Das "Unwort des Jahres 2014" "Lügenpresse" ist am 13.01.2015 in der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin zu sehen.
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Medien, Macht, Demokratie. Wettbewerb und Konzentration auf dem Medienmarkt - Essay


22.7.2016
Information ist ein öffentliches Gut. Und dieses öffentliche Gut ist unverzichtbar für das Funktionieren unserer Demokratien. Unverzichtbar – das klingt stark und ist doch alles andere als übertrieben. Demokratie wird oft vorschnell durch die lapidare Formel definiert: "Ein Mensch, eine Stimme". Aber sie ist mehr als das, und die Formel muss lauten: "Ein informierter Mensch, eine Stimme". Andernfalls ist Demokratie bloße Fassade.

Presse, Radio, Fernsehen und inzwischen auch das Internet – seit ihren Anfängen spielen die Medien eine Schlüsselrolle in unseren Demokratien. Indem sie über anstehende Wahlen, Programme der Kandidaten und anderes mehr informieren, haben sie zunächst Einfluss auf die politische Beteiligung. In den Vereinigten Staaten etwa nahm die Wahlbeteiligung zu, als die ersten Tageszeitungen auf den Plan traten: Dies zeigt eine Studie der Ökonomen Matthew Gentzkow, Jesse Shapiro und Michael Sinkinson, in der sie den Einfluss von Tageszeitungen auf das Wahlverhalten zwischen 1869 und 1928 untersuchten – und damit die Intuitionen eines Alexis de Tocqueville bestätigten.[1] Eine zusätzliche Tageszeitung erhöht die Beteiligung an Parlaments- und Präsidentschaftswahlen um 0,3 Prozent; die erste, die auf den Markt kommt, sogar um einen ganzen Prozentpunkt – ein massiver Anstieg.

Für die positive Auswirkung von Zeitungen auf die politische Beteiligung gibt es eine Reihe von Gründen, allen voran ihr Informationsgehalt. Je besser Bürgerinnen und Bürger informiert sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie zur Wahl gehen. Dieser Befund ist durch zahlreiche Arbeiten erhärtet worden.[2] Natürlich bleibt diese Wirkung nicht der gedruckten Presse vorbehalten. Insbesondere das Radio hat historisch eine ähnliche Rolle gespielt.

Fernsehen und politische Beteiligung



Die Wirkung des Fernsehens in Demokratien ist hingegen weniger leicht einzuschätzen. Aus einem ganz einfachen Grund: Durch das Fernsehen wenden sich Zuschauerinnen und Zuschauer von Medien mit höherem Informationsgehalt ab, um dafür mehr Unterhaltung zu konsumieren. Eine Nachrichtensendung der 1950er Jahre bot, wie der Historiker Ted Nielsen festgestellt hat, nicht mehr Text als drei Spalten der Titelseite der "New York Times".[3] Das hat dazu geführt, dass die Bürger im Durchschnitt schlechter informiert sind. Zwischen einem Viertel und der Hälfte des Rückgangs der politischen Beteiligung seit den 1950er Jahren, darauf hat Gentzkow hingewiesen, geht auf die Einführung des Fernsehens zurück.[4]

Der negative Einfluss des Fernsehens auf die politische Beteiligung hat sich, wie wir aus den Arbeiten des Politikwissenschaftlers Markus Prior wissen,[5] mit der Einführung des Kabelfernsehens noch verschärft. Durch den Fernsehkonsum hatten sich die Bürger seit den 1930er Jahren zwar von anderen, informativeren Medien abgewandt, aber sie blieben zumindest ein paar Minuten täglich an Nachrichtensendungen hängen. Das Kabelfernsehen mit seiner immensen Fülle an Wahlmöglichkeiten erlaubt es dagegen, sich nie zu informieren. Dadurch hat es nicht bloß zum Rückgang der durchschnittlichen Wahlbeteiligung, sondern auch zu wachsender Polarisierung beigetragen. Wer sich wirklich informieren will, kann dies besser denn je. Doch selbst in einem Medienumfeld mit hoher politischer Beteiligung ist ein nicht unerheblicher Teil der Bürger so schlecht informiert wie nie zuvor. Die Funktionsfähigkeit unserer Demokratien, die momentan einen Rückgang der politischen Beteiligung und einen wachsenden Zulauf für Extremisten erleben, wird dadurch zwangsläufig beeinträchtigt.

Auch der gesellschaftliche Zusammenhalt in diesen Demokratien bleibt davon nicht unberührt. Das "traditionelle" Fernsehen mit seinen wenigen Sendern hatte eine homogenisierende Wirkung. Man saß zu mehreren vor dem Fernseher, im Kreise der Familie und der Freunde, und da alle am Ende die gleichen Sendungen gesehen hatten, konnten sich tags darauf alle darüber austauschen. Die Welt des Kabelfernsehens dagegen ist die vom Soziologen und Politikwissenschaftler Robert D. Putnam beschriebene des bowling alone, eine Welt also, in der regelmäßige Kontakte mit Freunden und Nachbarn unaufhaltsam zurückgehen.[6] Es geht hier nicht darum, den Verlust sozialer Bindungen zu beklagen – aber die Gefahren, die von dieser Entwicklung für die Demokratie ausgehen, sollten klar benannt werden. Zu diesen zählt zumal die Gefahr einer wachsenden "Desinformation". In unseren Gesellschaften leben die Menschen zunehmend in jenen vom Rechtswissenschaftler Cass Sunstein beschriebenen "Echoräumen" und "Informationskokons", in die nur noch jene Informationen eindringen, denen ihre Bewohner sich aussetzen wollen.[7]


Fußnoten

1.
Vgl. Matthew Gentzkow/Jesse M. Shapiro/Michael Sinkinson, The Effect of Newspaper Entry and Exit on Electoral Politics, in: American Economic Review 7/2011, S. 2980–3018.
2.
Vgl. Timothy Feddersen/Alvaro Sandroni, A Theory of Participation in Elections, in: American Economic Review 4/2006, S. 1271–1282; David Lassen, The Effect of Information on Voter Turnout: Evidence from a Natural Experiment, in: American Journal of Political Science 1/2005, S. 103–118.
3.
Vgl. Ted Nielsen, A History of Television News, in: Lawrence Wilson Lichty/Malachi C. Topping (Hrsg.), American Broadcasting: A Source Book on the History of Radio and Television, New York 1975.
4.
Vgl. Matthew Gentzkow, Television and Voter Turnout, in: Quarterly Journal of Economics 3/2006, S. 931–972.
5.
Vgl. Markus Prior, News vs. Entertainment: How Increasing Media Choice Widens Gaps in Political Knowledge and Turnout, in: American Journal of Political Science 3/2005, S. 577–592; ders., Post-Broadcast Democracy: How Media Choice Increases Inequality in Political Involvement and Polarizes Elections, Cambridge 2007.
6.
Vgl. Robert D. Putnam, Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community, New York 2000.
7.
Vgl. Cass Sunstein, Republic.com, Princeton 2002; ders., Republic.com 2.0, Princeton 2009.
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Autor: Julia Cagé für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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