Touristen mit Schirmen stehen vor dem Eiffelturm im Regen, 20.06.2016.
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Opfert Frankreich seine Jugend? Eine Bestandsaufnahme


25.11.2016
Viele junge Berufstätige und Studierende in Frankreich zeigten während der massiven Demonstrationen gegen das neue Arbeitsgesetz im Frühjahr 2016 ihre Wut über einen aus ihrer Sicht weiteren Angriff auf ihre Generation. Dem Beispiel der spanischen "Indignados" folgend, versammelten sich über den gleichen Zeitraum Hunderte junge Männer und Frauen jeden Abend auf dem Place de la République in Paris, um gemeinsam über den Aufbau einer anderen Gesellschaft nachzudenken.

Dass in Frankreich seit einigen Jahren junge Leute bei sozialen Bewegungen stark vertreten sind, mag angesichts der zahlreichen Schwierigkeiten, denen sie in ihrem Land begegnen, kaum verwundern. In den Augen mancher opfert Frankreich seine Jugend – durch einen politischen Kurs, der in erster Linie den älteren Generationen zugutekommt.

Doppelt gestraft?



Für die These einer "geopferten" französischen Jugend gibt es Indikatoren zu genüge, angefangen bei der schwierigen Arbeitsmarktsituation. Frankreich gehört zu den EU-Ländern, in denen die Arbeitslosenquote bei unter 25-Jährigen besonders hoch ausfällt: 2016 lag sie laut Eurostat bei rund 24 Prozent. Darüber hinaus befinden sich junge Leute in Frankreich häufig in einem unsicheren Arbeitsverhältnis: So verfügten 2014 nur 34 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 15 und 24 Jahren über einen unbefristeten Vollzeitvertrag, während 36 Prozent prekär beschäftigt waren (befristete Arbeitsverträge, Zeitarbeit, staatlich geförderte Beschäftigungen, Praktika) und das restliche Drittel die Ausbildung noch nicht abgeschlossen hatte. Vor dem Hintergrund, dass in der französischen Gesellschaft ein unbefristeter Arbeitsvertrag die Eintrittskarte für den Wohnungsmarkt darstellt, liegt nahe, wie niedrig der Lebensstandard vieler junger Leute in Frankreich ist und welche Hürden sie auf dem Weg in die Eigenständigkeit nehmen müssen.

Es wäre keine Übertreibung, die Berufsanfänger auf dem französischen Arbeitsmarkt als Anpassungsvariable zu bezeichnen: In der Tat sind es in erster Linie ebendiese neuen Marktteilnehmer, die in den Teufelskreis aus unsicheren Arbeitsplätzen und Phasen der Arbeitslosigkeit geraten. Nach Berechnungen des französischen Generalkommissariats für Strategie und Vorausschau, France Stratégie, waren zehn Prozent der 2013 erwerbstätigen Franzosen unter 25 Jahren im darauffolgenden Jahr ohne Arbeit, während es bei der Altersgruppe der über 40-Jährigen weniger als drei Prozent waren.[1]

Ein weiterer Indikator ist die zunehmende Armut unter jungen Leuten in Frankreich, die meist direkt mit ihren Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt zusammenhängt. Waren bis zu Beginn der 1980er Jahre die höchsten Armutsquoten bei den älteren Altersklassen zu verzeichnen, so sind nunmehr hauptsächlich junge Menschen betroffen: 2012 lebten 23 Prozent der jungen Franzosen zwischen 18 und 24 Jahren unterhalb der Armutsgrenze von 60 Prozent des Median-Einkommens, gegenüber acht Prozent der über 60-Jährigen. Diese Diskrepanz hat sich im Laufe des vergangenen Jahrzehnts verschärft: Die Armutsquote unter den 18- bis 24-Jährigen ist zwischen 2002 und 2012 um fast sechs Prozentpunkte gestiegen, während die der über 60-Jährigen um mehr als einen Prozentpunkt gesunken ist.[2]

Die zunehmende Armut unter jungen Franzosen ist auch unmittelbar mit politischen Entscheidungen verknüpft: So hatten die unter 25-Jährigen lange kein Anrecht auf Sozialhilfeleistungen wie die Grundsicherung im Rahmen des Mindesteinkommens zur Eingliederung (Revenu Minimum d’Insertion, RMI), das 2009 durch das Aktive Solidaritätseinkommen (Revenu de Solidarité Active, RSA) ersetzt wurde. Theoretisch können sie mittlerweile das RSA beziehen, doch die Bedingungen hierfür sind dermaßen streng (Vollzeitarbeit über mindestens zwei der drei dem Antrag vorangehenden Jahre), dass nur wenige Tausend junge Franzosen diese Unterstützung tatsächlich in Anspruch nehmen können. Von der sozialen Absicherung ausgeschlossen, sind sie somit umso mehr dem Armutsrisiko ausgesetzt.

Generell konzentrieren sich die Ausgaben der öffentlichen Hand in Frankreich deutlich auf die höheren Altersklassen: Nach Berechnungen von France Stratégie sind zwischen 1979 und 2011 die Staatsausgaben zugunsten der über 60-Jährigen um 50 Prozent auf 17 Prozent des BIP gestiegen, während die Ausgaben für die unter 25-Jährigen bei rund neun Prozent des BIP stagnierten[3] – ein weiterer Indikator für den Stellenwert der Jugend in Frankreich.

Abgesehen von Beschäftigungsniveau und Lebensstandard der jungen Franzosen kritisieren manche auch ihre geringen Einflussmöglichkeiten: In einer Gesellschaft, in der laut den Soziologen Christian Baudelot und Roger Establet Ältere mehr Macht- und Reichtumspositionen als je zuvor besetzen, blieben Jüngere davon ausgeschlossen.[4] Als Beispiel sei hier die Nationalversammlung angeführt, in der es 1981 ebenso viele Abgeordnete unter 40 wie über 60 Jahren gab, während dasselbe Verhältnis bei der 2007 gewählten Nationalversammlung bei eins zu neun lag;[5] derzeit liegt es bei rund eins zu acht. Die französische Jugend scheint somit doppelt gestraft: Angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten steht sie an vorderster Front; zugleich ist ihr der Zugang zu jenen Positionen erschwert, die auf einen gesellschaftlichen Wandel hinwirken könnten.

Soweit die Fakten, die die Lage weiter Kreise der Jugend in Frankreich veranschaulichen. Allerdings muss dieses Gesamtbild anhand von mindestens zwei Präzisierungen differenziert werden. Zum einen ist Frankreich nicht das einzige Land in Europa, in dem junge Leute auf dem Arbeitsmarkt zu kämpfen haben. Im Durchschnitt liegt die Arbeitslosenquote unter jungen Erwerbstätigen innerhalb der EU laut Eurostat bei über 19 Prozent, mit Werten, die 52 Prozent in Griechenland, 46 Prozent in Spanien, 37 Prozent in Italien und 31 Prozent in Portugal erreichen. Die oft als Vorbild angeführten skandinavischen Länder stehen dem aber mit Arbeitslosenquoten von 22 Prozent unter jungen Erwerbstätigen in Finnland und 19 Prozent in Schweden kaum nach. Auch wenn andere Länder hier wesentlich besser abschneiden (sieben Prozent in Deutschland, elf in Dänemark und 13 in Großbritannien), so gibt es doch keine exception française.

Zum anderen ist diese Situation nicht vollkommen neu. Die Arbeitslosenquote unter jungen Erwerbstätigen in Frankreich lag bereits zu Beginn der 1980er Jahre bei über 25 Prozent und verharrt seitdem in Abhängigkeit von Konjunkturschwankungen auf mehr oder weniger hohem Niveau, wobei der Wert in dieser Altersgruppe stets zwei- bis dreimal höher ausfällt als für den Rest der Bevölkerung. Die französische Jugend der 2010er Jahre ist also nicht die erste Krisengeneration, und ferner scheint es sich bei der Situation der jungen Franzosen um ein strukturelles Problem zu handeln.

Soziale Ungleichheiten



Die beschriebenen Schwierigkeiten von Hunderttausenden jungen Menschen haben in Frankreich eine lebhafte Diskussion über das Ausmaß der Ungleichheiten ausgelöst, die zwischen den Generationen bestehen. In der Tat belegen seit den 1990er Jahren zahlreiche wirtschaftswissenschaftliche, soziologische oder statistische Studien bedeutende Unterschiede beim Gehalt sowie allgemeiner beim Zugang zu den sichersten und einkommensstärksten Arbeitsplätzen. So nahmen die 30-Jährigen der 1990er Jahre im Vergleich zu den 30-Jährigen der 1970er Jahre eine weitaus niedrigere Position in der sozialen Hierarchie ein.[6]

Diese empirische und dezidierte Darstellung der Ungleichheiten zwischen den Generationen in der öffentlichen Diskussion verschiebt sich mit Beginn der 2000er Jahre hin zu der Frage nach der Verantwortung der Baby-Boomer-Generation: Ihr wird vorgeworfen, über ihre Verhältnisse gelebt und die Früchte des Wirtschaftswachstums der Nachkriegszeit verschleudert zu haben.[7] Diese Zuspitzung führt zu einer künstlichen Homogenisierung der Generationen und erschwert es, der Komplexität der gegenwärtigen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Zwar ist der Lebensstandard der Rentner in Frankreich – angehoben durch die Pensionierung der ersten Baby-Boomer – insgesamt noch nie so hoch gewesen, doch ziehen sich starke Ungleichheiten durch diese Altersklasse. So beziehen Tausende ehemalige Angestellte und Arbeiter sehr bescheidene Renten. Auch die heutige Jugend Frankreichs bildet selbstverständlich keine homogene Einheit, und entsprechend sind die jungen Franzosen auch nicht alle denselben Problemen ausgesetzt.

Wie auch andernorts sinkt das Risiko der Arbeitslosigkeit mit zunehmendem Bildungsgrad. Die seit 2008 andauernde Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Diskrepanz zwischen der Arbeitslosenquote der 15- bis 29-Jährigen ohne Abschluss, die 2015 bei mehr als 40 Prozent lag, und mit Hochschulabschluss, 2015 bei rund zehn Prozent, noch weiter verschärft.[8] Das Schicksal der Zehntausenden, die jedes Jahr ohne Abschluss von der Schule gehen oder bestenfalls die Mittlere Reife (Brevet des Collèges) in der Tasche haben, erscheint daher besonders besorgniserregend. Ebendiese jungen Leute ohne Abschluss, die vor allem am Stadtrand und in ländlichen Gebieten leben, sind die primären Opfer der Wirtschaftskrise, während 2013 mehr als 90 Prozent der Master-Absolventen von 2010 erwerbstätig waren und in neun von zehn Fällen sogar über unbefristete Arbeitsverträge verfügten.[9]

Ferner sind gesellschaftliche und berufliche Laufbahnen in Frankreich eng mit der sozialen Herkunft verbunden. So übten Anfang der 2010er Jahre 72 Prozent der Personen, deren Väter Arbeiter oder geringqualifizierte Arbeitnehmer waren, einige Jahre nach ihrem Schulabgang ihrerseits einen Arbeiterberuf oder eine geringfügige Beschäftigung aus. Zu Beginn der 1980er Jahre hatte dieser Prozentsatz bei 82 Prozent gelegen.[10] Auch wenn dieser Rückgang von einer leichten Verbesserung der Chancen für einen sozialen Aufstieg von Kindern aus der unteren Bevölkerungsschicht zeugt, so unterstreicht er dennoch das nach wie vor hohe Ausmaß der Reproduktion von Ungleichheiten in der französischen Gesellschaft. In der Tat arbeiteten zur gleichen Zeit 70 Prozent der Personen, deren Väter eine leitende Stellung innehatten, einige Jahre nach Abschluss ihres Studiums ihrerseits in einer leitenden Funktion oder auf der mittleren Führungsebene. Die jungen Leute in Frankreich sehen sich also keineswegs alle der gleichen sozialen Dynamik gegenüber.


Fußnoten

1.
Vgl. Jean Flamand, Dix ans de transitions professionnelles: un éclairage sur le marché du travail français, France Stratégie, Document de travail, März 2016.
2.
Vgl. Camille Peugny, Le destin au berceau. Inégalités et reproduction sociale, Paris 2013.
3.
Vgl. Hippolyte d’Albis/Pierre-Yves Cusset/Julien Navaux, Les jeunes sont-ils sacrifiés par la protection sociale?, France Stratégie, Note d’analyse 37/2016.
4.
Vgl. Christian Baudelot/Roger Establet, Avoir trente ans en 1968 et 1998, Paris 2000, S. 61.
5.
Vgl. Louis Chauvel, L’âge de l’Assemblée (1946–2007). Soixante ans de renouvellement du corps législatif: bientôt la troisième génération, 22.10.2007, http://www.laviedesidees.fr/L-age-de-l-Assemblee-1946-2007,81.html«.
6.
Vgl ders., Le destin des générations. Structure sociale et cohortes en France au XXème siècle, Paris 1998.
7.
Vgl. etwa Laurent Guimier/Nicolas Charbonneau, Génération 69: les trentenaires ne vous disent pas merci, Paris 2005.
8.
Vgl. Centre d’études et de recherche sur les qualifications (CEREQ), Génération 2010: Enquête 2013, http://www.cereq.fr/sous-themes/Enquetes-Generation-Sous-Themes/Generation-2010-enquete-2013«.
9.
Vgl. ebd.
10.
Vgl. Peugny (Anm. 2).
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Camille Peugny für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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