Statue von Mao Zsedong in Henan kurz vor der Fertigstellung
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Die westeuropäische Neue Linke und die chinesische Kulturrevolution


3.6.2016
Im Zuge der globalen Unruhen um das Jahr 1968 entwickelte sich das kulturrevolutionäre China weltweit zum Bezugspunkt für linke Bewegungen. Der Einfluss erstreckte sich von der Studierendenbewegung Westeuropas über bäuerliche Guerillabewegungen der "dritten Welt" bis hin zum linksradikalen Flügel der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung.[1] Was waren die Gründe dafür, dass das maoistische China zwischen Mitte der 1960er bis Ende der 1970er Jahre als Inspiration und Projektionsfläche für die unterschiedlichsten Bewegungen dienen konnte? Im Folgenden werde ich den Einfluss der Kulturrevolution auf die Neue Linke in Westeuropa an den Beispielen Frankreichs, Italiens und der Bundesrepublik Deutschland in den Blick nehmen. Dabei werde ich auch die parallelen Entwicklungen in China aufzeigen und das Verhältnis der Neuen Linken zur Gewalt thematisieren.

Die damit verbundenen Fragen werden globalgeschichtlich im Zusammenhang mit den Revolutionszyklen analysiert, die die Weltordnung zwischen 1945 und den 1970er Jahren erschütterten. Insbesondere bei der "Chiffre 1968" handelt es sich um einen globalen Moment, in dem sich auf verschiedenen Kontinenten revolutionäre Bewegungen aufeinander bezogen und interagierten.[2] In der "dritten Welt" stand der Zyklus im engen Zusammenhang mit der Dekolonisierung, die 1945 in Asien begann und Ende der 1970er Jahre in Afrika endete. In Westeuropa wurde der soziale Frieden der Nachkriegsära ab 1967 durch Studierendenunruhen aufgekündigt, die in Frankreich und Italien von großen "wilden" Streikbewegungen in der Industrie begleitet wurden. In Polen und Ungarn hatten Streiks und Aufstände die öffentliche Ordnung schon 1956 erschüttert. 1968 folgten der "Prager Frühling" und Proteste in Jugoslawien. Während die Niederschlagung der Aufstände und Reformbewegungen in Osteuropa die Sowjetunion diskreditierten, verloren die USA durch den Vietnamkrieg (1964 bis 1975) in den Augen vieler Menschen den Anspruch auf die moralische Führung des Westens.

Die westliche Aufnahmebereitschaft für Ideen der chinesischen Kulturrevolution ist nur vor dem Hintergrund der weltpolitischen Konstellation des "Kalten Krieges" zu verstehen. Chinas Kampf gegen beide Supermächte, die USA und die Sowjetunion, durchbrach die Logik einer bipolaren Welt. Die Volksrepublik wurde als aufsteigendes Land der "dritten Welt" wahrgenommen, das "sich auf die eigene Kraft stützte", statt die Industrialisierung durch ausländische Kredite zu finanzieren. China selbst inszenierte sich als bester Freund des Befreiungskampfes der "farbigen" Völker[3] und propagierte einen ländlichen Entwicklungsweg, bei dem die Modernisierung nicht auf Kosten der Landbevölkerung gehen würde. Die Kulturrevolution erschien zudem als Versuch, durch eine Jugendrevolte gegen den Parteiapparat die kommunistische Revolution wieder zum Leben zu erwecken. Maos Kampagne wurde als Versuch einer neuen Form der Massendemokratie wahrgenommen, die vermeintlich die Ideale des jungen Karl Marx wieder in die Gegenwart holte.[4]

Frankreich und Italien: Kulturrevolution und linke Dissidenten



Besonders großen Einfluss hatte das maoistische China auf die sogenannte Neue Linke in den westlichen Metropolen. Sie grenzte sich von der "alten Linken", also den traditionellen Gewerkschaften sowie den sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiterparteien, ab. Ihre soziale Basis fand die Neue Linke hauptsächlich unter jungen Menschen, die in den letzten Kriegsjahren oder ersten Nachkriegsjahren zur Welt gekommen waren. Es stellten sich aber auch ältere linke Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre (Jahrgang 1905) oder Herbert Marcuse (Jahrgang 1898) auf ihre Seite.

Im französischen Dokumentarfilm "Rot ist die blaue Luft" ("Le fond de l’air est rouge", 1977) von Chris Marker wurde die These aufgestellt, dass die Idee der "Revolution der Revolution" das verbindende Element der kubanischen und chinesischen Revolution sowie der Neuen Linken im Westen gewesen sei. Den traditionellen kommunistischen Parteien falle keineswegs automatisch die Rolle der Avantgarde zu, sondern nur im revolutionären Kampf könne sich eine neue Avantgarde herausbilden, so der Tenor. Das "Primat der Praxis" sei wichtiger als das Warten auf vermeintlich objektiv reife Bedingungen für den Umsturz. Zur "Revolution der Revolution" gehörte auch die Vision einer grundsätzlichen Veränderung von Alltag, Bildung, der Beziehungen zwischen Mann und Frau sowie Eltern und Kindern und des Kulturbetriebs. Die Inhalte der verschiedenen "Kulturrevolutionen" wurden jedoch unterschiedlich definiert: Während die "sexuelle Befreiung" und freudomarxistische Theorien im Weltbild der westlichen Neuen Linken fest verankert waren, gehört die Kulturrevolution in China bezogen auf Sexualität und Liebe zu den konservativsten Phasen in der jüngeren Geschichte des Landes.

Die beiden größten kommunistischen Parteien Westeuropas, jene Frankreichs (KPF) und Italiens (KPI), hatten schon lange ihren Frieden mit der Nachkriegsgesellschaft gemacht. Sie führten ihren Kampf bestenfalls für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen und Lohnerhöhungen, nicht für einen revolutionären Umsturz. Die KPF erhielt bei den Wahlen zur Nationalversammlung 1967 über 22 Prozent der Stimmen. Als während des "Pariser Mais" 1968 zuerst Studierende und dann junge Arbeiter zu Tausenden auf die Straße gingen, erklärte die Parteiführung die revolutionären Studierenden kurzerhand zu kleinbürgerlichen Spinnern und Träumern und versuchte gemeinsam mit ihrer Gewerkschaft, den landesweiten Generalstreik in Forderungen nach höheren Löhnen zu kanalisieren. In Italien erhielt die KPI bei den Senatswahlen 1968 30 Prozent der Stimmen und strebte langfristig eine Regierungsbeteiligung an. In beiden Ländern bildeten sich linkskommunistische Dissidentenbewegungen heraus, die auch bei den Theorien der Kulturrevolution nach Anleihen suchten. In dieser Wahrnehmung war die Notwendigkeit einer Revolte der Jugendlichen gegen einen bürokratisch-verknöcherten und "revisionistischen Parteiapparat" die größte Parallele zu China.

Derweil wurde in Italien eine Gruppe namens "Il manifesto" wegen "Linksabweichung" aus der KPI ausgeschlossen. Ihre Mitglieder kritisierten die beschwichtigende Haltung der KPI während des "heißen Herbstes" 1969, dem Höhepunkt der Streik- und Protestbewegungen. Die Parlamentsabgeordnete Rossana Rossanda, die eine wichtige Rolle bei "Il manifesto" spielte, schrieb 1971: "In dem Augenblick, wo die Massen aufgerufen sind, nicht nur über die Partei zu urteilen, sondern sie zu bekämpfen, führt Mao das politische Subjekt wieder in die Gesellschaft ein. Er macht aus der Partei wieder ein ‚Instrument‘ des Proletariats, wodurch sie nicht mehr eine Wesenheit ist, die in gewisser Hinsicht außerhalb des Proletariats existiert."[5] Die Gruppe der Ausgeschlossenen begrüßte auch, dass Mao und die Rotgardisten die zentrale Bedeutung der Universität als Ort gesellschaftlicher Kämpfe erkannt hätten, um die Arbeitsteilung zwischen der arbeitenden Bevölkerung und den Intellektuellen grundsätzlich infrage zu stellen.[6]

In Frankreich bezogen sich Philosophen wie Sartre, Louis Althusser und Alain Badiou sowie der Regisseur Jean-Luc Godard auf Theorien Maos und die Kulturrevolution, um den Marxismus der KPF und ihre reformistische Selbstbeschränkung zu kritisieren. Auch einfache Arbeiter und Studierende begannen sich als "Maos" zu bezeichnen und Gruppen zu bilden, die in Fabriken, Universitäten, Gefängnissen und sogar unter der Landbevölkerung aktiv wurden. Sartre betonte zwar, dass er selbst kein "Mao" sei, sympathisierte aber mit der Bewegung, die für revolutionäre Gewalt, Spontanität der Massen und Antiautoritarismus stehen würde: "Die Maos (…) mit ihrer antiautoritären Praxis erscheinen als einzige, noch unvollkommene revolutionäre Kraft, die in der Lage ist, sich im Stadium des organisierten Kapitalismus den neuen Formen des Klassenkampfes anzupassen."[7] Als das Verbot der maoistischen Zeitung "La Cause du Peuple" ("Die Sache des Volkes") drohte, solidarisierte sich Sartre, indem er die Herausgeberschaft übernahm und mit seiner Weggefährtin Simone de Beauvoir demonstrativ auf der Straße Ausgaben verteilte.

Großen Einfluss auf die positive Wahrnehmung der Kulturrevolution in Westeuropa hatten auch die Schriften des französischen Ökonomen Charles Bettelheim. Er sah die chinesischen Experimente mit Arbeiterbeteiligung in Fabriken als Chance, die kapitalistische Rationalität des Managements aufzuheben. Nur eine permanente politische Mobilisierung der Beschäftigten könne verhindern, dass sich unter dem Mantel des Staatseigentums dieselben Hierarchien und dieselbe Verwertungslogik reproduzieren würden wie im Kapitalismus. In ausführlichen Studien erklärte Bettelheim, dass sich in der Sowjetunion kapitalistische Rationalität durchgesetzt habe, weil die Partei dort das "Primat der Politik" sowie den Anspruch, die Massen zu beteiligen, schon in den 1930er Jahren aufgegeben habe.[8] Nach Maos Tod trat Bettelheim 1977 als Vorsitzender der Gesellschaft für Französisch-Chinesische Freundschaft zurück, aus Protest gegen eine Abkehr von der kulturrevolutionären Industrie- und Bildungspolitik unter dem neuen Parteiführer Hua Guofeng.

Die weitere Entwicklung in Frankreich und Italien verlief unterschiedlich. In Frankreich währte die Hochphase maoistischer Gruppen wie "Gauche Prolétarienne" ("Proletarische Linke") nur einige Jahre. Die Gruppe wurde vom Innenministerium verboten, und viele "Maos" wandten sich anderen sozialen Bewegungen zu. Der Philosoph und Soziologe Michel Foucault, der zeitweise mit der "Proletarischen Linken" sympathisiert hatte, konnte "Maos" für die Antigefängnisbewegung gewinnen, die einen großen Beitrag zur Reform des Haftsystems leistete. In Italien hingegen eskalierten in den 1970er Jahren die Auseinandersetzungen zwischen Staat und bewaffneten linken Organisationen wie den "Brigate Rosse" ("Rote Brigaden"), die zahlreiche Anschläge verübten.


Fußnoten

1.
Vgl. Alexander C. Cook (Hrsg.), Mao’s Little Red Book: A Global History, Cambridge 2014; Taj Robeson Frazier, The East is Black: Cold War China in the Black Radical Imagination, Durham NC 2014.
2.
Vgl. David Mayer/Jens Kastner (Hrsg.), Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive, Wien 2008.
3.
Vgl. Robin Kelley/Betsy Esch, Black Like Mao: Red China and Black Revolution, in: Souls, (1999) 4, S. 6–41.
4.
Vgl. Peter Kuntze, China: Die konkrete Utopie, München 1973.
5.
Rossana Rossanda, Der Marxismus von Mao Tse-tung, Berlin 1971, S. 30.
6.
Vgl. Il manifesto, Notwendigkeit des Kommunismus: Die Plattform von "il manifesto", Berlin 1971, S. 31.
7.
Jean-Paul Sartre, Der Westen wird rot: Die "Maos" in Frankreich: Gespräche und Reportagen, München 1973, S. 12.
8.
Vgl. Charles Bettelheim et al., China 1972: Ökonomie, Betrieb und Erziehung seit der Kulturrevolution, Berlin 1973, S. 53f.; ders., Fragen über China nach Mao Tse-tungs Tod, Berlin 1978.
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Autor: Felix Wemheuer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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