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Nach einem Bombenattentat in Jableh, Syrien, versammeln sich die Menschen um die Schäden zu inspizieren.

10.6.2016 | Von:
Petra Bernhardt

Terrorbilder

Medien und Terrorbilder

Terror und mediale Öffentlichkeit stehen in einem komplexen Austausch- und Bedingungszusammenhang: Terror braucht die mediale Sichtbarkeit, um sein Ziel der Verbreitung von Angst und eine damit verbundene Veränderung der betroffenen Gesellschaften zu erreichen. Medien wiederum sind aufgrund des Nachrichtenwerts terroristischer Akte auf eine kontinuierliche Berichterstattung angewiesen. Der Produktion und Verbreitung von Bildmaterial kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Der Medienwissenschaftler Stephan A. Weichert, der sich mit medialen Reaktionen auf die Anschläge des 11. Septembers 2001 beschäftigt hat, erklärt, dass Massenmedien von Terrororganisationen "als Stellschrauben und Lautsprecher gezielt eingesetzt und missbraucht" werden.[31] Allerdings habe erst 9/11 einen "Aufmerksamkeitsterrorismus 2.0"[32] begünstigt, der in einer virtuosen Inszenierung terroristischer Anschläge auf der einen und einer verstärkten medialen Aufmerksamkeit auf der anderen Seite resultierte.[33] Sichtbarkeit ist zu einem zentralen strategischen Faktor des Terrors geworden, an dem sich Erfolge terroristischer Aktionen messen lassen.

Gleichzeitig – so Weichert – habe sich auch die Berichterstattungspraxis von Medien zu einer "auf bildmächtige Krisenereignisse getrimmten Nachrichtenindustrie" gewandelt.[34] Das ist bedeutsam, denn terroristische Akte sind nicht nur von Medien präsentierte, sondern stets auch interpretierte Ereignisse,[35] die durch redaktionelle Auswahl- und Ästhetisierungspraktiken (beispielsweise Textlaufbänder, Liveschaltungen, Splitscreens) sowie durch thematische Rahmensetzungen gekennzeichnet sind. Damit nehmen Medien nicht nur Einfluss auf die Einordnung und Deutung von Terroranschlägen, sondern auch auf politische Legitimationsstrategien, die sich darauf beziehen. Bei der Berichterstattung über Terrorakte stehen Medien allerdings immer auch vor dem Dilemma, sich über die Verbreitung von Bildern zu Multiplikatoren terroristischer Botschaften zu machen.

Neue Technologien ermöglichen Terrororganisationen, die Filter traditioneller Medien zu umgehen. Attentate können heute mit am Körper fixierten Kameras gefilmt und als Live-Footage aus Perspektive der Attentäter übertragen werden, wie dies beispielsweise bei der Anschlagsserie eines islamistischen Einzeltäters in Frankreich im März 2012 der Fall war. Soziale Netzwerke ermöglichen die sekundenschnelle Verbreitung des Materials. Videos werden von Terrororganisationen als Botschaften an verschiedene Gruppen und mit unterschiedlichen Zielen – wie etwa der Rekrutierung von Sympathisanten oder der Abschreckung von Feinden – produziert. Die Produktionsstandards von Videos des "Islamischen Staats" orientieren sich an den Sehgewohnheiten eines westlichen Publikums und nutzen die Bildsprache von Videospielen und Hollywood-Filmen.[36] Bildschärfe, Komposition, Kamerawinkel, Bearbeitung und Spezialeffekte lassen die Videos des IS professionell erscheinen.[37] Während ein Schwerpunkt westlicher Medienberichterstattung vor allem auf den beschriebenen Bildtypen der Zurschaustellung von Geiseln, der ikonoklastischen Zerstörung und des Bildersturms sowie der inszenierten Tötungsakte und Exekutionen liegt, bedient sich die Propaganda des "Islamischen Staats" einer viel breiteren Themenpalette. Dazu zählen militärische Aktivitäten, moralische Normierungen und Polizierungen, missionarische Tätigkeiten oder feindliche Angriffe.[38] Ein Schwerpunkt liegt auf der Propagierung des im Juni 2014 ausgerufenen Kalifats und des Lebens im Territorium des "Islamischen Staats".[39]

Terrororganisationen gelten traditionell als early adopter neuer Technologien. Als die palästinensische Terrorgruppe "Schwarzer September" während der Olympischen Spiele 1972 in München israelische Athleten als Geiseln nahm, profitierte sie von der ersten Liveübertragung eines Sportgroßereignisses.[40] Bilder der Terroranschläge von 9/11 bündelten die Aufmerksamkeit von Medien weltweit und wurden durch Echtzeitberichterstattung und exzessive Wiederholungen zu Medienikonen.

In jüngster Zeit scheinen Terrororganisationen von strategischen Ikonisierungen abzugehen. Das bekannteste Foto zu den islamistisch motivierten Attentaten auf die französische Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" am 7. Januar 2015 stammt von einem Anrainer, der die brutale Ermordung des verwundeten Polizisten Ahmed Merabet durch einen Attentäter zeigt. Auch die islamistischen Anschläge in Paris im November 2015 waren nicht durch ein zentrales Bild gekennzeichnet, sondern vielmehr durch die Auswahl symbolischer Schauplätze, die einen freiheitlichen Lebensstil charakterisieren: ein Sportstadion, ein Musikclub sowie Cafés, Bars und Lokale.

Nicht nur die Bildproduktion durch Terrororganisationen, auch die Berichterstattung vom Tatort befindet sich im Wandel. Überwachungskameras liefern Bilder von Anschlagsorten, wie dies etwa bei den Attacken auf Londoner U-Bahnen und Busse im Juli 2005 oder auf den Flughafen und eine U-Bahnstation in Brüssel im März 2016 der Fall war. Smartphones ermöglichen Bild- und Videoaufnahmen durch Augenzeuginnen und Augenzeugen, noch bevor journalistische Kamerateams vor Ort sein können.

Die schiere Menge produzierter Bilder und die Aufmerksamkeitsstrategien von Terrororganisationen machen die Frage nach "den Konsequenzen terroristischer Medienspektakel"[41] zunehmend relevant. Haben Medien heute überhaupt eine Chance, einem visuell geprägten "Aufmerksamkeitsterrorismus"[42] zu entgehen? Der Kulturtheoretiker Georg Seeßlen gibt sich skeptisch. Er glaubt Medien in einer "Bilderfalle", die aus einem unauflöslichen Dilemma des öffentlichen Zeigens und Verbergens von Terrorbildern resultiert. Das bringt Seeßlen zu einem resignativen Schluss: "Das Verwertungsinteresse ist größer als die Moral, so dass der Terror sicher sein kann, dass seine Botschaften ankommen."[43]

Fußnoten

31.
S.A. Weichert (Anm. 3), S. 692.
32.
Ebd.
33.
Zur Einordnung der medialen Berichterstattung zum 11. September siehe etwa Michael Beuthner et al. (Hrsg.), Bilder des Terrors – Terror der Bilder? Krisenberichterstattung am und nach dem 11. September, Köln 2003.
34.
S.A. Weichert (Anm. 3), S. 688
35.
Vgl. ebd., S. 691.
36.
Vgl. C.E. Dauber/M. Robinson (Anm. 29).
37.
Vgl. ebd.
38.
Aaron Y. Zelin, Picture or It Didn’t Happen: A Snapshot of the Islamic State’s Official Media Output, in: Perspectives on Terrorism, 9 (2015) 4, S. 85–97.
39.
Vgl. Petra Bernhardt, Unter der Fahne des Kalifats: zur Funktion visueller Frames in Videobotschaften des "Islamischen Staates", in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 41 (2016) 2 (i.E.).
40.
Vgl. Jason Burke, How the Changing Media is Changing Terrorism, 25.2.2016, http://www.theguardian.com/world/2016/feb/25/how-changing-media-changing-terrorism« (18.5.2016).
41.
S.A. Weichert (Anm. 3), S. 692f.
42.
Ebd., S. 688.
43.
G. Seeßlen (Anm. 11).
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Autor: Petra Bernhardt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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