DDR-Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Helmstedt/Niedersachsen am 01.10.1989

24.6.2016 | Von:
Mischa Meier

Die "Völkerwanderung"

Seit jeher geht von der "Völkerwanderung" eine schaurige Faszination aus. Die Vorstellung endloser Wagentrecks aus hünenhaften Kämpfern und ihren Familien, die sich aus dem Innern Germaniens oder von noch entlegeneren Orten aus in Richtung des Römischen Reichs aufmachten und nach einer langen Phase des Ringens und Kämpfens auf dessen Boden ihre eigenen Reiche errichteten, hat sich in das kulturelle Gedächtnis Europas eingebrannt. Die Grundlagen der modernen Staatenwelt, so wird des Öfteren behauptet, seien in diesem Zusammenhang gelegt worden, und auch das politische und kulturelle Selbstverständnis der Europäer sowie einzelner Nationen unter ihnen wird mitunter auf die "Völkerwanderung" zurückgeführt. Gleichzeitig prägt die "Völkerwanderung" unsere Vorstellung historischer Epochenumbrüche. So wurde etwa die Antike lange als Phase zwischen zwei großen Migrationsbewegungen konzeptualisiert, der "Dorischen Wanderung", die man um 1200 v. Chr. ansetzte, und der "Völkerwanderung".

Nicht zufällig nimmt im deutschsprachigen Raum der Terminus "Völkerwanderung" als Bezeichnung jenes tief greifenden, mit Migrationen und Konflikten einhergehenden Transformationsprozesses, der den Übergang von der Spätantike in das Frühmittelalter gestaltet hat, eine dominierende Stellung ein und transportiert damit bereits eine wirkmächtige Interpretation: Die Initiative beziehungsweise Gestaltungsmacht soll damals bei den wandernden Gruppen gelegen haben. In den romanischen Sprachen wird demgegenüber eine andere Perspektive eingenommen: Wenn diese von invasions barbares oder invasioni barbariche sprechen, nehmen sie eher einen römischen Blickwinkel ein, verweisen damit auf jenes Gebilde, das von den Geschehnissen in besonderer Weise betroffen war, und suggerieren eine katastrophische Deutung. Insofern ebnen bereits Begrifflichkeiten die Pfade für gängige, subkutan national besetzte Interpretationsmuster, die auf einen Antagonismus wandernder Völker auf der einen sowie des statischen Imperium Romanum auf der anderen Seite hinauslaufen und sich in einen Römer-Germanen-Gegensatz hinein verengen, der auch in der traditionellen zeitlichen Eingrenzung der Völkerwanderung als Phase zwischen den großen "germanischen" Invasionen um 375 (Ankunft der Goten an der römischen Donaugrenze) und 568 (Langobardeneinfall in Italien) zum Ausdruck kommt.

Was aber haben wir uns unter der "Völkerwanderung" vorzustellen? In einer jüngeren, an ein breites Publikum gerichteten Einführung zu den Germanen heißt es: "Die Zeit der Völkerwanderung wird in den Jahren 375–568 angesetzt, es ist die Zeit zwischen Spätantike und Frühmittelalter. Sie wird ausgelöst durch den Einfall der aus Asien kommenden Hunnen, die [sic] die Völker zur Wanderung nach Süden und Westen trieb. Aber auch Bevölkerungszuwachs und damit verbunden Landnot sind Gründe der Völkerwanderung, ebenso Eroberungs- und Kriegslust. Ganz Europa bis hin zum Schwarzen Meer ist im Umbruch, die meisten Völker verlassen ihre alten Siedlungsgebiete, um neue zu erobern. Es ist das Ende des Römischen Reiches. Nicht mehr Rom, sondern die neue Kultur der Germanen nördlich der Alpen bestimmt von nun an das Geschehen."[1]

Im Folgenden erörtere ich einige zentrale Aspekte, die in dieser für verbreitete Vorstellungen durchaus repräsentativen Definition angeführt werden oder mitschwingen, um aufzuzeigen, dass sie vor dem Hintergrund der Forschungsdiskussionen der vergangenen drei Jahrzehnte nicht mehr tragfähig sind. Dabei wird es allerdings nicht darum gehen, unzulängliche Definitionen schlicht durch neue Begriffsbestimmungen zu ersetzen; vielmehr soll deutlich werden, dass das Konzept einer großen, insbesondere für das Imperium Romanum zerstörerischen "Völkerwanderung" am Ausgang der Antike als solches inzwischen problematisch erscheint und durch differenziertere konzeptuelle Erwägungen abgelöst werden sollte. Das Ergebnis wird also eher unbequem sein, weil es uns nötigt, altvertraute Gewissheiten zu verabschieden, und weil es vor allem auf die beträchtliche Komplexität der zu betrachtenden Phänomene verweist; je schärfer einzelne Sachverhalte hervortreten, die uns ein erhöhtes Maß an Differenzierung und Präzisierung abverlangen, desto mehr verschwindet die "Völkerwanderung" als bequem handhabbarer Gesamtkomplex im Nebel.[2]

Völker, Stämme, Volksstämme

Das Kompositum "Völkerwanderung" stellt keinen Quellenbegriff dar, sondern eine sekundäre Wortbildung; antiken Zeitgenossen war die Vorstellung wandernder Einheiten zwar bekannt – Einwanderung zählte für sie sogar zu den wichtigsten Impulsgebern für Staatsbildungs- und Vergesellschaftungsprozesse –, aber eine migratio gentium zur Bezeichnung eines spezifischen Geschehniskomplexes in der Spätphase der römischen Geschichte kannten sie nicht. Auch der Gebrauch der Wendung migrationes gentium bei dem Humanisten Wolfgang Lazius (1514–1565), der gemeinhin als Schöpfer unseres modernen Begriffs gilt (mit seinem Werk "De aliquot gentium migrationibus" von 1557), erscheint noch recht unspezifisch. Zum Epochenbegriff im engeren Sinne gerinnt "Völkerwanderung" erst im 19. Jahrhundert; sinnbildlich sei die Definition in Grimms "Deutschem Wörterbuch" angeführt, in der von "der groszen bewegung der germanischen völker am ausgang des alterthums" gesprochen wird.[3] Diese begriffliche Verengung gegenüber Lazius erfolgte keineswegs zufällig: Im Zuge der Nationsbildungsprozesse in Europa suchte man auch in Deutschland nach vermeintlichen historischen Anknüpfungspunkten für eine kollektive Geschichte; fündig wurde man in der Vorstellung einer Überwindung des Imperium Romanum durch germanische Stämme, worin man eine erste identitätsstiftende Großtat der frühen Deutschen sah.

Der Zusammenhang zwischen den "frühen" und den "gegenwärtigen" Deutschen wurde unter Rückgriff auf den zunehmend emphatisch aufgeladenen und holistisch gebrauchten Volksbegriff akzentuiert. Im politisch parzellierten Deutschland gewann die Vorstellung eines einheitlichen Volkes, das als Kollektivsubjekt agieren konnte und ähnliche Eigenschaften besaß wie ein Individuum – Eigenschaften, die sich in "Volksliedern", "Volksdichtung" oder "Volkskultur" manifestierten – an Attraktivität. Die Amalgamierung von Germanen und Deutschen zu einem überzeitlich agierenden "Volk" ermöglichte Rück- und Vorausprojektionen vermeintlicher Heldentaten und Ereignisse und ließ sich im Kontext eines zunehmenden Nationalbewusstseins instrumentalisieren. Hier liegt eine wesentliche Ursache für die bald als selbstverständlich geltende Verknüpfung von "Völkerwanderung" und dem Untergang des Römischen Reichs: Die vermeintlichen Vorfahren der Deutschen hatten mit den Römern die Ahnherren des Erzfeinds Frankreich überwunden und an die Stelle des Imperium Romanum die Grundlagen des mittelalterlichen Europas gesetzt. Eine Folge dieser Sichtweise war die zeitliche Eingrenzung der "Völkerwanderung" auf den Zeitraum 375–568, also die Phase der "germanischen" Aktivitäten. Die im 6. Jahrhundert einsetzenden slawischen Bewegungen wurden in dieser Konzeption ebenso ausgeklammert wie die arabische Expansion seit dem frühen 7. Jahrhundert. Sie fügten sich nicht in die Vorstellung von der "Völkerwanderung" als einer von Germanen und damit dem deutschen Volk getragenen Bewegung ein.[4]

Heute wissen wir sehr gut, dass die romantische Vorstellung von Völkern als handelnden, überzeitlich existenten Einheiten jeglichem empirischen Befund widerspricht. Völker sind keineswegs homogene, unveränderliche Entitäten, sondern höchst instabile soziale Gebilde, die permanenten Transformationsprozessen ausgesetzt sind, vorwiegend durch politische Klammern definiert werden und deren Zusammenhalt auf komplexen Identitätsbildungsprozessen beruht, die allenfalls in der Lage sind, temporäre Kohärenzsuggestionen zu erzeugen. Bereits das römische Kaiserreich selbst, ein gewaltiges Gebilde, das sich geografisch von Britannien bis in die Sahara, vom heutigen Portugal bis zum Zweistromland erstreckte, ließe sich als Vielvölkerstaat beschreiben, der nie zu vollständiger innerer Homogenität gelangt ist. Seine Kohärenz gewann es vor allem als fest gefügte politische Einheit, die durch Faktoren wie das gemeinsame Bürgerrecht, einen übergreifenden Kaiserkult, eine für alle Reichsbewohner verbindliche Gesetzgebung, aber auch durch weichere Aspekte wie etwa die Bedeutung des Lateinischen als Verwaltungs- und Militärsprache, weiträumige infrastrukturelle Maßnahmen sowie die Implementierung der römischen Stadtkultur beziehungsweise des Roman way of life in den meisten Provinzen gewährleistet wurde. Ein Bewohner Britanniens durfte sich dadurch ebenso als römischer Bürger fühlen wie ein Syrer, Ägypter oder eben auch ein Einwohner der Stadt Rom. Mit einem konventionellen Volksbegriff lässt sich dieses Konglomerat nicht annähernd beschreiben.

Ähnliche Probleme ergeben sich für jene Gruppen, die jenseits der Grenzen des Imperium Romanum angesiedelt waren. Zu einer politischen Einheit sogenannter germanischer Verbände ist es zu keinem Zeitpunkt gekommen. Das liegt nicht so sehr daran, dass allein die Frage, wie man denn eigentlich "germanisch" beziehungsweise "Germane" definieren soll, höchst umstritten ist[5] und sogar zu der Forderung geführt hat, auf das Adjektiv "germanisch" im wissenschaftlichen Kontext ganz zu verzichten;[6] es liegt vor allem daran, dass keine der Kleingruppen an der Peripherie des Imperium Romanum sich als stark genug erwiesen hat, um langfristige politische Dominanz auszuüben – und immer dann, wenn sich entsprechende Anzeichen verdichteten, intervenierten die Römer. Vor allem aber existierte keine Form eines germanischen Gemeinschaftsbewusstseins, das Identitätsbildungsprozesse, die für den Aufbau komplexerer politischer Strukturen unerlässlich sind, hätte grundieren können. Auch die Großverbände, die sich im Verlauf des 3. Jahrhunderts herausgebildet haben (Goten, Hunnen, Alemannen, Franken, Sachsen, Burgunder und weitere), besaßen kein derartiges Kollektivbewusstsein.

Ebenso wie der Begriff "Volk" bereiten indes auch der Terminus "Stamm" oder gar das Kompositum "Volksstamm" Probleme. In der Ethnologie sind Stämme mittlerweile eine gut erforschte und auch kritisch beleuchtete Kategorie. So attraktiv es auf den ersten Blick erscheinen mag, die etwa von Caesar oder Tacitus beschriebenen Kleinverbände im nördlichen Barbaricum als "Stämme" zu beschreiben – die von der Ethnologie erarbeiteten Kriterien passen schlichtweg nicht auf diese Gruppen oder sind dort zumindest nicht nachweisbar, und derselbe Vorbehalt gilt in besonderem Maße für jene Verbände, mit denen wir in der Spätantike konfrontiert werden.

Hinzu kommt, dass bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts sogenannte Stammesverfassungen als rückständig gegenüber dem ausgebildeten Staat europäisch-transatlantischer Prägung galten. In dieser Sichtweise werden im Prinzip antike Barbarenstereotype fortgeschrieben, die im Kern darauf zielen, dem Barbaren die Fähigkeit zur politischen und sozialen Organisation abzusprechen. Wir wissen aber, dass gerade während der "Völkerwanderung" intensivster Austausch zwischen Römern und Barbaren herrschte, letztere also mit der antiken Welt bestens vertraut waren und nicht umsonst sowohl als Individuen wie auch als Gruppen innerhalb des Imperium Romanum Karriere machen und auch politische und soziale Prozesse gezielt einleiten und steuern konnten. Dieser seit Langem bekannte Sachverhalt hat aber zunächst nicht zu Korrekturen in der Begriffsbildung geführt. Vielmehr wurde stattdessen vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter vermeintlich germanischen Zentralbegriffen wie "Herrschaft", "Treue", "Eid" und "Gefolgschaft" am Konstrukt einer spezifischen germanischen Stammesverfassung als Grundlage des mittelalterlichen Staats und Gegensatz zur Organisation des Imperium Romanum gearbeitet, das mittlerweile ebenfalls längst widerlegt ist.[7]

Es ist also an der Zeit, sich für den "Völkerwanderungskomplex" von Völkern, Stämmen und Volksstämmen zu verabschieden.

Fußnoten

1.
Ulrike Peters, Die Germanen. Geschichte in Lebensbildern, Wiesbaden 2014, S. 23.
2.
Seriöse, wissenschaftlich fundierte Einführungswerke zur "Völkerwanderung" bieten Walter Pohl, Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration, Stuttgart 20052; Guy Halsall, Barbarian Migrations and the Roman West, 376–568, Cambridge 2007; Hubert Fehr/Philipp von Rummel, Die Völkerwanderung, Stuttgart 2011.
3.
Jacob Grimm/Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Zwölfter Band II. Abteilung: Vesche-Vulkanische, Leipzig 1951, S. 514.
4.
Konzise Einführung: Patrick Geary, Europäische Völker im frühen Mittelalter. Zur Legende vom Werden der Nationen, Frankfurt/M. 20022.
5.
Zur Problematik: Walter Pohl, Die Germanen, München 20042, S. 1–7; Bruno Bleckmann, Die Germanen. Von Ariovist bis zu den Wikingern, München 2009, S. 11–35.
6.
Vgl. Jörg Jarnut, Germanisch. Plädoyer für die Abschaffung eines obsoleten Zentralbegriffes der Frühmittelalterforschung, in: Walter Pohl (Hrsg.), Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittelalters, Wien 2004, S. 107–113.
7.
Vgl. Steffen Patzold, Episcopus. Wissen über Bischöfe im Frankenreich des späten 8. bis frühen 10. Jahrhunderts, Ostfildern 2008, S. 30–34, S. 533ff.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Mischa Meier für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.