APuZ 37–38/2016 Der neue Mensch
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Der Neue Mensch im Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus


9.9.2016
Der Schriftsteller Franz Werfel entwarf in Vorträgen, die er 1932 in Deutschland hielt, das Bild eines typischen Mannes von der Straße, eines vom Weltkrieg erschütterten, an Vernunft und Wissenschaft verzweifelnden Zeitgenossen. Dieser Mann hat zwei Söhne, die fortstrebend von ihrem Ich sich leidenschaftlich einer höheren Ordnung unterwerfen: der eine dem Kommunismus und der andere dem Nationalsozialismus. Beide Bewegungen, bisweilen auch als "politische Religionen" bezeichnet, boten eine Weltanschauung, die letztendlich mit anderen Konzeptionen, auch mit den existierenden religiösen Traditionen, unvereinbar war, und beanspruchten den Platz, den die überlieferte Religion in der Vergangenheit eingenommen hatte. Neben der Übernahme "religiöser Inhalte" (Dogma, Apokalypse und Eschatologie, Messianismus) erfüllten beide Bewegungen sowohl für die Gesellschaft als auch für das Individuum bestimmte Funktionen traditioneller Religionen.[1]

Nicht zuletzt übernahmen "politische Religionen" von den christlichen Religionen die Suche nach dem und die Konstruktion des Neuen Menschen. In Anlehnung an Helmuth Plessner, Max Scheler und Arnold Gehlen weist der deutsche Theologe, Religions- und Kultursoziologe Gottfried Küenzlen darauf hin, dass als eine entscheidende Voraussetzung für jegliche Form von Religion das anthropologische Angelegtsein auf Selbsttranszendenz dem Menschen die Möglichkeit eröffnet, "nach dem Neusein seiner selbst zu fragen".[2] Unter den verschiedenen Antworten auf Fragen nach dem Grund der "Daseinskontingenzen" bildet die Suche nach dem Neuen Menschen eine mögliche Strategie der Entlastung und schließlich der Befreiung von Daseinsunsicherheit und -ohnmacht. Das neue Leben kann sich erst nach dem Tod – beispielsweise in einem Totenreich – oder bereits im Diesseits durch Neu- und Wiedergeburt – wie beispielsweise in Reinkarnationsvorstellungen oder im schamanistischen Erlebnis des Neugeborenwerdens – realisieren.[3] Im Laufe des Säkularisierungsprozesses wurde die Vorstellung vom Neuen Menschen transformiert. Nicht länger wird dessen Realisierung auf das Jenseits verschoben und dem Willen und der Gnade Gottes zugeschrieben. Der nun von der Menschheit selbst konstruierte Neue Mensch sollte im Diesseits als ein irdisches Wesen entstehen. Die in die "rastlose, leidenschaftliche, von den verwegensten Phantasien getragene Suche nach großen, definitiven Auswegen, Lösungen und Weltentwürfen" eingebettete Sehnsucht nach dem Neuen Menschen war um 1900 ein "Thema der Zeit"[4] und "eine der großen Gedankenfiguren", die "sich bei zahlreichen Repräsentanten der damaligen intellektuellen Avantgarde in Deutschland ebenso wie im Zarenreich" fand.[5] Die Suche nach dem Neuen Menschen kann dabei als eine Reaktion auf die von vielen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen als tief empfundene Krise des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts interpretiert werden.

Der Neue Mensch im Nationalsozialismus



Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verband die Sehnsucht nach "wahrer" Gemeinschaft und dem ganzheitlichen Menschen, die Suche nach direktem, "authentischem" Erleben und Abenteuer sowie nach jugendlicher Autonomie und der Wunsch, sich zu bewähren und Verantwortung zu übernehmen, viele junge Menschen in Deutschland und grenzte sie von der Generation der Eltern ab.[6] In den zur deutschen Jugendbewegung gezählten, im Hinblick auf Motivlagen sowie weltanschaulichen und politischen Orientierungen doch sehr unterschiedlichen Gruppierungen lassen sich auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten festmachen: Leben, verstanden als das "Ungestüme" und "Ausbruchshafte" wurde – nicht selten berief man sich hier auf Friedrich Nietzsche – zur zentralen Botschaft, die es gegen bürgerliche Konventionen, Nützlichkeitsdenken und Rationalismus zu verteidigen galt.[7] Die "Natur" wurde nicht nur als Flucht- und Erholungsort der Stadt gegenübergestellt, sondern wurde, wie Küenzlen ausführt, "in religiöser Erhöhung eine Heilkategorie"; Jugend wiederum wurde zur "Hoffnungskategorie", der die Vitalität und Kraft zugeschrieben wurde, einen Neuen Menschen zu schaffen. Gerade die religiöse Dimension der unterschiedlichen Strömungen der Jugendbewegung sei für diese charakteristisch und zeige sich bei deren zentralen Inhalten: bei der "Entdeckung des Körpers, der Bedeutung von Gemeinschaft, der Gruppe, des Bundes, des Volkes, der Vorstellung vom 'Führer', der Betonung sittlicher Grundsätze (innerer Wahrhaftigkeit, Hingabe, Wahrheitswillen, Pflichtbewusstsein usw.)".[8] In deren erster Phase, zu der die Bewegungen des Wandervogels und des Freideutschtums gezählt werden, hatten völkische Tendenzen eher die Ausnahme gebildet, während in der zweiten, in der bündischen Phase ab 1923, die soziale Organisation der Bewegungen straffer und militärisch überformt wurde: "Der losen, auf zwischenmenschliche Beziehungen ausgerichteten, eher informellen Bindung in der Wandervogelhorde folgen festere, militaristischere Gruppenformen."[9] Teilweise deckten sich die Ziele der Bündischen Jugend mit jenen der Hitlerjugend: Beide dachten "völkisch"; "Führer", "Gefolgschaft" und "Volksgemeinschaft" waren ihre Leitbegriffe.

Die Schaffung eines Neuen Menschen war schließlich auch ein Teil der nationalsozialistischen Doktrin von der allumfassenden "Erneuerung",[10] wobei der Führer als "stets präsentes und zugleich entrücktes Vorbild" den Neuen Menschen in Reinform symbolisierte.[11] Aus den rassistischen Grundannahmen Hitlers lassen sich folgende, für die Schaffung des Neuen Menschen relevante Elemente ableiten: erstens die sozial-biologische Unterscheidung von Menschen nach ihrer angeblich "rassischen" Herkunft und Wertigkeit in "wertvolle" und in "minderwertige" Menschen mit jeweils unterschiedlichem Anspruch auf Leben; zweitens die Fiktion einer "reinrassigen und erbbiologisch gesunden Volksgemeinschaft" als oberster Wert und Staatszweck; drittens die Vorstellung einer auf dem Führer-Gefolgschafts-Prinzip basierenden Volksordnung; und viertens der Anspruch des "Herrenvolkes" auf "Lebensraum". Darauf basierten nationalsozialistische Erziehungsgrundsätze und -prinzipien wie die "Erhaltung, Pflege und Entwicklung der besten rassischen Elemente", deren "Züchtung" zu wertvollen Gliedern "für eine spätere Weitervermehrung" sowie die "Neubewertung des Verhältnisses von geistiger, körperlicher und charakterlicher Erziehung".[12]

Bereits in "Mein Kampf" hatte Hitler die Grundsätze für den Sport- und Geschichtsunterricht sowie die Orientierung am Heer als der "höchsten Schule vaterländischer Erziehung" festgelegt. Unhintergehbare Voraussetzung für die "Neuwerdung" war die "rassische Gesundheit" beziehungsweise "Blutreinheit".[13] Mit dieser eng verbunden war die körperliche Gesundheit, der Hitler im Rahmen der Erziehung oberste Priorität einräumte. Der charakterlichen Erziehung wiederum wurde ein höherer Wert als der wissenschaftlichen Erziehung beigemessen. Die staatliche nachschulische Erziehung sollte für die männliche Jugend schließlich in der militärischen Ausbildung gipfeln.[14] Die "Um-" beziehungsweise "Formationserziehung" sollte dabei vorrangig durch "ständige Mobilisierung und Reproduktion von partei-, später regime-konformer Gesinnung und deren Kontrolle erfolgen. Die dafür nötigen Ausdrucks- und Interaktionsformen (Paraden, Demonstrationen, Rituale) trennte Hitler geschickt 'aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen (Militär, Arbeiterbewegung, Kirche, Werbung) von den ihnen traditionell zugeordneten Inhalten ab' und machte sie 'der Agitation für das zu erwartende Dritte Reich und damit dem emotionalen Konsum von Sehnsuchtsgefühlen und Omnipotenzphantasien verfügbar'. (…) Dieses Muster diente später als Vorbild für alle anderen Organisationen mit einem (Um-)Erziehungsanspruch, insbesondere für Hitler-Jugend (HJ), Bund Deutscher Mädel (BDM) und Reichsarbeitsdienst (RAD), wobei (…) Lager und Kolonne die adäquaten Mittel des Nazifizierungsprozesses darstellten."[15]

Zum Zweck der Schaffung des Neuen Menschen sollte das Leben des Einzelnen von der Wiege bis zur Bahre organisiert werden. Der erste Schritt auf diesem Wege war die "effektive" Sozialisation der Kinder und Jugendlichen. In Fragen der Erziehung erhob das "Dritte Reich" den Alleinvertretungsanspruch. Die älteren Kinder und die Jugendlichen wurden im Verband des Jungvolkes (zu diesem zählten die 10- bis 14-Jährigen, die sogenannten Pimpfe), im Verband der Jungmädel (10- bis 14-Jährige), im BDM und in der HJ mit nationalsozialistischen Inhalten vertraut gemacht und zur körperlichen Ertüchtigung, die bei den Jugendlichen durchaus bereits von paramilitärischem Charakter war, erzogen: "Die Gesinnungsgemeinschaft sollte zur 'Formation' werden."[16]

1928 wurde Baldur von Schirach zum Reichsführer des NS-Studentenbundes, 1931 zum Reichsjugendführer der NSDAP und schließlich 1933 zum "Jugendführer des Deutschen Reiches" ernannt. Schirachs Interesse an der Jugend entsprang jedoch nicht nur machtpolitischem Kalkül, sondern für den Reichsjugendführer symbolisierte die nationalsozialistische Bewegung, indem sie die alte Ordnung hinwegfegte, einen "Neubeginn". Jugend war für Schirach ein Wert an sich: Die vitale Jugend wird bei ihm messianisch zum Träger einer Mission, zu den entscheidenden Akteurinnen und Akteuren der nahen Zukunft, die zwar für den letzten Krieg "zu spät" gekommen seien, sich jedoch nun in einer "mystischen Gemeinschaft mit den Weltkriegsgefallenen" wiederfinden.[17]

1936 wollte Schirach Hitler einen ganzen Jahrgang zum Geburtstag schenken: Alle Zehnjährigen sollten am 20. April in das Jungvolk beziehungsweise in den Jungmädelbund eintreten. Mithilfe umfassender Werbe- und Propagandatätigkeit in Rundfunk, in den Kinos, in Schulen und auf Sportveranstaltungen konnte Schirach rund 90 Prozent des Jahrgangs für die Jugendorganisationen gewinnen. 1939 wurde schließlich die Zwangsmitgliedschaft in der "Staatsjugend" eingeführt; bereits zuvor war die HJ, die jede freie Minute der Jugendlichen bestimmte, zum wichtigsten Erziehungsträger neben Schule und Elternhaus geworden. Sport, Singen, ausgedehnte Fahrten und Zeltlager, Heimatabende, an denen die Kinder "weltanschaulich" geschult wurden, Reichssportwettkämpfe und vieles mehr fanden im Rahmen der HJ statt, die Anfang 1939 Sondereinheiten – beispielsweise die Marine-HJ, die Motor-HJ, die Flieger-HJ und die Nachrichten-HJ – bildete. Der "Schulung von Körper und Geist" waren auch die Mädchen verpflichtet, denn insbesondere sie seien für "die Reinerhaltung des Blutes als Teil des nationalen Blutbestandes" verantwortlich. Demgemäß hätten sie ihre "körperlichen Anlagen so zu entwickeln, daß die von ihnen weitergegebene Erbmasse die Nation bereichert". Der Neue Mensch sollte "gesund, kräftig, stark, wenn möglich blond (…) und selbstverständlich arisch sein".[18] Die nationalsozialistischen Jugendlichen waren also umgeben von einem Netz von Organisationen, die sie in das Kollektiv eingliedern, ferner die Ausbildung individueller Identitäten verhindern und die Jugendlichen schließlich "gleichschalten" sollten.


Fußnoten

1.
Der Beitrag basiert auf: Sabine A. Haring, Verheißung und Erlösung. Religion und ihre weltlichen Ersatzbildungen in Politik und Wissenschaft, Wien 2008; dies., Die Konstruktion eines "Neuen Menschen" im Sowjetkommunismus. Vom zaristischen zum stalinistischen Habitus in Design und Wirklichkeit, in: Lithes. Zeitschrift für Literatur- und Theatersoziologie 5/2010, S. 43–70.
2.
Vgl. Gottfried Küenzlen, Der Neue Mensch. Zur säkularen Religionsgeschichte der Moderne, München 19942, S. 31.
3.
Vgl. ebd., S. 25, S. 33–39, S. 53. Siehe auch den Beitrag von Gottfried Küenzlen in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
4.
Vgl. Gerd Koenen, Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus?, Berlin 1998, S. 125f.
5.
Vgl. Frank-Lothar Kroll, Endzeit, Apokalypse, Neuer Mensch, in: Uwe Backes (Hrsg.), Rechtsextreme Ideologien in Geschichte und Gegenwart, Köln u.a. 2003, S. 139–157, hier S. 142.
6.
Vgl. Hermann Glaser, Kulturchronik 1900–2005: So viel Neuer Mensch war nie wie nach 1900, in: Du: die Zeitschrift der Kultur 767/2006–2007, S. 66–73.
7.
Vgl. Rüdiger Safranski, Romantik. Eine Deutsche Affäre, München 2007, S. 302–308.
8.
Vgl. Küenzlen (Anm. 2), S. 153–160, Zitat S. 156f.
9.
Albrecht Lehmann, "Dann war ich 14, da kam man in die HJ!", in: Christoph Studt (Hrsg.), Das Dritte Reich. Ein Lesebuch zur deutschen Geschichte 1933–1945, München 1995, S. 115–118, hier S. 116.
10.
Dabei existierten innerhalb der nationalsozialistischen Ideologie durchaus unterschiedliche Vorstellungen vom Neuen Menschen, beispielsweise wenn man den Neuen Menschen in Alfred Rosenbergs "Mythos des 20. Jahrhunderts" mit jenem in Walther Darrés "Das Bauerntum als Lebensquell der nordischen Rasse" vergleicht. Vgl. Kroll (Anm. 5), S. 145–148.
11.
Karl Dietrich Bracher, Zeitgeschichtliche Kontroversen. Um Faschismus, Totalitarismus, Demokratie, München 19762, S. 56.
12.
Wolfgang Keim, Erziehung unter der Nazi-Diktatur, Bd. 1, Darmstadt 1995, S. 15f.
13.
Adolf Hitler, Mein Kampf, 538.–542. Auflage, München 1940, S. 451.
14.
Ebd., S. 451, S. 459, S. 462, S. 475f.
15.
Keim (Anm. 12), S. 17f.
16.
Vgl. Harald Scholtz, Hitlerjugend, in: Christian Zentner/Friedemann Bedürftig (Hrsg.), Das große Lexikon des Dritten Reiches, Augsburg 1993, S. 264f.
17.
Vgl. Guido Knopp, Hitlers Helfer. Täter und Vollstrecker, München 1999, S. 110f.
18.
Baldur von Schirach, zit. nach ebd., S. 112–120.
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Autor: Sabine A. Haring für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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