Nach einem Bombenattentat in Jableh, Syrien, versammeln sich die Menschen um die Schäden zu inspizieren.

10.6.2016 | Von:
Armin Pfahl-Traughber

Terrorismus – Merkmale, Formen und Abgrenzungsprobleme

Ideologie oder Psychologie?

Ein weiteres Abgrenzungsproblem ergibt sich hinsichtlich der Frage, inwieweit Ideologie oder Psychologie eine Tat motiviert. Diese stellt sich insbesondere bei Einzeltätern, wobei häufig vom "Lone-Wolf"-Terrorismus gesprochen wird.[22] Es handelt sich dabei um Gewalttäter im zuvor beschriebenen Sinne, aber noch mit weiteren Merkmalen: Sie agieren erstens allein als Individuen, sie folgen zweitens keiner Gruppe und ihre Handlungen sind drittens selbstbestimmt. Dabei fällt der Blick auf die Tat; ein Einzeltäter kann durchaus Angehöriger einer Gruppe oder Mitglied einer Organisation gewesen sein oder noch sein. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass der Anschlag oder das Attentat als Handlung von ihm selbst ohne Einwirkung von Hierarchie oder Struktur umgesetzt wurde. Die Bezeichnung "Lone-Wolf"-Terrorist bezieht sich demnach allein auf die Tatplanung. Sie bestreitet weder einen motivierenden Einfluss aus der Gesellschaft noch von einem politischen Umfeld.

Betrachtet man Beispiele, so fallen bei vielen Einzeltätern bereits in der Jugendzeit persönliche Probleme auf. Die Anwälte der Beschuldigten stellen häufig auf die Psychologie ab, um die Frage der Schuldfähigkeit in einem strafmindernden Interesse zu thematisieren. Dies soll hier keine nähere Aufmerksamkeit finden, geht es doch um die Dimension des Politischen. Es kommt angesichts der psychischen Besonderheiten der Einzeltäter wie auch deren beruflichem oder sozialem Scheitern mitunter die Deutung auf, es gehe hier jeweils um persönliche Dispositionen und nur scheinbar um eine politische Motivation. Beispielsweise wird dann Fremdenfeindlichkeit oder Hass auf Politiker lediglich als ideologischer "Deckmantel" einer Tat interpretiert, die in erster Linie durch die besonderen individual- wie sozialpsychologischen Rahmenbedingungen des Täters verursacht sei.

Gegen diese Auffassung spricht, dass ein Einfluss von politischen Faktoren einen Einfluss von psychischen Faktoren nicht notwendigerweise ausschließt. Die Motive und Ursachen sind auf verschiedenen Ebenen angesiedelt. Darüber hinaus besteht bezogen auf zwei Aspekte jeweils Erklärungsbedarf für die genannten Fälle: die Gewaltanwendung und die Opferauswahl. Bei der Bereitschaft zu Ersterem kommt den psychischen Faktoren eine herausragende Bedeutung zu. Dadurch erklärt sich aber nicht die Opferauswahl, wofür es jeweils ideologische Motive gibt. Denn ansonsten würden sich Einzeltäter nach Gelegenheit willkürlich und zufällig ihre Ziele suchen. Genau dies ist aber nicht der Fall: Alle Beispiele zeigen deutlich, dass es einen politischen Grund für die Auswahl der Opfer beziehungsweise der Opfergruppen gab.[23]

Sabotage oder Terrorismus?

Differenziert werden muss auch zwischen Sabotage und Terrorismus. Ersteres meint einen politisch motivierten Eingriff in einen militärischen oder ökonomischen Prozess, wobei es um die Beschädigung oder Zerstörung von Einrichtungen, Geräten oder Transportmitteln geht. So beschädigten Aktivisten der anarcho-syndikalistischen Bewegung bei Protesten und Streiks in Firmen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts häufig Maschinen oder Räume, um so ihren politischen Auffassungen und sozialen Forderungen besonderen Nachdruck zu verleihen. Und Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald sabotierten die Produktion von V2-Raketen während des Zweiten Weltkriegs, um die Kriegsmaschinerie der Hitler-Regierung im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu verlangsamen.[24] Auf derartiges Agieren beruft sich in der Gegenwart beispielsweise die militante Tierbefreiungsbewegung.

Bei dieser handelt es sich um keine einheitliche Gruppe oder geschlossene Organisation. Insofern bestehen Probleme der Verallgemeinerbarkeit. Daher soll hier zunächst die "Animal Liberation Front" (ALF)[25] Aufmerksamkeit finden, deren Aktivisten seit 1976 in Großbritannien und den USA – aber darüber hinaus auch in mindestens 50 anderen Ländern – "tätig" sind im Sinne von Angriffen auf Pelzgeschäfte, Anschlägen auf Schlachthäuser, Befreiung von Tieren oder Sachbeschädigungen von Tierversuchslaboren. Als Grundsatz bei diesen Aktionen gilt ihnen, alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, damit weder Mensch noch Tier Schaden nehmen.[26] Die ALF hat sich an diese Maxime in der Praxis gehalten. Zwar kam es zu beabsichtigten hohen Sachschäden, aber nicht zur Tötung oder Verletzung von Menschen. Dies war indessen bei einigen Abspaltungen anders.

Handelt es sich bei derartigen Aktionen nun um Sabotage oder Terrorismus? Betrachtet man die direkten Eingriffe in den Produktionsablauf, die Tierquälerei und Tiertötung verhindern sollen, so sind in der Gesamtschau die Merkmale von Sabotage erfüllt. Dass hierbei nicht etwa Arbeiter-, sondern Tierinteressen im Vordergrund stehen, ist für diese Zuordnung unerheblich. Die ausdrückliche Distanzierung von Gewalt gegen Personen und der geringe Grad von Gewaltintensität sprechen daher hier auch gegen die – mitunter von Sicherheitsbehörden oder Zeitungen vorgenommene – Einordnung als terroristisch.[27] Anders verhält es sich bei den erwähnten Abspaltungen der ALF, die auch mit Briefbomben oder Sprengsätzen vor Wohnungen operierten. Zwar kam es auch hier zu keinen Tötungen und nur wenigen Verletzungen. Gleichwohl kalkulierten die Akteure eine höhere Gewaltintensität ein. Daher ist bei Gruppen wie "Animal Rights Militia" oder "Revolutionary Cells – Animal Liberation Brigade" die Einschätzung als terroristisch angemessen.[28]

Definition als Sammelbezeichnung und Grenzfälle

In Abgrenzung zum eingangs erwähnten Terror, der seitens des Staats ausgeübt werden kann, ergibt sich bilanzierend demnach folgende Definition von Terrorismus: Es geht dabei um alle Formen von politisch motivierter Gewalt, die von nichtstaatlichen Akteuren in systematischer Form mit dem Ziel des psychologischen Einwirkens auf die Bevölkerung angewendet werden und die dabei die Möglichkeit des gewaltfreien und legalen Agierens als Handlungsoption ausschlagen sowie die Angemessenheit, Folgewirkung und Verhältnismäßigkeit des angewandten Mittels ignorieren. Bei dieser Definition wurden gegenüber einer Erstfassung[29] zwei Veränderungen vorgenommen. Es heißt hier "nichtstaatliche Akteure" statt "nichtstaatliche Gruppen", gibt es doch auch Einzeltäter als "Lone-Wolf"-Terroristen. Und es fehlt die Bezeichnung "gegen eine staatliche Ordnung", da sich insbesondere Rechtsterroristen gegen andere Teile der Gesellschaft wie Minderheiten wenden. Gleichwohl agieren sie damit gegen das Gewaltmonopol des Staats, der das Recht auf körperliche Unversehrtheit aller Menschen garantieren soll.

Auch bei dieser Definition als Sammelbezeichnung bleiben Probleme für die Einschätzung von Grenzfällen nicht aus. So fehlte beim NSU beispielsweise ein konstitutives Merkmal für derartige Formen von politisch motivierter Gewalt: die Kommunikation. Rechtsterroristen verzichten meist auf Bekennerschreiben, für sie besteht die Botschaft in der Auswahl des Anschlagsorts oder der Opfergruppe. Bei den Serienmorden des NSU an Menschen mit Migrationshintergrund wurde indes die damit einhergehende rassistische Motivation öffentlich nicht wahrgenommen. Die Polizeibehörden gingen von einem kriminellen Hintergrund im Umfeld der Opfer aus. Diese Fehlwahrnehmung "korrigierte" der NSU weder durch Bekenntnisse noch Symbole. Gleichwohl wollte er längerfristig kommunizieren, wozu ein Bekennervideo vorgehalten wurde.[30]

Ein weiterer Grenzfall liegt vor, wenn der Akteur noch andere politische Handlungen praktiziert. Dafür steht etwa die palästinensische Hamas, die Selbstmordattentate als Strategie nutzt. In diesem engen Kontext handelt es sich um eine terroristische Tat. Gleichwohl kann man die Hamas nicht auf die Dimension des Terrorismus reduzieren. Derartige Anschläge und Attentate bilden nur einen Teilbereich der Organisation, die darüber hinaus als Partei und sozialer Wohltäter agiert, um Akzeptanz in der palästinensischen Bevölkerung zu generieren.[31] Insofern handelt es sich hier eher um eine politische Organisation mit einem terroristischen Segment.

Diese Beispiele von Grenzfällen für die Einordnung verdeutlichen, dass die genannte Begriffsbestimmung ebenso wie andere Definitionen als idealtypisch anzusehen ist. Bezogen auf einige Grundmerkmale besteht indes Konsens in der politikwissenschaftlichen Forschung.

Fußnoten

22.
Vgl. u.a. Jeffrey D. Simon, Lone Wolf Terrorism. Understanding the Growing Threat, New York 2013; Ramón Spaaj, Understanding Lone Wolf Terrorism, Dordrecht 2013.
23.
Vgl. u.a. Armin Pfahl-Traughber, Die Besonderheiten des "Lone-Wolf"-Phänomens im deutschen Rechtsterrorismus. Eine vergleichende Betrachtung von fünf Fallbeispielen, in: Kriminalistik, 70 (2016) 1, S. 15–22; ders., Das "Lone Wolf"-Phänomen im Rechtsterrorismus in Skandinavien. Eine vergleichende Betrachtung von Fallbeispielen aus Norwegen und Schweden, in: Stefan Hansen/Joachim Krause (Hrsg.), Jahrbuch Terrorismus 2015/2016, Opladen 2016 (i.E.).
24.
An bilanzierenden und komparativen Erörterungen zu diesem Handlungsstil mangelt es. Die Bezeichnung kommt bei der Darstellung einschlägiger Fallbeispiele meist unreflektiert vor.
25.
Vgl. u.a. Lawrence Finsen/Susan Finsen, The Animal Rights Movement in America. From Compassion to Respect, New York 1994, S. 98–106; Richard D. Ryder, Animal Revolution. Changing Attitudes towards Speciesism, Oxford 1989, S. 273–290.
26.
Vgl. Animal Liberation Front, The ALF Credo and Guidelines, o.D., http://www.animalliberationfront.com/ALFront/alf_credo.htm« (20.4.2016).
27.
Vgl. James F. Jarboe, Testimony, 12.2.2002, https://www.fbi.gov/news/testimony/the-threat-of-eco-terrorism« (20.4.2016); Christian Fuchs/Greta Taubert, Vegane Armee Fraktion, in: Die Zeit vom 28.8.2014.
28.
Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Das Gewaltverständnis in der militanten Tierbefreiungsbewegung. Eine Analyse zur Frage: Sabotage oder Terrorismus?, in: Martin H.W. Möllers/Robert Ch. van Ooyen (Hrsg.), Jahrbuch Öffentliche Sicherheit 2015/2016, Frankfurt/M. 2016 (i.E.).
29.
Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Extremismus und Terrorismus. Eine Definition aus politikwissenschaftlicher Sicht, in: ders. (Hrsg.), Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2008, Brühl 2008, S. 9–33, hier: S. 33.
30.
Vgl. u.a. Christian Fuchs/John Goetz, Die Zelle. Rechter Terror in Deutschland, Reinbek 2012; Armin Pfahl-Traughber, Die neue Dimension des Rechtsterrorismus. Die Mordserie des "Nationalsozialistischen Untergrundes" aus dem Verborgenen, in: ders. (Hrsg.), Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2011/2012, Bd. 2, Brühl 2012, S. 58–101.
31.
Vgl. u.a. Helga Baumgarten, Hamas. Der politische Islam in Palästina, München 2006; Joseph Croitoru, Hamas. Der islamische Kampf um Palästina, München 2007.
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Autor: Armin Pfahl-Traughber für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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