Brasilien, Demonstration, Rousseff
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Erschöpft. Konflikte um Natur, Rohstoffausbeutung und Großprojekte in Lateinamerika


23.9.2016
Lateinamerika verfügt über einen einzigartigen Artenreichtum. Sechs der Länder, die weltweit den höchsten Grad an biologischer Vielfalt aufweisen, befinden sich in der Region: Brasilien, Kolumbien, Ecuador, Mexiko, Peru und Venezuela. Der sich über weite Teile des brasilianischen Amazonasbeckens erstreckende Regenwald ist der Lebensraum mit der größten Biodiversität der Welt. Andere Ökosysteme, wie die Feuchtgebiete des Pantanal in Brasilien oder die für die Höhenzüge der Anden typische Vegetationsform des Páramo sind Lebensraum für viele endemische Tier- und Pflanzenarten, also Arten, die nur in diesen Gebieten vorkommen. Feucht- und Regenwaldgebiete sowie die Höhenzüge der Anden sind darüber hinaus sozial und kulturell bedeutsam. Sie sind zudem wichtige Wasserspeicher für die Trinkwasserversorgung der Großstädte, die Energiegewinnung aus Wasserkraft und die Bewässerung landwirtschaftlicher Nutzflächen.[1] Für viele ländliche Bevölkerungsgruppen (Kleinbauern und -bäuerinnen, Indigene, afrolateinamerikanische Gruppen und andere mehr) sind sie darüber hinaus wichtige Elemente lokaler Wirtschaftskreisläufe und kultureller Identität.

Neben der hohen biologischen Vielfalt gibt es in der Region auch enorme Rohstoffvorkommen. Nach aktuellen Schätzungen lagern im Untergrund des Subkontinents mehr als 65 Prozent der weltweiten Lithiumvorkommen, knapp die Hälfte der Silber- und Gold- sowie ein Drittel der Zinnreserven.[2] In Bezug auf Kupfer, Bauxit, Eisen oder Kohle zählen lateinamerikanische Länder zu wichtigen Rohstofflieferanten der globalen Industriegüterproduktion und Energiewirtschaft: Chile, Peru und Argentinien im Bereich Kupfer – die deutsche Industrie bezieht über die Hälfte ihres Kupferbedarfs aus diesen Ländern[3] –, Kolumbien beim Export von Steinkohle sowie Brasilien bezogen auf Bauxit, Eisenerz und Zinn.[4] Die umfassend vorhandenen Flächen fruchtbaren Bodens machen die Region zusätzlich für agrarindustrielle Investitionen attraktiv.[5]

Diese drei Dinge – die biologische Vielfalt, der für die regionale Wirtschaft ab Ende der 1990er zunehmend wichtiger gewordene Rohstoffreichtum und die großen Agrarflächen – stehen vor dem Hintergrund hoher Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt und der Ausweitung von Bergbau und agrarindustriellen Landnutzungen in der Region in einem wachsenden Widerspruch zueinander. Vielerorts ist dieser Widerspruch zwischen Ökologie, Sozialem und Ökonomie zum Gegenstand von Konflikten geworden. Das Observatorio de Conflictos Mineros de América Latina (OCMAL), ein zivilgesellschaftliches Beobachtungszentrum für Bergbaukonflikte, geht aktuell (September 2016) von 216 Konflikten um Bergbau in der Region aus, die meisten davon in Peru (39), Mexiko (37), Chile (36), Argentinien (26), Brasilien (20) und Kolumbien (13). OCMAL bestätigt zudem, was auch andere Studien belegen: Die zum Teil gewalttätig ausgetragenen Konflikte um Natur, deren Nutzung, Kontrolle, Schutz und Aneignung haben auf dem Subkontinent seit Beginn des 21. Jahrhunderts stark zugenommen.[6]

Obgleich der Neo-Extraktivismus in Lateinamerika zwischen 2000 und 2013 wegen seiner sozialpolitischen Erfolge gesellschaftlich breit akzeptiert war,[7] zeigen diese Auseinandersetzungen, dass ein auf Rohstoff- und Naturausbeutung basierendes Entwicklungsmodell dennoch großes Konfliktpotenzial in sich trägt. Was die Ursachen dieser Konflikte sind, welche Forderungen und Interessen sich gegenüberstehen, von welchen Akteuren sie getragen werden und welche gesellschaftlichen und politischen Potenziale des Wandels von ihnen ausgehen, ist Gegenstand dieses Beitrags. Dazu richtet sich der Blick mit Bezug auf je spezifische Länderkontexte, insbesondere Brasilien, auf drei zentrale Konfliktfelder: Bergbau, Infrastrukturprojekte und sportliche Mega-Events.

Konfliktfeld Bergbau



Die Zunahme sozialer Auseinandersetzungen um den Bergbau erklärt sich durch die Überlagerung unterschiedlicher territorialer Ansprüche, Interessen und Forderungen. Hohe Weltmarktpreise für Rohstoffe und technologische Innovationen haben dazu beigetragen, dass ländliche Gebiete und Rohstoffvorkommen, die bislang als "unproduktiv" oder als für profitable Kapitalverwertungen schwer erschließbar galten, in den Fokus von Staat, (trans-)nationalen Bergbauunternehmen sowie nationalen Akteuren geraten sind, die – etwa im Bereich der Goldsuche – auf das schnelle Geld hoffen. Lateinamerika war in den vergangenen 20 Jahren im internationalen Vergleich die Region mit den höchsten Investitionen in den Bergbau. Wichtige Empfängerländer ausländischer Direktinvestitionen in diesem Sektor sind Mexiko, Peru, Ecuador, Kolumbien und Brasilien. Der Investitionsboom übersetzte sich in den genannten und anderen Ländern der Region in einen Wettlauf um die Vergabe von Konzessionen zur Erkundung und Ausbeutung bergbaulicher Rohstoffe. In Kolumbien etwa stiegen die vom Staat vergebenen Konzessionen seit 2002 von 200 auf inzwischen über 9600,[8] in Brasilien wurden zwischen 2011 und 2015 bei fallenden Weltmarktpreisen über 1400 neue Konzessionen für Bergbauprojekte erteilt.[9]

Bei den Gebieten, für die diese Konzessionen vergeben werden, handelt es sich nicht, wie häufig angeführt, um "ungenutzte" oder "leere" Räume. Im Gegenteil: Ein Großteil der Konzessionen für Bergbau im kolumbianischen Amazonas befindet sich in Gebieten, über die indigene Bevölkerungsgruppen de jure territoriale Selbstbestimmungsrechte besitzen. Im Bundesstaat Pará im Norden Brasiliens überlagern sich die Pläne des ehemaligen staatlichen Bergbauunternehmens Vale do Rio Doce, in der Gemeinde Canaã dos Carajás die Eisenförderung auszuweiten, mit den Forderungen nach territorialer Selbstbestimmung seitens indigener Bevölkerungsgruppen und sogenannter quilombolas, einer ethnischen Minderheit aus Nachkommen geflohener afro-brasilianischer Sklaven, die seit der Verfassungsänderung von 1988 einen legalen Anspruch auf kollektive Landrechte hat.[10]

In der Provinz Guajira, im Norden Kolumbiens, plant das Unternehmenskonsortium Cerrejón, bestehend aus den transnationalen Konzernen Anglo American, BHP Billiton und Glencore, die Ausweitung der größten Kohlemine Lateinamerikas in ein Gebiet, das überwiegend von der indigenen Gemeinschaft der Wayuu bewohnt wird. Hierbei drohen nicht nur, wie bereits in anderen Fällen im Rahmen des Kohlebergbaus von Cerrejón geschehen, die Umsiedlung von Dörfern und, damit verbunden, die Zerstörung ortsgebundener Identitäten, sondern auch die Umleitung eines für die Wasserversorgung der ländlichen Gemeinschaften und naheliegenden Städte wichtigen Flusses. Das ist auch der Grund, warum eine breite Allianz aus Gewerkschaften, Umweltorganisationen, Indigenen und Bürgerinitiativen gegen die Minenvergrößerung protestiert. Der Fall ist beispielhaft, denn Wasserversorgung steht in vielen Bergbaukonflikten im Zentrum der Auseinandersetzungen. Industrieller Bergbau verbraucht nicht nur viel Wasser, Bergbauprojekte drängen auch in jene sensiblen Ökosysteme vor, die für die Trinkwasserversorgung essenziell sind: die Tieflandgegenden des Amazonas, die Paramós und die Gletscher der Anden.

Beispiele für Auseinandersetzungen um die Vergabe von Bergbaukonzessionen in diesen sensiblen Ökosystemen sind zahlreich. Ein Konflikt, der mit dem Slogan "El Aqua vale más que el Oro" ("Wasser ist wertvoller als Gold") überregional bekannt geworden ist, ist jener um eine industrielle Goldmine im Department Famatina in der argentinischen Provinz La Rioja. Seit 2005 mobilisiert die 6.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählende Gemeinde erfolgreich gegen dieses Projekt. Das zentrale Moment dieser Mobilisierung ist die Bezugnahme auf Wasser als Lebensgrundlage, woraus die Forderung nach einer demokratischen Bestimmung über die Aneignungen und Nutzungen von Gemeingütern abgeleitet wird.[11] Neben der Menge und der Verteilung des Wassers spielt die Frage der Wasserqualität eine zentrale Rolle, denn um Metalle und Mineralien vom Gestein zu trennen, kommen häufig giftige Chemikalien zum Einsatz.

In den brasilianischen Bundesstaaten Minais Gerais und Espírito Santo lässt sich am Rio Doce erahnen, was es bedeutet, wenn die Lebensgrundlagen ländlicher Bevölkerungen auf Jahrzehnte durch Chemikalien zerstört sind: Am 5. November 2015 brachen in der Gemeinde Mariana zwei Dämme eines mit giftigen Abwässern und Schlamm gefüllten Rückhaltebeckens einer Eisenerzmine des Unternehmens Samarco Mineração. 19 Menschen starben, etwa 50 Millionen Tonnen des giftigen Schlamms strömten in den Rio Doce, der 660 Kilometer weiter östlich in den Atlantik mündet. Seither streiten Gemeinden, Staatsanwaltschaft, Unternehmen, Umweltbehörden und -organisationen um Verantwortlichkeiten, Schadensersatzzahlungen und die Frage, welchen Bergbau die brasilianische Gesellschaft eigentlich haben will. Die Hauptleidtragenden dieser Katastrophe und die Verlierer der Auseinandersetzungen stehen bereits fest: die am und vom Rio Doce lebende ländliche Bevölkerung.[12]

Territoriale Überlagerungen führen vor allem dann zu Konflikten, wenn lokale Akteure den Bergbau als eine Bedrohung ihrer räumlichen und kulturellen Selbstbestimmungsrechte, ihrer ökonomischen Lebensgrundlagen (zum Beispiel Landwirtschaft, handwerklicher Bergbau, Fischerei) und ihrer politischen Rechte als citizens erleben.[13] Letzteres ist in Lateinamerika von zentraler Bedeutung. Infolge der Demokratisierungsprozesse in den 1980er und 1990er Jahren, dem Erstarken indigener und afro-lateinamerikanischer Bewegungen sowie der Machtübernahme linker und sozialdemokratischer Regierungen wurden in vielen Ländern der Region weitreichende politische, soziale und kulturelle Rechte in Verfassungen und Gesetzen verankert. Die gegenwärtigen Konflikte um Bergbau, Infrastrukturprojekte und Land sind einerseits Ausdruck neuer politischer Handlungsräume; andererseits zeigen sie, dass zwischen Rechtsnorm und Rechtswirklichkeit eine deutliche Lücke klafft. Diese Lücke politisieren Protestakteure, wenn sie wie in einer Vielzahl von Fällen in Argentinien, Guatemala, Peru, Ecuador und Kolumbien gemeinsam mit Gemeinderäten lokale Konsultationen (consultas comunales oder populares) "von unten" initiieren, in denen demokratisch darüber abgestimmt wird, ob in einer Gemeinde Bergbauprojekte genehmigt werden sollen oder nicht.[14] Um politische Mitbestimmung und Anerkennung von citizenship-Rechten geht es auch in Konflikten, in denen ethnische Gruppen ihr Recht auf vorherige Konsultation einfordern, das in der Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) verankert ist. Obgleich 15 der 19 lateinamerikanischen Staaten die Konvention ratifiziert haben, werden in den wenigsten solche Konsultationen abgehalten.[15]


Fußnoten

1.
Vgl. United Nations Environment Programme (UNEP), The State of Biodiversity in Latin America and the Caribbean. A Mid-term Review of Progress Towards the AICHI Biodiversity Targets, Mai 2016, http://www.cbd.int/doc/meetings/cop/prepcop-2016-04/other/prepcop-2016-04-outlook-grulac-en.pdf«.
2.
Vgl. Jean Acquatella et al., Rentas de recursos naturales no renovables en América Latina y el Caribe: evolución y participación estatal, 1990–2010. Serie Seminarios y Conferencias 72 CEPAL, Santiago de Chile 2013.
3.
Zu Peru vgl. Heidi Feldt/Uwe Kerkow, Menschenrechtliche Probleme im peruanischen Rohstoffsektor und die deutsche Mitverantwortung, Aachen 2013, http://www.misereor.de/fileadmin/publikationen/studie-rohstoffe-menschenrechte-in-peru.pdf«.
4.
Vgl. Claudia Zilla, Ressourcen, Regierungen und Rechte. Die Debatten um den Bergbau in Lateinamerika, Berlin 2015.
5.
Vgl. Saturnino M. Borras et al., Land Grabbing and Global Capitalist Accumulation: Key Features in Latin America, in: Canadian Journal of Development Studies/Revue canadienne d’études du développement 4/2012, S. 402–416.
6.
Vgl. OCMAL, Conflictos Mineros en América Latina. Extracción, Saqueo y Agresión, Estado de situación en 2014, April 2015, http://www.conflictosmineros.net«; dort auch eine Karte mit einer Übersicht über alle Konflikte; Anthony Bebbington/Jeffrey Bury (Hrsg.), Subterranean Struggles. New Dynamics of Mining, Oil, and Gas in Latin America, Austin 2013.
7.
Zum Neo-Extraktivismus siehe auch den Beitrag von Ulrich Brand in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
8.
Vgl. Agencia Nacional de Minería, Así es nuestra Colombia minera, o.D., http://www.anm.gov.co«.
9.
Vgl. Ministério de Minas e Energia, Boletim Informativo do Setor Mineral 2014 und 2016, o.D., http://www.mme.gov.br«.
10.
Vgl. Danilo Chammas/Dário Dossi, Brasil, in: OCMAL (Anm. 6), S. 16–36.
11.
Vgl. Maria Ceci Misoczky/Steffen Böhm, The Oppressed Organize Against Mega-Mining in Famatina, Argentina: Enrique Dussel’s Ethics of Liberation, in: Alison Pullen/Carl Rhodes (Hrsg.), The Routledge Companion to Ethics, Politics and Organizations, London 2015, S. 67–84.
12.
Vgl. Der Rio Doce stirbt, 27.11.2015, http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2015-11/bergbau-unglueck-brasilien-rio-doce«.
13.
Vgl. Elisabet Dueholm Rasch, Transformations in Citizenship: Local Resistance Against Mining Projects in Huehuetenango (Guatemala), in: Journal of Developing Societies 2/2012, S. 159–184.
14.
Vgl. Mariana Walter/Leire Urkidi, Community Mining Consultations in Latin America (2002–2012): The Contested Emergence of a Hybrid Institution for Participation, in: Geoforum 2015 (i.E.); Kristina Dietz, Politics of Scale and Struggles over Mining in Colombia, in: Bettina Engels/dies. (Hrsg.), Contested Extractivism, Society and the State: Struggles Over Mining and Land, London 2016 (i.E.).
15.
Vgl. Almut Schilling-Vacaflor/Riccarda Flemmer, Rohstoffabbau in Lateinamerika: Fehlende Bürgerbeteiligung schürt Konflikte, German Institute of Global and Area Studies, GIGA Focus 5/2015.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Kristina Dietz für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.