Statue von Mao Zsedong in Henan kurz vor der Fertigstellung
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Schwierige Erinnerung: 40 Jahre Ringen um gesellschaftlichen Konsens


3.6.2016
Außerhalb der Volksrepublik (VR) China scheint weitgehend Konsens darüber zu bestehen, dass es der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) gelungen sei, eine Diskussion über die Kulturrevolution, die nach offizieller Periodisierung 1966 begann und 1976 endete, zu unterdrücken und diese Phase der chinesischen Zeitgeschichte der Vergessenheit anheim zu geben. Ein genauer Blick auf die Verhältnisse zeigt jedoch, dass diese Auffassung auf einem Vorurteil beruht. Nicht nur ist die Kulturrevolution für alle, die an ihr beteiligt waren, von herausragender Bedeutung, weshalb in allen gesellschaftlichen Bereichen spätestens seit 1976 beziehungsweise seit der Entmachtung der sogenannten Viererbande um die Mao-Witwe Jiang Qing genauso viel diskutiert und erinnert wird wie unter den Heimkehrern aus dem Zweiten Weltkrieg in Europa. Auch die KPCh hat versucht, die Bevölkerung in eine von ihr dominierte Aufarbeitung der Kulturrevolution einzubeziehen und ihr in diesem Zusammenhang einen offiziellen Blick auf die "Zehn Jahre des Chaos" vorzuschreiben.

Bücher und Artikel über die Kulturrevolution, die in chinesischer Sprache seit 1976 erschienen sind, füllen Regale in Bibliotheken wie der des berühmten John K. Fairbank Centers for Chinese Studies an der Harvard University. In den vergangenen Jahren findet man zudem unzählige Stellungnahmen zur Kulturrevolution im chinesischsprachigen Internet, und nicht wenige literarische Werke sowie Filme aus der VR China beschäftigen sich direkt oder indirekt mit den Ereignissen der Zeit zwischen 1966 und 1976. Je mehr die Kulturrevolution in der chinesischen Gesellschaft diskutiert wird, umso mehr muss die Führung der KPCh erkennen, dass es ihr nicht gelungen ist, die Erinnerung zu dominieren. So greift sie zum Mittel der Tabuisierung und kann auch diese nicht durchsetzen. 40 Jahre nach dem Ende der Kulturrevolution hat die Gesellschaft in der VR China noch keinen Konsens zur Erinnerung an diese Phase gefunden. Stattdessen ist die Erinnerung fragmentiert und geprägt von einander gegenseitig bekämpfenden Fraktionen. Empathie oder Respekt für die Opfer ist keineswegs selbstverständlich, die Bestrafung der Täterinnen und Täter wurde nicht flächendeckend vorgenommen. Versöhnung ist so kaum möglich. Der chinesische Philosoph und Kulturrevolutionsforscher Xu Youyu hat schon vor vielen Jahren die Frage gestellt, wie es möglich sein kann, dass die Aktivisten der damaligen Zeit so wenig Empathie für ihre Opfer zeigen und es nicht wagen, der Vergangenheit ins Auge zu sehen.[1]

Dabei ist zwischen offiziellem und inoffiziellem Diskurs zu unterscheiden, wobei zwischen beiden ein scharfer Wettbewerb um die Diskurshoheit besteht. Daneben muss man jedoch auch erkennen, dass öffentlicher und privater Diskurs koexistieren, manchmal in der Erinnerung ein und derselben Person. Nach derartigen bürgerkriegsähnlichen Ereignissen hat es auch außerhalb der VR China unter anderen politischen Systemen lange gedauert, bis ein gesellschaftlicher Konsens gefunden werden konnte. Die Tatsache, dass die Kulturrevolution in der Erinnerung derjenigen, die an ihr teilnahmen, lebendig ist und immer mehr junge Menschen Interesse an dieser Diskussion finden, sollte als Zeichen einer gesellschaftlichen Dynamik gewertet werden, die sich dem Blick von außen auf die Verhältnisse in der VR China zu selten öffnet. Wenn wir uns also genauer mit der Erinnerung an die Kulturrevolution in der VR China auseinandersetzen, erkennen wir plötzlich, was viele für unmöglich erachten: die Existenz einer starken und selbstbewussten, wenn auch zerrissenen Gesellschaft sowie eines Staates, der trotz seines Glaubens an die Allmacht der Propaganda die Gedanken der Bevölkerung nicht zu beherrschen vermag.[2]

"Zehn Jahre des Chaos": Parteioffizielle Geschichtsschreibung



Am 1. Juli 1981, fünf Jahre nach dem Tod Mao Zedongs, veröffentlichte das Parteiorgan der KPCh den "Beschluss über einige Fragen der Geschichte der KPCh seit Gründung der VR China".[3] In ihm wurde ein Resümee der Geschichte seit 1949 gezogen und insbesondere eine Bewertung der Kulturrevolution und der Rolle, die Mao in ihr spielte, vorgenommen. Zusammenfassend spricht man heute von der "totalen Negierung" der Kulturrevolution und bezieht sich dabei auf das Diktum der Resolution von 1981, wonach die Kulturrevolution als "links-opportunistischer Fehler" zu kritisieren sei. Dabei wird zwar hervorgehoben, dass Mao mit seinen Theorien zur Weiterführung des Klassenkampfes im Sozialismus und zur ununterbrochenen Revolution die theoretische Grundlage für diesen Fehler gelegt habe. Zugleich wird aber auch darauf verwiesen, dass im Mai 1966 das Zentralkomitee einstimmig dem Vorschlag gefolgt sei, die Kulturrevolution einzuleiten. Im weiteren Verlauf habe die "Viererbande" die Vorstellungen Mao Zedongs jedoch missinterpretiert und einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass die Massenbewegung chaotische Züge annahm. Hierbei habe eine Rolle gespielt, dass große Teile der Bevölkerung an der Bewegung teilgenommen und die Machenschaften der Bande um Maos Frau nicht durchschaut hätten.

Die Resolution vermeidet eine eindeutige Benennung von Tätern und Opfern. Stattdessen werden alle für verantwortlich erklärt; Bedauern gegenüber den Opfern wird genauso wenig zum Ausdruck gebracht wie eine eindeutige Ablehnung der menschenverachtenden Gewalt. Dabei wurde der Beschluss zu einem Zeitpunkt gefällt, da Deng Xiaoping – eines der prominentesten Opfer der Kulturrevolution – die Partei de facto bereits führte und mit ihm viele der während der Kulturrevolution ausgeschalteten Politiker wieder in die höchsten Gremien der Partei eingerückt waren. Es wäre ihnen, so könnte man meinen, ein Leichtes gewesen, Opfer und Täter beim Namen zu nennen.

Dass sie dies nicht taten, hat mindestens zwei Gründe. Mao hatte einmal gesagt, die Kulturrevolution sei eine von zwei großen Errungenschaften seines Lebens.[4] Wäre die "totale Negierung" so weit gegangen, die Kulturrevolution nicht nur als einen "links-opportunistischen Fehler", sondern gar als ein Verbrechen zu qualifizieren, hätte dies bedeutet, dass die Partei von ihrem "großen Steuermann" gänzlich hätte abrücken müssen. Das aber wollte niemand zum damaligen Zeitpunkt. Die Opfer an der Spitze der KPCh waren ehemalige Kampfgenossen Mao Zedongs. Sie hatten ihn zum unangefochtenen Parteiführer gemacht, den Personenkult zugelassen und sich seinen theoretischen Eskapaden nie widersetzt. Sie fühlten sich ihm auf Gedeih und Verderb verbunden und wagten es nicht, dem Beispiel der Kommunistischen Partei in der Sowjetunion zu folgen und sich von Mao so radikal loszusagen, wie dies Chruschtschow 1956 gegenüber Stalin getan hatte. Schließlich stand er für den Sieg der chinesischen Revolution, und dieser war und ist die Grundlage für den Monopolanspruch der KPCh.

Der zweite Grund ist komplexer. Er bezieht sich auf die sogenannten Rotgardisten, die in Beijing zu Beginn der Kulturrevolution die Chance sahen, sich als "Fortsetzer der revolutionären Sache" zu profilieren.[5] Die Gräuel, die das Bild dieser Massenbewegung allenthalben prägen, waren Gewaltexzesse, zu denen es im Zuge der Bildung von Organisationen der Rotgardisten in der zweiten Hälfte des Jahres 1966 kam. Die Söhne und Töchter führender Kader der KPCh bemächtigten sich der Bewegung und setzten sich an die Spitze der Hauptstadtjugend im Kampf gegen Professoren, Lehrerinnen, Künstler, Schriftstellerinnen und andere Intellektuelle, die entsprechend ihres niederen Rangs in der gesellschaftlichen Rangskala der Kulturrevolutionäre als die "stinkende Nummer 9" bezeichnet wurden. Ihnen unterstellten die Rotgardisten kleinbürgerliches Verhalten, Verrat an der Partei und die Neigung, China wieder zurück auf den Weg zum Kapitalismus führen zu wollen. Rotgardist konnte nur werden, wer "revolutionäre" Eltern hatte. Alle Jugendlichen, deren Eltern nicht in der Partei waren oder deren Vorfahren als "Konterrevolutionäre" abgestempelt, enteignet und vom gesellschaftlichen Geschehen ausgeschlossen worden waren, durften an der Bewegung nicht teilnehmen. Solange die Rotgardisten in Beijing das Geschehen beherrschten, tobte ein Mob aus Jugendlichen durch die Straßen, die man zuvor mit rotem Halstuch, weißer Bluse und blauer Hose als wohlerzogen, angepasst und privilegiert wahrgenommen hatte. Wer hätte gedacht, dass die braven Söhne und Töchter sich über Nacht derart wandeln würden? In den ersten sechs Monaten nach Beginn der Kulturrevolution starben allein in Beijing 1700 Menschen als Folge von Gewalt, die von den Rotgardisten ausging.[6]

All das steht aber nicht in der Resolution von 1981, hätte doch eine unumwundene Ablehnung dieser Gewaltexzesse zur Folge gehabt, dass die gerade wieder an die Macht zurückgekehrten Parteioberen ihre eigenen Kinder ans Messer lieferten. Eine Verurteilung der Machenschaften der Rotgardisten hätte bedeutet, dass keiner von ihnen je wieder in die Führung der Partei hätte vordringen können. Das konnten die alten Herren an der Parteispitze nicht wollen, und so mussten die schwer gedemütigten Opfer der Kulturrevolution darauf verzichten, die Täter und deren Machenschaften zu benennen. Damit dies jedoch nicht allzu stark auffiel, wurden kurzerhand die gesamte Partei und die gesamte Bevölkerung zu Mitverantwortlichen und Komplizen erklärt.

Inzwischen stellt sich die Frage, ob es nicht noch einen weiteren Grund für das Schweigen über die Gewalt der Rotgardisten gibt. Es gibt – allerdings nicht offen ausgesprochen – die Auffassung, die späteren Opfer Mao Zedongs aus den Reihen der Parteiführung hätten ihre Kinder vorgeschickt. Durch die Rotgardistenorganisationen hätten sie sich der Bewegung bemächtigen und für eine rasche Beendigung der Kulturrevolution sorgen sollen. Gewalt sei dabei ein geeignetes Mittel gewesen, um mit dem Argument, die Bewegung geriete aus dem Ruder, deren sofortige Beendigung zu bewirken.[7]


Fußnoten

1.
Vgl. Xu Youyu, Women gan bu gan zhimian lishi? (Wagen wir es, der Geschichte ins Auge zu sehen?), o.D., http://blog.boxun.com/hero/xuyy/36_1.shtml« (6.4.2016).
2.
Zur Situation vor zehn Jahren vgl. Susanne Weigelin-Schwiedrzik, In Search of a Master Narrative for 20th Century Chinese History, in: The China Quarterly, (2006) 188, S. 1070–1091; zur Situation der 1990er Jahre vgl. Gao Mobo, Debating the Cultural Revolution: Do We Only Know What We Believe?, in: Critical Asian Studies, 34 (2002) 3, 2002, S. 419–434.
3.
Guanyu jianguo yilai dang de ruogan lishi wenti de jueyi, in: Renmin Ribao (Volkszeitung) vom 1.7.1981, S. 1–7.
4.
Vgl. Woju Xiyu (jap.), Mao Zedong yi sheng ke gaikuo wei san jian da shi (Das Leben Mao Zedongs kann in drei großen Ereignissen zusammengefasst werden), 9.3.2006, http://theory.people.com.cn/GB/49157/49163/4181901.html« (6.4.2016). Der Autor selbst macht drei Ereignisse geltend, verweist aber auf Mao Zedong, der sich angeblich auf die zwei genannten Ereignisse bezog.
5.
Für eine ausführliche Analyse dieser Bewegung vgl. Andrew Walder, Fractured Rebellion: The Beijing Red Guard Movement, Cambridge MA 2009.
6.
Die ausführlichste, wenn auch nicht immer korrekteste Darstellung dieser Vorgänge findet sich in: Wang Youqing, Wenge shounan zhe (Opfer der Kulturrevolution), Hongkong 2004, http://www.edubridge.com/erxiantang/l2/victim_ebook_070505.pdf« (6.4.2016).
7.
Diese Version wird inzwischen als Gegenerzählung zu der parteioffiziellen Darstellung auf Blogs diskutiert. Vgl. zum Beispiel Shidai Jianbing, Wang Jingyao jujue daoqian de mudi shi yingshe Mao Zedong, (Wenn Wang Jingyao die Entschuldigung nicht annimmt, so tut er das mit dem Ziel, auf Mao anzuspielen), o.D., http://www.wyzxwk.com/Article/zatan/2014/02/313478.html« (7.4.2016).
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Susanne Weigelin-Schwiedrzik für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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