Urban farming in der Riverpark Farm im Alexandria Center in New York 2013.

11.11.2016 | Von:
Heinrich Becker
Gesine Tuitjer

Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993 und 2012

Das Forschungsprojekt "Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993 und 2012" ist in der deutschen Forschungslandschaft einzigartig. Es untersucht die Veränderungen der ländlichen Lebensverhältnisse seit den Anfängen der Bundesrepublik Deutschland alle 20 Jahre in immer denselben zehn westdeutschen und seit 1993 auch vier ostdeutschen Dörfern und deren Umland (Karte).[1] Alle vier Untersuchungsfolgen wurden vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft finanziert.[2] Die Entwicklung zur Langzeitstudie ist eine Reaktion auf die stetigen Veränderungen der ländlichen Lebensverhältnisse sowie des öffentlichen und politischen Interesses an diesem Wandel.

Von einer Kleinbauernuntersuchung …

Die junge Bundesrepublik sah sich Anfang der 1950er Jahre dem drängenden Problem der Sicherung der Ernährung einer durch Flüchtlinge und Vertriebene stark angewachsenen Bevölkerung gegenüber. Für die Ernährungssicherung der Bevölkerung war der Produktionsbeitrag von Kleinbauern, die zu der Zeit 80 Prozent aller Landwirte stellten, daher unverzichtbar. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft schien allerdings durch das Wiedereinsetzen der sich bereits in der Vorkriegszeit abzeichnenden Abwanderung von Arbeitskräften aus der Landwirtschaft, an der auch die Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen in Dörfern wenig änderte, und von Menschen vom "Lande" in Richtung Stadt gefährdet. Als Ursache wurden im Vergleich mit anderen Bevölkerungsteilen schlechtere Arbeits-, Einkommens- und Lebensverhältnisse vermutet. Mit Blick auf das konkurrierende politische System im Osten Deutschlands befürchtete man nichts weniger als die Gefährdung des sozialen Friedens auf dem Land.[3] Die Überlegung, dass die kleinbäuerlichen Familien ihre eigene Situation an der ihrer nicht in der Landwirtschaft erwerbstätigen Nachbarn messen würden, führte zu deren Einbeziehung in die Untersuchung. Aus der ursprünglichen Fragestellung zur Situation von Kleinbauern[4] wurde so eine Fallstudienuntersuchung zur Entwicklung und aktuellen Situation der Lebensverhältnisse in Dörfern.

Die Auswahl der Dörfer folgte damals keiner wie auch immer konstruierten Einheitlichkeit des "Ländlichen", sondern setzte mit dem Ziel, Lebensverhältnisse mit unterschiedlichen Bedingungen einzufangen, an der empirischen Realität von Vielfalt und Heterogenität in ländlichen Räumen an. Kriterien der durch Inaugenscheinnahme aufwändigen Auswahl der Untersuchungsdörfer waren naturräumliche und strukturelle Unterschiede der Dörfer (Dörfer mit einer überwiegenden kleinbäuerlichen Landwirtschaft, mit einem höheren Anteil größerer landwirtschaftlicher Betriebe oder sogenannte Arbeiter-Bauern-Dörfer, in denen der Anteil nichtlandwirtschaftlicher Bevölkerung erheblich war), unterschiedliche landwirtschaftliche Vererbungssitten,[5] unterschiedliche Verkehrsbedingungen beziehungsweise Entfernungen zu größeren Städten und damit tendenziell unterschiedliche Erwerbsalternativen, aber auch positive beziehungsweise problematische Entwicklungen der Dörfer in der Vergangenheit.[6] Nach einem von den beteiligten Wissenschaftlern ausgearbeiteten Plan wurden die Lebensverhältnisse in jedem der Untersuchungsdörfer von je einem Mitarbeiter analysiert. Die sogenannten Ermittler lebten zu diesem Zweck bis zu einem Jahr in den Untersuchungsdörfern. Der Verflechtung dieser Dörfer mit ihrem Umland wurde von Anfang an Rechnung getragen, beispielsweise in Bezug auf Arbeitsplätze. In den zusammenfassenden Ergebnissen der Fallstudien wurde deutlich, dass mit agrarpreispolitischen Mitteln allein die Situation vieler kleinbäuerlicher Betriebe nicht dauerhaft zu verbessern sei.[7] In der unausgesprochenen Konsequenz war dazu in erster Linie die Entwicklung von Arbeitsplätzen außerhalb der Landwirtschaft notwendig.

Karte: Die 14 UntersuchungsorteKarte: Die 14 Untersuchungsorte

… zur Untersuchung ländlicher Lebensverhältnisse

Eine gute gesamtwirtschaftliche Entwicklung und, darin eingebettet, der massive Strukturwandel in der Landwirtschaft, dessen herausragendes Kennzeichen die verbreitete Aufgabe kleinbäuerlicher Betriebe war, stellten den Hintergrund für die erneute Untersuchung der 1952 ausgewählten Dörfer dar. Unter Aufnahme des Materials der Untersuchung von 1952 stellte das neue Forschungsvorhaben die Frage, was aus diesen Dörfern in den zurückliegenden 20 Jahren geworden war, wie sich die örtlichen Agrarstrukturen verändert und die Lebensverhältnisse entwickelt hatten.[8] Als ein ertragreiches Muster für die Folgeuntersuchungen erwies sich die 1972 erstmals praktizierte Verknüpfung aus ortsbezogenen Analysen des Wandels und ortsübergreifenden, an je aktuellen Fragestellungen ausgerichteten Forschungsarbeiten zu Einzelaspekten des ländlichen Wandels.

Die Wiedervereinigung erlaubte es 1993, die Untersuchung auch auf vier ostdeutsche Dörfer auszuweiten. Blind, das heißt ohne vorherige Inaugenscheinnahme, wurden vier unterschiedlich strukturierte Dörfer, festgemacht an der Bevölkerungsgröße und der Entfernung von vermuteten Wachstumsräumen beziehungsweise -achsen, ausgewählt. Eines der Dörfer sollte, so eine Vorabfestlegung, im Kernsiedlungsgebiet der Sorben liegen.[9] Inhaltlich war die Untersuchung in diesen Dörfern durch Fragen zur Transformation der Verhältnisse und deren Folgen für die Entwicklung der örtlichen Lebensverhältnisse geprägt.

Fußnoten

1.
Die Jahresangaben im Projekttitel stehen für die vier bisherigen Untersuchungsfolgen.
2.
Die Ergebnisse wurden im Herbst 2015 im Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) präsentiert und stehen unter http://www.thuenen.de/index.php?id=1798&L=0« und http://www.thuenen.de/media/ti-themenfelder/Laendliche_Lebensverhaeltnisse/
Laendliche_Lebensverhaeltnisse_im_Wandel/BMEL_Dorfstudie.pdf
zur Verfügung.
3.
Vgl. Heinrich Becker, Dörfer heute, Bonn 1997, S. 31 f.
4.
Für die Untersuchung 1952 wurde "Kleinbauer" annähernd definiert als Inhaber eines Betriebes mit einer Bodenfläche von 2 bis 7,5 Hektar. Vgl. Heinrich Niehaus, Lage und Aussichten der Kleinbauern in der gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, in: Forschungsgesellschaft für Agrarpolitik und Agrarsoziologie, Lebensverhältnisse in Kleinbäuerlichen Dörfern. Berichte über Landwirtschaft, Hamburg–Berlin 1954, S. 40–59, hier S. 41.
5.
Im Anerbenrecht wurden bzw. werden landwirtschaftliche Familienbetriebe im Erbgang geschlossen an einen Erben zur Fortführung übertragen, in der Realteilung wird der Betrieb und insbesondere das Land unter den Erben gleich aufgeteilt.
6.
Vgl. Becker (Anm. 3), S. 14.
7.
Vgl. Emil Woermann, Aussprache, in: Forschungsgesellschaft für Agrarpolitik und Agrarsoziologie (Anm. 4), S. 60–63, hier S. 63.
8.
Vgl. Forschungsgesellschaft für Agrarpolitik e. V., Lebensverhältnisse in kleinbäuerlichen Dörfern 1952 und 1972, Bonn 1975, S. 19.
9.
Vgl. Becker (Anm. 3), S. 17.
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Autoren: Heinrich Becker, Gesine Tuitjer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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