APuZ 2016/33-34, Magheb-Staaten

12.8.2016 | Von:
Martin Zillinger

"Nafri" als Symbol für die Flüchtlingskrise? Marokkanische Perspektiven auf euro-mediterrane Migration

"Auf einmal war es Deutschland." Mein Gesprächspartner, ein berühmter Schauspieler aus Casablanca, den ich im Januar 2016 auf einer marokkanischen Festveranstaltung in Paris traf, zuckte die Schultern: "Alle meine Freunde, alle jungen Männer aus der Altstadt – sie alle reden nur noch davon, nach Deutschland zu gehen." Rund 10.000 Marokkanerinnen und Marokkaner kamen 2015 nach Deutschland und haben sich beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) registrieren lassen.[1] Gemessen an den Hunderttausenden, die im Zuge der Grenzöffnung ab dem Spätsommer 2015 in Deutschland Zuflucht oder einen Neuanfang gesucht haben, ist die Zahl der eingereisten Marokkanerinnen und Marokkaner relativ überschaubar. Seit den sexuellen Übergriffen und Diebstählen auf der Kölner Domplatte Silvester 2015 und der Eröffnung eines polizeilichen Analyseprojekts "Nordafrikanische Straftäter" fungiert das Kürzel "Nafri" jedoch als Symbol für die sogenannte Flüchtlingskrise und für schwer kontrollierbare Banden junger Männer, die in Deutschland durch Kleinkriminalität auf sich aufmerksam machen.[2]

Die Ereignisse in Köln waren ein Wendepunkt in der öffentlichen Diskussion der sogenannten Flüchtlingskrise, mit vermutlich noch lang anhaltenden Auswirkungen auf die europäische Migrationspolitik. Nach dem doppelten Exzess, der Gewalt am Hauptbahnhof und den Vorwürfen und Schuldzuweisungen auf Parteitagen, in den Parlamenten und den Medien, versuchten Regierungsvertreter zunächst Handlungsfähigkeit zu beweisen, indem sie versuchten, Marokko zu einem sicheren Herkunftsstaat zu erklären. Dadurch sollte der als problematisch wahrgenommene Zuzug von marokkanischen, aber auch tunesischen und algerischen Migrantinnen und Migranten gestoppt werden.[3] Tatsächlich verzeichnet das BAMF im dritten Quartal 2015 einen sprunghaften Anstieg in der Registrierung marokkanischer Flüchtlinge, an dem sich die Migrationsdebatte entzündete. Diese Debatte verkürzte Migration – die Bewegung durch den Raum – jedoch auf Asyl und Asylmissbrauch, wodurch die komplexen Migrationsdynamiken im euro-mediterranen Raum nur unzureichend erfasst wurden. Die Menschen in Nordafrika, dem Maghreb und Marokko bleiben auch in Zukunft in Bewegung. So hoch auch die Europäische Union die Mauern zieht und dadurch immer mehr ertrinkende Männer, Frauen und Kinder im Mittelmeer in Kauf nimmt, die Herausforderungen der Migration werden die Gesellschaften Europas weiter beschäftigen. Um die Bewegung der Menschen nach Deutschland und Europa angemessen einschätzen und gestalten zu können, ist es dringend angezeigt, die Heterogenität der Motive, Verläufe und Ziele von Migration und Mobilität in den Blick zu bekommen und dafür differenzierte Antworten und Zugangsformate zu entwickeln.

Asyl, Flucht, Migration: Ordnungsversuche nach Zahlen

Seit dem faktischen Aussetzen des Dublin-Abkommens[4] und der Öffnung der deutschen Grenzen für Hunderttausende Flüchtlinge der Bürgerkriege in Irak und Syrien im September 2015 wurden in Deutschland mehr als 7.000 Marokkanerinnen und Marokkaner in Erstaufnahmeeinrichtungen registriert, allein im Monat November waren es fast 3.000 Personen.[5] In der öffentlichen Diskussion wurde die sogenannte EASY-Registrierung (Erstverteilung der Asylbegehrenden), die anonym erfolgt und Fehl- und Doppelerfassungen nicht ausschließt, häufig mit dem eigentlichen Asylantrag verwechselt.[6] Da sich die meisten der nach Deutschland kommenden Migrantinnen und Migranten registrierten, um ein Dach über dem Kopf und Verpflegung zu erhalten, sind in dieser Zahl auch alle Personen enthalten, die ohne Absicht auf einen Asylantrag eingereist sind. Tatsächlich gab es im gesamten Jahr 2015 rund 1700 und im ersten Quartal 2016 655 Asylanträge von marokkanischen Staatsbürgern und damit deutlich weniger als die 10.000 Registrierungen in Erstaufnahmeeinrichtungen des Jahres 2015.[7] Die Differenz zwischen der Registrierung als Asylsuchende und den tatsächlich gestellten Asylanträgen zeigt nicht nur die instrumentelle Nutzung bürokratischer Prozeduren durch Migrierende. Sie lässt darüber hinaus ahnen, dass sich viele Menschen gänzlich einer Registrierung entziehen und es vorziehen, klandestin in Deutschland und Europa ihr Glück zu suchen: Sie tauchen ab.

Durch die Erklärung Marokkos zu einem sicheren Herkunftsstaat würde eine Abschiebung der marokkanischen Zuwanderer erleichtert und die Beweislast politischer Verfolgung auf die Schutzsuchenden übertragen werden. Marokko ist nach heutigem Wissensstand aber alles andere als ein sicheres Herkunftsland:[8] Menschen verschwinden, werden gefoltert und aufgrund ihrer sexuellen Orientierung angefeindet und verfolgt – Opposition ist nur in klar umrissenen Grenzen möglich. So sind die studentischen Initiatoren des "Arabischen Frühlings" in Marokko und der "Bewegung 20. Februar" seit einigen Jahren in Haft oder auf andere Art durch den marokkanischen Geheimdienst mundtot gemacht worden.[9] Marokko ist kein Rechtsstaat. Auch wenn regelmäßig stattfindende Parlamentswahlen, Gesetzesvorhaben wie die Reform des Familienrechts oder die Einrichtung einer Wahrheitskommission zur Aufklärung der Menschenrechtsverbrechen zwischen 1956 und 1999 den Eindruck einer fortschreitenden Demokratisierung machen, bleibt das Fundament Marokkos bestehen: Im Zentrum steht noch heute ein Machtapparat, der mit all seinen Verflechtungen in internationale Warenketten und Finanzströme an den Grenzen Europas im Stile eines "Medici-Fürsten"[10] gelenkt und kontrolliert wird.[11]

Die Migrationszahlen des statistischen Bundesamts verraten wenig über Fluchtursachen und -dynamiken aus dem Maghreb, und auch ein Zahlenvergleich über die vergangenen drei Jahrzehnte lässt viele Fragen offen. Auffällig ist, dass die Zahl der tatsächlich gestellten Asylanträge seit Januar 2015 noch immer nicht das Niveau der 1990er Jahre erreicht hat, als viele Marokkanerinnen und Marokkaner vor den "bleiernen Jahren" der brutalen Herrschaft von Hassan II. nach Europa flüchteten.[12] Doch während die Zahl von 2565 Erstanträgen 1992 auf 161 Anträge 2008 sanken, schnellte ihre Zahl im Zuge des "Arabischen Frühlings", der Verhaftungswellen in Marokko, aber auch der ersten Auswirkungen des Syrienkriegs und der unübersichtlichen Bewegungen über das Mittelmeer auf 496 (2012), 1191 (2013) und dann auf 1537 (2014) Anträge hoch – also bereits vor der "Flüchtlingswelle", die im Zuge des erleichterten Grenzübertritts Deutschland erreichte. Nachdem sich das Gelegenheitsfenster für Migranten in Deutschland wieder geschlossen hatte, haben sich die Zahlen der ankommenden Menschen erheblich reduziert. Im März 2016 waren es noch etwas über 200 Menschen, die als marokkanische Asylsuchende durch das EASY-System registriert wurden.

Migration lässt sich nicht auf Flucht, Migranten nicht auf Asylsuchende reduzieren. Ein Problem für die Migrierenden ist nicht zuletzt, dass sie durch das Grenzregime Europas wortwörtlich in ein Boot gezwängt werden und die unterschiedlichen Migrationshintergründe und Dynamiken keine differenzierten Antworten auf Seiten der Aufnahmegesellschaften und ihrer Migrationspolitik finden. Gerade für Marokko ist sich die Forschung weitgehend einig, dass nicht nur der ökonomische Bedarf, sondern auch der Anreiz nach einem besseren Leben junge Menschen zur Migration motiviert – ein Leben, das sich, wie der Anthropologe Ernest Gellner bereits betonte, durch die Aussicht auf volle Staatsbürgerrechte auszeichnet, auf Zugang zu Ausbildung, Arbeit und Gesundheitsversorgung und zu alldem, was eine erfolgreiche Selbstentfaltung möglich macht.[13] Nicht zuletzt ist der Weg in die Migration auch eine Bewährungsprobe auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Migrationsdynamiken

Migrantinnen und Migranten versuchen aus einer Vielzahl an Gründen sowie mit unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Voraussetzungen und für unterschiedliche Zeitspannen an unterschiedlichen Orten in Europa Fuß zu fassen. Aus europäischer Sicht wurde die marokkanische Migration traditionell als Angelegenheit der ehemaligen französischen Protektoratsmacht angesehen. Tatsächlich war die Bewegung entlang der Küsten und über das Mittelmeer aber immer schon ein Charakteristikum der mediterranen Lebensweise: Die Bewegung von Menschen und Ressourcen durch den Raum und die Verknüpfung von unterschiedlichen Subsistenzstrategien kennzeichnen die Sozialgeschichte des ökologisch fragilen Mittelmeerraums.[14]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Pendelmigration nach Algerien, wo sich viele Menschen aus Nordmarokko bei französischen Kolonialunternehmern anstellen ließen, durch die Migration nach Europa ersetzt. Die neu entstandene algerisch-marokkanische Grenze trennte ökonomische und familiäre Netzwerke: ausdrücklich die Gegenden um Algier und Oran, wo französische Agrarunternehmen marokkanische Wanderarbeiter beschäftigten, vom marokkanischen Norden. Insbesondere die Berber aus dem marokkanischen Rif-Gebirge, die spätestens seit den 1960er Jahren im Zuge von Anwerbeabkommen nach Belgien, Deutschland und Holland migrierten, waren besonders betroffen. Anders als ursprünglich vorgesehen, konnte sich ein Rotationsprinzip im Rahmen der Anwerbeabkommen nicht durchsetzen, nach dem "Gastarbeiter" nach einem Aufenthalt von etwa zwei Jahren als "gemachte Männer" in ihre Heimat zurückkehren und durch neue Arbeitskräfte ersetzt werden sollten. Zum einen begünstigten Haushaltsstrategien und marokkanische Patronagestrukturen Pendel- und Kettenmigration, zum anderen zogen es die europäischen Firmen vor, angelernte Arbeiter vorerst zu halten oder über die Empfehlung bewährter Migranten neue Arbeiter aus ihren Herkunftsorten einzustellen. Während sich in der ersten Phase der anonymen Rekrutierung Patronagenetzwerke zwischen staatlichen Stellen und sozialen Gruppen herausbildeten, waren es später eher personale Mittler, die Zwischenhändlerfunktionen bei der Rekrutierung von Arbeitern übernahmen und die Emigration über Touristenvisa und illegale Grenzübertritte organisierten. Auch Heiratsbeziehungen zwischen und in Familien sowie mariages blancs (Scheinehen) wurden von Maklern gestiftet und halfen Netzwerkbeziehungen zwischen Herkunfts- und Zielländern der Migration aufzubauen und zu erhalten.

Anders als in Frankreich stellen die Berber aus dem Rif bis heute die Mehrheit der marokkanischen Diaspora in Frankfurt, Düsseldorf, Dortmund und Köln. Während in den frühen 2000er Jahren Spanien und Italien als Zielländer der Migration immer wichtiger wurden, da hier leicht Geld im Agrar- und Dienstleistungssektor verdient werden konnte, lässt sich nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Finanzkrise 2008 zunehmend eine grenzüberschreitende, undokumentierte Mobilität von Migrantinnen und Migranten beobachten. In ihren Versuchen, Anschluss zu finden, reisen die Menschen aus Marokko und Nordafrika durch Europa, bis sich ihnen temporär ein Auskommen bietet.

Heute leben rund zehn Prozent der marokkanischen Bevölkerung im Ausland, die meisten von ihnen in Europa. Die Rücküberweisungen marokkanischer Migranten liegen seit Jahren bei über fünf Milliarden Euro im Jahr und machen mehr als sieben Prozent des marokkanischen Bruttosozialprodukts aus.[15] Finanzielle Rückflüsse gestalten die transnational aufgespannten Familienstrukturen der allermeisten Migrantinnen und Migranten. Bei einem einfachen Handwerkergehalt von umgerechnet 150 bis 200 Euro im Monat sind bereits kleine Geldsummen eine unverzichtbare Einnahmequelle. Geschickt hat es das Königshaus verstanden, diese Rückflüsse institutionell zu kontrollieren und Investitionen im Heimatland durch den Aufbau eines transnationalen Bankenwesens zu befördern. Nach einer langen Phase repressiver Kontrollpolitik hat sich der Staat auf die politische Vereinnahmung der Diasporagemeinschaften konzentriert und nicht zuletzt durch das Wahlrecht für Auslandsmarokkaner und andere institutionelle Formen von Interessenvertretung eine Politik der Anbindung an das Heimatland betrieben.

Fußnoten

1.
Vgl. BAMF, NRW: Schwerpunktaktion "Maghreb", 13.4.2016, http://www.bamf.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2016/20160413-020-pm-schwerpunktaktion-maghreb.html?nn=3799586«.
2.
Vgl. Anant Agarwala, Kölns schwerer Kampf gegen die "Nafri"-Kriminellen, 15.1.2016, http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-01/koeln-nordafrikaner-kriminialitaet-polizei«.
3.
Vgl. u.a. Marcel Leubecher, Nordafrikanern droht schnellere Abschiebung, 13.5.2016, http://www.welt.de/politik/deutschland/article155315700«.
4.
Das Dublin-Abkommen regelt unter anderem, dass ein Flüchtling in der Europäischen Union grundsätzlich in dem Land Asyl beantragen muss, das er oder sie zuerst betreten hat.
5.
Vgl. Bundesministerium des Innern, 2015: Mehr Asylanträge in Deutschland als jemals zuvor, 6.1.2016, http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2016/01/asylantraege-dezember-2015.html«.
6.
Im EASY-System werden ankommende Asylsuchende von einer Software registriert und auf die Erstaufnahmeeinrichtungen in den Bundesländern verteilt. Zwischen Januar und Dezember 2015 wurden so 1091894 Zugänge von Asylsuchenden erfasst; zwischen Januar und Juni 2016 bislang 222.264. Siehe Bundeszentrale für politische Bildung, Zahlen zu Asyl in Deutschland, 13.7.2016, http://www.bpb.de/218788«.
7.
Dies ist angesichts einer beschleunigten Bearbeitung von Asylanträgen maghrebinischer Migranten seit Januar 2016 besonders auffällig. Durch die schnelle und nach Herkunftsstaaten geordnete Einbestellung der nordafrikanischen Asylsuchenden sollte eine möglichst rasche Abschiebung dieser Menschen erfolgen, da ihnen wenig Aussicht auf ein erfolgreiches Asylverfahren eingeräumt wurde.
8.
Vgl. die Stellungnahme von Amnesty International, Warum die Maghreb-Staaten keine sicheren Herkunftsstaaten sind, 20.6.2016, http://www.amnesty.de/2016/6/21/warum-die-maghreb-staaten-keine-sicheren-herkunftsstaaten-sind«.
9.
Persönliche Kommunikation mit marokkanischen Menschenrechtsaktivisten.
10.
Clifford Geertz, Die Dritte Welt. Vom Fanal der Revolution zur postkolonialen Realitätsbewältigung, in: Lettre International 69/2005, S. 46–53, hier S. 50.
11.
Vgl. Jörg Gertel/Ingo Breuer, Alltagsmobilitäten. Aufbruch marokkanischer Lebenswelten, Bielefeld 2012.
12.
Siehe BAMF, Migrationsbericht 2014, Januar 2016, http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Migrationsberichte/migrationsbericht-2014.pdf?__blob=publicationFile«.
13.
Vgl. Ernest Gellner, Nationalismus und Moderne, Berlin 1991.
14.
Siehe dazu Peregrine Horden/Nicholas Purcell, The Corrupting Sea. A History of the Mediterranean, London 2000.
15.
Siehe KNOMAD, Migration and Remittances. Recent Developments and Outlook, April 2016, http://pubdocs.worldbank.org/en/661301460400427908/MigrationandDevelopmentBrief26.pdf«.
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