Magneten mit dem Porträt Martin Luthers aus einem Cranach-Gemälde liegen am 25.09.2015 im Lutherhaus in Eisenach (Thüringen) auf einem Tisch.
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"Islamische Reformation". Ein moderner religionskultureller Diskurs


23.12.2016
Kaum ein Tag vergeht, an dem in den Feuilletons der großen deutschen Zeitungen nicht nach einer grundlegenden Reform des Islams gerufen würde. Damit die muslimischen Minderheiten ihren Ort in der offenen, pluralistischen Gesellschaft finden und die Institutionen der parlamentarischen Demokratie wertschätzen könnten, bedürfe es endlich einer "islamischen Reformation". Häufig wird auch eine "Aufklärung des Islams" angemahnt. Forderungen dieser Art erheben nicht nur Politikerinnen und Politiker aus allen demokratischen Parteien, sondern auch Vertreter der beiden großen christlichen Kirchen, Publizistinnen und Wissenschaftler.

Nachholbedarf?



Der Ruf nach einer "Reformation des Islams" findet unter deutschen Muslimen vielfältigen Widerhall. Prominente muslimische Intellektuelle wie etwa Navid Kermani sowie islamische Theologen äußern sich öffentlich und oft mit großer medialer Resonanz als "Reformer", etwa indem sie eine historisch-kritische Deutung des Islams, die Gleichberechtigung muslimischer Frauen und ein Recht auf elementare religiöse Selbstbestimmung jedes einzelnen Muslims einklagen. So tritt etwa der Politikwissenschaftler Bassam Tibi in die Kritik des "Scharia-Islams" und für einen "Euro-Islam" ein, der "westliche Werte" wie individuelle Freiheit, Toleranz, Menschenrechte und Gleichberechtigung anerkenne.[1]

Der Münsteraner Religionspädagoge Mouhanad Khorchide entwirft die Vision eines reformierten Islams als humanistisch gute Religion, die dank Gottes allumfassender Barmherzigkeit Gottesliebe, mitmenschliche Solidarität und individuelle Freiheit fördere.[2] Obgleich er eher moderate Reformforderungen erhebt, warfen Ende 2013 mehrere einflussreiche muslimische Verbände wie der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM), die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) und der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (IR) Khorchide vor, die Autorität des Heiligen Korans durch historisch-kritische Lesarten zu unterminieren und deshalb zu einer bekenntnisgebundenen Unterweisung zukünftiger muslimischer Religionslehrer nicht geeignet zu sein.[3]

Der zum Teil gemeinsam mit Khorchide[4] publizierende Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad äußert seine Kritik des traditionellen Scharia-Islams grundsätzlicher.[5] Seinen europäischen "Islam light" ohne Scharia, Dschihad, Mission und Unterdrückung von Frauen empfiehlt der oft religionskritisch argumentierende Abdel-Samad als Gegenprogramm zu jenen neuen politisch-sektiererischen Islamismen, die er nicht zuletzt wegen ihres massiven Antisemitismus als "islamischen Faschismus" bekämpft.[6]

Auch die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, erste Vorsitzende des 2010 gegründeten "Liberal-Islamischen Bundes", forschte und lehrte zunächst in Münster, bevor sie als Lehrerin den nordrhein-westfälischen Schulversuch "Islamkunde in deutscher Sprache" entscheidend mitgestaltete. Die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete und medienpräsente Mitbegründerin des 2015 entstandenen Muslimischen Forums Deutschland (MFD) fordert einen reformierten "zeitgemäßen Islam" mit "weniger Dogma und mehr Spiritualität".[7]

Die Behauptung, dass der Islam endlich eine Reformation und zudem eine Aufklärung brauche, um die elementaren kognitiven Dissonanzen zwischen altem Glauben und moderner pluralistischer Gesellschaft überwinden zu können, wird ferner von frommen Sinnsuchern geteilt, die sich wie der Schriftsteller Zafer Şenocak mit dem Glauben ihrer Väter auseinandersetzen:[8] "Der Islamgläubige heute ist mit einem Fuß im Siebenten, mit dem anderen im Einundzwanzigsten Jahrhundert verwurzelt. Daraus resultieren zahlreiche Konflikte, die sich weder geistig noch sozial lösen lassen. Wie lebt man in einer Gemeinschaft mit gleichgestellten Menschen, die nicht Muslime sind, die weder ein sakrales Buch noch einen Gottesglauben besitzen? Wie respektiert man aus der Position der letzten, ewig gültigen Offenbarung heraus andere Ansichten? Auf diese Fragen gibt es aus der islamischen Tradition heraus keine befriedigenden Antworten. Der nötige Respekt steht im Widerspruch mit der Degradierung der Frau im Koran, mit der Degradierung der Ungläubigen, ja mit der Aberkennung des Lebensrechts für bestimmte Positionen."[9] Deshalb fordert Şenocak eine "islamische Reformation", die produktiven Zweifel und neue individuelle Aneignung von Poesie und Schönheit des Korans ermögliche.

Weit ist auch das Spektrum der muslimischen Intellektuellen, die in Europa und den USA für eine "islamische Reformation" eintreten. Fazlur Rahman, der 1919 im heute pakistanischen Britisch-Indien geboren und nach einem Studium in Lahore 1949 in Oxford promoviert und 1952 mit einem Buch über den Einfluss Ibn Sinas beziehungsweise Avicennas auf Thomas von Aquin bekannt wurde,[10] leitete ab 1961 das von General Ayub Khan gegründete Central Institute of Islamic Research im pakistanischen Karatschi, das eine reformerische, modernisierende Deutung des Islams entwickeln sollte. Dies führte zu heftigen Protesten der Ulama, der Religionsgelehrten im Islam, sodass Rahman 1969 als Professor für Islamische Ideengeschichte an die University of Chicago wechselte. Hier veröffentlichte er "Islam and Modernity", das bald als ein klassischer Text eines modernefähigen Reformislam galt.[11]

Der 1962 in Genf geborene, inzwischen in Oxford lehrende und in Doha forschende Schweizer Islamwissenschaftler und Religionsintellektuelle Tariq Ramadan, ein Enkel des Begründers der ägyptischen Muslimbrüder, Hassan al-Banna, über dessen religiöses Selbstverständnis Ramadan 1998 an der Al-Azhar-Universität in Kairo seine Dissertation schrieb, versteht sich mit großer öffentlicher Resonanz vor allem bei jüngeren Muslimen in Europa und den USA als "Reformsalafist", der für eine aktive muslimische Mission in Europa eintritt, dazu traditionalistische und orthodox-sunnitische Positionen als konservativer Modernisierer fortschreibt und eine neue, eben genuin europäische muslimische Identität zu begründen versucht.[12] Sein Konzept eines "islamischen Sozialismus", das er in scharfer Kritik der neoliberalen Wirtschaftspolitik der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds vertritt, beerbt auch alte christliche, speziell katholische Vorstellungen einer Gemeinwohlökonomie jenseits privater Nutzenmaximierung. Vom Magazin "Time" wurde Ramadan 2009 als "Erneuerer des Monats" gefeiert, und manche seiner begeisterten Anhänger erklärten ihn um die Jahrtausendwende zum Martin Luther des Islams.[13] Der gegen ihn immer wieder erhobene Vorwurf, er argumentiere vor muslimischen Auditorien ungleich traditionstreuer, antiliberaler und antiwestlicher als in Texten und Vorträgen, die sich auch an ein nichtmuslimisches Publikum richten,[14] lässt das Changierende, Schillernde, auch Opportunistische in seiner Rede von "radikaler Reform" und "muslimischer Reformation" erkennen.

Sehr viel prägnanter sind die entsprechenden Forderungen des 1946 im Sudan geborenen Abdullahi Ahmed An-Na’im, der an der Emory University Rechtswissenschaft lehrt, über das Verhältnis von Recht und Religion forscht und 1990 mit dem Essay "Toward an Islamic Reformation" viel Beachtung fand. Als Schüler des einflussreichen sudanesischen Glaubensreformers Mahmud Muhammad Taha kämpft er insbesondere für eine grundlegende Neudefinition der Scharia, die es in Staaten mit dominant muslimischer Bevölkerung erlauben soll, das Verfassungsrecht, das Strafrecht und das Völkerrecht an Prinzipien zu orientieren, die dem modernen Menschenrechtsdenken entsprechen.[15] Der viel beschworenen autoritativen Verbindlichkeit der Scharia gegenüber argumentiert der Jurist zugunsten der Idee des säkularen, religiös-weltanschaulich neutralen Staates sehr viel kritischer als viele andere muslimische Reformer.[16]

In Iran war es vor allem der 1957 geborene Historiker Haschem Aghadscheri, der die Religionskultur der Islamischen Republik als überbürokratisiert, hierarchisch und dogmatisch verhärtet kritisierte und deshalb für einen "Islamischen Protestantismus" warb. Als er 2002 von den theokratisch orientierten geistlichen Eliten des Staates angegriffen, dann verhaftet und zum Tode verurteilt wurde, avancierte er rasch zu einer weltweit gefeierten Ikone all jener Muslime, die sich mehr oder minder "liberal" für elementare Reformen ihrer Religionskulturen einsetzten. "Aghajari’s case was unusual in its setting: a Shi’i country with a constitution placing religious scholars at the head of the state. But his argument was far from unique. Around the world, numerous Muslim authors made use of the analogy with the Christian Reformation, and have done so since the nineteenth century, as have Western observers of Islamic reform movements."[17]

Massive internationale Proteste führten dazu, dass das Todesurteil in eine Haftstrafe von fünf Jahren abgemildert wurde. Doch zeigt der Konflikt, dass der Ruf nach einer "Reformation des Islams" unter den Bedingungen modernitätsspezifischer innermuslimischer Pluralisierung und Ausdifferenzierung von konkurrierenden Glaubensmilieus immer auch starke Gegenbewegungen provoziert. Wer diese Reformation fordere oder von der "Current Islamic Reformation" spreche,[18] provoziere religionskulturelle Entwicklungen, die sich nicht kalkulieren ließen und möglicherweise viele neue gewalttätige Glaubenskonflikte mit sich brächten,[19] warnen manche Beobachter. In der Tat waren die reformatorischen Protestbewegungen des 16. Jahrhunderts auch mit harten gewalttätigen Auseinandersetzungen verbunden. Analoges lässt sich in der Gegenwart beobachten: "Like the Christian Reformation, Muslim movements of reform tend to stigmatize their opponents and have become notorious for proclaiming takfir (expiation) against dissidents."[20]

Doch so unterschiedlich all die "liberalen" Positionen, Reformkonzepte und religionspolitischen Visionen im Einzelnen sind[21] – immer geht es den "Reformern" darum, in den islamischen Religionskulturen endlich nachzuholen, was in der europäischen Christenheit schon im 16. Jahrhundert geschehen sei: die umfassende Erneuerung der religiösen Überlieferung durch eine "Reformation", die ein ganz neues, verinnerlichtes und reflexiv-kritisches Verhältnis zur eigenen Tradition ermöglicht und anschlussfähig ist an genuin moderne westliche Freiheitskonzepte wie insbesondere die Menschenrechte. Immer wird ein sehr enger Zusammenhang von Glaube und Bildung hergestellt und gegen jede nur äußerliche, rituelle Glaubenspraxis ein Grundrecht auf individuelle Innerlichkeit betont.


Fußnoten

1.
Aus der Fülle seiner Publikationen siehe Bassam Tibi, Euro-Islam. Die Lösung eines Zivilisationskonflikts, Darmstadt 2009.
2.
Vgl. Mouhanad Khorchide, Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion, Freiburg/Br. 2012; ders., Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik, Freiburg/Br. 2013; ders., Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus, Freiburg/Br. 2015.
3.
Siehe etwa Koordinierungsrat der Muslime, Stellungnahme des KRM zum Münsteraner Islamlehrstuhlinhaber Mouhanad Khorchide, 17.12.2013, http://www.koordinationsrat.de/detail1.php?id=138&lang=de«.
4.
Vgl. Hamed Abdel-Samad/Mouhanad Khorchide, Zur Freiheit gehört, den Koran zu kritisieren, Freiburg/Br. 2016.
5.
Vgl. Hamed Abdel-Samad, Mein Abschied vom Himmel. Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland, Köln 2009.
6.
Ders., Der islamische Faschismus. Eine Analyse, München 2014.
7.
Lamya Kaddor im Interview mit der "Zeit", 6.6.2012, http://www.zeit.de/2012/24/Interview-Salafisten«; siehe auch Lamya Kaddor, Muslimisch, weiblich, deutsch. Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam, München 2010.
8.
Vgl. Zafer Şenocak, In deinen Worten. Mutmaßungen über den Glauben meines Vaters, München 2016.
9.
Zit. nach Dieter Sattler, Der Islam braucht eine Aufklärung. Zafer Senocak sucht nach Brücken von der erstarrten Tradition in die Moderne, in: Jewish Voice from Germany, Oktober 2016, S. 5.
10.
Vgl. Fazlur Rahman, Avicenna’s Psychology, London 1952.
11.
Ders., Islam and Modernity: Transformation of an Intellectual Tradition, Chicago 1982. Zum Erfolg des Buches siehe Frederick Mathewson Denny, Fazlur Rahman: Muslim Intellectual, in: The Muslim World 79/1989, S. 91–101.
12.
Vgl. Tariq Ramadan, To Be a European Muslim, Markfield 1998; ders., Radical Reform: Islamic Ethics and Liberation, Oxford 2009.
13.
Vgl. Paul Donnelly, Tariq Ramadan: The Muslim Martin Luther?, 15.2.2002, http://www.salon.com/2002/02/15/ramadan_2«.
14.
Vgl. etwa Caroline Fourest, Brother Tariq: The Doublespeak of Tariq Ramadan, London 2008; Gregory Baum, The Theology of Tariq Ramadan. A Catholic Perspective, Toronto 2009.
15.
Vgl. Abdullahi Ahmed An-Na’im, Toward an Islamic Reformation. Civil Liberties, Human Rights, and International Law, Syracuse 1990.
16.
Vgl. ders., Islam and the Secular State. Negotiating the Future of Shari’a, Cambridge MA–London 2008.
17.
Charles Kurzman/Michaelle Browers, Introduction: Comparing Reformations, in: dies. (Hrsg.), An Islamic Reformation?, Lanham u.a. 2004, S. 1–17.
18.
Barbara Allen Roberson (Hrsg.), Shaping the Current Islamic Reformation, London 2003.
19.
Vgl. Wilfrid R. Clement, Reforming the Prophet: The Quest for the Islamic Reformation, Toronto 2002.
20.
Roman Loimeier, Is There Something Like "Protestant Islam"?, in: Die Welt des Islams 45/2002, S. 216–254, hier S. 241.
21.
Zu dieser Vielfalt siehe den Überblick in Charles Kurzman (Hrsg.), Liberal Islam: A Sourcebook, New York u.a. 1998.
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Autor: Friedrich Wilhelm Graf für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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