DDR-Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Helmstedt/Niedersachsen am 01.10.1989

24.6.2016 | Von:
Jochen Oltmer

Kleine Globalgeschichte der Flucht im 20. Jahrhundert

Fluchtbewegungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg

Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts führten als "totale" Kriege zu einem rapiden Anwachsen der militärischen Kapazitäten der beteiligten Staaten. Ein Kennzeichen der daraus resultierenden neuen Konfliktdynamik war, dass innerhalb weniger Tage und Wochen Millionen von Zivilisten in den Kampfzonen entwurzelt wurden: Die Operationsgebiete der Armeen weiteten sich im Vergleich zu den vorangegangenen Konflikten erheblich aus und umfassten zeitgleich große Teile des europäischen Kontinents. Das galt im Zweiten Weltkrieg auch angesichts des Bedeutungsgewinns der Luftwaffe, der wesentlich dazu beitrug, die Grenzen zwischen Operationsgebiet und "Heimatfront" weiter zu verwischen: Der Bombenkrieg über den deutschen Städten nötigte beispielsweise an die zehn Millionen "Evakuierte" vor allem zwischen 1943 und 1945 dazu, zeitweilig oder auf Dauer vornehmlich in ländlichen Distrikten Schutz zu suchen.[6]

Enorme Dimensionen erreichten die Ausweichbewegungen im Angesicht der vorrückenden Armeen bereits im Ersten Weltkrieg: Die Behörden des russischen Zaren zählten im Dezember 1915 insgesamt 2,7 Millionen, im Juli 1917 dann mindestens sieben Millionen Flüchtlinge und Evakuierte auf dem nichtbesetzten russischen Territorium.[7] Allein in den ersten drei Monaten nach dem deutschen Angriff 1914 flohen 1,4 Millionen Belgier, also ein Fünftel der sieben Millionen Menschen umfassenden Gesamtbevölkerung des Lands, in die Niederlande, nach Frankreich oder Großbritannien. Als entscheidend für die Bereitschaft zur Gewährung von Schutz erwies sich hierbei, wie auch in anderen Fällen, ob und inwieweit die Flüchtlinge als Symbol für die Sinnhaftigkeit der Beteiligung einer Konfliktpartei am Krieg galten oder ihre Aufnahme (außen)politischen Interessen entsprach: Die Niederlande wurden mit über einer Million belgischer Flüchtlinge zunächst das weitaus wichtigste Zielland. Zahlreiche Akteure sahen in der Aufnahme der Flüchtlinge aus dem südlichen Nachbarland eine Überforderung durch unerwünschte "Fremde", obgleich der überwiegende Teil der schutzsuchenden Belgier Niederländisch sprach und aus grenznahen Regionen stammte. Hintergrund der geringen Akzeptanz der belgischen Flüchtlinge bildete vor allem das in der Bevölkerung weithin geteilte Streben der niederländischen Regierung, Neutralität zu wahren sowie Rücksicht auf das Nachbarland Deutschland zu nehmen. Deshalb drängten die niederländischen Behörden auf eine rasche Rückkehr der Belgier. Sie setzten dabei zunehmend auf restriktive Maßnahmen. Demgegenüber galten die 250000 belgischen Flüchtlinge in Großbritannien als Symbol für die Notwendigkeit des britischen Kriegseintritts: In der politischen und medialen Diskussion galten sie deshalb auch nicht als eine ökonomische oder soziale Belastung.[8]

Je umfangreicher die Fluchtbewegungen und je größer die Fluchtdistanzen – nicht zuletzt aufgrund moderner Verkehrsmittel – wurden, desto ausgeprägter konnten die Implikationen für die Kriegführung selbst sein. Im Frühjahr 1940 bewegten sich zum Beispiel fünf Millionen Flüchtlinge aus den Niederlanden, Belgien und Nordfrankreich Richtung Zentral- und Südfrankreich. Sie suchten sich zu Fuß und mit allen erdenklichen Verkehrsmitteln vor den vorrückenden deutschen Truppen zu retten. Die Flüchtlingswelle ließ faktisch das gesamte Verkehrssystem zusammenbrechen und trug nicht unerheblich dazu bei, dass der Widerstand der französischen Truppen gegen die deutschen Invasoren immer aussichtsloser wurde.[9]

Kriegsfolgewanderungen

Seit 1918 gewannen Gewaltmigrationen erheblich an Gewicht, die Ergebnis der auf den Krieg folgenden Staatenbildungsprozesse waren. Jede der vielen europäischen Grenzverschiebungen führte zu Fluchtbewegungen und Abwanderungen. Die Gesamtzahl der von Umsiedlungen, Deportationen, Fluchtbewegungen und Vertreibungen infolge des Kriegs betroffenen Menschen lag in Europa Mitte der 1920er Jahre wahrscheinlich bei mindestens 9,5 Millionen.

Die umfangreichste Einzelgruppe bildeten die vor Revolution und Bürgerkrieg in Russland Flüchtenden: Während im Revolutionsjahr 1917 erst wenige Menschen die Gebiete des ehemaligen Zarenreichs verlassen hatten, darunter viele hohe Adelige und Unternehmer, die oft große Teile ihres Besitzes retten konnten, entwickelte sich die Fluchtbewegung im Zuge des Bürgerkriegs zur Massenerscheinung. 1920 und 1921 nahm die Zahl der Flüchtlinge mit den Niederlagen der weißen Truppen sehr stark zu. Hinzu kamen zahlreiche Ausweisungen, die 1922 ihren Höhepunkt erreichten. Ein bis zwei Millionen Menschen sollen zwischen 1917 und 1922 wegen des Umsturzes der politischen Verhältnisse die Gebiete des ehemaligen Zarenreiches verlassen haben. Sie wurden buchstäblich über die ganze Welt verstreut, der größte Teil aber sammelte sich zunächst in den Balkanländern, in Deutschland und Frankreich; doch große Flüchtlingskolonien gab es selbst in den chinesischen Städten Harbin und Shanghai.[10]

Restriktive Aufnahmepolitik, Wohnungsnot und die schwierige Lage auf dem Arbeitsmarkt trieben die russländischen Flüchtlinge in zahlreichen Ländern zu Weiterwanderungen. Bildete zunächst das "Russische Berlin" ihr Zentrum mit wichtigen kulturellen und politischen Funktionen, übernahm mit der Abwanderung vieler Flüchtlinge aus Deutschland Mitte der 1920er Jahre das "Russische Paris" diese Rolle und behielt sie bis zum Einmarsch der deutschen Truppen 1940. Frankreich hatte einen großen Bedarf an Arbeitskräften und war deshalb bereit, ein höheres Maß an Rechts- und Statussicherheit zu gewähren als Deutschland. Das Zentrum des russländischen Exils aber verschob sich bald über den Atlantik. Nordamerika wurde immer häufiger Ziel der stufenweisen räumlichen Distanzierung von der Heimat. Der Zweite Weltkrieg verlagerte das Zentrum endgültig in die USA, mit einem politischen und kulturellen Schwergewicht auf New York.

Ähnliche Prozesse lassen sich bei der Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach 1933 beobachten. Sie betraf politische Gegner des Regimes, vor allem aber all jene, die aufgrund der rassistischen NS-Weltanschauung als "Fremde" geächtet wurden. Das galt in erster Linie für Juden. Die Fluchtbewegung verlief schubweise. Die erste Welle konnte 1933 mit der Machtübernahme Hitlers und den ersten Maßnahmen zur Bekämpfung innenpolitischer Gegner sowie den ersten antisemitischen Gesetzen registriert werden. Die rassistischen "Nürnberger Gesetze" von 1935 ließen die nächste Fluchtwelle folgen. Der letzte große Schub setzte mit der offenen Gewalt gegen Juden in den Novemberpogromen 1938 ein und endete mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, der die Möglichkeiten des Grenzübertritts stark beschnitt, bevor er mit dem Abwanderungsverbot 1941 in die Ermordung der deutschen und europäischen Juden mündete.

Wohl 280.000 bis 330.000 Juden verließen das Reich. Aufnahme gewährten weltweit mehr als 80 Staaten, nicht selten widerwillig und zögerlich. Ziele waren zunächst die europäischen Nachbarländer Deutschlands in der Hoffnung auf den baldigen Zusammenbruch der Diktatur. Die Hälfte der jüdischen Flüchtlinge aber wanderte weiter, zunehmend in die USA. Die Zahl der Flüchtlinge wurde 1941 hier auf insgesamt 100.000 geschätzt, Argentinien folgte mit 55.000 vor Großbritannien mit 40.000. Während des Zweiten Weltkriegs verschob sich das Gewicht noch weiter zugunsten der USA, die letztlich die Hälfte aller Flüchtlinge aufnahmen.[11]

Im Vergleich zu der großen Zahl jüdischer Flüchtlinge aus Mitteleuropa blieb jene der Mitglieder des politischen Exils aus Deutschland sowie Österreich und den deutschsprachigen Gebieten der Tschechoslowakei nach 1938 weitaus geringer, sie belief sich bis 1939 auf 25.000 bis 30.000 Menschen, überwiegend Sozialdemokraten und Kommunisten. Aufschlussreich ist hier ein Vergleich mit dem faschistischen Italien. Trotz deutschen Drucks setzte es bis zum Zweiten Weltkrieg keine antisemitischen Maßnahmen durch, weshalb die Abwanderung hier beinahe ausschließlich auf politische Gegner beschränkt blieb. Zwischen der Machtübernahme Mussolinis im Oktober 1922 und 1937 verließen wahrscheinlich 60.000 Menschen das Land aus politischen Gründen, 10.000 davon lebten allein in Frankreich. Für das deutsche und das italienische Exil galt gleichermaßen: Um die politische Arbeit vom Ausland aus weiterzutreiben, blieben die meisten Regimegegner in Europa, vor allem in Frankreich, Spanien, Großbritannien und der Sowjetunion. Für sie galt das, was für einen Großteil der Flüchtlinge der Zwischenkriegszeit auszumachen ist: In der Regel verfügten sie über einen prekären Aufenthaltsstatus. Ihre Aufnahme erfolgte selten im Rahmen von Asylregelungen, oft durften sie nur deshalb bleiben, weil sie als Arbeitskräfte beziehungsweise als Spezialisten nützlich zu sein schienen oder durch Hilfsorganisationen unterstützt wurden, also keine sozialstaatlichen Leistungen empfingen.

Kriegsfolgewanderungen führten häufig zu Ketten weiterer (Gewalt-)Migrationen: Mit und nach dem Kriegsende 1945 flüchteten Millionen von Deutschen aus Ost- und Ostmitteleuropa Richtung Westen oder wurden nach Kriegsende vertrieben beziehungsweise deportiert. Die Bilanz zeigen die Zahlen der Volkszählungen von 1950: 12,5 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene waren aus den nunmehr in polnischen und sowjetischen Besitz übergegangenen ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reichs sowie aus den Siedlungsgebieten der "Volksdeutschen" in die Bundesrepublik Deutschland und in die DDR gelangt; weitere 500.000 lebten in Österreich und anderen Ländern.[12] Innerhalb kurzer Zeit siedelten sich 1,8 Millionen Tschechen und Slowaken im Sudetenland an, dessen deutsche Bevölkerung gerade vertrieben worden war. Auch in Polen wurde das konfiszierte Land rasch neu besiedelt. Dort lag die Bevölkerungszahl im August 1947 bereits wieder bei über fünf Millionen, drei Millionen Menschen kamen aus Zentralpolen in die eroberten Landstriche, eine weitere Million aus den an die UdSSR abgetretenen polnischen Ostgebieten, eine Million Polen hatten hier schon vor 1945 gelebt.[13] Diese und andere in die ehemals deutschen Siedlungsgebiete zielenden Bewegungen führten zu regelrechten Ketten weiterer Folgewanderungen. Nach den immensen Gewaltmigrationen während des Zweiten Weltkriegs und aufgrund von Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung trugen auch sie zu einer völligen Umgestaltung der Nationalitätenkarte im Osten Europas bei.

Fußnoten

6.
Vgl. Michael Krause, Flucht vor dem Bombenkrieg. "Umquartierungen" im Zweiten Weltkrieg und die Wiedereingliederung der Evakuierten in Deutschland 1943–1963, Düsseldorf 1997.
7.
Vgl. Peter Gatrell, A Whole Empire Walking. Refugees in Russia during World War I, Bloomington 1999, S. 3–32.
8.
Vgl. Tony Kushner, Local Heroes: Belgian Refugees in Britain during the First World War, in: Immigrants and Minorities, 18 (1999) 1, S. 1–28.
9.
Vgl. Eugene M. Kulischer, Europe on the Move. War and Population Changes, 1917–47, New York 1948, S. 257.
10.
Vgl. Karl Schlögel (Hrsg.), Der große Exodus. Die russische Emigration und ihre Zentren 1917 bis 1941, München 1994.
11.
Vgl. Claus-Dieter Krohn et al. (Hrsg.), Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933–1945, Darmstadt 1998.
12.
Vgl. Mathias Beer, Flucht und Vertreibung der Deutschen, München 2011.
13.
Vgl. Philipp Ther, Deutsche und polnische Vertriebene. Gesellschaft und Vertriebenenpolitik in der SBZ/DDR und in Polen 1945–1956, Göttingen 1998.
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Autor: Jochen Oltmer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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