Das "Unwort des Jahres 2014" "Lügenpresse" ist am 13.01.2015 in der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin zu sehen.

22.7.2016 | Von:
John David Seidler

"Lügenpresse!". Medien als Gegenstand von Verschwörungstheorien

Historische Vorläufer

Dass Verschwörungstheorien im politischen Raum wirksam werden, dass sie stereotype Feindbilder erzeugen und bedienen, ist selbst unter Verschwörungstheoretikern weitgehend unstrittig. Der "große Satan USA", die Transatlantiker und Bilderberger, die Freimaurer, Illuminaten, Kommunisten und immer wieder die "jüdische Weltverschwörung" in sämtlichen Chiffren gehören allesamt zu einem verschwörungstheoretischen Figurenkabinett, das nicht nur in der westlichen Kultur in zahlreichen politischen Strömungen und sozialen Bewegungen verankert ist. Die Medien selbst sind in diesem Figurenkabinett nicht nur einfach ein weiteres Phänomen, dem sich Verschwörungstheoretiker auch noch widmen würden. Sie sind als Deutungsgegenstand allen anderen vorgelagert und somit das eigentliche Primärobjekt – und somit auch der Schlüssel zu Erleuchtung und Erlösung.

Die historischen "Klassiker" moderner (Medien-)Verschwörungstheorien sind Produkte der geistigen Bewegung der Gegenaufklärung, mithin der ersten konservativen Bewegung im deutschsprachigen Raum. Durchgängiges Thema der Verschwörungstheorien um 1800 war die Medienrevolution des 18. Jahrhunderts, in deren Rahmen die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte am 26. August 1789 nicht zuletzt auch die Presse- und Meinungsfreiheit als Menschenrecht festlegte. Im 18. Jahrhundert – und insbesondere nach der Französischen Revolution – entstand somit erstmalig ein allgemeines Bewusstsein für die gesellschaftliche Funktion und Bedeutung von Medien: "Dieser Bewußtseinssprung markiert kommunikationshistorisch den Initialpunkt jener permanenten ‚Medienrevolution‘, deren vorerst letzte Phase wir mit der Digitalisierung und globalen Vernetzung der Informationsströme aktuell erleben."[9]

Während optimistische Akteure die sich explosionsartig verbreitenden Medien vorrangig als Instrumente rein positiv konnotierter Aufklärung interpretierten, "als im Dienst der menschlichen ‚Glückseligkeit‘ zu entfesselnde Produktivkräfte",[10] machten die Verteidiger von Thron und Altar in der damaligen Publizistik die eigentliche "Pest im Finsteren" aus: "Wenn Irreligion laut gepredigt, wenn die größten Injurien gegen Fürsten geduldet, authorisiert, und endlich durch die Presse allgemein gemacht werden sollten, so sey Preßfreyheit, da man sie von Seiten des Staates in Preßfrechheit habe ausarten lassen, ein trauriges Geschenk für die Menschheit."[11] Die florierende Medienkultur jener Zeit bildete die zentrale Projektionsfläche für zeitgenössische Verschwörungstheorien, die von nun an darauf zielten, Verschwörungen mit Verweis auf das massenmediale System zu "beweisen".

Von herausragender Bedeutung für Ausgestaltung und Verbreitung jener prototypischen modernen Verschwörungstheorie, derzufolge der Geheimbund der Illuminaten die Französische Revolution "gemacht" habe und seither im Verborgenen die Unterjochung einer guten alten Welt vorantreibe, waren die sogenannten Eudämonisten: eine kleine Gruppe gegenaufklärerischer Publizisten in den deutschsprachigen Territorien, die sich nach dem Vorbild aufklärerischer Geheimgesellschaften zur "Gesellschaft patriotischer Gelehrter" verbanden. Die professoralen Patrioten vereinten ihr publizistisches Schaffen ab 1795 in der Zeitschrift "Eudämonia oder Deutsches Volksglück: Eine Zeitschrift für Freunde von Wahrheit und Recht". Wie der Titel bereits andeutet, gehörte die "Eudämonia" zu den Vorreitern eines deutschnationalen Tonfalls. Auch die Erstnennung des Begriffs vom "Vaterlandsverräter" findet sich hier. Der Nationalismus der Zeitschrift entsprach jener destruktiven Variante, die sich bis heute vorrangig über Bedrohungsszenarien definiert. Unschwer erkennbar ist hier bereits die Deckungsgleichheit des Glaubens an eine Nation mit dem Glauben an eine Verschwörung, nämlich eine Verschwörung zu ihrer Abschaffung. Die nationale Bedrohung, der die "Eudämonia" im Kampf um die öffentliche Meinung Widerstand leisten wollte, war die Infragestellung der absolutistischen Herrschaft und angebliche Gefährdung des Christentums durch das vermeintliche Aufklärungskomplott der Illuminaten. "Sollte es da nicht wenigstens den Anders-Denkenden erlaubt seyn, auch ihre Meinung über Gegenstände zu sagen, von welchen das Wohl oder Wehe von Deutschland abhängt?", hieß es entsprechend besorgt in der ersten Ausgabe.[12]

Das durchgängige Thema der "Eudämonia" war fortan das "abscheuliche literarische Schriftsteller und Buchhändler Komplott mit seinen Ränken und Absichten", mithin der mediale Mainstream um 1800: "Seitdem der Illuminatenorden beinahe alle gelehrte Journale sich zu eigen gemacht hat, ist der Recensenten- und Journalistenunfug in ein völliges System gebracht worden. Jedermann der nur sehen will, sieht es jetzt klar genug."[13] Dass nun "jedermann" klar sehen könne, wenn er nur wolle, entsprach bereits jener paradoxen und noch heute virulenten Lektüreanweisung, nach der man die Verschwörung enthüllen kann, wenn man die medialen Angebote nur genau genug beobachtet. Die deutsche Illuminatentheorie und jene Hermeneutik des Sehens verbreiteten sich zwischen konservativen Publizisten in den folgenden Jahren in ganz Europa und bis in die "Neue Welt".

In Tradition der "Eudämonia" und ihrer Polemisierung gegen die "Preßfrechheit" verwendeten konservative Akteure nach der Deutschen Revolution von 1848/49 übrigens zunehmend den Begriff der (jüdischen) "Lügenpresse" zur Delegitimierung der liberalen Presse. Denn die revolutionäre Erhebung von 1848 mündete zwar in eine Phase politischer Restauration, doch als ein zentrales Eingeständnis an die Revolution bestand im Deutschen Bund seither die Pressefreiheit.

Die Liste weiterer Bewegungen, die das verschwörungstheoretische Erzählmuster und den Deutungsgegenstand "Medien" von der Gegenaufklärung adaptierten, führt weit mehr Bewegungen auf als jene neuen "Patrioten", die man heute leicht als Erben der Eudämonisten ausmachen kann. Die Bewegungen des modernen Antisemitismus gehören mit ihrem fortlaufenden Verweis auf die "Judenpresse" ganz sicher dazu. Ebenso wird man dem Philosophen Karl Popper zustimmen können, der einmal befand: "Die Verschwörungstheorie der Unwissenheit in ihrer marxistischen Form ist bekannt: Die kapitalistische Presse unterdrückt die Wahrheit und füllt die Gehirne der Arbeiterschaft mit falschen Ideologien."[14] Dabei ist die umrissene Theorie natürlich nicht eigentlich marxistisch, sondern eben universell und der exakte Vorläufer heutiger "Wahrheitsbewegungen" jeglicher Couleur.

Trotz dieser Befunde lässt sich das Phänomen Verschwörungstheorie durchaus auch getrennt von sozialen Bewegungen und politischer Propaganda betrachten. Der gelegentlich spielerische Umgang mit dem Motiv und dessen Verwertung im Unterhaltungssektor entkoppeln Verschwörungstheorien scheinbar von ihrer soziopolitischen Funktion. Wohl auch deshalb verbuchen zumindest hierzulande nicht wenige Beobachter das Phänomen vorrangig als eher ulkige Randerscheinung, die keine nennenswerte Bedeutung für das politische Klima hat. Auch der mainstreamjournalistische Umgang mit dem Thema stellt häufig die unterhaltungswirksame Rätselartigkeit spektakulärer Verschwörungstheorien heraus oder betont die vermeintlich kurios-pathologische Sozialfigur des "Verschwörungstheoretikers" als "verrückten Anderen". Ganz so, als gebe es keine rational auftretenden Verschwörungsfans, Medien- und Bewegungsakteure, die diese Erzählungen erst effektiv aufbereiten und verbreiten. Damit unterstützt der Journalismus selbst allerdings eine einigermaßen naive Perspektive, die sich genau dann rächt, wenn Reporter vor Ort plötzlich gesonderter Sicherheitsmaßnahmen bedürfen und die professionellen Beobachter politischer Umwälzungen gar nicht aus dem Staunen kommen.

Bislang fehlt es weitestgehend an einem Verständnis der beschriebenen Mechanismen, die eben nicht erst überraschend seit dem Herbst 2014 auf den Dresdner "Abendspaziergängen" der Pegida ("Patriotische Europäer gegen die Islamisierung Europas") wirken, sondern eine historische Konstante bilden.

Fußnoten

9.
Ernst Fischer/Wilhelm Haefs/York-Gothart Mix, Aufklärung, Öffentlichkeit und Medienkultur in Deutschland im 18. Jahrhundert, in: dies. (Hrsg.), Von Almanach bis Zeitung. Ein Handbuch der Medien in Deutschland, München 1999, S. 9.
10.
Georg Stanitzek/Hartmut Winkler, Eine Medientheorie der Aufklärung, in: dies. (Hrsg.), Josias Ludwig Gosch, Ideenumlauf, Berlin 2006, S. 23.
11.
Anonymus [vermutlich Christian Grolman], Nachrichten von einem großen aber unsichtbaren Bunde gegen die christliche Religion und die monarchischen Staaten, o.O. 17972, S. 20.
12.
Anonymus, Prospectus, in: Eudämonia 1795, S. III f.
13.
Anonymus, Anfrage, den Journalisten- und Recensenten-Unfug betreffend, in: Eudämonia 1797, S. 85f.
14.
Karl R. Popper, Vermutungen und Widerlegungen, Tübingen 20092, S. 8f.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: John David Seidler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.