Menschlicher Schatten in geöffneter Tür. Symbolbild für Angst.

20.1.2017 | Von:
Wolfgang Knöbl

Gewalt erklären? - Essay

Vom Warum zum Wie

In der Ethnografie ist schon vor langer Zeit die Auffassung vertreten worden, dass die Beantwortung von Warum-Fragen, die etwa auf Motive zielen, nicht besonders weiterhelfen, jedenfalls wenig erklären. Jack Katz hat dies in einem methodologischen Grundsatztext folgendermaßen auf den Punkt gebracht: "If research subjects can reliably report why they do the things we want to understand, who would need us?"[15] Die Beantwortung von Warum-Fragen – so Katz – kann also nicht der Königsweg der Sozialforschung und auch nicht der Gewaltforschung sein. Es muss darum gehen, Wie-Fragen zu beantworten.[16]

Katz zufolge zeige sich die Plausibilität dieser Argumentation auch daran, dass sich ursprüngliche, auf Absichten zielende Warum-Fragen im Laufe einer anspruchsvollen ethnografischen Untersuchung ohnehin fast immer in Wie-Fragen transformieren, die sich wiederum nur durch Beschreibung beantworten lassen: Wie sah das Gewaltgeschehen aus? Die Antwort darauf sei letztlich der Zugang, den es zu verfolgen gelte, weil die kontextreiche Analyse sehr viel mehr verständlich mache als kontextlose Hinweise auf abstrakte Strukturen wie Ungleichheit und Segregation oder vermeintlich ursprüngliche Motive der Gewaltakteure. "Erklären" meint in der Sozialwissenschaft und der Gewaltforschung in erster Linie, genau und detailliert zu beschreiben.

Bei der Gewaltanalyse von den Motiven und Absichten der Akteure ganz abzusehen, wäre aber vermutlich eine überzogene Konsequenz. Zwar können Motive sich tatsächlich sehr schnell wandeln oder nachträglich rationalisiert werden, doch heißt das nicht, dass sie deswegen vollkommen zu vernachlässigen wären. Vielmehr werden die Motive nachträglich aus bestimmten individuellen und/oder kulturellen Versatzstücken zum Zwecke der Rationalisierung von Akteuren zurechtgelegt, und diese Versatzstücke sind, ganz gleich in welch unartikulierter Form, immer schon Teil des Handlungskontextes der Akteure gewesen und haben damit in ihrer Brüchigkeit und Unklarheit auch das Gewaltgeschehen beeinflusst. Dies zu bestreiten, würde einer Exotisierung der Gewalt Vorschub leisten. Denn die wenigsten würden ernsthaft bezweifeln, dass es zur Erklärung von menschlichen Handlungen generell durchaus sinnvoll ist, Motive zu berücksichtigen. Welcher Historiker etwa wollte infrage stellen, dass er Stalins Motive beim Zustandekommen des Nichtangriffspaktes mit Hitler zu rekonstruieren habe, auch wenn er immer damit rechnen muss, dass eben jene Motive auf dem langen Weg hin zur Übereinkunft massiv und manchmal auch sehr schnell transformiert worden sein könnten?[17]

Die Gewaltsituation ist vielleicht keine Interaktionssituation wie jede andere, aber eben doch eine Interaktionssituation, für deren Verständnis sich Motive und andere Kontexte nicht völlig ausblenden lassen. Sie gehören zu einer vollständigen Erklärung im Sinne einer Beantwortung von Wie-Fragen zwangsläufig dazu. Nur so ist zu vermeiden, dass sich die phänomenologisch verfahrende Gewaltforschung, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten vorangetrieben wurde, in der Analyse von immer neuen Gewaltphänomenen verliert. Schließlich ist ja der Blickwinkel auf die Gewalt durch den Bezug auf die unmittelbare Situation immer enger geworden, sodass überspitzt gesprochen ein Massaker dem anderen, eine Gewalttat der anderen gleicht, ohne dass es dem Leser solcher oft sehr mikrohistorisch oder -soziologisch verfahrenden Arbeiten noch auffällt, in welche größeren Kontexte diese jeweils untersuchten Gewaltphänomene überhaupt eingebettet waren.

Hin zur Makroperspektive?

Dieses Unbehagen angesichts einer zu stark mikrosoziologischen oder -historischen Fokussierung auf das Gewaltgeschehen war in jüngster Zeit selbst inmitten des phänomenologischen Strangs der Gewaltforschung deutlich zu spüren. Neue Konzepte versprachen daher, sogenannte Makrokontexte wieder stärker in den Blick zu nehmen, ohne dabei die Einsichten der phänomenologischen Gewaltforschung preisgeben zu müssen, wonach die vermeintlich stabilen Motive von Akteuren vergleichsweise wenig zum Verständnis des tatsächlichen Gewaltgeschehens beitragen.

So lag beispielsweise der Einführung des Begriffs des "Gewaltraums" die Beobachtung zugrunde, dass die extreme Massengewalt des 20. Jahrhunderts sich häufig in solchen Gebieten ereignete, in denen der Staat schwach beziehungsweise zerstört war. In Studien wie "Bloodlands" oder "Black Earth" des Historikers Timothy Snyder oder "Räume der Gewalt" des Geschichtswissenschaftlers Jörg Baberowski, die schon im Titel den Raumbezug mit sich führen,[18] wird zumeist in hobbes’scher Manier unterstellt, dass ohne einen starken Staat letztlich immer Anarchie und massive Gewalt drohen. Damit wird nun dem Raum und nicht den Akteuren mit ihren Motiven eine eigenständige kausale Qualität zugeschrieben beziehungsweise der Raum zu einem konstituierenden Element der Gewaltsituation gemacht.

Freilich wird bei derartigen Arbeiten selten wirklich deutlich, was der Raum eigentlich genau erklären soll. Stattdessen scheint das Konzept oft in einer metaphorischen, ja vagen Weise benutzt zu werden, wobei unter der Hand doch wieder Beschreibungen beziehungsweise Erklärungen zum Vorschein kommen, die mit dem Raum wenig zu tun haben, sondern eher auf die Handlungsmöglichkeiten von individuellen oder kollektiven Akteuren in bestimmten Situationen verweisen.

Denn es ist nicht der Raum, der die Massengewalt erklärt, sondern wie im stalinistischen Russland oder in den von Stalin und Hitler gemeinsam beherrschten "Bloodlands" die Handlungen und Unterlassungen eines bestimmten Typus von Verwaltung, die rücksichtslos versucht, ihre Ziele umzusetzen, in einer Situation, in der auch keine anderen Mittel als Gewalt in Betracht gezogen werden (sollen). So entstehen – manchmal ursprünglich gar nicht intendiert, aber eben von manchen Akteuren dann doch forciert – auf einem bestimmten Territorium enorme Gewaltexzesse, werden immer wieder Bedingungen der Gewalt reproduziert, die in dieser Weise zu Beginn vielleicht gar nicht gewollt war. Diese Einsicht ist durchaus wertvoll, aber man braucht hierzu keinen besonders elaborierten Raumbegriff. Es reicht, die situativen Handlungskontexte und die Akteure zu kennen, ohne darüber dem Raum eine besondere kausale Qualität zuschreiben zu müssen.

Gleiches ließe sich auch gegenüber dem viel diskutierten Versuch des Soziologen Stefan Kühl einwenden, für die Erklärung des Holocaust Organisationen ins Spiel zu bringen.[19] Auch hier hat die konzeptuelle Strategie das Ziel, Makrokontexte wieder stärker in den Blick zu nehmen, ohne dabei freilich auf Motive und Absichten zurückgreifen zu müssen. Ganz abgesehen davon, ob es sinnvoll ist, die am Holocaust beteiligten Organisationen als "normal" zu bezeichnen,[20] leidet Kühls Ansatz aber daran, dass er für die Erklärung des Holocaust, bei dem Organisationen zweifellos eine entscheidende Rolle gespielt haben, in erstaunlichem Ausmaß von Gier über Antisemitismus bis hin zu Männlichkeitsvorstellungen auf die Motivlagen und Absichten der Mordakteure verweist. Die Erklärungskraft des Faktors "Organisation" wird damit schnell relativiert.[21]

Fazit

Die Erklärung von Gewalt ist also ein durchaus schwieriges Geschäft, allerdings auch keines, das sich von der Erklärung anderer sozialer Phänomene grundsätzlich unterscheidet. Völlig neuartige methodische oder theoretische Zugänge zur Analyse von Gewalt sind deshalb weder notwendig noch hilfreich, weil dies einer Exotisierung des Gewaltgeschehens und damit der angesprochenen Gewaltobsession in modernen "westlichen" Gesellschaften Vorschub leisten dürfte. Die ethnografische Ausleuchtung des Kontextes des Gewaltgeschehens, also die Beantwortung von Wie-Fragen, ist oft die bessere Erklärung als jene, die bei der Beantwortung von Warum-Fragen zu sehr auf kontextarme, aber spektakulär und modisch klingende Verallgemeinerungen setzt. Dabei wird man weder von Absichten und Motiven der Akteure noch von "größeren" Kontexten wie Organisationen völlig absehen können, selbst wenn in der jüngeren Fachdiskussion deutlich geworden sein sollte, dass die unmittelbare Situation noch am meisten Aufschluss über das Gewaltgeschehen zu geben vermag.

Ob damit das eingangs erwähnte Bedürfnis der Öffentlichkeit nach umfassenden und gar auf "Lösungen" zielenden Erklärungen von Gewalt befriedigt werden kann, ist natürlich eine andere Frage. Aber den Sozialwissenschaften wie der Geschichtswissenschaft würde es sicherlich gut anstehen, zuallererst den eigenen und zu Recht bescheidenen Erklärungsansprüchen zu genügen.

Fußnoten

15.
Jack Katz, From How to Why. On Luminous Description and Causal Inference in Ethnography (Part 1), in: Ethnography 4/2001, S. 443–473, hier S. 445.
16.
Vgl. auch Jan Philipp Reemtsma, Gewalt als attraktive Lebensform betrachtet, 16.2.2016, http://www.soziopolis.de/beobachten/wissenschaft/artikel/gewalt-als-attraktive-lebensform-betrachtet«.
17.
Vgl. Gabriel Gorodetsky (Hrsg.), Die Maiski Tagebücher. Ein Diplomat im Kampf gegen Hitler 1932–1943, München 2016.
18.
Timothy Snyder, Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin, München 2011; ders., Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann, München 2015; Jörg Baberowski, Räume der Gewalt, Frankfurt/M. 2015.
19.
Stefan Kühl, Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust, Berlin 2015.
20.
Vgl. schon die frühe Kritik Thomas Klatetzkis an Kühls ersten Versuchen einer organisationssoziologischen Erklärung des Holocaust: Keine ganz normalen Organisationen, in: Zeitschrift für Soziologie 4/2007, S. 302–312.
21.
Vgl. Markus Holzinger, Nicht normale Organisationen, 26.10.2015, http://www.soziopolis.de/beobachten/gesellschaft/artikel/nicht-normale-organisationen«.
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Autor: Wolfgang Knöbl für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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