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Nach einem Bombenattentat in Jableh, Syrien, versammeln sich die Menschen um die Schäden zu inspizieren.

10.6.2016 | Von:
Petra Bernhardt

Terrorbilder

Typen visueller Terrordarstellung

Hanns Martin Schleyer als Geisel der RAF (1977)Hanns Martin Schleyer als Geisel der RAF (1977) (© picture-alliance/dpa, UPI)
Obwohl Terrororganisationen durch individuelle Ikonografien gekennzeichnet sind – "je nachdem, ob sich ihre Mitglieder beispielsweise als revolutionäre Freiheitskämpfer, rassistische Bürgermiliz oder gottergebene Märtyrer stilisieren möchten"[15] – orientieren sie sich bei der Herstellung strategischer Sichtbarkeit häufig an bestehenden Bildtraditionen und wiedererkennbaren Arrangements. Das vergrößert die Chance, dass Terrorbilder Eingang in die mediale Berichterstattung finden und entsprechend weit verbreitet werden. Terrorbilder lassen sich entlang ihrer spezifischen Darstellungsformen zu Bildtypen gruppieren, die eine ähnliche inhaltliche Bedeutung aufweisen. Im Folgenden geht es darum, solche Typen wiederkehrender Terrorbilder herauszuarbeiten, die sowohl in zeitgenössischer als auch in historischer Perspektive die Aufmerksamkeit medialer Öffentlichkeiten bedient haben. Es handelt sich dabei um Bilder, die von Terrororganisationen selbst mit strategischem Kalkül (her)gestellt wurden, nicht um fotojournalistische Dokumente der Resultate oder der Opfer terroristischen Handelns.[16]

Zurschaustellung von Geiseln. Die Zurschaustellung von Geiseln ist eine der häufigsten Bildstrategien terroristischer Organisationen. Zu diesem Bildtypus zählen beispielsweise Fotos der "Roten Armee Fraktion" (RAF) von ihrer Geisel Hanns Martin Schleyer, die im September und Oktober 1977 aufgenommen wurden und den Gefangenen mit unterschiedlichen Schildern vor dem RAF-Logo zeigen (Abbildung 2).[17]

Der Designtheoretiker Rolf Sachsse hat sich mit den historischen Spuren dieses Bildtypus beschäftigt: Die Demütigung von Menschen durch eine öffentliche Zurschaustellung mit einer beschrifteten Tafel ist laut Sachsse in allen Kulturkreisen so lange bekannt, wie es schriftliche Überlieferungen gibt: Sie findet sich in Legenden über die brutale Zerschlagung einer frühchristlichen Gemeinde im Jahr 177, taucht als Strafe im arabisch-asiatischen Raum und im europäischen Mittelalter auf und findet im 19. Jahrhundert Eingang in die erkennungsdienstliche Behandlung von Tatverdächtigen. Sachsse erklärt, dass die RAF bei ihrer Inszenierung möglicherweise erkennungsdienstliche Bilder der Gestapo von Widerstandskämpferinnen und -kämpfern gegen das NS-Regime vor Augen gehabt haben könnte. Die Bildform, die Vorbilder bei anderen sozialrevolutionär geprägten Organisationen wie den italienischen Roten Brigaden oder den uruguayischen Tupamaros findet, wurde laut Sachsse bereits bei früheren Entführungen der RAF erprobt, jedoch erst bei Hanns Martin Schleyer präzise und symbolhaft umgesetzt.[18]

Abbildung 4: Standbild aus einem Video der Reihe "Lend me your ears" mit John Cantlie (2014)Abbildung 4: Standbild aus einem Video der Reihe "Lend me your ears" mit John Cantlie (2014) (© picture-alliance, ROPI)
Geiseldarstellungen islamistisch motivierten Terrors unterscheiden sich von den Arrangements der RAF, indem sie auch Täter ins Bild bringen. In einem symbolischen Bestrafungsakt werden Geiseln als Repräsentanten ihres Herkunftslands "vor der Weltöffentlichkeit buchstäblich in die Knie gezwungen".[19] Die Politikwissenschaftlerin Marion G. Müller erklärt, dass Terrororganisationen sich bei der Zurschaustellung von Geiseln eine "ambivalente Perspektive"[20] zunutze machen, die durch tendenziell distanzierend wirkende Porträts bei gleichzeitiger Nahaufnahme entsteht und den Betrachterinnen und Betrachtern sowohl die Hilflosigkeit der Dargestellten als auch die eigene Ohnmacht vor Augen führt. Der "Islamische Staat" treibt diese Inszenierung auf die Spitze, indem er beispielsweise die britische Geisel John Cantlie in einer perfiden, am Format westlicher Nachrichtensendungen orientierten Sendereihe unter dem Titel "Lend me your ears" zur Verbreitung propagandistischer Botschaften nötigt (Abbildung 3).

Bildersturm und ikonoklastische Zerstörungen. [21] Die Zerstörung von Kunst- und Bauwerken im Sinne eines Bildersturms stellt einen weiteren wichtigen Bildtypus des Terrorismus dar. Dabei handelt es sich um eine Art von Bildstrafen, die die Gegner durch eine Beschädigung oder Zerstörung mit ihnen identifizierter Bilder zu treffen versuchen.[22] Bilderstürme können unterschiedlichen Motiven folgen und sich gegen Herrschaftssymbole eines politischen Systems oder gegen Bilder und Heiligtümer einer Religion richten. Häufig ist der Bildersturm mit dem Wunsch verbunden, durch den Akt der Zerstörung ein neues, wirkmächtiges Bild zu schaffen, das die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit bündelt. Die Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan im März 2001 (Abbildung 4) durch die afghanischen Taliban, die Anschläge auf die New Yorker Twin Towers am 11. September 2001 oder die Zerstörung von Mausoleen und Bibliotheken durch Islamisten in Timbuktu zählen ebenso zu Bilderstürmen wie Zerstörungen im Museum von Mossul oder in der syrischen Ruinenstadt Palmyra, wo der "Islamische Staat" bedeutende Bauwerke wie den Baalschamin-Tempel oder den Tempel von Baal gesprengt und das antike Theater der Stadt zur Kulisse einer Massenhinrichtung gemacht hat.

Abbildung 4: Buddha-Statuen von Bamiyan vor (1963) und nach der Zerstörung (2008)Abbildung 4: Buddha-Statuen von Bamiyan vor (1963) und nach der Zerstörung (2008) (© Wikimedia, Commons)
Besondere Bedeutung kommt der spezifischen Symbolik von Schauplätzen ikonoklastischer Zerstörungen zu: Die Ruinenstadt Palmyra gilt als Ort, an dem Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und Religionen friedlich zusammen gelebt haben und der in seiner Symbolik einer Propaganda des vermeintlich unüberwindlichen Gegensatzes zwischen Gläubigen und Ungläubigen zuwider läuft. Dem ikonoklastisch orientierten Fundamentalismus geht es nicht primär um die Zerstörung von Kunst- und Bauwerken, sondern vielmehr um die dabei erzeugten Bilder: "als Waffensysteme des Gegners, die gegen ihn selbst gerichtet werden".[23] Die Geschichte von Bilderstürmen zeigt, dass dabei tendenziell kein Unterschied zwischen Bildwerken und Menschenleben gemacht wird.[24]

Exekutionen und inszenierte Tötungsakte. Dieser Bildtypus nimmt 2002 mit der Exekution des US-amerikanischen Journalisten Daniel Pearl in Pakistan seinen Ausgang und setzt sich fort in den Ermordungen seines Landsmannes Nicolas Berg 2004 oder des Italieners Fabrizio Quattrocchi (beide im Irak). Während diese frühen Exekutionsvideos noch durch einen laienhaften Stil gekennzeichnet waren,[25] folgen aktuelle Videos des "Islamischen Staats" professionellen Produktionsstandards[26] und setzen eine kontinuierliche Eskalation der Gewalt zur Maximierung von Aufmerksamkeit ein. Geschändete Leichen werden in den Videos inszeniert oder zur Abschreckung im öffentlichen Raum ausgestellt. Die Augenzeugenschaft beim Betrachten dieser Videos tilgt die "Distanz zwischen Tat, Bild und Betrachtung".[27] Sie macht "potenzielle Betrachter (…) zum Parteigänger einer Bildakt-Politik, die das Ziel der Distanzvernichtung perfektioniert".[28]

Spätestens seit der Ermordung des US-amerikanischen Fotojournalisten James Foley im August 2014 sind inszenierte Tötungsakte und Exekutionen durch Terrororganisationen verstärkt in das öffentliche Bewusstsein gerückt. In Folge veröffentlichte der "Islamische Staat" mehrere Videos von Morden, zu deren Opfern unter anderem westliche Journalisten und Entwicklungshelfer, syrische Soldaten, koptische Christen, ein jordanischer Pilot sowie vermeintliche Spione zählten. Die extrem grausamen Tötungsakte durch Enthauptungen, Sprengungen, Lebendverbrennung oder Ertränkung wirken minutiös geplant – von der Auswahl der Schauplätze (beispielsweise des Theaters von Palmyra) über die Inszenierung und Bekleidung von Tätern und Opfern bis zur Videodokumentation und der Verbreitung in sozialen Netzwerken. Wie beim Bildtypus ikonoklastischer Zerstörungen geht es auch hier primär um die Erzeugung von Bildern: "die Transformation von Körpern feindlicher Soldaten und Funktionsträgern des Feindes in Trophäen der Abschreckung (…), überführt in die Praxis, Menschen nicht als Bild zu zeigen, weil sie getötet worden waren, sondern sie zu töten, um sie als Bild einsetzen zu können".[29]

Abbildung 5: Standbild aus dem "Bekennervideo" des NSU (um 2007 produziert, 2011 aufgetaucht)Abbildung 5: Standbild aus dem "Bekennervideo" des NSU (um 2007 produziert, 2011 aufgetaucht) (© picture-alliance/dpa, Der Spiegel)
Der Strategie einer Zurschaustellung von Opfern folgt auch das 2011 aufgetauchte "Bekennervideo" der rechtsextremen Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) (Abbildung 5). Das 15-minütige Video besteht aus Sequenzen der Zeichentrickserie "Der Rosarote Panther", in die Originalaufnahmen von Opfern und Tatorten sowie von Fernseh- und Zeitungsausschnitten über die Anschlagsserie montiert wurden. Die Zeichentrickfigur Paulchen Panther führt durch das Video, während die Vertonung die Attentate feiert und sowohl Opfer als auch Ermittlungsbehörden verhöhnt. Das für den Abspann der Zeichentrickserie typische Versprechen "Heute ist nicht alle Tage, ich komm’ wieder, keine Frage" wird im NSU-Bekennervideo zu einer Drohung, die weitere Anschläge ankündigt. [30]

Fußnoten

15.
Sven Beckstette, Terror, in: Uwe Fleckner/Martin Warnke/Hendrik Ziegler (Hrsg.), Handbuch der politischen Ikonographie, Bd. 2, München 2011, S. 416–423, hier: S. 417.
16.
Diese Vorgehensweise der Analyse wiederkehrender Bildtypen orientiert sich an Marion G. Müllers Arbeit zu Prototypen der Darstellung visuellen Horrors (Anm. 1).
17.
Vgl. R. Sachsse (Anm. 9), S. 468.
18.
Vgl. ebd., S. 469f.
19.
M.G. Müller (Anm. 1), S. 411.
20.
Ebd.
21.
Der Begriff Ikonoklasmus bezeichnet die Zerstörung heiliger Bilder oder Denkmäler. Die Wurzeln liegen im Christentum. Politischer Ikonoklasmus stellt eine Abstraktion der religiösen Form dar und richtet sich vor allem in Zeiten des politischen Systemwechsels gegen Herrschaftssymbole oder Herrscherbildnisse.
22.
Vgl. H. Bredekamp (Anm. 2), S. 205.
23.
M.G. Müller (Anm. 1), S. 409.
24.
Vgl. H. Bredekamp (Anm. 2), S. 225–226.
25.
Vgl. M.G. Müller (Anm. 1), S. 415.
26.
Vgl. Cori E. Dauber/Mark Robinson, ISIS and the Hollywood Visual Style, 6.7.2015, jihadology.net/2015/07/06/guest-post-isis-and-the-hollywood-visual-style/ (18.5.2016).
27.
H. Bredekamp (Anm. 2), S. 229.
28.
Ebd.
29.
Ebd., S. 228.
30.
Vgl. Barbara Hans/Birger Menke/Benjamin Schulz, Bekennervideo der Zwickauer Zelle: 15 Minuten Sadismus, 14.11.2011, http://www.spiegel.de/panorama/justiz/bekennervideo-der-zwickauer-zelle-15-minuten-sadismus-a-797608.html« (18.5.2016); Rainer Hillrichs, Die Mashup-Videos der Zwickauer Terrorzelle, in: Florian Mundhenke/Fernando Ramos Arenas/Thomas Wilke (Hrsg.), Mashups. Neue Praktiken und Ästhetiken in populären Medienkulturen, Wiesbaden 2015, S. 115–130.
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Autor: Petra Bernhardt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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