Eine Frau geht am 04.03.2016 in einer U-Bahn-Station in Washington an einer Werbetafel für die neue Staffel von "House of Cards" vorbei.

16.12.2016 | Von:
Andreas Dörner

Politserien: Unterhaltsame Blicke auf die Hinterbühnen der Politik

Idealtypen

Wie lässt sich der serienbasierte Entwurf des politischen Prozesses genauer bestimmen? Aspekte der Zuspitzung und dramaturgisch bedingten Verkürzung habe ich bereits erwähnt. Die Serien bieten uns komprimierte Seinsbestimmungen der politischen Welt. Sie können im besten Fall zeigen, wie Politik funktioniert und was die beteiligten Akteure antreibt. Sie führen vor, mit welcher Währung im politischen Geschäft bezahlt wird und welche Kooperationen und Konfrontationen sich zwischen Politik und Medien herausbilden können. Idealtypisch vereinfacht kann das Spektrum der fiktionalen Konstruktion des Politischen auf drei zentrale Konzepte reduziert werden, die mit grundlegenden Begriffen des Politischen korrespondieren: Politik wird entweder dargestellt als Idealpolitik, Realpolitik oder Machtpolitik.[12] Jenseits dieser drei Idealtypen lassen sich in der Vielfalt der Serien natürlich zahlreiche Mischformen erkennen.

Wird Politik als Idealpolitik dargestellt, geht es um eine Politikvorstellung, in der politisches Handeln "guten" Zielen wie dem Gemeinwohl, Gerechtigkeit oder Freiheit dient, die durch angemessene, legitime und legale Mittel erreicht werden sollen. Die Protagonisten sind in dieser Welt umsichtig und moralisch integer, vor allem aber sind sie meist altruistisch motiviert. Sie kämpfen für die gute Sache, nicht für eigene Vorteile oder Karrieresprünge. Ein solches positives Bild wurde in "The West Wing" oder auch später in "Kanzleramt" geboten. Die Figuren weisen zwar kleine menschliche Schwächen auf, sie konkurrieren miteinander, sind auch mal eifersüchtig und eitel, agieren aber insgesamt gemeinwohlorientiert. Die Politserie definiert hier einen utopischen Raum, der als normative Messlatte, als positives Gegenbild zur außermedialen politischen Realität fungieren kann.

"The West Wing" war für viele Zuschauer in den USA geradezu ein erlösendes Gegenbild zur von Politikverdrossenheit geprägten Realität während der Regierungszeit von George W. Bush (2001 bis 2009). Der fiktive Präsident Josiah Bartlet, ein glänzender Intellektueller mit hohen moralischen Ansprüchen, Humor und warmherziger Ausstrahlung, erschien gegenüber dem realen Amtsinhaber im Weißen Haus als Lichtgestalt, die verkündete, dass Politik auch integrer und intelligenter gestaltet werden kann.[13] Freilich können solche Idealbilder zu Enttäuschungen führen, wenn man feststellt, dass auch messianisch inszenierte Kandidaten nicht zaubern können und in den Kompromissen des politischen Alltags viel von ihrer Energie und Ausstrahlungskraft einbüßen. Ein solcher Prozess der Ernüchterung war etwa nach dem perfekt inszenierten Wahlkampf von Barack Obama zu beobachten, sobald er 2009 die Amtsgeschäfte im Weißen Haus übernommen hatte. Bei der Rezeption von Politserien kommt es also entscheidend darauf an, ob sie für bare Münze genommen und als Blaupause für das politische Alltagshandeln aufgefasst werden – oder ob sie als emotionaler Appell dafür verstanden werden, die einstmals formulierten Ideale nicht völlig aus dem Blick zu verlieren.

Das Bild von Politik als Realpolitik verweist dagegen auf ein Konzept, demzufolge Politik zwar "gute" Ziele ausgibt und verfolgt, dabei aber mitunter moralisch fragwürdige Handlungsweisen toleriert, um sie zu erreichen. Die Protagonisten sind in diesem politischen Kosmos entweder direkt schon desillusioniert und abgeklärt, oder aber die Serien führen einen Prozess vor, der das politische Erwachsenwerden als Loslösung von idealistischen Vorstellungen und moralischen Bindungen beschreibt.

So erzählt etwa die dänische Serie "Borgen" den Werdegang der Politikerin Birgitte Nyborg als eine Art politischen Bildungsroman, als eine Coming-of-age-Geschichte. Zu Beginn der Serie stürmt die von Idealen beseelte Nyborg voller Tatendrang ins Amt der dänischen Ministerpräsidentin. Sie will vieles bewegen, dabei ihren Wertvorstellungen treu bleiben und ihre menschlichen Beziehungen schützen. Rasch merkt sie jedoch, dass politische Erfolge moralisch häufig teuer erkauft sind. Langjährige Freundschaften werden geopfert und zentrale Werte aufgegeben, die früher die eigene Identität definiert hatten. Das Familienleben leidet nicht nur unter der Zeitverknappung im Amt, sondern auch unter den Veränderungen, die Nyborgs Persönlichkeit durchläuft. Die Scheidung vom Ehemann ist die Konsequenz aus psychischen Verhärtungen, die das Amt und die mit ihm verbundenen Notwendigkeiten produzieren.

Auch die ARD-Produktion "Die Stadt und die Macht" (Das Erste, sechs Teile, 2016) versuchte, einen ähnlichen Bildungsroman über eine junge Frau zu erzählen, die den Weg in den politischen Dschungel geht und dabei lernt, Anstand und Aufrichtigkeit auszublenden, wenn es gilt, den politischen Gegner auszumanövrieren und Wählerstimmen zu gewinnen.

Realpolitische Szenarien in Politserien scheinen einen besonders realistischen Bezug zur außermedialen Wirklichkeit herzustellen, da sie ein simples Schwarz-Weiß-Schema vermeiden und den Preis für Machterwerb und politische Gestaltung aufzeigen. Auch die bereits erwähnte Serie "Scandal" kann als Ausprägung des realpolitischen Blicks auf die Wirklichkeit gesehen werden, obwohl das Abrücken von moralischen Werten um der positiven Ziele willen hier ganz besonders drastisch gezeigt wird und viele der Akteure Entwicklungen durchlaufen, die eher schon dem dritten Muster, der Machtpolitik, entsprechen. Die Protagonisten verrohen so stark, dass sie selbst in Folter ein legitimes Mittel der Wahrheitssuche sehen. Spätestens ab der dritten Staffel hat man den Eindruck, die Figuren bewegten sich in einer in den Hobbes’schen Naturzustand versetzen Welt: Jeder kämpft gegen jeden, niemandem kann vertraut werden, alle agieren "gut" und "böse" zugleich. Ein solches Politikbild ist unterhaltsam in all seinen Thriller- und Actionelementen, es enthält aber bei aller dramaturgischen Zuspitzung auch viel Potenzial für einen kritischen Blick auf den politischen Prozess. Und es markiert den Übergang zum dritten Typus.

Bei der Darstellung von Politik als Machtpolitik geht es um ein Bild von Politik, das weder bei den Zielen noch bei den Mitteln moralische Standards voraussetzt. Die Motivation allen politischen Handelns ist das Streben nach Macht. Diese wird jedoch nicht als Mittel zur Umsetzung politischer Inhalte und Werte betrachtet, sondern zur Steigerung von Anerkennung und Selbstwertgefühl. Ziel der Machtpolitik ist letztlich, das Ego der Akteure zu stärken. Der "House of Cards"-Protagonist Frank Underwood ist ein Musterbeispiel des machtbesessenen Politprofis, der alle Normen und Werte ausblendet, um seine Ziele zu erreichen. Sein Machtstreben wird geradezu als etwas Triebhaftes dargestellt. Die Manipulation der Menschen, die er steuert, um Macht zu generieren, gleicht der sexuellen Besitzergreifung, wie er dem Zuschauer in der ersten Staffel (Folge 9) direkt mitteilt: "A great man once said, everything is about sex. Except sex. Sex is about power." Underwood setzt diese Einsicht konsequent um, indem er eine sexuelle Beziehung mit einer jungen Journalistin beginnt, die er für seine Zwecke zu nutzen gedenkt (die Instrumentalisierung erfolgt hier freilich gegenseitig).[14]

Eine Figur wie Frank Underwood fand schon bald Spiegelungen in satirischen Politserien wie "The Thick of it", "Veep" oder auch "Eichwald, MdB". Auch diese Akteure haben Machterwerb und Machterhalt im Sinn, auch bei ihnen stellt sich das Mittel häufig als der Zweck des Ganzen dar. Im Unterschied zum Königsdrama à la "House of Cards" geben die seriellen Komödien die Machtpolitik jedoch dem Gelächter des Publikums preis. Ihre Protagonisten sind lustig im ständigen Scheitern, sie denunzieren das eigene Tun durch Unfähigkeit und übertriebene Eitelkeit. Und auch bei der satirischen Zuspitzung gilt natürlich: Der Realitätsbezug, die Verbindung zu den Eitelkeiten und Unfähigkeiten realer politischer Akteure, muss erhalten bleiben, damit das Ganze beim Publikum auch funktioniert. Dann kommen auch bei den satirischen Serienformaten Unterhaltungswert und Realitätsbezug als die beiden Komponenten erfolgreicher Politserien zusammen.

Fußnoten

12.
Zu den Politikbegriffen als verschiedene Zugänge zur politischen Realität vgl. noch immer Karl Rohe, Politik. Begriffe und Wirklichkeiten, Stuttgart 19942.
13.
Siehe dazu Melissa Crawley, Mr. Sorkin Goes to Washington: Shaping the President on Television’s The West Wing, Jefferson u.a. 2006; Ruth Wodak, The Discourse of Politics in Action. Politics as Usual, Basingstoke u.a. 2009, S. 159–186.
14.
Genau wie die direkte Zuschaueransprache in den asides, mit denen die "vierte Wand" der Fiktion durchbrochen wird, war auch der Zusammenhang von Sex und Macht schon in dem britischen Mehrteiler "House of Cards" in den 1990er Jahren angelegt.
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