DDR-Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Helmstedt/Niedersachsen am 01.10.1989

24.6.2016 | Von:
Mischa Meier

Die "Völkerwanderung"

Wanderung

Wieviel Wanderung steckt in der "Völkerwanderung"? Die Frage nach dem Stellenwert von Migration in der Übergangsphase zwischen Antike und Mittelalter erweist sich bei näherer Betrachtung als höchst komplex.[8] In der Forschung vollzieht sich zurzeit ein Paradigmenwechsel: Hatte man bisher außergewöhnlichen Migrationsphänomenen wie der "Völkerwanderung" als Ausnahmeerscheinungen innerhalb der Geschichte des Altertums besondere Aufmerksamkeit gewidmet, so wird inzwischen zunehmend anerkannt, dass Mobilität ein nahezu omnipräsentes Phänomen darstellte – keineswegs eine erklärungsbedürftige, punktuelle Sonderentwicklung, sondern tendenziell der Normalzustand.[9] Menschen waren in Bewegung: räumlich, sozial, kulturell. Migration wiederum, heute definiert als "die auf einen längerfristigen Aufenthalt angelegte räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Individuen, Familien, Gruppen oder auch ganzen Bevölkerungen",[10] stellt innerhalb dieser prinzipiellen Disposition lediglich ein Teilphänomen dar. Es ist während der "Völkerwanderung" weder neu noch begrenzt auf Immigration beziehungsweise Invasion.

Vielmehr konstituierte das Römische Reich bereits seit Jahrhunderten einen Raum für Binnenmigrationen unterschiedlichster Art, und auch Ein- und Auswanderungen sowie ein kontinuierlicher grenzüberschreitender Austausch gehörten selbstverständlich zum Alltag. Denn das Römische Reich übte aufgrund des vergleichsweise hohen Lebensstandards nicht nur eine generelle Anziehungskraft aus, sondern der Zuzug aus dem Barbaricum wurde mitunter sogar großzügig gefördert, wenn etwa Mangel an Arbeitskräften und insbesondere an Rekruten herrschte. Die im Nachhinein so fatale Entscheidung, die von den Hunnen vertriebenen Goten im Jahr 376 über die Donau in das Imperium eindringen zu lassen, folgte einem derartigen Kalkül: Kaiser Valens (364–378) ging es auch damals in erster Linie darum, kostengünstige Soldaten zu gewinnen.[11] Die Besonderheit der nachfolgenden Geschehnisse lag darin, dass die Lage bald außer Kontrolle geriet und die Römer dieses Mal in ihrem prinzipiellen Bemühen, Migrationsprozesse soweit es eben ging beherrschbar zu halten, an ihre Grenzen stießen. Auch außerhalb des Imperium Romanum waren Menschen grundsätzlich mobil. Immer wieder – insbesondere seit dem 3. Jahrhundert – kam es zu Drucksituationen an den römischen Grenzen, wenn Mobilität tendenziell zunahm, was aus unterschiedlichen Gründen geschehen konnte, die großenteils innerhalb des römischen Kontextes zu lokalisieren sind.

Während der "Völkerwanderung" wurden die Römer also keineswegs mit einem grundlegend neuartigen Phänomen konfrontiert. Ungewöhnlich war lediglich die Massivität, mit der in einigen Grenzregionen nunmehr der Druck zunahm (zunächst an Donau und Rhein, später dann auch in anderen Regionen); ungewöhnlich war sodann die Intensität, mit der sich insbesondere seit dem frühen 5. Jahrhundert innere Probleme (Bürgerkriege) mit dem Geschehen an der Peripherie des Reichs vermengten, was zwangsläufig eine beträchtliche Ressourcenverknappung nach sich zog; ungewöhnlich war schließlich auch die Diversität und Variabilität der einzelnen Verbände, mit denen die Römer innerhalb weniger Jahrzehnte konfrontiert wurden und die plötzlich Herausforderungen konstituierten, denen die römische Regierung auch angesichts einer zunehmend angespannten innenpolitischen Lage zumindest im lateinischsprachigen Westen mittelfristig nicht gewachsen war.

All diese Gruppen pauschal unter das Stichwort "Wanderung" zu subsumieren, verwischt allerdings grundlegende Unterschiede und erscheint daher problematisch. Zu unterscheiden sind mindestens die folgenden Gruppen: militärisch schlagkräftige Flüchtlinge wie die Goten, die 376 die Donau überschritten; mobile Armeen mit wachsender ziviler Begleitung und zunehmender Kohärenz wie der Verband, mit dem der terwingische Gote Alarich 410 die Stadt Rom eroberte; Großverbände auf der Suche nach Integration in das Römische Reich (so einigte man sich auf eine Ansiedlung von Westgoten in Aquitanien 418/19); Großverbände auf der Suche nach politischer und wirtschaftlicher Autonomie, die etwa den Vandalen 442 in Form eines regnum zugestanden wurde; mobile Kriegergruppen in variierenden Aggregatszuständen, das heißt Gewaltgemeinschaften wie die gotischen Verbände im Balkanraum; nomadisch geprägte Reiterverbände wie die Hunnen; (halb)nomadisch, partiell tribal strukturierte Verbände mit lang etablierten Beziehungen zum Römischen Reich und zur römischen Lebenswelt, beispielsweise die Araber; bäuerlich strukturierte Kleingruppen wie die Slawen.

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; nicht berücksichtigt wurden beispielsweise all die gescheiterten und daher in unseren Zeugnissen nur schemenhaft sichtbaren Gruppen, deren Zahl jedoch nicht unterschätzt werden sollte. Zudem sind Überschneidungs- und Überlagerungsphänomene, insbesondere aus einer Longue-durée-Perspektive heraus, in Rechnung zu stellen, denn kaum eine der uns bekannten Gruppen blieb über einen längeren Zeitraum hinweg stabil oder gar ethnisch homogen – das gilt im Übrigen auch für jene Großgruppe, die wir als "Römer" bezeichnen. Deutlich werden sollte allerdings, dass Migration allein keinen hinreichenden Ansatzpunkt darstellt, um das "Völkerwanderungs"-Geschehen zu erfassen; vielmehr wäre für jeden einzelnen Fall zunächst einmal zu klären, welche Rolle Migration grundsätzlich spielte, in welcher Ausprägung sie erfolgte und welche Konsequenzen sich aus ihr ergeben haben könnten. Die gegenwartsnah arbeitende jüngere Migrationsforschung bietet inzwischen ein attraktives methodologisches Instrumentarium an, um zukünftige Forschungen in dieser Richtung mit der erforderlichen Differenziertheit vorzunehmen. Ältere, reduktionistische Erklärungsmodelle für die "Völkerwanderung", die mit monokausalen Ansätzen wie Naturkatastrophen, einer allgemeinen Klimaverschlechterung oder der Verdrängung durch konkurrierende Gruppen operieren, erübrigen sich damit nicht allein deshalb, weil all diese Erklärungsversuche sich im Bereich reiner Spekulation bewegen, sondern weil sie a priori wandernde, homogene Entitäten voraussetzen, die sich als solche über große Entfernungen und lange Zeiträume hinweg bewegt haben sollen, bevor sie an die Grenzen des Imperium Romanum gelangten.

Herkunft der Neuankömmlinge und Untergang des Römischen Reichs

Dieser Einwand entbindet uns jedoch nicht von der Notwendigkeit, darüber nachzudenken, woher jene Gruppen kamen, mit denen die Römer sich seit dem 3. und in verstärktem Maße seit dem 4. Jahrhundert auseinanderzusetzen hatten. Mittlerweile geht man mehrheitlich davon aus, dass es im Barbaricum selbst im Verlauf der römischen Kaiserzeit – also seit dem 1. Jahrhundert – zu komplexen gesellschaftlichen Veränderungen und Ausdifferenzierungsprozessen gekommen ist, die im Ergebnis zur Ausformung (Ethnogenese) größerer, schlagkräftiger Verbände geführt haben (wie der Alemannen, der Franken und Sachsen jenseits des Rheins, der Quinquegentiani in Nordafrika oder der Salīḫ, der Tanūḫ und insbesondere der Laḫmiden im arabischen Raum). Ihre Entwicklung kam freilich nicht an einem bestimmten Punkt zum Stillstand, vielmehr waren sie als hochdynamische, geradezu fluide Gebilde durch Abspaltungen, Zuzug aus verschiedenen Richtungen, durch Neudefinitionen im Zusammenhang permanenter Identitätsbildungsprozesse, durch Kriegsverluste, Verträge, Königserhebungen und so weiter kontinuierlichen Veränderungen unterworfen. Anders als lange gemutmaßt, stellen diese Konföderationen nicht oder zumindest nur partiell das Resultat ausgreifender Wanderungsbewegungen dar, sondern müssen im Zusammenhang komplexer Ethnogeneseprozesse gedeutet werden. Sie traten an die Stelle kleinerer Einheiten, wie sie uns für das nördliche Barbaricum etwa durch Caesar und Tacitus bezeugt sind, und ließen sich nicht mehr so einfach wie diese mit den traditionellen Mitteln römischer Politik kontrollieren.

Diese Mittel umfassten in der Kaiserzeit natürlich Eroberungszüge und Strafexpeditionen; aber die Römer waren auch zu einem weitaus subtileren Vorgehen fähig: So versuchte man etwa wohlgesonnene beziehungsweise für die Interessen Roms wichtige Barbarenführer mit Geschenken (das heißt der Vergabe von Objekten, die im Barbaricum als prestigesteigernde Luxusgüter gelten mussten) und Ehrungen an das Reich zu binden, während andere demonstrativ abgestraft wurden. Diese Praxis sollte über die Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg die Welt jenseits der Grenzen des Imperium Romanum nachhaltig verändern. Denn Personen, die auf Kontakte ins Imperium und auf römische Aufmerksamkeiten setzen konnten, die erfahrungsgesättigt und wohlhabend aus langjährigem Dienst in römischen Hilfstruppen zurückkehrten oder die als Händler die Lebenswelt des Römischen Reichs mit eigenen Augen kennengelernt hatten, gelangten in der Heimat zu hohem Ansehen, sie konnten Gefolgschaften um sich herum versammeln beziehungsweise vergrößern. Auf diese Weise etablierten sich langsam neue, differenziertere soziale Strukturen im Barbaricum, was wiederum vielfach Spannungen und sozialen Stress auslöste, der Bugwellen verursachte, die im Laufe der Zeit auch die römischen Grenzen erreichten – teilweise auch in Form von Migrationen. Eine Schicht ambitionierter, wagemutiger Krieger und entsprechender Führungspersonen bildete sich heraus; sie ist archäologisch mittlerweile gut nachgewiesen. Diese Krieger konstituierten das Substrat, aus dem sich zunächst kleinere Raubgruppen und schließlich jene größeren Verbände herausbildeten, die seit dem 3. und 4. Jahrhundert den Druck auf die römischen Grenzen erhöhten. Äußere Impulsverstärker wie die Attacken der Hunnen konnten hinzutreten. Aber die entscheidenden Veränderungen, die sich im Barbaricum vollzogen und damit überhaupt erst die Grundlagen für das "Völkerwanderungs"-Geschehen bereiteten, sind offenbar in hohem Maße von der römischen Seite selbst eingeleitet worden. Dass hier nicht lediglich Naturkatastrophen oder gar ein "gemeingermanischer Wanderungsdrang" am Werk waren, geht bereits aus dem Umstand hervor, dass sich die betreffenden Veränderungen an der gesamten Peripherie des Imperium Romanum vollzogen – nicht nur an Rhein und Donau, sondern auch in Nordafrika und im Osten.

Zudem erfolgten die ab dem 3. Jahrhundert signifikant zunehmenden Überfälle auf die aus barbarischer Perspektive überaus wohlhabenden römischen Gebiete häufig dann oder erwiesen sich als besonders verheerend, wenn wieder einmal Bürgerkriege die Schlagkraft der römischen Verteidigung lähmten. Daher haben einige Stimmen in der Forschung sogar die pointierte Behauptung aufgestellt, die "Völkerwanderung" stelle letztlich ein rein römisches, das heißt von den Römern ausgelöstes Phänomen dar: Nicht sie habe den Untergang des Römischen Reichs herbeigeführt, sondern dieser selbst sei vielmehr die Ursache für die "Völkerwanderung" gewesen. Das Imperium Romanum habe gewissermaßen Selbstmord verübt.[12]

Diese extreme Zuspitzung steht am Ende einer etwa 30-jährigen Phase intensiver Forschungen über das Ende der römischen Welt und ihren Übergang in die poströmische Phase. Sie hat vor allem die Kontinuitäten zwischen Antike und Mittelalter herausgearbeitet; sie hat auf den vielfach "römischen" Charakter der vordergründig barbarischen Akteure verwiesen; sie hat aufgezeigt, dass die poströmischen regna auf römischen Strukturen errichtet worden sind; sie hat analysiert, in welcher Weise nichtrömische Verbände versucht haben, ihre eigenen Geschichtskonstrukte in einen christlich-antiken Rahmen einzuschreiben, um selbst ein Teil der römischen Geschichte zu werden; und sie hat darauf aufmerksam gemacht, dass die in zahllosen spätantiken und frühmittelalterlichen Texten weiterhin greifbare scharfe Abgrenzung zwischen Römern und Barbaren nicht nur stark durch topische Elemente durchdrungen ist, sondern in geradezu atavistischer Form Dichotomien fortschreibt, die in der Lebenswelt der Autoren schon längst nicht mehr galten.

Dieses Konzept einer kontinuierlichen und in jedem Fall hochgradig komplexen Transformation of the Roman World (TRW)[13] wird seit einem Jahrzehnt von einigen Althistorikern und Archäologen infrage gestellt, die insbesondere dem "Völkerwanderungs"-Geschehen als zerstörerischer Urkatastrophe wieder stärkere Geltung verschaffen möchten.[14] In ihren Augen verschleiert das Konzept der Transformation die brutalen Gewaltakte, die scharfen Brüche und Rupturen, die mit der "Völkerwanderung" einhergegangen sind. Auch wenn die Vertreter des Transformation-Ansatzes nie behaupten würden, der Übergang ins Frühmittelalter sei friedlich verlaufen,[15] geht es hier letztlich doch auch um die Frage, ob das Ende Roms ein Prozess war, der von Zeitgenossen als entsprechend schmerzhafte Verlusterfahrung wahrgenommen wurde, oder ob er sich als langsame, für Mitlebende kaum bemerkbare Transformation vollzogen hat. Mit dieser Frage korreliert das Problem, ob man den Untergang des Römischen Reichs als einen im Wesentlichen von außen verursachten Zusammenbruch oder als eine eher von den Römern selbst herbeigeführte Entwicklung zu bewerten hat.[16] Die "Völkerwanderung" wurde, wie angedeutet, für beide Positionen in Anspruch genommen. Nicht zuletzt dieser Sachverhalt sollte hinreichend deutlich machen, dass die Problematik letztlich viel zu komplex ist, als dass sie sich im Sinne einer klaren Position beantworten ließe, denn selbstverständlich hingen innere und äußere Entwicklungen – sofern überhaupt unterscheidbar – aufs Engste miteinander zusammen.

Fußnoten

8.
Vgl. Walter Pohl, Völkerwanderung, in: Michael Borgolte (Hrsg.), Migrationen im Mittelalter. Ein Handbuch, Berlin–Boston 2014, S. 231–237.
9.
Programmatisch: Uwe Walter, Paradigmen für fast alle Typen: Migration in der Antike, in: Geschichte, Politik und ihre Didaktik, 32 (2004), S. 62–74, insb. S. 63.
10.
Jochen Oltmer, Globale Migration. Geschichte und Gegenwart, München 2012, S. 17.
11.
Vgl. Ammianus Marcellinus 31,4,4–6.
12.
Vgl. G. Halsall (Anm. 2), S. 283.
13.
Vgl. zu diesem Projekt kurz Ian Wood, Transformation of the Roman World, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, 31 (2006), S. 132ff.
14.
Vgl. Bryan Ward-Perkins, The Fall of Rome and the End of Civilization, Oxford 2005; Peter Heather, Der Untergang des römischen Weltreichs, Stuttgart 2007; Neil Christie, The Fall of the Western Roman Empire. An Archaeological & Historical Perspective, London–New York 2011.
15.
Ausgewogen zur aktuellen Diskussion Walter Pohl, Rome and the Barbarians in the Fifth Century, in: Antiquité Tardive, 16 (2008), S. 93–101.
16.
Die Diskussion wird auf den Punkt gebracht von Guy Halsall, Movers and Shakers: The Barbarians and the Fall of Rome, in: Early Medieval Europe, 8 (1999), S. 131–145. Vgl. daneben auch Walter Goffart, Barbarian Tides. The Migration Age and the Later Roman Empire, Philadelphia 2006.
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Autor: Mischa Meier für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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