Magneten mit dem Porträt Martin Luthers aus einem Cranach-Gemälde liegen am 25.09.2015 im Lutherhaus in Eisenach (Thüringen) auf einem Tisch.

23.12.2016 | Von:
Frieder Otto Wolf

Was geht mich das an? Arbeitsthesen für eine überfällige Kritik des Reformationsjubiläums - Essay

Für einen diesseitig orientierten Menschen haben Jahrestage keinerlei mythische oder mystische Qualität mehr. Dennoch kann man die Frage im Titel dieses Textes produktiv beantworten: Historische Jubiläen bilden Anreiz und Gelegenheit dafür, geschichtliche Ereignisse oder Entwicklungen in dem doppelten Sinne zu "vergegenwärtigen", dass einerseits ihrer gedacht, also ein Andenken gepflegt beziehungsweise eine Traditionslinie kultiviert sowie andererseits die Frage untersucht und geklärt wird, was sie heute bedeuten und wie sie aktualisiert werden können. Dabei hängen beide Seiten in der jeweiligen Gegenwart deutlich zusammen: Traditionslinien sind immer erst herauszuarbeiten und oft geradezu auch zu "erfinden". Zugleich sind alle Vergegenwärtigungen entscheidend dadurch bestimmt, wie versucht wird, die jeweilige Gegenwart zu begreifen und zu artikulieren.[1]

Dabei muss sich die Gegenwartsbedeutung jedes derartigen Jubiläums daran messen lassen, was es wirklich für die "Selbstverständigung" dieser Gegenwart beitragen oder sogar leisten kann. Mit Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 und die seit 2008 zur "angemessenen Vorbereitung und Hinführung auf das Jubiläumsjahr"[2] laufende "Lutherdekade" wirkt es befremdlich, in der aktuellen Lage einer globalen Komplexkrise[3] und eines Bedeutungsverlustes im globalen Maßstab, wie er sich für Deutschland und Europa, aber auch für die Vereinigten Staaten, also den sogenannten Westen, abzeichnet, auf ein primär deutsches, bei gutem Willen nordwesteuropäisches Ereignis zu kaprizieren. Und selbst wenn wir mit guten Gründen davon ausgehen, dass die Ereignisse und Entwicklungen, durch die sich die europäische Neuzeit als solche konstituieren sollte, von Anfang an global ausgriffen und bis zum 19. und 20. Jahrhundert im Weltmaßstab imperial prägend wurden, bleibt die Frage offen, warum wir in dieser Hinsicht im Jubiläum gerade auf das Thema "Martin Luther und die Reformation" abstellen.

Denn nicht nur vernachlässigen wir damit die anderen Reformatoren – bekanntlich waren etwa Johannes Calvin, Ulrich Zwingli, Martin Bucer, Thomas Müntzer und William Tyndale durchaus eigenständig – und sehen auch von den sich etwas später durchsetzenden Modernisierungsprozessen der katholischen "Restkirche" ab.[4] Vielmehr verlieren wir etwa bei allzu locker gehandhabten historischen Periodisierungen auch die großen historischen Linien aus den Augen, die beim Umbruch zur Neuzeit eine vermutlich noch viel wichtigere Rolle gespielt haben als die Reformation.[5] Denn beim Bezug auf ein "Reformationszeitalter" gilt zwar der historische Prozess der Reformation als hegemonial, aber allerlei andere Entwicklungen werden selbstverständlich einbegriffen, die als solche nicht zur Reformation gehörten.

So waren etwa die Ausbreitung von Schriftkundigkeit, Buchdruck, "Kolportage" und Lesekreisen Teil des allgemeinen Hintergrunds dieser Zeit und damit auch ein einsetzender Prozess der Aufklärung durch die Verbreitung neuen Wissens und das Hinterfragen von Traditionen und Autoritäten. Selbst die Tendenzen zur Subjektivierung und Individualisierung auch der religiösen Massenkultur und damit der Kirchen lassen sich nicht auf die eigentlichen Reformations- und Gegenreformationsprozesse reduzieren, in denen sie damals ihren zugespitzten Ausdruck fanden. Ähnliches gilt für die Etablierung des souveränen Territorialstaates als vorherrschendes politisches Gebilde oder gar für die Durchsetzung eines sich auf eigener Grundlage entfaltenden Verhältnisses von Lohnarbeit und Kapital.[6]

Aber auch wenn wir uns auf das Thema "Luther und die Reformation"[7] einlassen, stellt sich sofort eine ganze Reihe kritischer Fragen. Einige für Nichtchristen ausschließlich historische Fragen zum Stellenwert der lutherschen Theologie sind hier schwer zu vermeiden und sollen für jene, die nicht aus der Binnenperspektive des deutschen Protestantismus denken, kurz umrissen werden. Wichtiger sind jedoch die Fragen zur Aktualität dieses Bezugspunktes: Können wir Martin Luther und seine Dimension der Reformation heute wirklich zu einem sinnvollen Ausgangspunkt von Debatten machen, die signifikant dazu beitragen sollen, auf Herausforderungen der Gegenwart tragfähige und belastbare Antworten zu finden?

Warum der historische Stellenwert zu relativieren ist

Die Begrenztheit und zum Teil auch Problematik der Bedeutung des historischen Martin Luther lässt sich beispielhaft an drei Punkten verdeutlichen: Erstens an der von Luther erneuerten und zugespitzten These von der "Gnadenwahl" durch einen fremden, an nichts Menschliches gebundenen Gott, wonach es allein in Gottes vollkommen grundloser Dezision liegt, ob jemand Gnade erfährt oder verdammt wird. Diese These geht auf den Kirchenlehrer Augustinus (354–430) zurück und ist historisch also in der Phase des Untergangs des Römischen Reiches zu verorten. Aus dieser ging in Westeuropa eine "Reichskirche" hervor, die sich gegenüber den sich bildenden Einzelreichen verselbstständigte. Luther greift die These in einer historischen Phase auf, in der der Untergang des alten, feudal geprägten Europa bereits unumkehrbar im Gange ist, aber die neuen Strukturen des europäischen Systems der absolutistischen Monarchien allenfalls angelegt sind.[8] Er verbindet also in dieser These den Eindruck des Sinnverlustes der Lebenswelt mit dem Gedanken, jeglichen Sinngewinn und damit auch jegliche Alternative aus dieser Welt hinaus zu verlegen, statt im Hier und Jetzt schon nach dem "Reich Gottes" zu streben, wozu etwa die eschatologischen Theologen wie Thomas Müntzer und seine revolutionären Anhänger aufrufen. Damit löst Luther die Betonung des göttlichen Willens aus allen differenzierenden Überlegungen heraus, die in der kirchlichen Tradition entwickelt wurden, und spitzt sie auf ihren voluntaristischen Kern zu: die absolute Willkür Gottes.

Als zweites Argument lassen sich die Aporien anführen, in die das von Luther propagierte Prinzip sola scriptura, wonach der Mensch allein durch die Schrift, sprich durch die Bibel, Gottes Wort empfängt und dafür keiner Auslegung und Vermittlung durch eine zwischengeschaltete Instanz bedarf, die Interpretationslehre geführt hat. Die Verwirklichung dieses Prinzips konnte sich zwar auf die neuen Möglichkeiten der Verbreitung der Bibel stützen, die die noch junge Technologie des Buchdrucks und den neuen Wirtschaftszweig des Verlagswesens damals eröffneten. Doch stellte es als Lektüreauffassung und -praxis insofern keinen wirklichen Fortschritt dar, als es die vielfältigen mündlichen Prozesse, die für eine produktive Lektüre Voraussetzung bleiben, als solche nicht adäquat artikulieren konnte. So sehr es auch einleuchtet, den Dogmatismus der tradierten Interpretation immer wieder "am Text" zu hinterfragen, muss eine Beschränkung auf die je individuell erlebten Evidenzen zu neuen Dogmatismen führen, die nicht mehr intersubjektiv, historisierend und interkulturell aufgelöst werden können. Es war daher auch kein Zufall, dass diese von Luther ausgehende Lesepraxis schließlich in eine "Hermeneutik" mündete, deren Offenheit zugleich immer auch auf vorhandene dogmatische Festlegungen verwies, anstatt in einem offenen Lektüreprozess alle Potenziale der behandelten Texte ans Licht zu bringen und kritisch diskutierbar zu machen.[9]

Drittens muss die Konzentration auf die lutherische Reformation im Hinblick auf eine adäquate Thematisierung des Übergangs zur europäischen Moderne zu einem "germanozentrischen Tunnelblick" führen.[10] In der Tat hat Luther nachträglich immer wieder als Projektionsfläche für nationalistische Aufladungen gedient. Gleiches gilt für seinen unbestreitbaren und auch in den Maßstäben seiner Zeit schrecklichen Antisemitismus und der Maßlosigkeit des von ihm geschürten Hasses. Wer immer in der weiteren deutschen Geschichte auf Identitätsbildung und Schaffung von Gruppengefolgschaft durch Hass setzte, fand hierfür bei Luther nicht nur Material, sondern auch klar ausgearbeitete Diskursmodelle.

Nun kann ein moderner Protestant oder eine moderne Protestantin einräumen, dass es derartige problematische Aspekte bei Luther zwar gegeben habe, diese historische Seite aber eben nicht diejenige sein könne, an die heute wieder anzuknüpfen sei – vielmehr gehe es darum, andere, wirklich moderne Seiten Luthers entsprechend zu aktualisieren.

Fußnoten

1.
Siehe auch den Beitrag von Dorothea Wendebourg in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt – Staatliche Geschäftsstelle "Luther 2017", Lutherdekade, o.D., http://www.luther2017.de/de/2017/lutherdekade«.
3.
Vgl. die zusammenfassende Skizze von Lutz Brangsch/Judith Dellheim/Joachim Spangenberg/Frieder Otto Wolf, Den Krisen entkommen. Sozialökologische Transformation, Berlin 2012.
4.
Vgl. die plastische Darstellung durch Henri Petiot (gen. Daniel-Rops), L’Église de la Renaissance et de la Réforme, 2 Bde., Paris 1955 sowie die jüngeren akademischen Aufarbeitungen der Debatte durch Dieter J. Weiss, Katholische Reform und Gegenreformation. Ein Überblick, Darmstadt 2005 und Rolf Decot, Katholische Reform, in: Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 6, Stuttgart–Weimar 2007, Sp. 454–461.
5.
Nach heutigem Stand der methodologischen Debatte zu Fragen der Periodisierung der Geschichte ist diese unhaltbar, weil sie den realen historischen Prozess nur einseitig und damit verzerrend betrachtet. Vgl. jüngst Jacques Le Goff, Geschichte ohne Epochen, Darmstadt 2016.
6.
Vgl. kritisch dazu Hubert Cancik, Mythos Reformation, in: Frieder Otto Wolf (Hrsg.), Humanismus – Reformation – Aufklärung. Forderungen und Vorschläge zur Luther-Dekade, Berlin 2013, S. 23–34.
7.
Die psychohistorische Kontextualisierung und damit auch Depotenzierung Martin Luthers hat Lyndal Roper überzeugend geleistet: Der Mensch Martin Luther. Die Biographie, Frankfurt/M. 2016.
8.
Zum historischen Kontext, in dem Luther agiert, vgl. Heiko A. Oberman, Werden und Wertung der Reformation: Vom Wegestreit zum Glaubenskampf, Tübingen 19792, S. 99–103.
9.
Vgl. Gerhard Ebeling, "Sola scriptura" und das Problem der Tradition, in: ders., Wort Gottes und Tradition. Studien zu einer Hermeneutik der Konfessionen, Göttingen 19662, S. 91–143.
10.
Vgl. die Eingangsthese Herfried Münklers in seiner Rezension des Bandes von Volker Press/Dieter Stievermann (Hrsg.), Martin Luther. Probleme seiner Zeit, Stuttgart 1986, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.1.1987, S. 9.
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Autor: Frieder Otto Wolf für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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