Statue von Mao Zsedong in Henan kurz vor der Fertigstellung

3.6.2016 | Von:
Daniel Leese

Kulturrevolution in China: Ursachen, Verlauf und Folgen

Kulturrevolution

Mit der Verabschiedung des 16-Punkte-Programms und der Rückkehr Mao Zedongs in das Zentrum der Macht begann die Hauptphase der Kulturrevolution, die sich von August 1966 bis in den Herbst 1968 erstreckte. Die Phase ist gekennzeichnet von einer direkten Massenmobilisierung, einerseits mithilfe der Medien und des Mao-Kults, andererseits durch persönliche Einflussnahme von Führungspersönlichkeiten in Beijing, die versuchten, die Bewegung durch direkte Kontakte mit Vertretern gesellschaftlicher Gruppen oder regionalen Führern in ihrem Sinne zu lenken. Zu den bekanntesten Beispielen der Mobilisierung zählen die acht "Massenbegegnungen", die im zweiten Halbjahr 1966 an verschiedenen Orten in Beijing organisiert wurden. Unter frenetischem Jubel absolvierte Mao schweigende Auftritte auf dem Tor des Himmlischen Friedens oder bei Rundfahrten in einem offenen Militärfahrzeug. Rund zwölf Millionen Menschen huldigten dem "Großen Lehrer, großen Führer, großen Oberbefehlshaber und großen Steuermann" der chinesischen Revolution und trugen den Aufruf zur kulturellen Revolution bis in die entferntesten Winkel des Landes.

Treibende Kraft in den ersten Monaten der Kulturrevolution waren die Rotgardisten, zumeist Schüler und Studierende in den großen Städten, die sich, angestachelt durch Aufrufe führender Politiker, durch Zerstörungen von Kulturgütern und brutale Misshandlungen von vermeintlichen Klassenfeinden hervortaten. Bereits Anfang August 1966 hatten Schülerinnen an dem von Töchtern der Parteielite besuchten Gymnasium der Pädagogischen Hochschule Beijing die stellvertretende Schulleiterin Bian Zhongyun brutal erschlagen. Viele weitere Gewaltakte folgten in den Wochen des "roten Terrors", dem von staatlichen Polizeibehörden kein Einhalt geboten wurde. Der Minister für Öffentliche Sicherheit Xie Fuzhi ließ sich gar mit der Aussage zitieren, dass das Erschlagen von Klassenfeinden "im Affekt" keine strafbare Handlung darstelle. Zahlreiche Kritikopfer, darunter prominente Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Lao She, entzogen sich dem Furor durch Selbstmord. Viele Rotgardisten reisten auf Staatskosten durch das Land, um die Ideale der Kulturrevolution zu verbreiten und ihre eigenen "Revolutionserfahrungen" zu sammeln. Maos Heimatort Shaoshan oder berühmte Orte der kommunistischen Parteigeschichte wurden zu Wallfahrtsorten eines Revolutionstourismus.

Die Rotgardisten-Bewegung war weder sozial homogen noch einheitlich in ihren Zielen. Konflikte um den Klassenhintergrund der jeweiligen Mitglieder waren ebenso an der Tagesordnung wie divergierende Interessen, basierend auf persönlichen Erfahrungen oder der Einflussnahme vonseiten politischer Führungspersönlichkeiten. Hierbei taten sich insbesondere die Mitglieder der Zentralen Gruppe Kulturrevolution hervor, eines zwischen 1966 und 1969 äußerst einflussreichen Zusammenschlusses radikaler Kräfte um Maos Frau Jiang Qing, die die Bewegung durch persönliche Kontakte zu steuern versuchten. Ihre Kritik zielte nicht zuletzt auf die vormals einflussreichen Führer Liu Shaoqi und Deng Xiaoping, die im Oktober 1966 offiziell aus ihren Machtpositionen entfernt worden waren und in den folgenden Monaten als zentrale Ziele öffentlicher Kritik herausgestellt wurden. Liu Shaoqi sollte die Angriffe nicht überleben. Deng Xiaoping, von dessen Fähigkeiten Mao eine hohe Meinung hatte, verbrachte die Folgezeit als Arbeiter in einer Traktorenfabrik.

Die Rotgardisten-Bewegung hat durch das medienwirksame Bild jugendlicher Revolution und auch später durch die Darstellung des brutalen Terrors in lebensgeschichtlichen Erinnerungen die öffentliche Wahrnehmung der Kulturrevolution lange Zeit geprägt. Die unmittelbare Gewalterfahrung und das rücksichtslose Durchbrechen von Werten wie dem Respekt vor Älteren trugen zweifellos zur Prominenz dieser Phase in der biografischen Literatur bei. Hierbei gerät aber leicht in den Hintergrund, dass die meisten Opfer der Kulturrevolution erst in den Jahren 1968 bis 1970 zu beklagen waren. Rund drei Viertel der Todesopfer und rund 90 Prozent der politischen Verfolgungen der Kulturrevolution gingen nicht auf rotgardistischen Terror oder Fraktionskämpfe zurück. Vielmehr waren es staatliche Akteure in Form von Milizen, Armeeeinheiten oder Organen der öffentlichen Sicherheit, die die Hauptverantwortung für die etwa 1,7 Millionen Todesopfer der Kulturrevolution sowie politische Verfolgungen im zweistelligen Millionenbereich trugen.

Ab dem Herbst 1966 verbanden sich die Rotgardisten-Gruppierungen zu losen Großallianzen mit breiterer sozialer Basis. Im Dezember 1966 gestattete die Parteiführung auch offiziell die Bildung von revolutionären Zusammenschlüssen unter Beteiligung von Arbeitern und Bauern. Hierbei handelte es sich um einen gewagten Schritt Maos, da trotz der Vorgabe, dass die Produktion nicht unter der Revolution leiden dürfe, die Steuerungsfähigkeit der Bewegung durch die in den Grundfesten erschütterte Partei deutlich eingeschränkt wurde. China geriet damit an den Rand eines von Mao selbst provozierten Bürgerkriegs, insbesondere als im Januar 1967 mit seiner Billigung landesweit zu Machtübernahmen durch revolutionäre Kräfte aufgerufen wurde.

Die Machtübernahmen gestalteten sich regional sehr unterschiedlich. Am meisten Aufsehen erlangten die Geschehnisse in Shanghai, wo unter Führung der radikalen Politiker Zhang Chunqiao und Yao Wenyuan zunächst eine Kommune nach dem Pariser Vorbild des Jahres 1871 ausgerufen wurde. Die wachsenden Konflikte bewogen Mao Zedong jedoch dazu, im Februar 1967 zu intervenieren und das Kommunekonzept abzulehnen: "Kann etwa die Kommune die Partei ersetzen? (…) Man braucht einen Kern, ganz egal wie der sich nennt." Als es ernst wurde mit der Etablierung alternativer Herrschaftsstrukturen, schreckte Mao vor einer Schwächung der Rolle der KPCh zurück, ungeachtet seiner vormaligen Kritik an bürokratischen Auswüchsen. Stattdessen favorisierte er das Modell der Revolutionskomitees, demzufolge revolutionäre Vertreter der Massen gemeinsam mit revolutionären Kadern und Armeeangehörigen die Macht übernehmen sollten. Die Armee stellte sich bald als die maßgebliche Kraft der neuen politischen Institutionen heraus. Auch wichtige Infrastruktur, das Bankwesen, sogar ganze Provinzen wurden unter Militärkontrolle gestellt. Folglich warben Vertreter konkurrierender Rebellenorganisationen um militärische Unterstützung. Das Militär wiederum hatte die Vorgabe erhalten, nur "echte" Revolutionäre zu unterstützen, wobei das Entscheidungsrecht der Parteizentrale vorbehalten war. Die unklaren Kriterien des militärischen Engagements sorgten dafür, dass sich in den meisten Provinzen die Konflikte im Verlauf des Frühjahrs 1967 verschärften.

Die Auseinandersetzungen kulminierten im Juli 1967 im sogenannten Wuhan-Zwischenfall, einem zentralen Wendepunkt der Kulturrevolution. In der Yangzi-Metropole war es zur Bildung zweier großer Massenorganisationen gekommen, von denen eine die Unterstützung des lokalen Militärs genoss. Als die Parteizentrale sich entschloss, die konkurrierende Fraktion zu unterstützen, kam es zu Ausschreitungen, und Abgesandte der Parteizentrale wurden verschleppt und misshandelt. Die Gefahr einer Militärrevolte hing über der Stadt, in der sich zufällig auch Mao Zedong aufhielt. Letztlich gelang es verblüffend rasch, die lokale Militärführung von Maos Unterstützung der Entscheidung zu überzeugen, worauf der Widerstand in sich zusammenfiel.

Mit dem Wuhan-Zwischenfall erreichte die Kulturrevolution einen letzten Höhepunkt radikalen Experimentierens. Mao Zedong beschloss, Vertreter als loyal befundener Massenorganisationen zu bewaffnen und ließ Schusswaffen aus staatlichen Beständen aushändigen. Parallel versorgten sich Rebellengruppierungen aber auch auf illegalem Wege mit Waffen und Munition, etwa von für den Vietcong bestimmten Zügen, sodass es zu zahllosen bewaffneten Auseinandersetzungen kam, die oft mit Holzknüppeln, teilweise aber auch unter Einsatz schwerer Artillerie und Boden-Luft-Raketen ausgefochten wurden. Im Nordosten Chinas experimentierten Gruppierungen sogar mit radioaktiven Sprengsätzen. Die radikale Linke attackierte unterdessen die konservative Haltung des Militärs und forderte eine Kulturrevolution auch in der Armee, was zu heftigen Konflikten zwischen der Zentralen Gruppe Kulturrevolution und dem Lager um Verteidigungsminister Lin Biao führte.

In Anbetracht der zerfallenden staatlichen Ordnung entschied sich Mao für einen radikalen Kurswechsel. Er untersagte die Attacken auf das Militär als letztem herrschaftsstabilisierenden Faktor der Parteidiktatur und stellte eine Reihe jüngerer Mitglieder der Zentralen Gruppe Kulturrevolution als Sündenböcke heraus, um "ultralinkes" Gedankengut zu kritisieren. Zudem forderte er die landesweite Einführung von Revolutionskomitees. Die Umsetzung dieser unter dem Titel "großer strategischer Plan" propagierten Maxime war ein komplexer Prozess, der sich in Abhängigkeit von lokalen Machtverhältnissen vollzog und vereinzelt noch bis in den September 1968 dauerte. Die Bildung der Revolutionskomitees ging einher mit intensiv ausgefochtenen Konflikten um Macht, Einfluss und Ideologie. Hierbei bemühten sich alle Parteien, jeweils als treueste Anhänger Mao Zedongs zu erscheinen. Folglich erlebte der Kult um Mao Zedong in dieser Phase seinen Höhepunkt. Statuen wurden errichtet, häufig ohne Billigung der Parteizentrale, die Alltagssprache wurde mit Zitaten aus dem "kleinen roten Buch" durchsetzt, jede Handlung symbolisch aufgeladen, da es zumeist keine harten Kriterien der Unterscheidung von vermeintlichen Mao-Gegnern oder -Anhängern gab. Um einige Dutzend Mangos, die Mao als Ausdruck seiner Unterstützung an Vertreter Beijinger Fabriken geschickt hatte, entwickelte sich ein veritabler eigener Kult, der die Absurdität der politischen Zustände treffend illustriert.

Im Juli 1968 machte Mao Zedong den prominentesten Führern der Rotgardisten und großen Rebellenverbänden in Beijing unmissverständlich klar, dass das Volk genug von Konflikten und Bürgerkrieg habe und ihre Zeit als gesellschaftliche Avantgarde daher abgelaufen sei. Sogenannte Arbeiter-Bauern-Propagandagruppen wurden in die Hochschulen geschickt, um wieder für Ordnung zu sorgen. Die Rotgardisten wurden hingegen landverschickt, häufig in Grenzregionen, wo sie unter harschen Bedingungen von den Bauern in körperlicher Arbeit angeleitet werden sollten. Rund 17 Millionen städtische Jugendliche betraf diese Umerziehungsmaßnahme in den Jahren zwischen 1968 und 1980. Mit der Etablierung der Revolutionskomitees und der forcierten Landverschickung der Roten Garden endete die Kulturrevolution im Sinne der Maximen des 16-Punkte-Programms. In den folgenden Monaten stabilisierten die neuen Machtorgane ihre Position durch massive Säuberungskampagnen und pervertieren die vormals propagierten Ideale einer von der Jugend getragenen Revolution gegen altes Denken sowie autoritäre Parteistrukturen.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Daniel Leese für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Publikationen zum Thema

Länderbericht China

Länderbericht China

Die Volksrepublik China ist zur Weltmacht aufgestiegen. Kenntnisse der geschichtlichen, politischen,...

Coverbild Maos Großer Hunger

Maos Großer Hunger

Der von Mao Zedong initiierte "Große Sprung nach vorne" sollte China zu den großen Industrienation...

Zum Shop

Eine Menge von Menschen sind zu Fuß in Fußgängerzone von Shanghai unterwegs. Chinas jährliches patriotisches Fest, die Feier des 52. Jahrestag des National Day startete in China am Montag.
Dossier

China

Zum 60. Jahrestag der Volksrepublik zeigt sich das bevölkerungsreichste Land der Erde im Spannungsfeld zwischen Menschenrechtsverletzungen, Zensur, umstrittener Minderheitenpolitik und einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte.

Mehr lesen