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Kuba: neue Perspektiven? - Essay


23.9.2016
Die Antwort auf die Frage im Titel könnte, salopp formuliert, lauten: Die Perspektiven sind nicht so neu, und sie sind auch nicht so einfach, wie mancher sich das angesichts des Kuba-Hypes der vergangenen zwei Jahre vorstellen mag. Seit dem "historischen Handschlag" zwischen dem kubanischen Staatschef Raúl Castro und US-Präsident Barack Obama im Dezember 2013 (während der Begräbnisfeierlichkeiten für Nelson Mandela in Johannesburg) scheint – zumindest aus der Sicht vieler Medien in Zentraleuropa – ein neues Zeitalter angebrochen zu sein. Das Datum eines Telefonats zwischen Castro und Obama, der 17. Dezember 2015, ist als "17D" inzwischen sogar zum politischen Symbol geworden. Der Hype überrascht selbst langjährige Kuba-Expertinnen und -Experten, die dachten, sie hätten in fast 60 Jahren "kubanischer Revolution" bereits alles erlebt.

Zum Telefonat von 17D gehörten unter anderem die Absichtserklärungen beider Politiker, die diplomatischen Beziehungen wieder aufnehmen zu wollen. Ein kubanischer Freund, dem das heute möglicherweise peinlich ist, schrieb mir damals, dass dieser Tag im Dezember der wichtigste seit dem Sieg der Revolution sei. Die Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen Kuba und den USA folgte tatsächlich schon bald, mit dem vorläufigen Höhepunkt des Besuches von Obama mit seiner Familie auf Kuba vom 20. bis 22. März 2016.[1]

Selten habe ich so viele Kuba-Artikel schreiben beziehungsweise an Fernsehproduktionen über die Insel mitwirken dürfen wie in den zurückliegenden beiden Jahren. Die Reiseunternehmen haben die Preise für Kuba-Reisen erhöht, weil so viele Europäer das Kuba der Revolution noch einmal bereisen und sehen wollen, bevor der erwartete Massentourismus aus den USA einsetzt. Besonders gefragt sind Rundreisen, weniger der Urlaub in den abgeschotteten Urlaubsressorts auf Inseln oder auf der Península de Hicacos (Varadero). Die Aussicht auf schöne alte Autos, exzellente Drinks, guten Rhythmus und fröhliche Menschen wird sicher immer eine der wichtigsten Dimensionen kubanischer soft power bleiben. Die anderen sind – zumindest für linke Romantiker – der Charme der Revolution in den Tropen und die Biografie Fidel Castros, der diese nach über 50 Jahren Regierungszeit (1959 bis 2008) wie kein anderer personifiziert.

Die internen Perspektiven auf Kuba, also die Sichtweisen der Kubanerinnen und Kubaner selbst, sind natürlich völlig andere. Kubaner sind ein Volk von jodedores – sie versuchen, jeder Situation, wirklich jeder, etwas Humorvolles abzuringen. Dennoch mögen viele, vor allem die jüngere Bevölkerung Havannas, über "die Alten" nicht einmal mehr Witze machen. Und viele Angehörige der älteren Generation, selbst wenn sie zu den einigermaßen Privilegierten gehören, geben an, ihr Land sei "versteinert" (petrificado).

Auf die mir in Deutschland häufig gestellte Frage, ob sich nach der politischen Öffnung nun alles in dem Inselstaat ändern werde, kann ich nur antworten: Zurzeit tut sich weniger als noch zwischen 2004 und 2008 – oder gar in den 1960er Jahren. Und ich gehöre mit Sicherheit nicht zu denjenigen, die einen baldigen Untergang des Castro-Kubas wegen "Chaos" vorhersagen – eine verbreitete Ansicht unter westlichen Diplomatinnen und Diplomaten sowie Leuten, die, aus welchen Gründen auch immer, längere oder kürzere Zeit auf der Insel verbringen (müssen).

Parallele Währungen, doppelte Unzufriedenheit



Die internen Perspektiven auf Kuba sind, vor allem in Havanna und in den größeren Städten (Matanzas, Santa Clara), durch zwei Typen erheblicher Frustrationen geprägt, die die Regierung Raúl Castros unter Zugzwang setzen – nicht so sehr in politischer, sondern vielmehr in sozialer und vor allem wirtschaftlicher Hinsicht. Die Frustrationen können – vereinfacht – wie folgt beschrieben werden: Viele Kubaner sind mit dem, was sie nach mehr als 60 Jahren "Revolution" und einem Vierteljahrhundert Krise seit 1990 bekommen, extrem unzufrieden. Die Revolution hatte ihnen einst den Anschluss an die "Erste Welt" verheißen – aus kubanischer Sicht gehörte dazu auch das sozialistische Lager in Europa und Asien; die DDR war daher in gewissem Sinne lange Zeit ein Sehnsuchtsort. Jetzt droht in den Augen vieler Kubaner dagegen ein Rückfall in die "Vierte Welt".[2] Während die eine, sehr viel größere Gruppe vor allem mit den extrem niedrigen Gehältern und Löhnen unzufrieden ist, betrifft die zweite Form der Unzufriedenheit eine deutlich kleinere, aber häufig mit den Eliten des Landes verbundene Gruppe: Ihre Frustration speist sich aus dem Unmut über das mangelhafte Warenangebot – also darüber, was sie im staatlich dominierten Handelssystem Kubas an Qualität (nicht) kaufen können.

Um das zu verstehen, bedarf es eines Blickes auf die zwei unterschiedlichen Geldtypen, die in Kuba zirkulieren. Alles, was die innerkubanische Wirtschaft betrifft, wird in Peso Cubano (CUP) gerechnet. Das heißt, die Leute bekommen ihre Gehälter in CUP und zahlen damit in Läden und auf Märkten für die Produkte des alltäglichen Lebensbedarfs. Weil Kuba aber in der schwerwiegenden Krise der 1990er Jahre notgedrungen die Existenz von Schwarzmärkten und ausländischen Devisen zulassen musste (von 1993 bis 2004 zunächst den US-Dollar), gibt es seit 1994 eine Art Devisen-Umrechnungsgeld, den Peso Cubano Convertible (CUC). Dieser ist mit einem festen Wechselkurs von 1:1 an den US-Dollar gekoppelt und längst nicht für alle Kubaner ohne weiteres zu bekommen. Viele Importartikel und Dienstleistungen sind jedoch nur gegen CUC-Wert beziehungsweise für astronomische CUP-Preise erhältlich. Ein CUC entspricht etwa 25 CUP; wenn ein Chefarzt also im Monat 1000 CUP verdient – im kubanischen Wertsystem ein extrem hohes Gehalt – dann entspricht das 40 CUC (40 US-Dollar beziehungsweise rund 35 Euro). Den Allermeisten, die irgendwie CUC verdienen, sei es als Trinkgeld im Tourismus oder in Form von Geldsendungen in Dollar oder Euro von Verwandten oder Freunden im Ausland (remesas), geht es besser als der überwiegenden Mehrheit der rund fünf Millionen Lohnempfänger, die keinen Zugang zum konvertiblen Peso haben. Dennoch wird von vielen eben auch bemängelt, dass man selbst für die Devisen-Pesos nur Produkte minderer Qualität auf Kuba bekommt.

Um das Problem dieser doppelten Unzufriedenheit – über geringe Löhne in CUP einerseits und mangelndes Angebot andererseits – in den Griff zu bekommen, spricht Raúl Castro bereits seit 2008 immer wieder von einer Vereinheitlichung des Geldes (unificación de las monedas). Bislang ist jedoch noch nichts passiert. Und um eine solche Vereinheitlichung tatsächlich zu schaffen, bräuchte die extrem ineffiziente kubanische Wirtschaft einen großen Partner, doch weder China, Russland noch die USA zeigen sich dazu bereit, diese Rolle zu übernehmen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die kubanischen Eliten einerseits (fast) immer ihre strategische Position überschätzt haben, andererseits immer wieder versuchten, die Eliten von Imperien und großen Wirtschaftssystemen für ihre Zwecke einzuspannen. Das Währungsproblem prägt die internen Perspektiven der Kubaner viel stärker als alles andere im Alltag – und das hat auch historische Gründe.


Fußnoten

1.
Ich folge grob: Michael Zeuske, Der Sieg der Castros im zweiten Kalten Krieg und das neue Kuba des 21. Jahrhunderts (2008–2016), in: ders., Kleine Geschichte Kubas, München 20164, S. 236–246.
2.
"Vierte Welt" ist eine "Bezeichnung für Rohstoff-, Kapital- und exportschwache Entwicklungsländer; meist mit Least Developed Countries (LDC) identisch". Gabler Wirtschaftslexikon, http://www.wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/152005/vierte-welt-v6.html«.
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Autor: Michael Zeuske für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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