Eine Wählerin sitzt am 14.09.2014 in einer Wahlkabine im Wahllokal in der Gaststätte "Schützenhaus & Steigerstube" in Ronneburg (Thüringen).

30.9.2016 | Von:
Paula Diehl

Demokratische Repräsentation und ihre Krise

Abschied vom Verkörperungsprinzip

Wie kam es zur symbolischen Grundlage der Demokratie? Historisch ist ihre Entstehung eine moderne Errungenschaft. Die Entdeckung des Volkes als politischer Akteur, wie wir es heute kennen, ist ein Produkt der Revolutionen des 18. Jahrhunderts. Im Mittelalter gab es keine Vorstellung vom Volk als kollektives Subjekt. Das Volk gehörte zur communitas, zu einer Gemeinschaft, die durch das religiöse Band zu Gott zusammengehalten wurde. In diesem Kontext war der König das Bindeglied zwischen Gott und der christlichen Gemeinschaft. Er verkörperte die Gemeinschaft und inkarnierte Gott beziehungsweise Gottes Willen.[4] Ohne die Figur Gottes verlor die politische Repräsentation ihre Legitimität. Symbolisch drückte sich die Legitimierung des Herrschers durch Gott in der Königssalbung aus, die die Rolle des Königs als Gottesvertreter bestätigte. Aufgrund dieser Vermittlerposition wurde auch geglaubt, dass der König die Fähigkeit besaß, Kranke zu heilen. Rituale der Handauflegung gehörten im Mittelalter zu den religiösen und politischen Praxen. Bis zur Aufklärung waren Politik und Religion, Staat und Kirche miteinander verschmolzen. In diesem Kontext war die politische Repräsentation durch die Inkarnation Gottes im Königskörper geprägt.

Dies änderte sich mit der Aufklärung, als der Mensch sich als autonomes Wesen entdeckte und nach anderen Erklärungen für die politische Ordnung als die des religiösen Dogmas suchte. Politik und Religion differenzierten sich aus und erlangten unterschiedliche Legitimitätsprinzipien. Die Sphäre der Religion fand ihre Legitimität weiterhin in Gottes Willen, während sich die politische Macht durch Staatsräson, Frieden und Gemeinwohl zu legitimieren suchte. Zunehmend etablierte sich der Staat als eigenständiges Ordnungsprinzip. Zum Vorschein trat die absolutistische Repräsentation. Dabei gehörte zur absolutistischen Ordnung, dass die Person des Königs mit der Institution des Staates verschmolzen war. Es gab keine Trennung zwischen Person und Amt. Der Satz des französischen Königs Ludwig XIV. "Der Staat bin ich" ist dafür paradigmatisch. Dies hatte schwerwiegende Konsequenzen für die politische Repräsentation. In der absolutistischen Konfiguration war der Königskörper der symbolische Ort der Macht. Der König personalisierte den Staat und die Nation. Das Volk dagegen war noch kein eigenständiger Akteur, sondern gehörte wie das Territorium zur Nation. Der absolutistische König verkörperte deshalb alles: Macht, Staat und Nation.

Mit der Amerikanischen und vor allem mit der Französischen Revolution fand ein radikaler Bruch mit dieser Repräsentationsform statt. Mit ihnen verbreitete sich die Vorstellung, dass das Volk ein politischer Akteur sei, ja, sogar der eigentliche Souverän. Das Volkssouveränitätsprinzip wurde zur "symbolischen Matrix",[5] zum Sinngenerator und zur Legitimationsinstanz der Demokratie. Zu dieser Zeit bildete sich jene symbolische Grundlage heraus, die bis heute für die Demokratie gilt. Denn das Prinzip der Volkssouveränität besagt, dass die Macht dem Volk und somit allen gehört. Damit wird die demokratische Repräsentation auf einem Paradoxon gegründet: Wenn die Macht allen gehört, dann darf keiner die Macht für sich beanspruchen, sie personalisieren oder verkörpern. Ihre Symbolisierung gelingt nur als leerer Ort.[6]

Diese symbolische Grundlage wirkt sich sowohl auf die Repräsentation des Volkes als auch auf die Rolle der politischen Repräsentanten aus. Die Macht des Volkes kann nur in Vertretung ausgeübt werden, und politische Repräsentanten müssen darauf hinweisen, dass nicht sie, sondern das Volk der Souverän ist. Volkssouveränität, Gleichheit, Freiheit und Menschenrechte avancieren zu Hauptprinzipien der Demokratie. In der demokratischen Konstellation wird die politische und soziale Ordnung zum Produkt kollektiven (symbolischen) Handelns und deshalb als veränderbar begriffen, deswegen steht die Politik in der Demokratie für ihre Modulierung durch das Volk offen.

Die Demokratie öffnet die Perspektive für die Pluralität und Veränderbarkeit des Volkes, denn mit jeder neuen Generation und jeder neuen Erfahrung verändert sich das Volk. Soziologisch betrachtet sind alle Gesellschaften von solchen Transformationen gekennzeichnet. Der Unterschied zur Demokratie liegt darin, dass Veränderung zu den demokratischen Gestaltungsprinzipien gehört. Damit wird die Vorstellung von Gesellschaft dynamisch, und das Volk lässt sich nicht mehr als homogene Einheit symbolisieren. Denn die politische Ordnung muss sich der Gesellschaft anpassen, die diese Ordnung hervorbringt. In der Demokratie gibt es keinen König mehr, der die Macht personalisiert und das Volk verkörpert, und zwar, weil zum einen die Macht dem Volk gehört, und zum anderen, weil sich das Volk nicht mehr als unveränderbare Einheit repräsentieren lässt.[7] Zur demokratischen Grundlage gehört, dass politische Repräsentanten die Macht nur in Vertretung ausüben dürfen. Es ist der Abschied vom Verkörperungsprinzip.[8]

Fußnoten

4.
Vgl. Ernst H. Kantorowicz, Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters, Frankfurt/M. 1990 (1957), S. 68ff.
5.
Claude Lefort, Die Frage der Demokratie, in: Ulrich Rödel (Hrsg.), Autonome Gesellschaft und libertäre Demokratie, Frankfurt/M. 1990, S. 281–297.
6.
Vgl. ebd.
7.
Dies gilt auch für bestehende Monarchien. Königinnen und Könige müssen sich heute mit einem starken konstitutionellen Korsett arrangieren.
8.
Vgl. Paula Diehl, Das Symbolische, das Imaginäre und die Demokratie. Eine Theorie politischer Repräsentation, Baden-Baden 2015, insb. Kap. 4.
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