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Mehr als Kostüm und Kulisse: Geschichtsphilosophie im Historienfilm


16.12.2016
"Fünf Stunden Selbstmitleid" titelte "Spiegel Online" am 15. Januar 2014, und fasste damit das Urteil US-amerikanischer Rezensenten über den ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" (Deutschland 2013) zusammen.[1] Die unter der Regie von Philipp Kadelbach inszenierte Geschichte von fünf Freunden, deren unbeschwertes Leben mit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion 1941 abrupt endet und die die Gräuel des Ostfeldzuges, der Judenverfolgung und der Diktatur erfahren, löste bald nach ihrer Erstausstrahlung eine kontroverse Diskussion aus. Während etwa der Kulturjournalist Christian Buß, ebenfalls auf "Spiegel Online", das "grausam genaue Weltkriegsdrama" lobte,[2] kritisierte der Historiker Ulrich Herbert in der "taz", die Deutschen würden vor allem als Opfer dargestellt.[3] Auch international gab es Kritik. "The chaste, self-sacrificing Aryans (…), though they are not without guilt, are the heroes of the story, just as they would have been in a German film made in 1943", stellte etwa die "New York Times" fest.[4] Die polnische Historikerin Katarzyna Chimiak verurteilte die "negative Stereotypisierung" der Osteuropäer.[5] Und der Botschafter Polens protestierte schriftlich beim ZDF wegen der Darstellung der polnischen Heimatarmee als überwiegend antisemitisch.

Debatten um Historienfilme[6] sind kein neues Phänomen. Bereits in der Weimarer Zeit gab es regelmäßig Proteste gegen aktuelle Filmproduktionen mit geschichtlichen Themen. So führte beispielsweise die publizistische Auseinandersetzung um den russischen Revolutionsfilm "Panzerkreuzer Potemkin" (UdSSR 1925) zu einem zeitweiligen Aufführverbot in den öffentlichen Kinos. Und das pazifistische Weltkriegsdrama "Im Westen nichts Neues" (USA 1930) wurde nach regelrechten Krawallen, die vor allem von den Nationalsozialisten und anderen rechtsnationalen Gruppen organisiert wurden, von der Produktionsfirma zurückgezogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es unter anderem Roberto Rossellinis ungeschminkte Darstellung der deutschen Nachkriegsgesellschaft in "Deutschland im Jahre Null" (Italien 1948) und Wolfgang Staudtes Frage nach der Schuld in "Die Mörder sind unter uns" (Deutschland 1946), die Kontroversen auslösten. In den 1970er Jahren erschütterte die von Marvin J. Chomsky inszenierte US-amerikanische Serie "Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss" (USA 1978) das Selbstverständnis der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Und aktuell sind es Filme wie "Elser – Er hätte die Welt verändert" und "Der Staat gegen Fritz Bauer" (beide Deutschland 2015), die Fragen nach Verantwortung und Handlungsmöglichkeiten von Einzelnen gegen Diktatur und Unrecht stellen.

Dass gerade ein Format wie der Historienfilm Geschichtsdebatten auslöst, scheint zunächst befremdlich. Wird hier doch Geschichte in erkennbar fiktionalen Spielhandlungen thematisiert, die von vornherein gar nicht die Ansprüche an Authentizität stellen, die von Dokumentationen und fachhistorischen Abhandlungen üblicherweise eingefordert werden. Erklärbar ist das "Debattenpotenzial" der Historienfilme daher nicht allein aus der Popularität des Massenmediums – Historienfilme im Fernsehen erreichen oftmals hohe Einschaltquoten –, sondern vor allem aus dem spezifischen Zugang dieses Formates zur historischen Wirklichkeit. Der Fokus ihrer Geschichtsdarstellung liegt weniger auf einer exakten Rekonstruktion historischer Ereignisse als vielmehr auf der Bewertung und Deutung geschichtlicher Prozesse und Personen.

Sie stellen dabei Fragen, die die Fachhistorik in ihrem Selbstverständnis als positive Wissenschaft weitgehend aus ihrem Aufgabenbereich verbannt hat: Wer sind die treibenden Kräfte historischer Prozesse? Einzelne herausragende Persönlichkeiten, gesellschaftliche Gruppen, Nationen, Ideen oder ökonomische und ökologische Bedingungen? Sind Menschen nur Produkte ihrer Zeit, oder gibt es überhistorische moralische Normen, an denen das Agieren der Einzelnen gemessen werden kann? Gibt es hinter den permanenten Veränderungsprozessen in Kunst, Kultur und Politik einen Sinn oder gar einen verborgenen Plan?

Auf der Suche nach dem Sinn der Geschichte



Historienfilme, so die These, die ich hier näher begründen möchte, knüpfen damit unter den Bedingungen gegenwärtiger Medialität an ein geschichtsphilosophisches Denken an, das im 18. und 19. Jahrhundert die Beschäftigung mit Geschichte überhaupt erst legitimiert hatte. Die Geschichte, so Immanuel Kant, lasse, obgleich sie auf den ersten Blick "aus Torheit, kindischer Eitelkeit, oft auch aus kindischer Bosheit und Zerstörungssucht zusammengewebt" sei, doch hoffen, "einen regelmäßigen Gang derselben entdecken" zu können.[7] In diesem Denken ging es also nicht um die Aufdeckung historischer Fakten oder um die Rekonstruktion struktureller Zusammenhänge, sondern darum, hinter dem scheinbaren Chaos der Ereignisse, der Pluralität der Normen und Motive und nicht zuletzt der Vielzahl der sich ständig wandelnden Kulturen und Staatsformen einen Zusammenhang zu finden, der die Geschichte als Ganzes erklären und ihr einen Sinn geben könnte. Die "denkende Betrachtung" der Weltgeschichte, so Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dessen Geschichtsphilosophie sich wie eine Antwort auf Kants Problemstellung lesen lässt, könne "die Leidenschaften der Menschen, ihr Genie, ihre wirkenden Kräfte enthüllen" und den "vor unseren Augen verborgenen" Plan in der Geschichte enthüllen.[8] War erst dieser Plan der Geschichte gefunden und die Prinzipien, nach denen er sich vollzieht, dann konnte jedes singuläre historische Faktum daraus erklärt werden. Mehr noch: Ein solcher Plan der Geschichte versprach auch die Gegenwart zu erklären und den Menschen eine Orientierung im politischen Handeln zu geben.

Während Hegel den Sinn der Geschichte in einer dialektischen Selbstentfaltung der Vernunft, mithin als einen Plan Gottes sah, der im modernen Staat kulminierte und diesen zugleich legitimierte, entwarf Karl Marx dazu einen materialistischen Gegenentwurf: Anstelle der göttlichen Vernunft waren für ihn die materiellen, ökonomischen Bedingungen jeder Gesellschaft und der Antagonismus der Klassen die treibenden Kräfte des Fortschritts. Und wo für Hegel die Vollendung der Freiheit als göttliche Vernunft der Zweck beziehungsweise das Telos der Geschichte war, verlegte Marx es in eine künftige klassenlose und kommunistische Gesellschaft.[9] Gemeinsam ist aber allen geschichtsphilosophischen Konzeptionen, ungeachtet der unterschiedlichen Ausgestaltung, die Überzeugung, dass sich durch die Vernunft die Vielfalt historischer Fakten in eine Ordnung bringen ließe, die zugleich die Ordnung der Geschichte selbst sei.

Die Geschichtswissenschaft, wie sie sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts als eigene Wissenschaftsdisziplin – nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Aufstiegs der Naturwissenschaften – begründete, wollte dagegen mit jedweder Geschichtsphilosophie nichts mehr zu tun haben. Historiker wie Gustav Droysen, Jacob Burckhardt oder Leopold von Ranke verwarfen sie als bloße Spekulation und setzten auf eine methodisch begründete und strikt quellenbasierte Rekonstruktion der Vergangenheit.[10] Gegen die empirische Geschichtswissenschaft hatte die Philosophie der Geschichte seitdem keine Chance mehr. Theodor Lessing verspottete sie als den Versuch einer "Sinngebung des Sinnlosen",[11] der analytische Philosoph Arthur C. Danto verwies auf ihre logische Widersprüchlichkeit, weil sie das Wissen um die Zukunft schon voraussetze, die sie eigentlich erst aus der Geschichte abzuleiten behaupte.[12] Karl Popper stellte sie unter Totalitarismusverdacht,[13] und seit Postmoderne und Posthistoire wurden die "großen Erzählungen" auch aus der Philosophie verdammt,[14] wenn nicht gleich das "Ende der Geschichte" insgesamt verkündet wurde.[15]

Die Fragen nach dem Sinn der Geschichte und nach Maßstäben der Bewertung der historischen Akteurinnen und Akteure sind deswegen freilich nicht aus dem gesellschaftlichen Diskurs verschwunden. Gerade in den modernen Industriegesellschaften mit ihren einschneidenden Veränderungsprozessen und den dadurch geschaffenen Problemen gesellschaftlicher und individueller Identität und Orientierung werden die philosophischen Fragen an die Geschichte wieder aktuell – wie sehr sie auch von der Fachhistorik als wissenschaftlich unbeantwortbar klassifiziert werden.

Wenn Historienfilme diese philosophischen Themen neu verhandeln, dann tun sie das freilich nicht mit den Mitteln der klassischen Geschichtsphilosophie. Zielte diese darauf, die Komplexität der historischen Wirklichkeit "auf den Begriff zu bringen", also Geschichte im Medium der Sprache zu interpretieren, geht es beim Historienfilm um die visuelle Repräsentation der Geschichte als sinnhaften Prozess als solchen. Natürlich steht dem Film auch die Sprache zur Verfügung, etwa in Form von Erzählern aus dem Off oder in den Aussagen der Protagonistinnen und Protagonisten, aber spezifisch für das Medium sind die filmsemiotischen Mittel der Narration und der mise en scène durch Kameraführung, Beleuchtung und Perspektivenwahl. Der erzählerischen Struktur kommt in Historienfilmen dabei eine besondere Bedeutung zu. Diese selektiert dabei zunächst – wie das im Übrigen die Geschichtswissenschaft auch tut – die Fakten aus der historischen Überlieferung, die sie für bedeutend hält. Diese werden dann, oft entlang klassischer fünfaktiger oder dreiaktiger dramaturgischer Schemata, in einer prozessualen Abfolge angeordnet, die für die Zuschauerinnen und Zuschauer aus den einzelnen Ereignissen nachvollziehbare Geschichtsverläufe macht. Das heißt: Erst durch die narrative Struktur wird aus einzelnen Ereignissen eine Geschichte, die der Film erzählt und die zugleich auf die Geschichte als außerfilmische Wirklichkeit referiert.

Indem diese Geschichtserzählungen einen definierten Ausgangspunkt haben, meist eine Konfliktsituation oder ein bestimmtes Ereignis, und diese zu einem ebenso definierten Endpunkt entwickeln, postulieren Historienfilme Voraussetzungen, Strukturen und vermeintliche Ziele historischer Prozesse. Geschichte wird dadurch zu einem sinnhaften Ganzen, in dem die einzelnen Ereignisse und Personen in einem logisch konsistenten Zusammenhang miteinander verbunden sind. Zugleich zeigen die Filme in der Interaktion der Protagonisten untereinander und mit ihrer Umwelt Prozesse der Wandlung, Entwicklung, aber auch des Scheiterns, die auf die in der Geschichte insgesamt wirksamen Kräfte und Akteure verweisen.[16] Obgleich Historienfilme immer konkrete Begebenheiten erzählen, die sich auf zeitlich beschränkte Abschnitte der Geschichte beziehen, weisen sie strukturell darüber hinaus und legen eine Generalisierbarkeit der dargestellten historischen Prinzipien auch auf andere Ereignisse und auf ganze Epochen nahe.


Fußnoten

1.
"Fünf Stunden Selbstmitleid", 15.1.2014, www.spiegel.de/kultur/kino/a-943743.html.
2.
Christian Buß, Glaube, Liebe, Hitler, 13.3.2013: http://www.spiegel.de/kultur/tv/a-886932.html«.
3.
Vgl. Ulrich Herbert, Nazis sind immer die anderen, 21.3.2013, http://www.taz.de/!5070893«.
4.
A.O. Scott, A History Lesson, Airbrushed, 14.1.2014, http://www.nytimes.com/2014/01/15/movies/generation-war-adds-a-glow-to-a-german-era.html«.
5.
Katarzyna Chimiak, "Unsere Mütter, unsere Väter" – Ein Beispiel für historische Unwissenheit und deutsche Stereotype, in: Zeitgeschichte-online, Juli 2014, http://www.zeitgeschichte-online.de/thema/unsere-muetter-unsere-vaeter-ein-beispiel-fuer-historische-unwissenheit-und-deutsche«.
6.
Der Begriff "historischer Spielfilm" wird hier nicht verwendet, da dieser unabhängig vom behandelten Thema jeden Film bezeichnen kann, der in der Vergangenheit gedreht wurde.
7.
Immanuel Kant, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, in: ders., Werkausgabe, hrsg. von Wilhelm Weischedel, Bd. XI, Frankfurt/M. 1977 (1784), S. 33–50, hier S. 33.
8.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, auf der Grundlage der Werke von 1832–1845 neu edierte Ausgabe, Werke Bd. 12, Frankfurt/M. 1986 (1805/06), S. 24.
9.
Für einen knappen Überblick über Themen und Geschichte der Geschichtsphilosophie vgl. Matthias Schloßberger, Geschichtsphilosophie, Berlin 2013.
10.
Vgl. Herbert Schnädelbach, Geschichtsphilosophie nach Hegel. Die Probleme des Historismus, Freiburg/Br.–München 1974.
11.
Theodor Lessing, Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen, München 1919.
12.
Vgl. Arthur C. Danto, Analytical Philosophy of History, Cambridge 1968.
13.
Vgl. Karl R. Popper, The Spell of Platon, London 1945.
14.
Vgl. Jean-Francois Lyotard, Das postmoderne Wissen, Wien 2009.
15.
Francis Fukuyama, The End of History and the Last Man, New York 1992.
16.
Vgl. Andrea Gschwendtner, Bilder der Wandlung. Visualisierung charakterlicher Wandlungsprozesse im Spielfilm, Wiesbaden 2011.
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Autor: Bernd Kleinhans für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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