Eine Frau geht am 04.03.2016 in einer U-Bahn-Station in Washington an einer Werbetafel für die neue Staffel von "House of Cards" vorbei.

16.12.2016 | Von:
Andreas Dörner

Politserien: Unterhaltsame Blicke auf die Hinterbühnen der Politik

Rezeption: Was bewirken PolitSerien?

Kommen wir zur Frage, welches Bild des Politischen die Serien – ob Drama oder Komödie – bei den Zuschauern hervorrufen. Haben die gezeigten fiktionalen Welten eine messbare Wirkung? Seit der Jahrtausendwende gibt es eine Reihe von Untersuchungen der quantitativen Medienwirkungsforschung, die auf Effekte hindeuten. So zeigte eine Studie von 2003, dass der Konsum von "The West Wing" zu einem positiveren Bild von bestimmten US-Präsidenten und der Präsidentschaft insgesamt führen kann. Bei den Befragten galt das sogar für die Bewertung des damaligen Amtsträgers George W. Bush, der ja im fiktiven Präsidenten Bartlet eigentlich ein kontrastierendes Gegenbild gefunden hatte. Der "gute" fiktive Präsident färbte hier also auf den "schlechten" realen Präsidenten positiv ab.[15] In einer weiteren qualitativen Untersuchung wurde festgestellt, dass zahlreiche jüngere Intellektuelle durch "The West Wing" eine Bestätigung ihrer idealistischen Sichtweisen sowie Motivation für eigenes politisches Handeln fanden.[16] Andere Studien wiederum konnten zeigen, dass die Rezeption von fiktionalen Politprogrammen das Vertrauen in die demokratischen Institutionen insgesamt verbessert.[17]

Umgekehrt können Formate, die eine skeptische Haltung gegenüber dem Regierungshandeln zeigen, Misstrauen und Verschwörungsannahmen bei den Zuschauern fördern.[18] Die Politikwissenschaftlerin Amy Zegart konnte zeigen, dass Zuschauer von "Spytainment"-Formaten wie "24" Foltermethoden wie dem Waterboarding deutlich positiver gegenüberstehen als andere, die diese Art von Serien nicht regelmäßig sehen.[19] Eine Studie zu den Effekten von "House of Cards" schließlich präsentierte Belege für die Auswirkung des Konsums der Serie auf das allgemeine Bild von Politikern; so wurde von den Zuschauern der Serie bejaht, dass man als effektiv handelnder Politiker rücksichtslos und manipulativ sein müsse.[20]

Auch Studien aus Deutschland deuten darauf hin, dass sich Effekte auf politische Einstellungen und sogar auf die politische Handlungsebene beobachten lassen. Forscher aus der Düsseldorfer Arbeitsgruppe um die Kommunikationswissenschaftlerin Christiane Eilders haben gezeigt, "dass die fiktionalen Inhalte der ‚Lindenstraße‘ in der Lage sind, auch einige Aspekte politischen Verhaltens zu beeinflussen"; konkret zeigten Zuschauer der Serie zum Beispiel eine größere Neigung, die Linkspartei zu wählen.[21] In einer weiteren Studie hat die Medienwissenschaftlerin Annekatrin Bock die Ausprägung besonders negativer Politikbilder bei Zuschauern beschrieben, die Serien wie "House of Cards" und "Scandal" regelmäßig verfolgen.[22]

All diese Befunde sollten allerdings mit einer gewissen Vorsicht behandelt werden. Sie stammen meist aus experimentellen Untersuchungsdesigns oder Umfragen. Wie langfristig die Effekte sind, welche Dispositionen bei den Zuschauern vorhanden sein müssen, wo lediglich Korrelationen oder doch Kausalitäten vorliegen, und wie sich Rezeption tatsächlich als aktiver Aneignungsprozess von Serien vollzieht – auf all diese Fragen gibt es bislang kaum gültige Antworten. Nach wie vor gilt: Es sind nicht nur die Serien, die etwas mit den Nutzern machen, sondern die Nutzer machen auch aktiv etwas mit den Serien. Menschen eignen sich Medien an, zu den Bedingungen ihrer in Sozialisationsprozessen geformten Persönlichkeiten und ihrer je unterschiedlichen sozialen Umfelder. Dennoch: Politserien scheinen Wirkung zu zeigen, und manches deutet darauf hin, dass Zuschauer zwar kurzfristig gut zwischen Fiktion und Alltagsrealität unterscheiden können, dass sich längerfristig jedoch Erfahrungen aus fiktionalen und realen Kontexten vermischen.[23] In jedem Fall können Serien insofern einen Agenda-Setting-Effekt entfalten, als sie in der Wahrnehmung der Zuschauer die Relevanz eines Themas deutlich erhöhen.[24]

Fazit

Politserien eröffnen den Zuschauern einen Blick auf die Hinterbühnen der Politik. Sie konstruieren, häufig im Rückgriff auf Insiderwissen, politische Realitäten – aber diese Realitäten unterliegen der spezifischen Funktionslogik von medialen Unterhaltungsformaten. Es handelt sich um fiktionale Erzählungen, die politische Akteure und Geschehnisse vereinfacht, zugespitzt und orientierungsfreundlich in einer Dramaturgie darbieten, die Spannung oder Komik oder beides zugleich entfaltet. Dabei lassen sich idealpolitische, realpolitische und machtpolitische Bilder des Politischen unterscheiden. Die Als-ob-Welten der Serien sind kurzweiliger als der graue politische Alltag, aber sie bleiben stets auf ihn bezogen, sodass die Zuschauer immer wieder den Bezug zwischen den beiden Wirklichkeitsebenen herstellen können.

Es ist daher auch wenig überraschend, dass Politserien nicht wirkungslos bleiben: Sie beeinflussen empirischen Forschungen zufolge die politische Agenda, den öffentlichen Themenhaushalt der Gesellschaft, aber auch Wahrnehmungen, Vorstellungen und Einstellungen. So kann einerseits das Image des realen Präsidenten vom Idealismus einer fiktionalen Figur profitieren und andererseits das Misstrauen der Zuschauer durch unmoralische Serienfiguren genährt werden. Die Akzeptanz von Folter kann durch Serien ebenso beeinflusst werden wie Parteipräferenzen. Wie nachhaltig solche Effekte jedoch tatsächlich sind und welcher Zuschauertypus unter welchen Bedingungen eher beeinflussbar ist, gilt es in weiteren Forschungen noch genauer zu untersuchen.

Die Wahl des republikanischen Kandidaten Donald Trump zum Präsidenten im November 2016 ließ wiederum eine geradezu unheimliche Prophetie einer Fernsehserie sichtbar werden. Bereits vor 16 Jahren hatten die Autoren der Zeichentrickserie "The Simpsons" einen Präsidenten Trump vorausgesagt – zu einer Zeit, als derartige Ambitionen des Milliardärs noch keinesfalls zu erahnen waren. In der am 19. März 2000 erstausgestrahlten Folge "Bart to the Future" sieht Bart, der Sohn der Familie Simpson, in einer Zukunftsvision, wie seine Schwester Lisa das Amt der Präsidentin erringt und das Weiße Haus von einem gewissen Donald Trump übernimmt, der das Land gerade in eine Pleite geführt hat. Ihre Vorhersage kommentierten die Macher der Serie nach dem tatsächlichen Sieg Trumps im November 2016 mit Humor: In der ersten Folge nach der Entscheidung schreibt Bart im traditionellen Vorspann-Gag hundertfach "Being Right Sucks" an die Tafel: "Richtig zu liegen, nervt".[25]

Fußnoten

15.
Vgl. Lance Holbert et al., The West Wing as Endorsement of the U.S. Presidency: Expanding the Bounds of Priming in Political Communication, in: Journal of Communication 3/2003, S. 427–443, hier S. 436.
16.
Vgl. Juli Weiner, West Wing Babies, 6.3.2012, http://www.vanityfair.comp/news/2012/04/aaron-sorkin-west-wing«.
17.
Vgl. Patricia Moy/Michael Pfau, With Malice Toward All? The Media and Public Confidence in Democratic Institutions, Westport–London 2000.
18.
So die Befunde bei Ken Mulligan/Philip Habel, The Implications of Fictional Media for Political Beliefs, in: American Politics Research 1/2013, S. 122–146.
19.
Vgl. Amy Zegart, Torture Creep. Why Are More Americans Accepting Bush-Era Policies Than Ever Before?, 25.9.2012, http://foreignpolicy.com/2012/09/25/torture-creep«. Ähnliche Befunde zu den Einstellungen von Zuschauern zur Todesstrafe präsentieren Diana C. Mutz/Lilach Nir, Not Necessarily the News: Does Fictional Television Influence Real-World Policy Preferences?, in: Mass Communication and Society 13/2010, S. 196–217.
20.
Siehe Joseph M. Morris/Henry T. Evans, Our House of Cards? Political Fiction and Belief Change, Paper prepared for presentation at the Western Political Science Association Conference, Seattle 17.–19.4.2014.
21.
Vgl. Carsten Wünsch et al., Politische Kultivierung am Vorabend. Ein prolonged-exposure-Experiment zur Wirkung der Fernsehserie "Lindenstraße", in: Medien und Kommunikationswissenschaft 2/2012, S. 176–196, hier S. 190.
22.
Vgl. Annekatrin Bock, Machtkampf, Intrigen und Manipulation. Die negative Wahrnehmung von Politikgeschehen in aktuellen Politikserien, in: Indes 4/2014, S. 23–31, hier S. 29.
23.
So die Wirkungsforscherin Cordula Nitsch, zit. in: Timo Steppat, Wie uns Fernsehserien manipulieren, 14.2.2014, http://www.handelsblatt.com/9484368.html«.
24.
Vgl. R. Andrew Holbrook/Timothy G. Hill, Agenda Setting and Priming in Prime Time Television: Crime Dramas as Political Cues, in Political Communication 3/2005, S. 277–296.
25.
Vgl. So reagieren "Die Simpsons" auf Trumps Sieg, 15.11.2016, www.welt.de/article159510966.
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