng Xiaoping stellten für Mao eine machtpolitische Gefahr dar. Trotz des Scheiterns des Großen Sprungs war Mao der unumstrittene Führer der KPCh.

Die Bedeutung ideologischer Motive für Maos Entscheidung, die Kulturrevolution zu entfachen, ist nicht zu unterschätzen. Er lieferte indessen keine Blaupause für die Bewegung und ließ auch engste Vertraute im Unklaren über seine eigentlichen Absichten. Ab 1962 betonte Mao öffentlich die fortdauernde Bedeutung des Klassenkampfes und sprach vage von "neuen bourgeoisen Elementen", die auch nach der sozialistischen Revolution bekämpft werden müssten. Er ließ allerdings offen, inwiefern es sich hierbei nur um Vertreter alter Eliten handelte, die bei bisherigen Säuberungen nicht entdeckt worden seien. 1965 stieß er erstmals eine ungleich radikalere Deutung an, als er feststellte, dass in einigen Regionen Chinas eine "Bürokratenklasse" dem Volk feindselig gegenüberstehe. Dieses Postulat der Parteibürokratie als Nährboden einer neuen, "funktionalen" Bourgeoisie, die ihre Privilegien nicht länger aus Grundbesitz, sondern mittels der Verfügung über staatliche Ressourcen sicherte, wies eine gänzlich andere Stoßrichtung auf. Gegenüber Kadern aus ländlichen Regionen betonte Mao gar die Notwendigkeit der Rebellion gegen die Parteizentrale, wenn dort Revisionismus aufkommen sollte. Mao löste die Frage nach den Ursachen für die Entstehung des Revisionismus im Verlauf der Bewegung nicht auf. Aus der daraus resultierenden Ambiguität speiste sich ein Deutungskonflikt hinsichtlich der Ziele der Bewegung, den Mao Zedong in der Folgezeit in die eine oder andere Richtung zu lenken verstand und der gleichzeitig die Bewertung der Periode bis heute prägt.

Neben der Partei stand insbesondere die chinesische Jugend im Zentrum von Mao Zedongs Aufmerksamkeit. Mithilfe der Kulturrevolution erhoffte er sich eine "Immunisierung" der jungen, zumeist ohne Kriegs- oder Revolutionserfahrung aufgewachsenen Generation, die seine Ideale auch nach seinem Tod aufrechterhalten sollten. Die später als Rotgardisten bekannt gewordenen Zusammenschlüsse von Jugendlichen hatten aber auch andere Gründe, gegen die bestehende Gesellschaftsordnung zu rebellieren. Die Kategorisierung jedes Einzelnen auf Basis der vorrevolutionären Besitzstandsverhältnisse beziehungsweise in den Städten nach Erwerbsart in vorwiegend sozial definierte Klassen, von denen einige als vorteilhaft ("rote Klassen"), andere als negativ ("schwarze Klassen") gewertet wurden, perpetuierte sich durch Übertragung der Kategorien auf die Folgegenerationen. Der sogenannte Familien- oder Klassenhintergrund spielte eine entscheidende Rolle bei Fragen des Zugangs zu Schulen und Universitäten, bei der Wohnungszuteilung oder auch bei der Frage der Wahl eines geeigneten Ehepartners. Anders als in der oft nostalgischen Rückschau wahrgenommen, war die frühe Volksrepublik ein Staat mit ausgeprägten Sozialhierarchien. Bei Nachkommen vormaliger Feindesklassen führte diese Stigmatisierung zu erheblichem Rebellionspotenzial. Auch in den Fabriken hatte sich Unmut über die zunehmenden Differenzierungen zwischen festbeschäftigten Facharbeitern mit sozialer Absicherung und temporär Beschäftigten in prekären Arbeitsverhältnissen aufgestaut, vom großen Stadt-Land-Gefälle nicht zu sprechen. Soziale Konflikte bestanden somit in unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft fort und traten nach Schwächung der Parteidiktatur zu Beginn der Kulturrevolution offen zutage.

Wenngleich die Kulturrevolution ohne die Person Mao Zedongs nicht denkbar ist, so hätte die Bewegung ohne die Existenz grundlegender Konflikte in der chinesischen Gesellschaft wohl kaum ihre gewaltsame Eigendynamik entwickelt. In der Kulturrevolution vermischten sich politische Machtfragen und Visionen alternativer Herrschaftsmodelle an der Spitze des Staates mit Protesten gegen strukturelle gesellschaftliche Ungerechtigkeiten von unten, was die explosive Gemengelage und den oft anarchisch erscheinenden Charakter der Bewegung erklärt.

Destabilisierung der Parteielite

Als Anlass der Kulturrevolution gilt gemeinhin die Kritik an einem Theaterstück im November 1965. In "Hai Rui wird aus seinem Amt entlassen" hatte der Beijinger stellvertretende Bürgermeister Wu Han einem aufrechten Beamten des Kaiserreichs ein literarisches Denkmal gesetzt, der es gewagt hatte, dem Kaiser unerschrocken über die wahren Zustände im Lande zu berichten. Ursprünglich auf Mao Zedongs expliziten Wunsch zur Kritik an geschönten Statistikmeldungen während des Großen Sprungs verfasst, ließ Mao das Stück nun von loyalen Propagandisten kritisieren, zunächst aufgrund der angeblichen Verneinung der unterdrückten Klassen als treibende Kraft der Geschichte, später aufgrund einer vermeintlich allegorischen Kritik. So wurde die Figur des Hai Rui im Nachhinein zum Symbol für den 1959 aufgrund seiner Kritik am Großen Sprung geschassten vormaligen Verteidigungsminister Peng Dehuai uminterpretiert. Ziel dieser Attacke war in erster Linie Wu Hans Vorgesetzter, der mächtige Beijinger Bürgermeister Peng Zhen.

Trotz aller ideologischen Motive Mao Zedongs für die Entfesselung der Kulturrevolution kann kein Zweifel darüber bestehen, dass er die Bewegung durch taktische Winkelzüge gegen potenzielle Kritiker seiner Pläne gewissenhaft vorbereitete. Zwischen November 1965 und Mai 1966 wurden neben Peng Zhen und seinen Untergebenen auch zentrale Führungsfiguren in den Bereichen Propaganda, Organisation und Militär aus fadenscheinigen Gründen entmachtet und durch loyale Paladine Maos ersetzt. Neben die offiziellen Parteiinstitutionen traten zunehmend ad hoc gebildete Kommissionen und Führungsgruppen, deren Machtbasis einzig auf der Unterstützung durch Mao beruhte.

Formell wurden die Putsche auf einer erweiterten Politbürositzung im Mai 1966 bestätigt, die häufig als Beginn der eigentlichen Kulturrevolution gewertet wird, da hier ein programmatisches Dokument, die "Mitteilung des 16. Mai", verabschiedet wurde. Öffentlich gemacht wurde die Mitteilung allerdings erst ein Jahr später. Das Dokument zeichnete ein düsteres Bild der aktuellen Situation. In einer von Mao persönlich eingefügten Passage wird von "bourgeoisen Elementen" gesprochen, die bestrebt seien, die Diktatur des Proletariats umzustürzen: "Einige von ihnen haben wir bereits erkannt, andere noch nicht." Wachsamkeit und Misstrauen dienten demzufolge als Garanten für die Enttarnung revisionistischer Schläfer in den kommunistischen Reihen.

In angespannter Atmosphäre präsidierte der gerade erst von einer Auslandsreise zurückgekehrte Liu Shaoqi in Abwesenheit Maos über die aus der Luft gegriffenen Vorwürfe gegen die angeblichen Putschisten um Peng Zhen. Den Ton prägte Verteidigungsminister Lin Biao mit einer Rede, in der er die Schriften und Aussprüche Mao Zedongs zum einzigen Wahrheitskriterium erhob: "Jeder Satz Mao Zedongs ist die Wahrheit. Ein Satz von ihm übertrifft zehntausend Sätze von uns." Überdies zog er eine Parallele zur Entstalinisierungspolitik Chruschtschows und warnte eindringlich vor ähnlichen Versuchen. Jeder Kritiker Maos müsse von der gesamten Nation zur Rechenschaft gezogen und hingerichtet werden.

Zeitgleich mobilisierte Mao Zedong die Jugend gegen "reaktionäre akademische Autoritäten", indem er in Zeitungsartikeln zur Kritik an altem Denken, alten Sitten und Gebräuchen und alter Kultur aufrufen ließ. Die im Frühsommer 1966 einsetzenden tumultartigen Konflikte an Schulen und Universitäten warfen zahllose Fragen über die Ziele und die Richtung der Bewegung auf, aber Mao zog es bewusst vor, die Parteiführung im Unklaren über seine Pläne zu belassen. Die Führung entschied sich daraufhin, die Bildungseinrichtungen durch die Entsendung von Arbeitsgruppen zu befrieden, eine Maßnahme, die Mao später zum Anlass nahm, um Liu und Deng der Unterdrückung der Studentenbewegung zu bezichtigen. Schon bald machten sich chaotische Zustände in Chinas Bildungseinrichtungen breit, als je nach Lokalität die Arbeitsgruppen die zentralen Vorgaben mehr oder minder konsequent umsetzten.

Im Sommer 1966 zog sich Mao Zedong zunächst weiter aus der Tagespolitik zurück und plante seine nächsten Schritte. In einem berühmten Brief an seine Frau Jiang Qing beschrieb er die Gefahr, dass nach seinem Tod in China die Wiedereinführung des Kapitalismus drohe und die Kulturrevolution daher als "Übungsmanöver" gegen den drohenden Umsturz dienen und alle sieben bis acht Jahre wiederholt werden solle. Der Kult um seine Person, der insbesondere von Lin Biao im Militär aufgebaut worden sei, entspreche zwar nicht seinen eigenen Überzeugungen und habe auch nicht seine Billigung erfahren, aber wenn er der Abwehr des Gespensts des Kapitalismus diene, wie er mit Rückgriff auf den mythischen Dämonenbändiger Zhong Kui argumentierte, so füge er sich dieser Instrumentalisierung seines öffentlichen Bildes. In Anspielung auf klassische Texte bezeichnete er die Kulturrevolution als Phase des "großen Chaos unter dem Himmel", welche allerdings auf die Errichtung eines Zustands "großer Ordnung" abziele.

Ende Juli 1966 kehrte Mao nach einer triumphal inszenierten körperlichen Leistungsschau bei einem Schwimmen im Yangzi-Fluss nach Beijing zurück. Er kritisierte die Parteiführung scharf für die angeblichen Fehler bei der Umsetzung seiner Vorstellungen. Im "16-Punkte-Programm" vom 8. August 1966 erhielt die Bewegung ein ebenso vages wie widersprüchliches Manifest, das gleichermaßen zur Rebellion gegen bourgeoise Autoritäten und "Personen in der Partei, die den kapitalistischen Weg gehen" aufrief, gleichzeitig aber zentrale Bereiche wie Wirtschaft oder Militär von der Kritik ausnahm. Das Dokument propagierte letztlich eher eine Reform als eine Revolution des gesamten Überbaus, die die Menschen "in ihren Seelen" berühren und von gesellschaftlichen Mentalitäten über den Bereich der Kultur bis hin zu politischen und staatlichen Institutionen reichen sollte. Hierdurch erhoffte sich Mao, das Wiederaufkommen kapitalistischer Strömungen in der Volksrepublik effektiv zu verhindern.

Fußnoten

1.
Für ausführliche Quellen- und Literaturnachweise vgl. Daniel Leese, Die Chinesische Kulturrevolution, 1966–1976, München 2016.
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Autor: Daniel Leese für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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