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Nach einem Bombenattentat in Jableh, Syrien, versammeln sich die Menschen um die Schäden zu inspizieren.

10.6.2016 | Von:
Armin Pfahl-Traughber

Terrorismus – Merkmale, Formen und Abgrenzungsprobleme

Politische Erscheinungsformen

Die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Terrorismus lassen sich in der historischen Rückschau hinsichtlich ihrer ideologischen Zielsetzung idealtypisch gesehen in folgende vier größere Varianten einteilen.[9] Erstens sind autonomistisch beziehungsweise separatistisch ausgerichtete Gruppen zu nennen. Sie verstehen sich als politische Stimme einer ethnischen oder religiösen Minderheit in einem Nationalstaat und beanspruchen für ebendiese Gruppe die Abspaltung von dem bestehenden Staat und/oder die Gründung eines eigenen Staats. Als typische Beispiele für diese Variante können die ETA in Spanien und die IRA in Nordirland gelten.[10]

Die zweite Form kann unter der Bezeichnung linksextremistischer beziehungsweise sozialrevolutionärer Terrorismus gefasst werden. Dessen Akteuren geht es um die Überwindung einer als repressiv und ungerecht empfundenen reaktionären Staats- und kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Dafür stehen die in den 1970er Jahren aktiven Gruppierungen "Rote Armee Fraktion" in Deutschland, "Action Directe" in Frankreich und "Rote Brigaden" in Italien.[11]

Die dritte Erscheinungsform bilden rassistische beziehungsweise rechtsextremistische Gruppierungen. Sie richten ihre Gewaltaktionen häufig gegen Angehörige ethnischer Minderheiten und streben die Errichtung eines diktatorischen Systems in einer ethnisch homogenen Gesellschaft an. Als typische Beispiele dafür können Gruppen wie die "Deutschen Aktionsgruppen" Anfang der 1980er Jahre mit Anschlägen auf Flüchtlingsheime oder der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) in den 2000er Jahren mit Morden an Migranten gelten.[12]

Die vierte Variante lässt sich unter der Bezeichnung fundamentalistischer beziehungsweise religiös motivierter Terrorismus fassen. Deren Anhänger wollen eine ihnen verwerflich erscheinende säkulare Gesellschafts- und Staatsform überwinden und sie durch eine theokratische Staatsform in ihrem Sinne ersetzen. Dafür stehen islamistische Gruppierungen wie Al-Qaida, aber auch Phänomene wie die Aum-Sekte in Japan.[13]

Neben der Differenzierung terroristischer Gruppierungen nach ihrer politischen Zielsetzung bietet sich auch eine Unterscheidung hinsichtlich des Aktionsradius der jeweiligen Akteure an. Einen ersten Typ stellt der interne beziehungsweise nationale Terrorismus dar. In diesem "klassischen" Fall sind Opfer und Täter Angehörige des gleichen Nationalstaats, und die Gewalt geht nicht über dessen Grenze hinaus. Ein externer beziehungsweise internationaler Terrorismus bildet den zweiten Typ, wobei die Besonderheit in den gezielten Anschlägen im Ausland besteht. Dabei handelt es sich keineswegs um ein neues Phänomen, gab es doch schon früher eine Internationalisierung des Terrorismus, etwa durch Palästinensergruppen in den 1970er Jahren. Und den dritten Typ stellt der transnationale Terrorismus dar, bei dem es sich um ein relativ neues Phänomen handelt. Im Unterschied zur vorgenannten Variante werden terroristische Anschläge nicht nur in anderen Ländern begangen, die jeweiligen Gruppen setzen sich auch aus Angehörigen unterschiedlicher Nationalitäten zusammen.[14]

Vergleich mit ähnlichen Begriffen und Phänomenen

Um die Konturen des Terrorismusverständnisses noch deutlicher zu machen, werden hier vergleichende Betrachtungen zu ähnlichen Begriffen und Phänomenen angestellt. Dadurch lassen sich die Besonderheiten noch klarer erfassen. Zunächst gilt es noch einmal, das politische Anliegen der Täter hervorzuheben. Nicht jedes Attentat auf einen Politiker muss so motiviert sein, gibt es doch eine Reihe von Fällen, wo psychisch Kranke sich zu solchem Vorgehen motiviert sahen. Ein Beispiel hierfür wäre John Hinckley, der 1981 den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan töten wollte, um die von ihm verehrte Schauspielerin Jodie Foster zu beeindrucken. Mitunter nutzen auch Gruppierungen aus dem Bereich der organisierten Kriminalität Methoden, die als typisch terroristisch gelten. Der Bombenanschlag auf den erfolgreichen Anti-Mafia-Staatsanwalt Giovanni Falcone 1992 steht dafür. Um ein politisch motiviertes Attentat handelte es sich hierbei nicht.[15]

Aber auch nicht jede Gewalttat mit politischem Hintergrund kann als terroristisch gelten, muss doch als weiteres Kriterium deren Einbettung in eine längerfristig angelegte Strategie hinzukommen. Insofern bezeichnet man relativ spontan begangene Taten auch nicht als terroristisch, wofür etwa die Militanz von linksextremistischen Autonomen gegen Polizeibeamte während einer Demonstration oder von Rechtsextremen gegen Fremde in einer Alltagssituation stehen.[16] Zwar lässt sich dabei eine politische Motivation ausmachen, in dem einen Fall in Form des Hasses auf den Staat, in dem anderen Fall in Gestalt der Feindschaft gegen Minderheiten. Derartige Taten entstehen aber in der Regel nicht aus einer systematischen Vorbereitung heraus. Dies ist bei einer terroristischen Gruppe hinsichtlich einer längerfristigen Planungsintensität anders. Die Taten sollen in deren Selbstverständnis auch einen bestimmten Beitrag zur Umsetzung politischer Ziele leisten, etwa durch das Aufrütteln der angeblich unterdrückten Bevölkerung.[17]

Und schließlich sei noch auf den Unterschied von Guerilla und Terrorismus hingewiesen.[18] Ersteres bezeichnet quantitativ weitaus größere Gruppen von bewaffneten Individuen. Sie agieren wie die Truppen einer militärischen Einheit und greifen die Soldaten des abgelehnten politischen Systems direkt an, wozu terroristische Organisationen allein aufgrund ihrer fehlenden Mittel und personellen Schwäche nicht in der Lage wären. Darüber hinaus geben sich die Angehörigen der Guerilla in der Öffentlichkeit als bewaffnete Einheit zu erkennen und streben die Eroberung und Kontrolle bestimmter Gebiete des jeweiligen Lands an. Auch hierzu sind terroristische Gruppen meist nicht in der Lage, agieren sie doch konspirativ und verdeckt im Untergrund und wollen mit ihren gewalttätigen Handlungen überwiegend Schrecken verbreiten. In diesem Sinne kann auch die folgende Formulierung des Journalisten Franz Wördemann verstanden werden: "(…) Guerilla besetzt den Raum – der Terrorist besetzt das Denken".[19] Beim "Islamischen Staat" etwa handelt es sich hauptsächlich um eine Guerillabewegung, die terroristische Methoden nutzt. Im Nahen Osten geht es ihnen darum, Räume zu kontrollieren; in Europa darum, durch Anschläge Angst zu verbreiten und das Denken zu besetzen.[20]

Legitime oder nichtlegitime Gewaltausübung?

Ein besonderes Problem bei der Terrorismusdefinition ergibt sich aus der mit der Begriffswahl verbundenen negativen Bewertung dieser politisch motivierten Gewaltanwendung. Historische Attentate gegen Politiker werden daher auch in der öffentlichen Wahrnehmung unterschiedlich gedeutet: Es käme wohl kaum ein Demokrat auf die Idee, die gescheiterten Hitler-Attentäter als Terroristen zu bezeichnen. Gleichwohl bedienten sie sich rein formal ähnlicher Vorgehensweisen wie Gruppierungen, die allgemein als terroristisch gelten. Hier geht es um das Problem der möglichen Legitimation politisch motivierter Gewaltanwendung, die letztendlich auch eine nicht nur ideologisch, sondern auch sachlich qualitative Unterscheidung von Freiheitskampf und Terrorismus im Sinne der einleitend erwähnten Aussage zur Relativierung des Terrorismus-Begriffs erlaubt.

Der Politikwissenschaftler Uwe Backes benennt als unabdingbare Voraussetzung zur Rechtfertigung von Gewalt im Extremfall folgende Gesichtspunkte: "Erste Bedingung: Der Handelnde hat ein gerechtes Anliegen. (…) Eine gravierende Verletzung von anerkannten Rechten liegt vor. Grundlage für die Beurteilung könnte das Völkerrecht sein. Zweite Bedingung: Nur durch die Anwendung von Gewalt lässt sich der gravierende Unrechtszustand beseitigen. Alle anderen Handlungsoptionen sind ausgeschöpft. (…) Dritte Bedingung: Die Anwendung von Gewalt muss in allen historisch-politischen Situationen an die begründete Aussicht gebunden sein, dass sie zu einer wesentlichen Verminderung des gravierenden Unrechts führt. (…) Vierte Bedingung: Die Anwendung von Gewalt muss in streng kontrollierter und beschränkter Weise erfolgen. (…) Das eingesetzte Mittel muss das mildestmögliche sein. (…) Fünfte Bedingung: Das durch die Gewaltausübung zu schützende Gut muss in einem angemessenen Verhältnis zu dem durch die Tat geopferten Gut stehen".[21]

Gleichwohl stellt sich angesichts der Allgemeinheit der genannten Bedingungen bei der Anwendung immer das Problem, konkrete Fälle politisch motivierter Gewaltanwendung angemessen einschätzen zu können. Auch wäre zu fragen, ob die Merkmale statt als moralische nicht besser als kontextbezogene Aspekte bezeichnet werden sollten. Als herausragenden Gesichtspunkt nannte Backes denn auch die politischen Rahmenbedingungen: Erfolgen Taten im angesprochenen Sinne in einem funktionierenden demokratischen Verfassungsstaat, so ist grundsätzlich von Terrorismus zu sprechen, eröffnen sich in einem solchen politischen System doch die unterschiedlichsten Möglichkeiten zur gewaltfreien und legalen Umsetzung der angestrebten Ziele. Trotz solcher notwendigen kritischen Anmerkungen in Detailfragen liefert Backes einen entscheidenden Beitrag, der es jeweils im Umkehrschluss erlaubt, Freiheitskampf und Terrorismus voneinander zu unterscheiden.

Fußnoten

9.
Die Typologie folgt Peter Waldmann, Terrorismus, in: Dieter Nohlen (Hrsg.), Wörterbuch Staat und Politik, München 1995, S. 779–784, wo die letztgenannte Form allerdings nicht berücksichtigt wird. Eine andere idealtypische Einteilung in Anlehnung an das "Wellen"-Konzept von David C. Rapoport bietet Peter R. Neumann, Die neuen Dschihadisten. IS, Europa und die nächste Welle des Terrorismus, Berlin 2015.
10.
Vgl. u.a. Kristina Eichhorst, Ethnisch-separatistische Konflikte in Kanada, Spanien und Sri Lanka. Möglichkeiten und Grenzen institutioneller Konfliktregelungen, Frankfurt/M. 2005; Peter Waldmann, Ethnischer Radikalismus: Ursachen und Folgen gewaltsamer Minderheitenkonflikte am Beispiel des Baskenlandes, Nordirland und Quebecs, Opladen 1989.
11.
Vgl. u.a.W. Kraushaar (Anm. 2); Peter Butz, Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF, Berlin 2004; Willi Winkler, Die Geschichte der RAF, Berlin 2005.
12.
Vgl. u.a. Armin Pfahl-Traughber, Geschichte des Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Analyse zu Entwicklung, Gruppen und Vergleich, in: Einsichten und Perspektiven, (2012) 1, S. 56–71; Bernhard Rabert, Links- und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis heute, Bonn 1995.
13.
Vgl. u.a. Jason Burke, Al-Qaida. Wurzeln, Geschichte, Organisation, Düsseldorf–Zürich 2004; Thomas Gandow, Das Beispiel der AUM Shinri-Kyo (Japan), in: Berndt Georg Thamm (Hrsg.), Terrorismus. Ein Handbuch über Täter und Opfer, Hilden 2002, S. 351–380.
14.
Vgl. Ulrich Schneckener, Transnationaler Terrorismus. Charakter und Hintergründe des "neuen" Terrorismus, Frankfurt/M. 2006, S. 40–48.
15.
Vgl. u.a. James W. Clarke, On Being Mad or Merely Angry. John W. Hinckley, Jr. and Other Dangerous People, Pennsylvania 1990; Armin Pfahl-Traughber, Diener des Rechts. Ein Portrait des Anti-Mafia-Richters Giovanni Falcone, in: Mut, (2007) 477, S. 36–47.
16.
Vgl. u.a. Sebastian Haunss, Identität in Bewegung. Prozesse kollektiver Identität bei den Autonomen und in der Schwulenbewegung, Wiesbaden 2004, S. 107–190; Christian Menhorn, Skinheads: Portrait einer Subkultur, Baden-Baden 2001.
17.
Vgl. Uwe Backes, Links- und rechtsextreme Gewalt in Deutschland. Unterschiede und Gemeinsamkeiten, in: Eckhard Jesse/Steffen Kailitz (Hrsg.), Prägekräfte des 20. Jahrhunderts. Demokratie – Extremismus – Totalitarismus, Baden-Baden 1997, S. 169–192, als bislang einziger systematischer Vergleich von links- und rechtextremistisch motivierter Gewalt mit nichtterroristischem und terroristischem Bezug.
18.
Vgl. u.a. Herfried Münkler, Guerillakrieg und Terrorismus. Begriffliche Unklarheit mit politischen Folgen, in: W. Kraushaar (Anm. 2), S. 78–102; Peter Waldmann, Terrorismus und Guerilla. Ein Vergleich organisierter antistaatlicher Gewalt in Europa und Lateinamerika, in: Uwe Backes/Eckhard Jesse (Hrsg.), Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Bd. 5, Bonn 1993, S. 69–103.
19.
Franz Wördemann, Mobilität, Technik und Kommunikation als Strukturelemente des Terrorismus, in: Manfred Funke (Hrsg.), Terrorismus. Untersuchungen zur Strategie und Struktur revolutionärer Gewaltpolitik, Düsseldorf 1977, S. 140–157, hier: S. 145.
20.
Vgl. zur Einordnung des "Islamischen Staats" auch den Beitrag von Miriam M. Müller in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
21.
Uwe Backes, Auf der Suche nach einer international konsensfähigen Terrorismusdefinition, in: Martin H.W. Möllers/Robert Chr. van Ooyen (Hrsg.), Jahrbuch Öffentliche Sicherheit 2002/2003, Frankfurt/M. 2003, S. 153–165, hier: S. 162f.
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Autor: Armin Pfahl-Traughber für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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