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APuZ 37–38/2016 Der neue Mensch

9.9.2016 | Von:
Sascha Dickel

Der Neue Mensch – ein (technik)utopisches Upgrade. Der Traum vom Human Enhancement

Enhancement und Gesellschaft

Im wissenschaftlichen Mainstream stoßen solche Visionen typischerweise auf Skepsis und Ablehnung. Und doch sind sie im naturwissenschaftlich-technischen Denken verwurzelt. Selbst die Vision des digital migrierten Neuen Menschen ist das Produkt eines bestimmten wissenschaftlichen Weltbildes – nämlich des informationstechnischen Paradigmas. Es verwundert daher nicht, dass selbst diese radikale Idee durchaus anschlussfähig an gegenwärtige Digitalisierungsdiskurse ist, die von der Leitidee der Dematerialisierung des Materiellen bestimmt sind.[23] Auch wenn die grundsätzliche Realisierbarkeit des Uploading von vielen Forschern in das Reich der Phantasie verbannt wird, sind einige Technikvisionäre gleichwohl davon überzeugt, dass diese technologische Vision noch in diesem Jahrhundert Wirklichkeit werden kann. Ihr prominentester Vertreter ist Ray Kurzweil, seines Zeichens Träger der National Medal of Technology und Director of Engineering bei Google.[24]

Die oszillierenden Rollen von Kurzweil – zwischen Technikexperte und Technikutopist – reproduzieren ein Diskursmuster, das sich in die gegenwärtige Renaissance technikfuturistischer Visionen im 21. Jahrhundert einfügt – man denke nur an Schlagworte wie "Industrie 4.0", "Smart Cities", "autonomes Fahren", "künstliche Intelligenz" oder "synthethische Biologie". Analog zu diesen kontemporären Zukunftsbildern treten auch Enhancement-Visionen keineswegs als Science Fiction auf, also als explizite Fiktionen, sondern eben auch und gerade als ernst gemeinte Szenarien der Zukunft, die in (populär)wissenschaftlichen Schriften von Wissenschaftlern und Technologen skizziert und öffentlich verhandelt werden. Aktuelle Science Fiction lässt sich dabei durchaus selbst von den Visionen der Technologen inspirieren: So wird im Film "Transcendence" (2014) die Idee des Uploading im direkten Anschluss an transhumanistische Utopien, wie sie etwa von Kurzweil vertreten werden, fiktional ausbuchstabiert.

Während Autoren wie Fukuyama den Transhumanismus als "gefährlichste Idee der Menschheit"[25] bezeichnen, haben sich längst auch Institute, Vereine und Think Tanks etabliert, die offensiv für transhumanistische Zukunftsvisionen werben. Diese werden teilweise von renommierten, wenn auch umstrittenen Vordenkern getragen: Zu ihnen gehören unternehmerische Visionäre der Technologieszene des Silicon Valley wie Kurzweil ebenso wie eine Reihe von Philosophen – allen voran Nick Bostrom, der Direktor des an der Universität Oxford angesiedelten Future of Humanity Institute. Auf der Graswurzel-Ebene finden sich Netzwerke von Bloggern, Künstlern und Aktivisten, die für ein Recht auf Enhancement eintreten und etwa die Idee des Cyborgs politisch und ästhetisch aus- und umdeuten. Die Dystopien der einen sind die Utopien der anderen.

Der biopolitische Konflikt um Enhancement zeigt, dass wir es mit einem kontemporären utopisch-dystopischen Diskurs zu tun haben, in dem um eine neue Version des Neuen Menschen gestritten wird. Im Gegensatz zur klassischen Sozialutopie, aber auch im Kontrast zu den früheren biopolitischen Kollektivutopien der Eugenik[26] oder des "russischen Kosmismus"[27], verschreiben sich die aktuellen Körperutopien primär dem Glück und der Freiheit des Individuums. Weder ist in diesen Visionen ein kollektiver Konsens darüber erforderlich, welche Verbesserungen anzustreben seien oder was überhaupt als Verbesserung gilt, noch wird typischerweise die Idee einer politischen Verordnung zum Enhancement vertreten. Die Entscheidung für oder gegen eine Manipulation des eigenen Körpers (oder seines Nachwuchses) soll man vielmehr selbst treffen. So kommt der rezente Enhancement-Utopismus auch ohne ein verbindliches Zukunftsbild aus. Seine Botschaft lautet vielmehr immer: Wissenschaft und Technik können dir die Möglichkeit eröffnen, die Zukunft deiner Wahl zu realisieren. Du kannst und sollst gerade dann "Ja" zum Enhancement sagen können, wenn du davon ausgehst, dass sich deine Präferenzen in Zukunft ändern werden. Der aktuelle Enhancement-Utopismus setzt keine stabilen Identitäten, Wünsche oder Ziele voraus. Stattdessen wird einer tendenziell unendlichen Steigerung von Handlungs-, Erlebnis- und Wahlmöglichkeiten das Wort geredet. Es gibt keine inhärente Stoppregel, die darüber informiert, wann eine weitere Verbesserung nicht mehr möglich oder sinnvoll ist.

Obgleich sich Enhancement-Visionen damit in vielen Punkten vom Muster der klassischen Sozialutopie unterscheiden, partizipieren sie gleichwohl am Geist des modernen utopischen Denkens, indem sie der gegenwärtigen Welt eine radikale Alternative entgegenstellen, die mit den Mitteln rationaler Weltgestaltung angeblich realisiert werden kann. Die biologische Selbstermächtigung des Individuums wird in diesen Utopien auch durchaus explizit in die Traditionslinie der menschlichen Emanzipation eingeordnet und als logische Fortführung der Befreiung des Menschen gedeutet. Nur müsse man nun nicht mehr (primär) gegen die gesellschaftlichen Zwänge kämpfen, sondern den Menschen vielmehr (auch und womöglich insbesondere) aus den Fesseln der Natur befreien.

Was auch immer wir von diesen Ideen halten, ob wir sie für machbar oder unmöglich, für erstrebenwert oder vermeidenswert halten, sie sind Gegenstand eines Diskurses unserer Gegenwartskultur. Es wäre allzu einfach, solche Zukunftsvorstellungen nur als Auswuchs einer unverwüstlichen Technikgläubigkeit bestimmter soziokultureller Milieus zu begreifen. Man sollte diese technischen Utopien gerade nicht als das exotisch Andere begreifen, das wir als postmodern aufgeklärte Intellektuelle souverän von uns weisen können, sondern vielmehr als ernst zunehmenden Ausdruck unserer zeitgenössischen Gesellschaft: einer Gesellschaft nämlich, die ihre utopischen Alternativen auch und gerade im Rahmen ihres technologischen Werkzeugkastens sucht.

Die transhumanistischen Utopien werden in einer Gesellschaft artikuliert, die in sachlicher Hinsicht so komplex geworden ist, dass die Idee einer Transformation der Sozialordnung hin zu einem gesellschaftlichen Alternativmodell kaum mehr plausibel erscheint. In einer vernetzten, globalisierten Welt, die kein Außen mehr kennt, scheint selbst die Realisierung lokal begrenzter Gegenmodelle fraglich. Diese Gesellschaft bietet stattdessen die Alternative eines transformierten Körpers an, der nach individuellen Wünschen gestaltet werden kann.

Eine solche individuelle Fokussierung bettet sich zugleich fugenlos in die normativen Strukturen liberaler pluralistischer Demokratien ein. Im Gegensatz zur klassischen Sozialutopie, aber auch zu den körperzentrierten biopolitischen Utopien des frühen 20. Jahrhunderts, schreiben transhumanistische Utopien in sozialer Hinsicht nämlich kaum mehr kollektiv verbindliche Werte vor. Sie wollen eher einen Möglichkeitsraum eröffnen, der jedem Einzelnen die Chance geben soll, seine Wünsche zu realisieren. Ihre evaluative Leitidee ist der abstrakte Wert der Potenzialvermehrung – kompatibel mit vielfältigen Zielen.

Spezifische Zukunftsvisionen und technologische Pfade zu ihrer Realisierung werden in diesen Utopien zwar ausgemalt, aber zugleich als austauschbare Beispiele begriffen. Daher spielt es auch keine Rolle, dass bislang keine Enhancement-Utopie technisch realisiert werden konnte. Im Rahmen des Diskurses der Enhancement-Utopien ist die einzige Folgerung bei Technikenttäuschungen, die utopischen Hoffnungen eben auf neue Technologien zu richten. Dabei werden stets Sachtechnologien präferiert, deren Entwicklungsmöglichkeiten wissenschaftlich extrapoliert, über deren Entwicklungsgrenzen aber kaum wissenschaftlich begründbare Aussagen getroffen werden können. Immer wenn eine solche Technologie am Horizont der Wissenschaft auftaucht, kann sie von Enhancement-Utopisten als Erfüllungsbedingung utopischer Hoffnungen funktionalisiert werden. In zeitlicher Hinsicht verzichten Enhancement-Utopien somit auf die Konstruktion einer perfekten (und damit nicht weiter verbesserbaren) Zukunft, und offerieren stattdessen ein Modell immerwährender Verbesserbarkeit in vielfältige Richtungen, das vollumfänglich kompatibel mit beschleunigten Wachstumsgesellschaften erscheint, die auf die Produktion ständig neuer Innovationen programmiert sind.

Fazit

Die Krise der Sozialutopie und die Emergenz des Enhancement-Utopismus zeigen, dass es historisch variabel ist, was jeweils als unbestimmt und gestaltbar erfahren wird. Es ist eben nicht durch die Geschichte garantiert, dass eine gestaltbare Zukunft im Raum des Politischen gesucht und gefunden wird. Vielmehr kann in einer Epoche des "rasenden Stillstands", in der die Gesellschaft eher Sachzwängen hinterher eilt, als sich kollektiv zu gestalten,[28] auch der individuelle Körper als Objekt utopischer Hoffnungen in den Mittelpunkt rücken.[29] Dann erscheinen nicht mehr Reformen oder Revolutionen als utopische Gestaltungsinstrumente, sondern Pharmaka und Implantate. In einer Zeit, in der die Gesellschaft als Bereich ungestaltbarer Kontingenz erfahren wird, scheint nun die biologische Natur des Menschen als Bereich vermeintlich gestaltbarer Kontingenz in den Fokus zu rücken.

Der Neue Mensch der transhumanen Zukunft – er ist nicht das Resultat einer wohlgestalteten Sozialordnung der Zukunft, sondern eine leere Hülle, ein Möglichkeitsraum, der durch individuelle Wünsche gefüllt werden kann, ein technologisch entgrenztes Wesen, das unendlich flexibel und optimierbar erscheint, ein Upgrade, das auf das nächste Upgrade wartet. Es drängt sich damit die Vorstellung auf, dass dieser Neue Mensch auch ein Produkt seiner Gesellschaft ist – das fiktionale Produkt einer gegenwärtigen liberalen Innovations- und Wachstumsgesellschaft, die (Sach-)Technologien als primäres Mittel ihrer Selbstgestaltung und -transformation begreift.

Fußnoten

23.
Vgl. Katherine Hayles, How We Became Posthuman. Virtual Bodies in Cybernetics, Literature, and Informatics, Chicago 1999, S. 1ff.
24.
Vgl. Kurzweil (Anm. 22).
25.
Francis Fukuyama, The World’s Most Dangerous Ideas: Transhumanism, in: Foreign Policy 144/2004, S. 42f.
26.
Vgl. Peter Weingart et al., Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, Frankfurt/M. 1998.
27.
Vgl. Boris Groys/Michael Hagemeister (Hrsg.), Die neue Menschheit. Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 2005.
28.
Paul Virilio, Rasender Stillstand. Essay, Frankfurt/M. 1997.
29.
Vgl. Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt/M. 2005, S. 460–490.
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Autor: Sascha Dickel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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