Statue von Mao Zsedong in Henan kurz vor der Fertigstellung
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Spuren der Kulturrevolution im heutigen China


3.6.2016
Jahrestage spielen in der politischen Historiografie – nicht nur jener der Volksrepublik (VR) China – eine zentrale Rolle, dienen sie doch der Rekapitulation der Vergangenheit im Sinne der Legitimierung der Gegenwart. Neben dem Tag der Staatsgründung der VR China (1. Oktober 1949) werden vor allem Ereignisse der Revolutionsgeschichte zum Anlass genommen, um der Rolle der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) bei der Befreiung des Landes von der Fremdbestimmung durch die "imperialistischen" Kolonialmächte und bei der Abschaffung feudalistischer Strukturen zu gedenken. Dabei bindet die Parteigeschichte auch Ereignisse ein, die zeitlich vor der Gründung der KPCh (1921) wie auch vor der Ausrufung der VR China liegen – so die Xinhai-Revolution des Jahres 1911, die das Ende der dynastischen Ära einläutete, oder auch die sogenannte Vierte-Mai-Bewegung des Jahres 1919. Beide Ereignisse stehen für die Forderung nach einer Erneuerung der politischen Systemstrukturen, nach Modernisierung und Reform der Gesellschaftsordnung. Auch der (Widerstands-)Krieg Chinas gegen Japan (1937 bis 1945) wird im Zusammenhang mit ausgewählten Jahrestagen immer wieder thematisiert.

Während all jene Ereignisse, die in die Geschichte der Machteroberung durch die KPCh eingebunden werden, einer permanenten Nacherzählung und kontextabhängigen Umschreibung unterliegen, stehen andere historische Ereignisse, die in die Phase des Staatsaufbaus der VR China unter Mao Zedong ab 1949 fallen, nicht zur Diskussion. Für die maoistischen Massenkampagnen wie den "Großen Sprung nach vorn" (1958 bis 1961) oder die Kulturrevolution (1966 bis 1976) finden sich nur sehr sparsame offizielle Interpretationen, wie diese zu bewerten seien. Eine Aufarbeitung der Fehlentwicklungen ist nur bedingt erfolgt.

So wird Mao Zedong weiterhin als charismatischer Staatsgründer gefeiert – sein Mausoleum findet sich im Herzen des chinesischen Systems, direkt auf dem Platz des Himmlischen Friedens, dem Tian’anmen, in Beijing. Es steht in einer Sichtachse mit dem Monument für die Helden des chinesischen Volkes, das mit acht großformatigen Reliefs die chinesischen Revolutionen des 19. und 20. Jahrhunderts in Marmor und Granit gemeißelt abbildet,[1] und der Verbotenen Stadt. Über dem Tor des Himmlischen Friedens, dem Eingang zur Verbotenen Stadt, wo Mao 1949 die Volksrepublik proklamiert und verkündet hatte, dass das "chinesische Volk wieder aufgestanden" sei, findet sich ein überlebensgroßes Mao-Portrait. Der Platz wird flankiert vom Chinesischen Nationalmuseum, in dem 2012 der Parteichef Xi Jinping eine Ausstellung zum "Wiederaufstieg" besucht und in Variation der von Mao geprägten Formel des neuerlichen Aufstiegs den "Chinesischen Traum" (Zhongguo meng) als neue Herrschaftsdevise ausgegeben hatte. Dem Museum gegenüber befindet sich die Große Halle des Volkes, in dem der Nationale Volkskongress tagt – umringt von Symbolen, die das maoistische Erbe in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts bewahren. Weiterhin sind die Mao-Zedong-Ideen, mit denen die Um- und Weiterschreibung des Marxismus auf den chinesischen Kontext erfolgte, Kern des offiziellen ideologischen Kanons der KPCh.

Kulturrevolution unter kapitalistischen Vorzeichen?



2016 jährt sich der Beginn der Kulturrevolution zum 50. Mal. Bis heute hält die KPCh an der Deutung fest, dass die Verantwortung für die damalige politische Radikalisierung und die bürgerkriegsähnlichen Zustände allein der sogenannten Viererbande um Maos Frau Jiang Qing zuzuschreiben seien. Weitere Entwicklungsfehlschritte und das partielle Scheitern der Politik in der Mao-Ära werden zudem damit begründet, dass die VR China seinerzeit in einer "falschen" Entwicklungsphase verortet worden sei. So betonen die verschiedenen postmaoistischen Politikergenerationen in ihren Erklärungen immer wieder, dass sich die VR China in der Frühphase des Sozialismus befinde und symbolische 100 Jahre noch in dieser verweilen werde. In dieser Phase sei die Koexistenz sozialistischer und kapitalistischer Wirtschaftsformen erlaubt, da als oberstes Ziel Modernisierung, Armutsbekämpfung und der Aufbau einer Gesellschaft des bescheidenen Wohlstands (xiaokang shehui) festgeschrieben seien. Mit der Zauberformel der "zwei Hundert" (liang’ge yi bai nian) hat der Staatschef Xi Jinping die Entwicklungs- und Modernisierungsutopien seiner Vorgänger aufgegriffen und mit einem neuen Zeitplan versehen: Bis 2021, dem 100-jährigen Jubiläum der KPCh, soll die VR China die Zielvorgaben einer "Gesellschaft des bescheidenen Wohlstands" erreicht haben; bis 2049, wenn sich der Tag der Staatsgründung zum 100. Mal jährt, soll aus der Volksrepublik eine hochentwickelte Großmacht geworden sein.[2]

Das, was der Große Sprung und die Kulturrevolution nicht zu leisten vermochten, scheint nun unter "kapitalistischer" Flagge, verpackt als Modell des "Sozialismus mit chinesischen Charakteristika", in greifbare Nähe gerückt zu sein: China ist zur weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft nach den USA aufgestiegen; der chinesische Renminbi ist in den Währungskorb des Internationalen Währungsfonds aufgenommen worden; als globaler Investor und Financier sorgt "China" weltweit für Schlagzeilen. Erneut ist das Land auf einem Modernisierungskurs, diesmal allerdings nicht basierend auf einem radikalen Ikonoklasmus, sondern unter Rückbesinnung auf eigene, "chinesische" Werte. So werden seit einigen Jahren Forschungsprojekte gefördert, die unter Rückgriff auf die vormoderne chinesische Staatsphilosophie "alternative" Governance-Konzeptionen erarbeiten sollen. Parallel zu der politischen Reaktivierung konfuzianischer Konzepte aber zeichnet sich unter Xi Jinping eine Wiederkehr maoistischer Formeln und Symbole ab – die bei nicht wenigen Beobachtern Erinnerungen an den Personenkult um Mao während der Phase der Kulturrevolution wachrufen.

Wiederaufleben der "Massenlinie"



Unter Xi Jinping erleben diverse Konzepte der maoistischen Gedankengebäude eine Renaissance.[3] So hat Xi etwa die "Massenlinie" reaktiviert und 2013 eine entsprechende Kampagne gestartet, die den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt und die Beziehungen zwischen Partei beziehungsweise Staat und chinesischer Gesellschaft konsolidieren soll. Das Konzept der Massenlinie sieht vor, dass Forderungen und Erwartungen der Gesellschaft vorausschauend von der Partei aufgegriffen und hieraus Theorien und politische Richtlinien abgeleitet werden, die wiederum in die "Massen" zurückgespielt werden sollen. Während der Aspekt des "Hineintragens" in die Gesellschaft auch das sowjetkommunistische Modell prägte, steht die Idee des Schöpfens und des Systematisierens der in der Bevölkerung vorhandenen Ideen und Standpunkte für eine Ausdifferenzierung unter Mao.[4]

Die unter Xi Jinping im Juni 2013 zunächst auf den Zeitraum eines Jahres angelegte Kampagne hatte primär die Gleichschaltung der Führungskader und die Wiederherstellung der Parteidisziplin zum Inhalt. Bekämpft werden sollten die "vier Übel" Formalismus, Bürokratismus, Hedonismus und Extravaganz.[5] 2014 ging die Kampagne in die Verlängerung, sie zielte nun auf die untergeordneten Verwaltungsebenen, insbesondere auf die unterste, die "Graswurzel"-Ebene, ab.[6] Drei Schritte waren hierbei vorgesehen: Zunächst sollten die Kader neu geschult werden und sich aktiv mit den in der Gesellschaft vorhandenen Positionen und Meinungen auseinandersetzen; der zweite Schritt sah Maßnahmen der Kritik und Selbstkritik vor; abschließend sollten neue Richtlinien beziehungsweise policies erarbeitet und ihre Umsetzung vorbereitet werden. Während die maoistische Massenlinie in Verbindung mit der Kulturrevolution eine revolutionäre personelle Neubesetzung des bürokratischen Apparats ermöglichte, der im rechtsfreien Raum stattfand, ist Xis Massenlinie an das "Konzept des rechtsgestützten Regierens" gekoppelt, wird formal also als Durchsetzung von Verhaltenskodizes gemäß den Vorgaben der Verfassung formuliert.

Neben der Massenlinienkampagne und der Korrektur des Arbeitsstils der Partei stieß Xi zudem eine Kampagne gegen "westliche" Werte an, die auch vor der Beschneidung der akademischen Freiheiten der Universitäten keinen Halt machte. Ein parteiinternes Papier hatte dafür "sieben Übel" identifiziert, die als systemgefährdend eingestuft wurden: westlich-konstitutionelle Demokratie, universelle Werte, Zivilgesellschaft (als Opposition zum Staatsapparat), Neoliberalismus (als Gegenmodell zum staatsgesteuerten chinesischen Kapitalismus), Medien (und Meinungsfreiheit), "historischer Nihilismus" sowie Kritik an der Politik von Reform und Öffnung und dem chinesischen Modell des Sozialismus.

Die letzten beiden Punkte treffen dabei die ideologische Schlagader des chinesischen Systems. Denn Historiografie ist ein Politikum: Die Geschichtsinterpretation dient der Rechtfertigung und Fortschreibung des Herrschaftsanspruchs der jeweiligen Führungsgruppe. Die unter der derzeitigen (fünften) Führungsgeneration der VR China an die Oberfläche gelangenden, zuvor nicht offen ausgetragenen Kontroversen innerhalb der politischen und intellektuellen Eliten manifestieren sich als Wettstreit der "Ideologien", als Konkurrenz zwischen einem liberalen (westlich inspirierten) und einem chinesisch-sozialistischen Entwicklungsweg. Die Generallinie der Partei ist dabei – auch unter Xi – mit einem entschiedenen Festhalten an Chinas Sonderform des Sozialismus gesetzt.

Der Rückgriff auf maoistische Slogans und die verklärende, zum Teil sogar vergötternde Erinnerung an Mao bleiben heikle, politisch hochgradig explosive Unterfangen. Für die Gewaltexzesse und die Verwüstungen der Kulturrevolution wurde allein die "Viererbande" verurteilt, der Mythos Mao aber blieb weitgehend unangetastet. Offiziell gilt Mao zwar als "zu 70 Prozent gut, zu 30 Prozent schlecht", aber das Fehlen einer aufrichtigen Aufarbeitung der maoistischen Massenkampagnen hat dazu geführt, dass zahlreiche innergesellschaftliche Wunden noch längst nicht verheilt sind.

So zog im Januar 2016 eine überlebensgroße, goldfarbene Mao-Statue in der Provinz Henan die Aufmerksamkeit der internationalen Presse auf sich: Direkt nach ihrer Errichtung war auf chinesischen Mikroblogs eine emotionale Kontroverse über die Perfidität dieser neuen Heldenverehrung entbrannt – schließlich hatte die Provinz Henan seinerzeit besonders heftig unter den Folgen der gescheiterten maoistischen Modernisierungskampagnen gelitten. Die Kritik führte schließlich dazu, dass die Statue, die angeblich von einem lokalen Unternehmer beauftragt worden war, schon kurze Zeit später und ohne weitere Erklärungen wieder demontiert wurde. Der Vorgang erinnert an das Gastspiel einer Konfuzius-Statue auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Beijing im Januar 2011, die ebenfalls sehr rasch nach ihrer Aufstellung in einer Nacht- und Nebelaktion wieder entfernt wurde.[7] In beiden Fällen ist davon auszugehen, dass es zwar zunächst ein informelles Placet für die Errichtung der Statuen gegeben haben dürfte, dass dieses aber im Zuge innerparteilicher Auseinandersetzungen wieder kassiert wurde.

Die KPCh schreckt vor einem Austausch ihrer offiziellen Leitideen und philosophischen Referenzsysteme zurück – ebenso wie vor einer Wiederbeschwörung der Geister der maoistischen Vergangenheit. Letzteres zeigte sich 2012/2013 exemplarisch mit der klaren Absage der KPCh-Führung an das in der Stadt Chongqing unter dem dortigen Parteichef Bo Xilai etablierte neomaoistische Modell. Bo, der nicht nur in Politik und Ökonomie, sondern auch kulturell eine Rückbesinnung auf Mao anstrebte, wurde abgesetzt und unter anderem wegen Amtsmissbrauchs verurteilt. Auch die Onlineforen der "Neuen Linken", die Bo unterstützt hatten, wurden daraufhin geschlossen.[8]


Fußnoten

1.
Dargestellt sind die Opiumkriege, der Taiping-Aufstand, die Xinhai-Revolution, die Vierte-Mai-Bewegung, die Demonstrationen des 30. Mai (1925) in Shanghai, der von den Kommunisten organisierte Nanchang-Aufstand (August 1927), der Widerstandskrieg gegen Japan sowie die Überquerung des Yangzi durch die Volksbefreiungsarmee im Chinesischen Bürgerkrieg (1949) – zusammengefasst also ein Rückblick auf Widerstandsbewegungen, an deren Ende die Errichtung der VR China unter der Herrschaft der KPCh steht.
2.
Für die englische Version vgl. Xi Jinping, Achieving Rejuvenation is the Dream of the Chinese People, in: ders., The Governance of China, Beijing 2014, S. 37ff.
3.
Die Ausführungen zur Reaktivierung und Neukonzeption politischer Ideen unter Xi stützen sich auf erste Zwischenergebnisse und Datenkompilationen des DFG-Projekts "Konzeptionen von politischer Herrschaft und Entwicklungswegen in den Studien chinesischer Politikwissenschaftler".
4.
Die Notwendigkeit einer ständigen und wechselseitigen Theorie-Praxis-Kopplung, durch die eine dogmatische Erstarrung des Systems vermieden werden soll, hatte Mao 1937 in seinem Traktat "Über die Praxis" formuliert.
5.
Vgl. Xinhua, Xi Demands Implementation of "Mass Line" Campaign, 10.12.2013, http://en.people.cn/90785/8479207.html« (4.5.2016).
6.
Vgl. Xinhua, CPC Rolls Out "Mass Line" Rules, 23.1.2014, http://english.cntv.cn/20140123/105451.shtml« (4.5.2016).
7.
Vgl. Ralph Weber, Politik, Konfuzianismus und konfuzianische politische Philosophie in der VR China heute, in: Widerspruch, (2013) 56, S. 61–72.
8.
Vgl. Charles W. Freeman/Wen Jing Yuan, China’s New Leftist and the China Model Debate After the Financial Crisis, Washington D.C. 2011.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Nele Noesselt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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