Urban farming in der Riverpark Farm im Alexandria Center in New York 2013.

11.11.2016 | Von:
Sigrun Langner

Rurbane Landschaften. Landschaftsentwürfe als Projektionen produktiver Stadt-Land-Verschränkungen

Prozesse der Urbanisierung schreiten voran. Bereits jetzt leben über 50 Prozent der Weltbevölkerung in urbanen Gebieten, bis 2050 wird das Verhältnis zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung voraussichtlich zwei Drittel zu einem Drittel betragen.[1] Die Zukunftsfragen unserer Gesellschaft werden in urbanen Zusammenhängen verhandelt: die Anpassung an den Klimawandel, die Bewältigung des demografischen Wandels, Fragen der sozialen Gerechtigkeit und der Verteilung von Lebenschancen ebenso wie die Förderung kultureller und ökonomischer Innovationen. Der Fokus der aktuellen sozial- und raumwissenschaftlichen Diskussionen um die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft liegt eindeutig auf den Städten und Metropolräumen.

Unsere Perspektive auf die Geschehnisse um uns ist eine urbane. Sind Perspektiven des Ruralen irrelevant geworden, oder können sie zukunftsfähige, nachhaltige und lebenswerte Räume in einer urbanen und globalisierten Welt sichtbar und gestaltbar machen? Um bisher ungesehene, aber produktive Beziehungen zwischen dem Urbanen und dem Ruralen aufzudecken und auch zu entwerfen, ist es zunächst nötig, die uns umgebenden Landschaften als veränderliche (Re-)Kombinationen von urbanen und ruralen Praktiken, Strukturen, Werten und Sinnkontexten zu lesen.

Veränderliche (Re-)Kombinationen zwischen Stadt und Land in "rurbanen Landschaften" und deren (Re-)Präsentationen in Raumentwürfen und -bildern sind Gegenstand dieses Beitrags. Der Begriff "rurbane Landschaften" beschreibt Raum jenseits der Kategorien von Stadt und Land und fragt nach den Verschränkungen von urbanen und ruralen Praktiken, Imaginationen, Projektionen und Raumstrukturen. Wie urban ist das Land? Wie ländlich die Stadt? Wo gehen Stadt und Land neuartige und produktive Verbindungen ein?

Urbane Projektionen auf das Land

Digitalisierung, Energiewende, globalisierte Produktions- und urbane Lebensweisen, aber auch die Suche nach dem "guten Leben", stehen für die treibenden Kräfte einer Transformation des Landes. Diese "Global Countryside"[2] und die damit einhergehenden räumlichen Veränderungen ländlicher Regionen lassen sich dabei nur in Relation zum Urbanen denken.

Bereits in den 1970er Jahren beschrieb der Philosoph Henri Lefèbvre den voranschreitenden und weltumspannenden Urbanisierungsprozess mit der Metapher des "urbanen Gewebes", das sich mal mehr, mal weniger dicht über das Land spinnt. Dieses urbane Gewebe umfasst "die Gesamtheit der Erscheinungen, welche die Dominanz der Stadt über das Land manifestieren. So verstanden sind ein zweiter Wohnsitz, eine Autobahn, ein Supermarkt auf dem Land Teil des Stadtgewebes".[3]

Der sukzessive sich ausdehnende urbane Raum ist das Ergebnis vielschichtiger gesellschaftlicher Prozesse. Ökonomische, technische und politische Schranken, die bis zur Moderne die Stadtbevölkerung innerhalb von Stadtmauern zusammenhielten, sind entfallen.[4] Technologische Fortschritte, unter anderem im Transportwesen und der Informationsverbreitung, sowie allgegenwärtige Formen und Erscheinungen medialer Repräsentationen haben den Stadt-Land-Gegensatz erodieren lassen. Eine urbane Lebensweise ist heute, zumindest in den industriegesellschaftlich geprägten Regionen, überall möglich und auch nahezu überall zu finden, unabhängig von bestimmten Raumtypologien. "Stadt ist also nicht unbedingt dort, wo eine dichte Bebauung vorherrscht, sondern dort, wo sich die Bewohner eine städtische Mentalität angeeignet haben." [5]

Der Begriff der Stadt erfährt aus dieser Perspektive in den raumwissenschaftlichen Diskussionen eine Entgrenzung. Städte werden nunmehr weniger als physische und siedlungsstrukturelle Einheiten verstanden, sondern zunehmend als fließende Räume. In einem solchen "Raum der Ströme"[6] zirkulieren Finanz- und Kapitalströme sowie Informationen, Wissensprodukte und Bilderwelten nahezu ortlos und tragen zur Ausdehnung des urbanen Gewebes bei. Die Dominanz der Stadt über das Land wird in der aktuellen Auseinandersetzung mit globalen Urbanisierungsprozessen konstatiert. Hat also die Stadt den Sieg über das Land davongetragen?[7]

Urbanisierungsprozesse beschränken sich dabei nicht nur auf die wachsenden Agglomerationsräume. Geht man von der These einer vollständigen Urbanisierung aus, dann existieren nur noch unterschiedliche Formen des Urbanen. So wird beispielsweise in der 2005 vorgelegten Studie "Die Schweiz. Ein städtebauliches Portrait" die gesamte Schweiz als ein städtischer Zusammenhang mit unterschiedlichen Ausprägungen von Urbanität beschrieben.[8]

In den Raumwissenschaften gibt es eine Vielzahl an Studien und Arbeiten, die die räumlichen und soziokulturellen Veränderungen im vormals ländlichen Raum durch Urbanisierungsprozesse beschreiben. Selbst wenn hierbei die Herausbildung eigenständiger Raumkonfigurationen zwischen Stadt und Land beschrieben wird, geschieht dies vordergründig aus einer urbanen Perspektive heraus. Sind Perspektiven des Ländlichen irrelevant geworden? Wie und in welchen Kontexten beziehen wir uns noch auf das Rurale?

Narrative des Ruralen in einer urbanen Welt

Auch in unserer urbanisierten Welt tauchen immer wieder vielfältige und widersprüchliche Aspekte des Ländlichen auf, sei es in den Medien, in der Idyllisierung des Landlebens in den einschlägigen Landmagazinen, aber auch in literarischen und filmischen Narrativen des Ländlichen als Anti-Idylle oder in raumplanerischen und politischen Diskussionen um die Aufrechterhaltung gleichwertiger Lebensbedingungen sowie in agrarpolitischen Auseinandersetzungen, letztlich auch in unzähligen individuellen Einzelentscheidungen zur Verwirklichung bestimmter Wohn- und Lebensvorstellungen – um nur einige wenige zu nennen. In verschiedenen gesellschaftlichen Kommunikationszusammenhängen scheinen immer wieder solche Repräsentationen des Ländlichen auf, die sich mit jeweils verschiedenen Zwecken auf das "Andere" zur Stadt beziehen. Die erzeugten Bilder des Ländlichen sind mit vielschichtigen Bedeutungszuschreibungen besetzt und bilden nach wie vor wirkmächtige Imaginationsräume. Gegenwärtig lässt sich in den Medien, in Literatur und Kunst sogar eine regelrechte Konjunktur des Ländlichen verzeichnen. [9]

Dabei stehen sich eine romantisierende Verklärung des Ländlichen auf der einen Seite und dramatisierende Untergangsszenarien des Dorfes beziehungsweise dystopische Beschreibungen des Ländlichen auf der anderen Seite gegenüber. Diese beiden Seiten des Ländlichen haben eine lange Tradition in der Wirklichkeitsdeutung und waren bereits Bestandteil des urbanen Selbstbildes eines erstarkenden städtischen Bürgertums im 18. Jahrhundert. Einerseits wurde das idealisierte Sehnsuchtsbild eines arkadischen Landlebens der höfischen Gesellschaft adaptiert, andererseits suchte man sich gegen die vermeintlich rohe bäuerliche Lebensart abzugrenzen. Das Land wurde assoziiert mit Unkultiviertheit und Rückständigkeit.[10] Solche Zuschreibungen zwischen ländlicher Idylle und Anti-Idylle drücken sich gegenwärtig bei der Suche nach traditionellen Kulturlandschaftsbildern während des Sonntagsausfluges aus, bei der Verwirklichung von naturnahen Wohn- und Lebensvorstellungen oder eben auch in krisenhaft wahrgenommenen Situationen einer schrumpfenden Daseinsvorsorge auf dem Land und in medialen Repräsentationen des Ländlichen als defizitäre und abgehängte Räume aus.

Eingebunden in verschiedene Sinnzusammenhänge wird das "Ländliche" so zu einer Folie und einem Kommunikationsfeld für Selbstbeschreibung und Selbstverortung gegenwärtiger Gesellschaften. Repräsentationen des Ländlichen bieten letztlich Auskunft über individuelle und kollektive Bedürfnisse, Ansprüche und auch Ängste einer urbanisierten Gesellschaft. Es ist daher zu fragen, welche Funktionen Narrative des Ländlichen in unterschiedlichen Kontexten und Situationen haben. Für was steht das Ländliche als Imaginations-, Projektions- und Handlungsraum innerhalb einer urbanen Welt?[11]

Rurale Projektionen auf die Stadt

Das Ländliche ist nicht als ein räumlich zu verortendes Territorium außerhalb der Stadtmauern, der Stadtagglomerationen und Metropolen zu verstehen. Vielmehr ist das Rurale als Handlungs- und Imaginationsraum Bestandteil einer urbanen Realität, etwa, wenn als ländlich geltende Praktiken und Lebensweisen in der Stadt gelebt werden oder Bilder, die mit dem Ländlichen verbunden werden, in den Städten auftauchen.

In alltäglichen lebenspraktischen Handlungsmustern zeigen sich Formen einer wiederkehrenden Dörflichkeit in der Stadt:[12] So werden durch Baugruppenprojekte und Nachbarschaftsgärten kleine vernetzte Struktureinheiten gepflegt und die soziale Nähe des Dorfes in die Stadt transportiert. Mit Projekten zur urbanen Landwirtschaft und zum urban gardening werden Fragen der Selbstversorgung diskutiert und erprobt. Handelt es sich bei der "Rückkehr der Gärten in die Stadt"[13] um Korrektivvorstellungen einer urbanen Gesellschaft, verbunden mit einem veränderten Verständnis gegenüber dem Wert gemeinschaftlicher und solidarischer Arbeits- und Lebensweisen?

Räumliche Sehnsuchtsbilder vom offenen Land mit weitem Horizont finden sich inmitten der Metropolen und werden aktiv durch die "Urbaniten" verteidigt. Auf dem Tempelhofer Feld in Berlin wurde beispielsweise durch einen Volksentscheid und eine aktive Bürgerinitiative das offene, weite Wiesenmeer des ehemaligen Flughafengeländes per Gesetz gegen die geplante Randbebauung gesichert. Künstlerische, gärtnerische und soziale Projekte experimentieren mit dem neu gewonnenen Freiraum. Die Feldlerche liefert dazu über dem Tempelhofer Feld den Sound des Landes.

Schließlich tauchen hier inmitten der Stadt Strukturen der artenreichen traditionell bewirtschafteten Kulturlandschaft auf. Vor dem Hintergrund von Naturschutz und extensivem Pflegemanagement werden auf städtischen Grünflächen wie dem Tempelhofer Feld traditionelle landwirtschaftliche Bewirtschaftungsformen wie Beweidung und Mahd (Mähen) eingesetzt. Das führt unter anderem auch dazu, dass die Stadt mittlerweile für bestimmte Pflanzen- und Tiergruppen eine höhere Biodiversität aufzeigt als das scheinbar naturnähere Land.[14]

Die räumliche Trennung in Stadt/Land, verbunden mit Zuschreibungen wie innen/außen, naturfern/naturnah, anonym/nachbarschaftlich, scheint immer weniger einer gelebten und erlebten Alltagsrealität zu entsprechen. Mit dem Begriff "rurbane Landschaft" soll daher ein dynamisches Raumgeschehen zwischen urbanen und ruralen Raumstrukturen, Handlungspraktiken und Imaginationsräumen beschrieben werden.[15] Dem liegt ein relationales Verständnis von Raum zugrunde, das Orte nicht in fixe und unveränderliche Kategorien wie ländlich und städtisch einzuordnen sucht, sondern die vielfältigen ökonomischen, kulturellen, sozialen und politischen Beziehungsgefüge in den Blick nimmt.[16] In diesem dynamischen Beziehungsgeschehen verflüssigen sich die Grenzen zwischen Stadt und Land zugunsten neuer netzwerkartiger und hybrider gesellschaftlicher Raumverhältnisse.

Fußnoten

1.
Vgl. United Nations Department of Economic and Social Affairs, World Urbanization Prospects: The 2014 Revision, Highlights, 2014, http://esa.un.org/unpd/wup/Highlights/WUP2014-Highlights.pdf«.
2.
Michael Woods, Engaging the Global Countryside: Globalization, Hybridity and the Reconstitution of Rural Place, in: Progress in Human Geography 4/2007, S. 485–507.
3.
Henri Lefèbvre, Die Revolution der Städte, Dresden 2003 (1970), S. 14.
4.
Vgl. Walter Siebel, Wandel Europäischer Urbanität, in: Renate Bornberg/Klaus Habermann-Nieße/Barbara Zibell (Hrsg.), Gestaltungsraum Europäische StadtRegion, Berlin 2009, S. 87–95, hier S. 89.
5.
André Corboz, Die Kunst, Stadt und Land zum Sprechen zu bringen, Basel 2001, S. 146.
6.
Manuel Castells, Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft, Bd. 1: Das Informationszeitalter, Opladen 2001.
7.
Vgl. Corboz (Anm. 5), S. 146.
8.
Vgl. Roger Diener et al., Die Schweiz. Ein städtebauliches Portrait, 3 Bde., Basel 2005.
9.
Vgl. Werner Nell/Marc Weiland (Hrsg.), Imaginäre Dörfer. Zur Wiederkehr des Dörflichen in Literatur, Film und Lebenswelt, Bielefeld 2014. Siehe dazu auch den Beitrag von Claudia Neu in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
10.
Vgl. Dieter Hassenpflug, Urbanität, in: ders., Reflexive Urbanistik. Reden und Aufsätze zur europäischen Stadt, Weimar 2006, S. 57–68, hier S. 60.
11.
Dieser Frage wird derzeit in dem durch die Volkswagenstiftung gefördertem interdisziplinären Forschungsprojekt "Experimentierfeld Dorf" behandelt. Siehe http://www.dorfatlas.uni-halle.de«.
12.
Vgl. Werner Nell, Die Stadt als Dorf. Über die Generalisierung von Nahräumen und ihre Grenzen, in: Nell/Weiland (Anm. 9), S. 175–194.
13.
Christa Müller (Hrsg.), Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt, München 2011.
14.
Vgl. Josef Reichholf, Stadtnatur. Eine neue Heimat für Tiere und Pflanzen, München 2007.
15.
Zum Begriff des "Raumgeschehens" aus einer landschaftlichen Perspektive vgl. Hille von Seggern/Julia Werner/Lucia Grosse-Bächle (Hrsg.), Creating Knowledge. Innovationsstrategien im Entwerfen urbaner Landschaften, Berlin 2008.
16.
Vgl. Martina Löw, Raumsoziologie, Frankfurt/M. 2001.
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Autor: Sigrun Langner für bpb.de
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