Urban farming in der Riverpark Farm im Alexandria Center in New York 2013.

11.11.2016 | Von:
Jutta Aumüller
Frank Gesemann

Flüchtlinge aufs Land? Migration und Integration im ländlichen Raum

Das neue Integrationsgesetz, das die Bundesregierung im Mai 2016 beschlossen hat, soll den Zugang von Flüchtlingen zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt erleichtern, die Angebote für Asylsuchende mit guter Bleibeperspektive verbessern sowie die Chancen auf die Erteilung einer dauerhaften Niederlassungserlaubnis erhöhen. Für die kommunalen Spitzenverbände ist vor allem die Einführung einer befristeten Wohnsitzzuweisung für anerkannte Flüchtlinge bedeutsam, da sie sich dadurch erhoffen, Integration besser steuern, durch Zuwanderung stark betroffene Kommunen vor Überforderung schützen und die Entwicklung von sozialen Brennpunkten vermeiden zu können. In diesem Beitrag werden Chancen und Grenzen einer Integrationssteuerung durch die Wohnsitzauflage vor dem Hintergrund des Forschungsstandes zu Zuwanderung und Integration im ländlichen Raum, der Erfahrungen mit der Aufnahme und Integration von Flüchtlingen in kleineren Städten und Gemeinden sowie der Debatte über demografischen Wandel und regionale Planung diskutiert.

Integration im ländlichen Raum

Seit der Anwerbung von Arbeitskräften in den 1950er und 1960er Jahren konzentriert sich die Bevölkerung mit Migrationshintergrund in den städtischen Ballungsräumen der westdeutschen Bundesländer mit einem hohen Anteil an Industrie, verarbeitendem Gewerbe und spezialisierten Dienstleistungen. Die Daten des Mikrozensus 2013 zeigen, dass 61 Prozent der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in städtischen Regionen, 27 Prozent in Regionen mit Verstädterungstendenzen und 12 Prozent in ländlichen Regionen leben. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung mit Migrationshintergrund (55,8 Prozent) lebt allerdings in Städten und Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohnern. Mit Bevölkerungsanteilen von 22,1 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund in Mittelstädten (20.000 bis 100.000 Einwohner), 15,6 Prozent in Kleinstädten (5000 bis 20.000 Einwohner) und 8,7 Prozent in Gemeinden (unter 5.000 Einwohner) sind Migration und Integration in den vergangenen Jahren zu einem prägenden Phänomen und einer zentralen Herausforderung für die lokale Politik auch kleinerer Kommunen geworden.[1]

Auf den ersten Blick scheinen die Schwierigkeiten einer Integration in ländlichen Räumen zu überwiegen. Auf der Grundlage der bisherigen Forschungen zu Integration im ländlichen Raum lassen sich die Barrieren folgendermaßen bilanzieren:[2]

In ländlichen Regionen ist es grundsätzlich schwieriger, ein ausreichendes, bedarfsgerechtes und differenziertes Integrationsangebot zu gewährleisten – bedingt durch eine niedrigere Siedlungsdichte, größere räumliche Entfernungen und eine geringere Zahl von Zugewanderten.

Die Selbstorganisation von Menschen mit Migrationshintergrund ist in ländlichen Regionen geringer ausgeprägt. Daher fehlen Migrantenorganisationen als wichtige Ansprechpartner und Multiplikatoren für eine kommunale Integrationspolitik, die notwendig sind, um Bedarfe festzustellen und Maßnahmen in die Communities hineinzutragen.

Kleine Städte und Gemeinden haben aufgrund der geringeren Ausstattung mit Personal und finanziellen Ressourcen besondere Schwierigkeiten, eine aktive und strategisch ausgerichtete Integrationspolitik sowie dauerhafte Strukturen in der kommunalen Integrationsarbeit auszubilden. Beispielsweise ist es für sie weitaus schwieriger, die Stelle einer/s Integrationsbeauftragten einzurichten und mit den entsprechenden Mitteln auszustatten.

Die vielfältigen Potenziale, die Zugewanderte mitbringen – wie Mehrsprachigkeit, berufliche Erfahrungen und Qualifikationen, Engagementbereitschaft und interkulturelle Kompetenzen –, werden bislang nicht systematisch für die Entwicklung von Kommunen in ländlichen Regionen erschlossen.

Es gibt aber nicht nur Barrieren für die Integration in ländlichen Regionen, sondern auch einige begünstigende Faktoren, wie empirische Studien belegen:

Menschen mit Migrationshintergrund empfinden ihr Leben in ländlichen Regionen in der Regel nicht als schwieriger als Zuwanderer in großstädtischen Regionen. Die Entscheidung für ein Leben in ländlichen Regionen hängt vor allem damit zusammen, dass ein eher ländlich geprägter Lebensstil bevorzugt wird und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten vorhanden sind. In der Praxis gibt es durchaus erfolgreiche Beispiele für die Niederlassung von Einwanderungsgruppen in ländlichen Gebieten. Beispielsweise finden sich in ländlichen Gebieten Süddeutschlands und Niedersachsens relativ viele Spätaussiedler, die dort seit den 1990er Jahren zugewandert sind. In Niedersachsen haben sich große Gruppen kurdischsprachiger Jesiden aus der Türkei angesiedelt, die seit den 1970er Jahren teilweise als Asylbewerber in der Bundesrepublik Zuflucht gefunden haben.[3] Die dauerhafte Niederlassung einzelner Zuwanderungsgruppen in ländlichen Regionen beruht dabei auf mehreren begünstigenden Faktoren: Die Neueinwanderer können auf bereits vorhandene familiäre und ortsbezogene Netzwerke zurückgreifen, und sie sind beruflich weniger auf die Großindustrie hin orientiert. Zumindest für die Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion konnten die aufnehmenden Kommunen vielfach staatliche Förderungen in Anspruch nehmen. Auch sind die genannten Gruppen stark auf den Erwerb von Wohneigentum ausgerichtet. In vielen Gemeinden und Kleinstädten stand günstig Bauland zur Verfügung, um in enger Nachbarschaft zueinander Eigenheime bauen zu können.

Die Überschaubarkeit des lokalen Raumes, die Nähe und Intensität des Zusammenlebens können sich auch günstig auf die Integration auswirken, indem Alteingesessene und Zugewanderte im Alltag viel häufiger aufeinandertreffen sowie miteinander kooperieren, als dies in Großstädten der Fall ist. In den örtlichen Kindergärten und Schulen kommt es zu einer guten Durchmischung von Kindern aus den verschiedenen Herkunftsgruppen.

In kleinstädtischen Zusammenhängen kommt zivilgesellschaftlichen Akteuren und Einrichtungen – also ehrenamtlich Engagierten, Vereinen, Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften – eine Schlüsselrolle bei der Integration von Zugewanderten zu. Auch hier schafft die räumliche Nähe weitaus mehr Kooperationsmöglichkeiten.

Kommunale Integrationspolitik in Gemeinden und Kleinstädten ist sehr unterschiedlich ausgestaltet. Dies hängt von verschiedenen strukturellen Faktoren ab, insbesondere von der Gemeindegröße sowie den demografischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Aber auch die lokale Migrations- und Integrationsgeschichte – ob es bereits eine aktive Auseinandersetzung mit dem Thema Zuwanderung gegeben hat – und der Umstand, ob es vor Ort verantwortliche Politikerinnen und Politiker gibt, die das Thema zu ihrem Anliegen machen und in Verwaltung und Gemeinwesen vorantreiben, sind wichtige Einflussgrößen für die Gestaltung von Integration im ländlichen Raum.

Fußnoten

1.
Vgl. Frank Gesemann, Gemeinsam ein neues Leitbild "Vielfalt" entwickeln – Zuwanderung als Chance, in: Ländlicher Raum 4/2014, S. 26–29.
2.
Die folgenden Aussagen beruhen im Wesentlichen auf den Ergebnissen eines Forschungs-Praxis-Projekts zu Integrationspotenzialen ländlicher Regionen im Strukturwandel: Jutta Aumüller/Frank Gesemann, Integrationspotenziale ländlicher Regionen im Strukturwandel, Darmstadt 2014. Siehe auch Gesemann (Anm. 1).
3.
Vgl. Aumüller/Gesemann (Anm. 2), S. 125 f.
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Autoren: Jutta Aumüller, Frank Gesemann für bpb.de
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