DDR-Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Helmstedt/Niedersachsen am 01.10.1989

24.6.2016 | Von:
Jochen Oltmer

Kleine Globalgeschichte der Flucht im 20. Jahrhundert

Migratorische Folgen des Kalten Kriegs und der Dekolonisation

Für die globale Migrationssituation wog die (ideologische) Teilung der Welt nach 1945 schwer. Migratorisch wurde die Welt in zwei Blöcke geteilt, Arbeitsmigration fand zwischen Ost und West nicht mehr statt. Die Bewegungen beschränkten sich meist auf Flucht oder Ausweisung von Dissidenten aus dem Osten in den Westen oder auf Phasen, in denen die Destabilisierung eines Staatswesens im Osten den kurzzeitigen Zusammenbruch der restriktiven Grenzregime zur Folge hatte und zur Abwanderung Zehn- oder Hunderttausender führte. Das galt vor allem für die Ereignisse in Ungarn 1956, in der Tschechoslowakei 1968 und schließlich für die Auflösung des "Ostblocks" in den späten 1980er Jahren.[14]

In Europa führte der Kalte Krieg trotz oder wegen der gewaltigen militärischen Potenziale der Konfliktparteien nicht zu bewaffneten Auseinandersetzungen. In Teilen Asiens aber brachten die "Stellvertreterkriege" in und um Korea, Indochina und Afghanistan schwere, Jahre und Jahrzehnte währende Kämpfe und millionenfache Fluchtbewegungen hervor. In den verfeindeten Staaten Süd- und Nordkorea leben heute Millionen Menschen, die während des Kriegs 1950 bis 1953 ihre Herkunftsorte verlassen mussten und seit mehr als einem halben Jahrhundert keinen Kontakt mehr zu Familienmitgliedern im jeweils anderen Teil der Halbinsel haben. Im Vietnamkrieg nutzten insbesondere die USA Deportationen in "sichere Dörfer" und Vertreibungen als Mittel der Kriegführung. Das Ende des Kriegs führte schließlich zur Flucht Hunderttausender aus dem zerstörten Land, mit einem Höhepunkt von 1979 bis 1982. In Afghanistan sollen während der Phase der sowjetischen Besatzung fünf bis sechs Millionen Afghanen zu einem großen Teil nach Pakistan und zu einem geringeren Teil in den Iran ausgewichen sein – das entspricht einem Drittel der damaligen Bevölkerung. Seit 2002 haben internationale Organisationen die Rückkehr von über vier Millionen Flüchtlingen unterstützt; neue Fluchtbewegungen im Zuge der internationalen Intervention in Afghanistan seit 2001 trugen dazu bei, dass gegenwärtig drei Millionen Flüchtlinge gezählt werden, von denen fast zwei Drittel im benachbarten Pakistan leben, ein weiteres Drittel im ebenfalls benachbarten Iran. Hinzu tritt eine wesentlich höhere Zahl von Menschen, die vor den Konflikten innerhalb des Lands auswichen.

Eng verwoben mit der Konfrontation des Ost-West-Konflikts lief die Kolonialherrschaft in Asien, Afrika und dem pazifischen Raum zwischen den späten 1940er und den frühen 1970er Jahren aus. In einigen Fällen mündete das Bemühen der Kolonialmächte, die Unabhängigkeit zu verhindern, in lange und blutige Konflikte. Allerorten wurden im Kontext der Dekolonisation neue Grenzen für neue Staaten gezogen, häufig im Konflikt unterschiedlicher Interessen im In- und Ausland. Mit jeder Staatsbildung verbunden waren Auseinandersetzungen um die Ausrichtung des politischen Systems – zum Teil in Kooperation der innenpolitischen Akteure, zum Teil im (gewalttätigen) Konflikt, nicht selten geprägt durch den Anspruch der UdSSR und der USA, die Dekolonisation für die Ausweitung der Einflusszonen zu nutzen.

Vor allem das Ende der globalen Imperien der Niederlande (in den späten 1940er Jahren), Frankreichs (in den 1950er und frühen 1960er Jahren) sowie Portugals (Anfang der 1970er Jahre) brachte umfangreiche Fluchtbewegungen und Vertreibungen mit sich. Während der Kämpfe selbst flüchteten zahlreiche Bewohner der Kolonien in nichtbetroffene Gebiete oder wurden evakuiert und kehrten meist nach dem Ende der Konflikte wieder in ihre Heimatorte zurück. Europäische Siedler allerdings sowie koloniale Eliten oder Kolonisierte, die als Verwaltungsbeamte, Soldaten oder Polizisten die koloniale Herrschaft mitgetragen hatten oder den Einheimischen als Symbole extremer Ungleichheit in der kolonialen Gesellschaft galten, mussten nicht selten auf Dauer die ehemaligen Kolonien verlassen. Es kann davon ausgegangen werden, dass zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und 1980 insgesamt fünf bis sieben Millionen Europäer im Kontext der Dekolonisation aus den (ehemaligen) Kolonialgebieten auf den europäischen Kontinent "zurückkehrten" – darunter viele, die weder in Europa geboren waren noch je in Europa gelebt hatten. Daraus ergab sich ein Paradoxon der Geschichte der europäischen Expansion: Wegen der migratorischen Folgen der Auflösung des Kolonialbesitzes waren die europäischen Kolonialreiche in der Bevölkerung in Europa nie präsenter als mit und nach der Dekolonisation.[15]

Das Schicksal, in die postkolonialen Konflikte verwickelt zu werden, konnte auch zugewanderte Minderheiten treffen, die mit den (ehemaligen) Kolonialmächten in Verbindung gebracht wurden oder als Symbol der Kolonialherrschaft galten. Menschen indischer Herkunft verließen vor dem Hintergrund diskriminierender Gesetze und Gewalttaten seit den 1960er Jahren Ostafrika (vor allem Kenia und Tansania) und siedelten sich zumeist in Großbritannien an, zuletzt etwa die Hälfte der rund 60.000 Inder, die der ugandische Diktator Idi Amin in der Hoffnung auf eine populistische Stabilisierung seiner Herrschaft zwischen 1969 und 1972 ausgewiesen hatte. Ihre Vorfahren waren zumeist aus Gujarat (Hindus) und dem Punjab (Sikhs und Muslime) nach Ostafrika gegangen, um seit den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts die beinahe 1.000 Kilometer lange Uganda-Bahn vom ugandischen Kampala bis zum kenianischen Mombasa am Indischen Ozean zu bauen.[16]

Zu den mittelbaren und unmittelbaren Folgen der Dekolonisation zählten zudem Staatsbildungs- beziehungsweise Teilungsprozesse nach dem Abzug der Kolonialmächte. Beginn und Höhepunkt bildete der rasche Rückzug Großbritanniens vom indischen Subkontinent 1947.[17] Der größere Teil Britisch-Indiens ging in der Republik Indien auf. Die Regionen des Subkontinents, in denen überwiegend Muslime lebten, wurden Teil des neuen Staats Pakistan. Die Unabhängigkeit kam in einer Situation, in der die Gestaltung der politischen Zukunft noch weitgehend ungeklärt war. Die nationalistisch aufgeheizte, von zahllosen Gewalttaten gekennzeichnete Atmosphäre mündete 1947/48 in eine riesige Welle von Flucht und Vertreibung, die mindestens 14 bis 16 Millionen Menschen betraf, wobei sich die Umfänge der Fluchtbewegungen aus Indien nach Pakistan sowie aus Pakistan nach Indien mehr oder minder entsprachen. 1946 bis 1951 kamen ungefähr zehn Millionen Flüchtlinge in Flüchtlingscamps unter. Muslime hatten 1941 40 Prozent der Einwohnerschaft Delhis gestellt, 1951 waren es nur noch sechs Prozent, der Anteil der Hindus stieg im gleichen Zeitraum von 53 auf 82 Prozent. Bis zu einer Million Opfer soll der Teilungsprozess gekostet haben. Weder davor noch danach gab es derart große Flucht- und Vertreibungsbewegungen innerhalb einer so kurzen Zeitspanne von nur wenigen Wochen, die sich vor allem auf August und September 1947 konzentrierten. Sie bieten zugleich das zentrale Beispiel dafür, dass Flucht und Vertreibung sich keineswegs auf Kriege und Bürgerkriege beschränken.

Schluss: Europa im globalen Gewaltmigrationsgeschehen der Gegenwart

Die Geschichte der Gewaltmigration lief mit dem Abschluss des Prozesses der Dekolonisation und nach dem Ende des Kalten Kriegs nicht aus. Millionen von Flüchtlingen waren im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert Ergebnis der Szenarien von Krieg, Bürgerkrieg und Staatszerfall in vielen Teilen der Welt – in Europa (Jugoslawien), im Nahen Osten (Libanon, Iran, Irak, Syrien, Jemen), in Ostafrika (Äthiopien, Somalia, Sudan/Südsudan), in Westafrika (Kongo, Elfenbeinküste, Mali, Nigeria), in Südasien (Afghanistan, Sri Lanka) oder auch in Lateinamerika (Kolumbien). Die Zahl der vom Flüchtlingshochkommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) für die vergangenen Jahrzehnte ermittelten Flüchtlinge schwankt. Ausmachen lassen sich für die Zeit nach dem Ende des Kalten Kriegs zwei Hochphasen im globalen Fluchtgeschehen: die frühen 1990er Jahre und die Mitte der 2010er Jahre.

Europäische Staaten waren, sieht man von den binnenkontinentalen Bewegungen im Kontext der Auflösung des "Ostblocks" und der Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren ab, im vergangenen Vierteljahrhundert kaum Ziel von Gewaltmigrationen. Dieser Sachverhalt resultiert aus spezifischen Mustern im Kontext des Ausweichens vor Gewalt in den verschiedensten Kriegs- und Krisenzonen der Welt: Größere Fluchtdistanzen sind selten, weil finanzielle Mittel dafür fehlen und Transit- beziehungsweise Zielländer die Migration behindern. Flüchtlinge streben außerdem überwiegend nach einer möglichst raschen Rückkehr. Sie finden sich vor diesem Hintergrund in aller Regel in der Nähe der vornehmlich im Globalen Süden liegenden Herkunftsregionen. Angesichts dessen überrascht es nicht, dass Staaten des Globalen Südens 2014 nicht weniger als 86 Prozent aller weltweit registrierten Flüchtlinge beherbergten – mit seit Jahren steigender Tendenz im Vergleich zum Anteil des Globalen Nordens, hatte doch der Anteil der ärmeren Länder weltweit 2003 lediglich bei 70 Prozent gelegen. Vornehmlich der Globale Süden ist also von der Zunahme der weltweiten Zahl der Flüchtlinge seit Anfang der 2010er Jahre betroffen. Zwar stieg auch in Europa die Zahl jener Menschen an, die um Schutz vor Gewalt in den Kriegs- und Krisenzonen der Welt nachsuchten,[18] im Vergleich zu anderen Weltregionen blieb der europäische Beitrag zur Bewältigung der globalen Flüchtlingsfrage aber gering.

Fußnoten

14.
Vgl. Jochen Oltmer, Kriegsfolgewanderungen. Deutsche und europäische Migrationsverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Henrik Bispinck/Katharina Hochmuth (Hrsg.), Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland. Migration, Politik, Erinnerung, Berlin 2014, S. 26–46.
15.
Vgl. Andrea L. Smith (Hrsg.), Europe’s Invisible Migrants. Consequences of the Colonists’ Return, Amsterdam 2002.
16.
Vgl. Mahmood Mamdani, From Citizen to Refugee. Uganda Asians Come to Britain, Chicago 20112.
17.
Vgl. Joya Chatterji, The Spoils of Partition. Bengal and India 1947–1967, Cambridge 2007.
18.
Vgl. Jochen Oltmer, Fluchtursachen, Fluchtwege und die neue Rolle Deutschlands, in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, (2015) 12, S. 19ff.
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Autor: Jochen Oltmer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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