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Wassertropfen in einem Spinnenetz

21.10.2016 | Von:
Marcel Serr

"Shoot their hearts and blow their minds". Terrorismusbekämpfung in Israel: Vorbild für Europa?

Hisbollah

Die schiitische Hisbollah gilt als eine der gefährlichsten Terrororganisationen der Welt. Ihre Entstehung war eine unbeabsichtigte Folge von Israels Militärpräsenz im Libanon. Seit dem Rückzug der IDF in die Sicherheitszone fügte sie den Israelis durch ständige Angriffe permanent Verluste zu. Neben Sprengfallen nutzte die Hisbollah auch Selbstmordattentäter und terrorisierte Nordisrael mit Raketenangriffen. Die IDF reagierten 1993 und 1996 mit größeren Militäroperationen. Obgleich sie die Hisbollah nicht ernsthaft gefährdeten, gewährleistete dies den Israelis von 1996 bis 2006 eine Periode relativer Ruhe an der Nordgrenze.

Anfang 2000 leitete Israel schließlich den endgültigen Rückzug aus dem Libanon ein. Die Hisbollah bezog nun direkt an der Grenze Stellung und bereite sich auf den nächsten größeren Konflikt vor. Sie lagerte Raketen und installierte Abschussvorrichtungen in Privathäusern, legte Bunker und Tunnelsysteme an und bereitete Hinterhalte vor. Währenddessen versäumte es die israelische Aufklärung, systematisch Informationen über die Stellungen und Fähigkeiten der Hisbollah anzulegen.

Im Juli 2006 löste die Entführung von zwei verwundeten Soldaten durch die Hisbollah eine erneute Militäroperation der IDF aus. Die Israel Air Force (IAF) zerstörte zunächst die Langstrecken-Raketenstellungen sowie den Hisbollah-Bezirk in Beirut, Dahiya. Die Hisbollah konterte mit 4.000 Raketenabschüssen, die erstmals Israels Bevölkerungszentren Haifa, Tiberias und Afula erreichten, wo 53 Zivilisten starben. 500.000 Israelis flohen in den Süden des Landes. Da sich Luftangriffe als wirkungslos erwiesen, entschied sich Jerusalem zu einer halbherzigen Bodenoffensive. Darauf hatte die Hisbollah gewartet; sie fügte den IDF empfindliche Verluste zu und konnte den Raketenbeschuss bis zum Waffenstillstand fortsetzen. Dagegen blieb die Durchschlagkraft der IDF-Bodentruppen unbefriedigend. Durch die Konzentration auf den Antiterrorkampf hatten die Fähigkeiten zum Bewegungskrieg nachgelassen. Andererseits verlor auch die Hisbollah viele Kämpfer. Insofern scheint die Operation die israelische Abschreckung wiederhergestellt zu haben – dafür spricht auch die seitdem an der Nordfront herrschende Ruhe.[8]

Seit 2011 geht diese Ruhe vor allem auf den syrischen Bürgerkrieg zurück, der die Hisbollah bindet. Es besteht allerdings die Gefahr, dass sich die Organisation aus dem Arsenal Assads bedient und damit ihre militärischen Fähigkeiten deutlich ausweitet. Israel hat bereits mehrfach den Waffenschmuggel mit präzisen Luftschlägen verhindert. Außerdem gehen die IDF davon aus, dass die Hisbollah den Südlibanon in eine ausgeklügelte Kampfzone mit unterirdischen Gefechtsständen und Tunneln ausgebaut hat. Ferner verfügt die Terrororganisation über 100.000 Kurzstreckenraketen und Hunderte Raketen, die ganz Israel erreichen können.

Mit dem sogenannten Islamischen Staat (IS) erwächst Israel zudem eine schwer kalkulierbare Bedrohung in unmittelbarer Nachbarschaft. Schon jetzt fällt die Ideologie des IS im islamistischen Spektrum der Palästinenser teilweise auf fruchtbaren Boden.[9]

Hamas

2005 zog sich Israel aus dem Gazastreifen zurück. Kurze Zeit später siegte die Hamas überraschend bei den Wahlen zum palästinensischen Parlament 2006. Die Wahl löste zunächst Chaos, dann einen Bürgerkrieg zwischen Hamas und Fatah aus. Im Juni 2007 übernahm die Hamas die Macht im Gazastreifen. Damit wurden Raketenangriffe aus Gaza zur primären Sicherheitsbedrohung; 2007 gingen rund 1.600 Raketen und Mörser auf Israel nieder. Im Juni 2006 entführte die Hamas zudem den IDF-Soldaten Gilad Shalit durch einen Tunnel.[10]

Israel kontrolliert alle Zugänge zum Gazastreifen (mit Ausnahme des Rafah-Übergangs nach Ägypten) und kann das Gebiet daher nahezu vollständig abriegeln. Es erlaubt zwar die Arbeit internationaler Organisationen, schränkt aber bisweilen den Warenverkehr nach Gaza ein, um den Raketen- und Tunnelbau zu erschweren. Aufgrund der anhaltenden Raketenangriffe startete Israel 2008/09, 2012 und 2014 jeweils umfassende Militäroperationen gegen die Hamas im Gazastreifen, die für eine gewisse Zeit die Attacken stoppten beziehungsweise reduzierten. Dabei bombardierte die IAF zunächst die Hamas-Infrastruktur und Raketenabschussrampen. 2008/09 und 2014 wurden die Angriffe aus der Luft zudem von Bodenoffensiven der IDF begleitet.

Obgleich Israel versuchte, durch Warnungen mit Flugblättern und Anrufen die Zahl der zivilen Opfer so gering wie möglich zu halten, kam es zu erheblichen Verlusten, da die Hamas die Zivilbevölkerung als Schutzschilde missbrauchte, indem sie Raketen in Schulen und Krankenhäusern lagerte und abschoss. Seit 2012 konnte Israel die Bedrohung durch Raketenangriffe dank der Inbetriebnahme eines Raketenabwehrsystems ("Iron Dome") eindämmen. Obgleich der Erfolg des Systems unbestritten ist, gelang es der Hamas 2014, durch den Einsatz von Raketen mit einer Reichweite von mehr als 70 Kilometern einen Großteil der israelischen Zivilbevölkerung in der Metropolregion um Tel Aviv unter Beschuss zu nehmen. 2014 trat zudem die Bedrohung durch Tunnel auf israelisches Territorium in den Vordergrund, die die Hamas zur Infiltration und für Entführungen nutzen konnte. Diese zeitigten eine erhebliche Wirkung: Während der Militäroperation 2014 verließen die Anwohner der Kibbuzim um den Gazastreifen erstmals mehrheitlich ihr Zuhause.[11]

2015 war das friedlichste Jahr an der Gaza-Front seit 2005. Dennoch ist die Hamas weiterhin eine akute Bedrohung. Die IDF hat mit Bohrvorrichtungen die Suche nach Tunneln bereits aufgenommen. Die nächste Eskalation am Gazastreifen ist daher nur eine Frage der Zeit.

Zwischen Herbst 2015 und Frühjahr 2016 war Israel zudem einer neuen Terrorwelle ausgesetzt, die 40 Tote und über 500 Verletzte forderte. Es kam beinahe täglich zu Attentaten mit Messern, Schusswaffen und Autos auf Israelis, vor allem in Jerusalem. Bemerkenswert ist jedoch die Tatsache, dass es sich fast ausschließlich um Einzeltäter handelte, die sich kaum in ein einheitliches Profil bringen lassen.[12]

Fußnoten

8.
Vgl. Bregman (Anm. 6), S. 252–292; David E. Johnson, Hard Fighting. Israel in Lebanon and Gaza, Santa Monica u.a. 2011, S. 9–94.
9.
Vgl. Benedetta Berti, The Syrian Civil War and Its Consequences for Hezbollah, 28.12.2015, http://www.fpri.org/article/2015/12/the-syrian-civil-war-and-its-consequences-for-hezbollah«; Shlomo Brom, Israel and the Islamic State, in: Yoram Schweitzer/Omer Einav (Hrsg.), The Islamic State: How Viable Is It?, Tel Aviv 2016, S. 187–195.
10.
Seine Freilassung erkaufte Jerusalem im Oktober 2011 mit der Entlassung von 1027 palästinensischen Häftlingen.
11.
Vgl. Byman (Anm. 2), S. 178–186, S. 193–203; International Crisis Group, Ruling Palestine I: Gaza under Hamas, Middle East Report 73/2008; Marcel Serr, Das israelische Iron Dome-System, in: Europäische Sicherheit und Technik 2/2014, S. 66f.; ders., Operation Protective Edge, in: Allgemeine Schweizer Militärzeitschrift 12/2014, S. 26f.
12.
Vgl. Marcel Serr, Israels Sicherheit. Aktuelle Bedrohungen und Trends, in: Allgemeine Schweizer Militärzeitschrift 5/2016, S. 13ff.
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Autor: Marcel Serr für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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