Statue von Mao Zsedong in Henan kurz vor der Fertigstellung

3.6.2016 | Von:
Xuewu Gu

Die Kulturrevolution und die weltpolitische Dreiecksbeziehung Beijing, Moskau, Washington

Vorsichtige Annäherung

So wünschenswert Mao und Zhou eine Partnerschaft mit den USA auch erscheinen mochte, so wollten sie das Tor der Versöhnung mit dem Erzfeind doch nicht als erste öffnen. Verschiedene Überlegungen hatten die politische Führung Chinas dazu gebracht, äußerst zurückhaltend auf Washingtons Avancen zu reagieren. Vor allem das innen- und außenpolitische Risiko, das mit einer Bittstellerhaltung verbunden war, schreckte die ansonsten sehr mutige chinesische Führung davon ab, die Initiative zu ergreifen. Eine mögliche Zurückweisung einseitiger Versöhnungsversuche durch die "amerikanischen Imperialisten" würde nicht nur die Nation demütigen, sondern sie konnte auch das politische Leben im innerparteilichen Machtkampf kosten. Ebenso wie Nixon und der US-Sicherheitsberater und spätere Außenminister Henry Kissinger, die offenbar mit ähnlichen Problemen konfrontiert waren, bevorzugten Mao und Zhou die Geheimdiplomatie, die im Falle eines Scheiterns der Annäherungspolitik den politischen Schaden auf ein Minimum begrenzen würde.

Auch die Furcht vor einer erneuten politischen Abhängigkeit von einer Supermacht veranlasste die chinesische Führung zur Vorsicht. Zwar erkannte Beijing – unter anderem durch das prochinesische Verhalten der USA im Ussuri-Konflikt und die amerikanische Ablehnung einer gemeinsamen Operation mit der Sowjetunion gegen Chinas Nuklearanlagen – die Bereitschaft der USA, China nicht mehr als Feind zu betrachten. Aber die Idee, sich unter den nuklearen Schutzschirm der USA zu begeben, lehnte die chinesische Führung kategorisch ab. Nicht nur das Gefühl eines Gesichtsverlusts, sondern auch die Sorge um die sicherheits- und außenpolitische Unabhängigkeit ließ Mao und Zhou diese Vorstellung als absurd erscheinen. Als der stellvertretende Sicherheitsberater des US-Präsidenten, General Alexander Haig, der chinesischen Führung im Oktober 1971 eine solche Perspektive andeutete, bezeichnete Mao das amerikanische Angebot als "Katzengeheul um die Maus".[9] "Um Gottes willen," so Mao ironisch zu Zhou Enlai, "müssen wir von ihnen (den USA) gerettet werden?!" Aus Maos Sicht war es zu gefährlich für China, wenn die "Überlebensfähigkeit" und "Unabhängigkeit" des Landes von den USA "geschützt" werden sollten.[10]

Allerdings waren weder die innenpolitischen Bedenken noch die Sorge um eine neue Abhängigkeit für die anfängliche Zurückhaltung der chinesischen Führung entscheidend. Vielmehr spielten "strategemische" (listige) Überlegungen eine ausschlaggebende Rolle, was im Wesentlichen mit der Logik der Dreiecksdiplomatie zu tun hatte. So war die chinesische Führung zwar innerlich entschlossen, sich den USA anzunähern, nach außen aber wahrte sie den Anschein der Kooperation mit der UdSSR – von Gipfeltreffen über die Abhaltung von Grenzverhandlungen und die Entsendung eines neuen Botschafters nach Moskau bis hin zum Abschluss eines neuen Handelsabkommens. Ähnlich wie Washington aus dem chinesisch-sowjetischen Streit und Moskau aus dem chinesisch-amerikanischen Interessengegensatz Profit zu ziehen versuchten, wollte auch Beijing als lachender Dritter dastehen. In der Parallelität der amerikanischen und der sowjetischen Interessenlage, den Gegenspieler an einer strategischen Partnerschaft mit China zu hindern, entdeckten Mao und Zhou das Potenzial, die amerikanischen und sowjetischen "Barbaren" gegenseitig auszuspielen. Das Kalkül von Mao und Zhou lag offenbar darin, dass jedes Anzeichen einer chinesischen Kooperation mit der Sowjetunion die Nixon-Administration dazu ermuntern könnte, die Öffnung gegenüber China zu beschleunigen – zumindest, wenn sie eine Wiederannäherung zwischen den beiden kommunistischen Großmächten vermeiden wollte.

In der amerikanischen Sorge über eine chinesisch-sowjetische Verständigung wurde also eine Hebelkraft entdeckt, durch die Washington in die gewünschte Richtung bewegt werden sollte. Im strategischen Denken von Mao und Zhou war somit jede diplomatische Note in Richtung Sowjetunion auch auf die USA gerichtet; von jeder Maßnahme gegenüber Moskau erwartete die chinesische Führung von Washington eine Reaktion, die der gegenseitigen Annäherung dienlich sein würde. Zhou war fest davon überzeugt, dass eine subtil konzipierte Politik gegenüber der Sowjetunion nicht nur den Druck der chinesisch-sowjetischen Spannungen reduzieren, sondern auch die chinesisch-amerikanischen Beziehungen aus der Sackgasse herausführen könnte.[11]

Tatsächlich schien dieses Kalkül aufzugehen: Kurz nachdem sich Zhou Enlai und der sowjetische Ministerpräsident Alexej Kossygin im September 1969 zu Gesprächen getroffen hatten und die chinesische Führung der Aufnahme von Grenzverhandlungen mit der UdSSR zugestimmt hatte, zogen die USA ihre in der Taiwanstraße patrouillierenden Zerstörer ab. Die trilaterale Bedeutung der chinesischen Diplomatie trat hier deutlich zutage, zumal Beijing unter bilateralen Aspekten keinen Grund hatte, sowjetischen Wünschen entgegenzukommen. Der Eindruck eines nachgebenden Chinas sollte Washington veranlassen, seine eigene Chinainitiative zu intensivieren und den Druck auf die Sowjetunion zu erhöhen. Dies wiederum sollte Moskau unter Druck setzen und den Kreml dazu bewegen, ebenfalls eine sanftere Politik gegenüber China zu betreiben. Obwohl Kissinger die Oberflächlichkeit dieses Kalküls erkannt hatte, führte der Anschein der chinesisch-sowjetischen Entspannung im Herbst 1969 nicht nur zur Aufhebung der US-Patrouillen in der Taiwanstraße, sondern beschleunigte insgesamt die amerikanischen Schritte zur Öffnung gegenüber China: Im Dezember 1969 entschied die Nixon-Administration, die Reise- und Handelsbeschränkungen für China weiter zu lockern, zudem nahmen beide Länder am 20. Januar 1970 in Warschau ihre Verhandlungen auf Botschafterebene wieder auf.

Anbruch einer neuen Ära

Noch ermutigender für die Chinesen war aber die Entscheidung der Nixon-Administration, Beijing unmittelbar über die Ergebnisse der SALT-Verhandlungen (Strategic Arms Limitation Talks) zu informieren, nachdem diese im Mai 1971 zu einem Durchbruch in Verfahrensfragen geführt hatten. Kissinger schickte eine Vorauskopie der amerikanischen Erklärung zur ausgehandelten Vereinbarung über den "pakistanischen Kanal"[12] nach Beijing und versicherte der chinesischen Regierung in seinem Begleitschreiben, die USA würden "keine Vereinbarung treffen, die sich gegen die Volksrepublik China richtet."[13] Aus chinesischer Sicht war dies ein sichtbarer Beweis für die amerikanische Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit, die Eindämmungspolitik gegen China aufzugeben und kein politisches Geschäft mit der Sowjetunion auf Kosten Chinas zu machen.

Schon Nixons Rede in Kansas City im Juli 1970 hatte das Vertrauen der Chinesen in die Regierung Nixon als strategischer Partner vertieft. In seiner Rede hatte der US-Präsident von einer neuen Weltordnung mit fünf Machtzentren gesprochen – den USA, der Sowjetunion, China, Japan und Westeuropa – und sein Interesse an einer Partnerschaft mit China bekräftigt. Zhou Enlai war von Nixons These der fünf Pole so begeistert, dass er die Anweisung erteilte, die Rede des US-Präsidenten zu vervielfältigen und den Führungskräften in den Ministerien und in der Parteizentrale jeweils eine Kopie zum Studieren zu geben[14] – eine Ehre, die in der Regel nur den ständigen Mitgliedern des Politbüros zuteilwurde.

Das Hauptziel der Annäherung an Washington, ein gemeinsames Vorgehen der Supermächte gegen China zu vereiteln und sich aus der Doppelkonfrontation zu befreien, schien in den Augen der chinesischen Führung in greifbarer Nähe. Beijing warf den ideologischen Ballast ab und begann seinerseits den Annäherungsprozess zu beschleunigen. Am 2. Juni 1971 erhielt Kissinger einen Brief von Zhou Enlai, in dem es hieß: "Der Vorsitzende Mao Tse-tung (Mao Zedong) hat zum Ausdruck gebracht, dass er den Besuch des Präsidenten Nixon begrüßt und sich darauf freut, ein persönliches Gespräch mit Seiner Exzellenz, dem Präsidenten, zu führen, bei dem jede Seite das Problem zur Sprache bringen kann, das sie interessiert. (…) Premier Tschou Enlai (Zhou Enlai) begrüßt es, dass Dr. Kissinger als Vertreter der Vereinigten Staaten zu einem vorbereitenden geheimen Treffen mit hohen chinesischen Beamten nach China kommen wird, um den Besuch des Präsidenten Nixon in Peking (Beijing) vorzubereiten und die notwendigen Absprachen zu treffen."[15]

In der Tat hat Beijings Konzept, durch "Ausnutzung der Widersprüche zwischen den Supermächten" die chinesisch-amerikanische Feindschaft zu beenden und damit die chinesische Position in der Weltpolitik zu verbessern, funktioniert. Im Juli 1971, als der Geheimbesuch von Kissinger in Beijing bekannt wurde, hatte sich die Sicherheitslage Chinas im Vergleich mit jener zwei Jahre zuvor wesentlich verbessert. Von einer amerikanischen Sicherheitsbedrohung im Süden war trotz des andauernden Vietnamkrieges nichts mehr zu spüren. Auch eine große Offensive der Sowjetunion gegen China erschien nicht mehr wahrscheinlich. "Die Stationierung der zahlreichen Divisionen (der sowjetischen Streitkräfte) an den Grenzen", so Zhou in einer Rede, sei nichts anderes als ein "Vortäuschen von Stärke". Nach der Einschätzung des chinesischen Premierministers würden die "sowjetischen Revisionisten" an den Grenzen künftig "nur kleinere Zwischenfälle" riskieren. "Einen großen Krieg mit uns zu führen", so zeigte er sich überzeugt, würde die Sowjetunion nicht mehr wagen.[16]

Die Vorverhandlungen, die Kissinger im Juli 1971 mit Zhou Enlai in Beijing geführt hatte, und der Chinabesuch von Präsident Nixon im Februar 1972 markierten das Ende der chinesisch-amerikanischen Feindschaft und legten den Grundstein für eine strategische Partnerschaft zwischen Washington und Beijing. Der chinesischen Führung war völlig klar, was sie mit ihrem (ehemaligen) Erzfeind betrieben hatte. Die Bekanntgabe des Geheimbesuches von Kissinger in Beijing, so Zhou Enlai zum amerikanischen Sicherheitsberater, werde "die Welt erschüttern".[17] Dieser Botschaft wohnte nicht nur die Freude der chinesischen Führung über die Versöhnung mit den USA inne, sondern auch ihr neues Selbstbewusstsein angesichts des neu gewonnenen Gewichts in der Weltpolitik.

Die psychologische Erleichterung auf der chinesischen Seite war unübersehbar, als Mao am 21. Februar 1972 Nixon in seinem Arbeitszimmer in Beijing empfing. "Was die Frage der Aggression von der amerikanischen Seite oder die von der chinesischen Seite anbelangt, so ist es (nur) eine kleine Frage. (…) Das ist kein großes Problem, denn es existiert jetzt die Frage nicht mehr, dass unsere zwei Staaten miteinander einen Krieg führen würden."[18] Mit anderen Worten: Mao fürchtete jetzt nicht mehr die Gefahr einer Verständigung der Supermächte gegen China. Die gleiche Erleichterung war auch aufseiten der USA zu spüren. Die Erklärung der chinesischen und US-amerikanischen Regierung im Shanghaier Kommuniqué vom 27. Februar 1972, "dass keine von beiden Seiten eine Hegemonie im asiatisch-pazifischen Bereich anstreben sollte und dass jede von ihnen Bemühungen irgendeines anderen Landes oder irgendeiner Gruppe von Ländern zur Errichtung einer solchen Hegemonie ablehnt",[19] veränderte die weltpolitische Struktur der 1960er Jahre. Die bipolare Konstellation wurde geschwächt, und die Ära eines strategischen Dreiecks brach an. Während sich Beijing von dem Alptraum eines Zweifrontenkrieges befreien konnte und Washington nicht mehr unter dem Druck stand, im Notfall "zweieinhalb Kriege" gleichzeitig führen zu müssen, hatte Moskau nun zu befürchten, von zwei Seiten – den USA in Europa und China in Asien – politisch und militärisch in Schranken gehalten zu werden. Fast 25 Jahre nach Nixons Chinabesuch sprach Kissinger sogar von einer "stillschweigenden Allianz" (tacit alliance) zwischen China und den USA zur "Eindämmung des sowjetischen Expansionismus". Die weltpolitische Bedeutung dieser neuen Konstellation interpretierte er mit dem nüchternen Kommentar: "After America’s opening to China, the Soviet Union faced challenges on two fronts – NATO in the West and China in the East".[20]

Fußnoten

9.
Vgl. Wei Shiyan, Heige Xianqianzu wei Nikesong Fanghua Anpai de Jingguo (Haigs Vorauskommando und seine Vorbereitungsarbeiten für den Besuch von Nixon), Waijiaobu Waijiaoshi Bianjishi (Redaktionsbüro der Diplomatiegeschichte des Außenministeriums) (Hrsg.), Xinzhongguo Waijiao Fengyun (Winde und Wolken der Diplomatie des Neuen China), Bd. 3, Beijing 1990, S. 71–82, hier: S. 78.
10.
Ebd.
11.
Vgl. Gong Huiping, Zhou Enlai he Ke Xijin (Zhou Enlai und Kossygin), in: Xiao Yu (Hrsg.), Zhou Enlai, Chengdu 1992, S. 534–546, hier: S. 542.
12.
Zur Rolle Pakistans als Geheimkurier zwischen Washington und Beijing vgl. H. Kissinger (Anm. 7), S. 743–753.
13.
Ebd., S. 772.
14.
Zu Zhous Begeisterung über Nixons Rede vgl. Wang Li/Qiu Shengyun (Anm. 2), S. 268; zu den Kernpunkten der Rede von Nixon in Kansas City vgl. H. Kissinger (Anm. 7), S. 1136.
15.
Zit. nach: H. Kissinger (Anm. 7), S. 773.
16.
Zhou Enlai (Anm. 5), S. 355.
17.
H. Kissinger (Anm. 7), S. 803.
18.
Mao Zedong, Xianzai Bucunzai Zhongmei Liangguo Huxiang Dazhang de Wenti (Die Frage eines Krieges zwischen China und den USA existiert nicht), in: ders., Mao Zedong Waijiao Wenxuan (Ausgewählte Werke über Außenpolitik von Mao Zedong), Beijing 1994, S. 495–596.
19.
Kommuniqué vom 27.2.1972 über den Besuch des Präsidenten der Vereinigten Staaten in der VR China 21.–27.2. (Shanghaier Kommuniqué), Text in deutscher Übersetzung abgedruckt in: Ostkolleg der Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), VR China im Wandel, Bonn 19882, S. 296ff.
20.
Henry Kissinger, Diplomacy, New York 1994, S. 728ff.
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