Zwei Polizisten nehmen bei einer Anti-Vietnamkrieg Demonstration in Los Angeles einen jungen Mann fest, 23.06.1967.
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Szenen eines Jahres - Essay


27.1.2017
Wie erzählt man die Geschichte eines Jahres? Gedanken über das Jahr 1967 beginnen üblicherweise mit der Gründung der Kommune 1 in Berlin am 1. Januar des Jahres. Geradezu paradigmatisch für die gesellschaftlichen Konflikte und Umbrüche stehe dieses Ereignis. Nur: Dazu wurde es erst in der Rückschau und späteren Deutung. Lebensgefühl, Gestimmtsein und historisch wirksame Einflüsse zeigen sich weniger in solchen Einzelereignissen als vielmehr im Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Geschehnisse, die gleichzeitig und völlig unabhängig voneinander stattfinden und doch das eigentliche Szenario der hier zu erzählenden Geschichte ausmachen. Was war damals in der Welt los? Was bewegte die Menschen?

Wildgewordene Mitte?



Blende auf: Am Abend des 21. Januar 1967 findet in der Hamburger Universität eine Podiumsdiskussion zum Thema "Radikalismus in der Demokratie" statt. Unter der Leitung des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer sollen der Soziologe Ralf Dahrendorf, der Publizist Rudolf Krämer-Badoni, der Verleger Gerd Bucerius, der NPD-Vorsitzende Adolf von Thadden und der Ost-Berliner Rechtsanwalt Friedrich Karl Kaul über "KPD-Verbot, Nazi-Verbot, Mehrheitswahlrecht", so der Untertitel der Ankündigung, diskutieren. Der Publikumsandrang ist riesig, denn eine solche Diskussionsrunde ist bisher einmalig. Drei Fernsehprogramme, Rundfunk und Vertreter anderer Medien sind vor Ort, darunter auch Reporter aus dem Osten. Die Kameras schwenken immer wieder auf bekannte Gesichter wie "Stern"-Gründer Henri Nannen im Kreise seiner Redakteure sowie prominente "Zeit"-, "Spiegel"- und NDR-Mitarbeiter. 30 zivil gekleidete Sicherheitskräfte sind ebenfalls da, zudem Verfassungsschutzmitarbeiter und Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR.

Es soll auch darüber gesprochen werden, wie es sein kann, dass eine rechtsradikale Partei in Deutschland 20 Jahre nach dem Ende des verbrecherischen Regimes der Nationalsozialisten wieder in die Parlamente gewählt worden ist. Am 6. November des Vorjahres ist es der 1964 gegründeten NPD bei ihrer ersten Teilnahme an einer Landtagswahl gelungen, mit einem Stimmenanteil von fast acht Prozent in den hessischen Landtag einzuziehen. Bei den bayerischen Landtagswahlen am 20. November hat sie 7,4 Prozent der Stimmen erhalten und stellt mit 15 Abgeordneten neben CSU und SPD die dritte Fraktion im Drei-Parteien-Landtag. Die zu den vorherigen Landtagen zählenden Kleinparteien FDP und Bayerische Volkspartei haben den Einzug in den Landtag verpasst. Wahlforscher und mit ihnen alle Medien beschäftigen sich intensiv mit der Frage, was den raschen Aufstieg der Partei ermöglicht hat. Ihr Entstehen verdankt die NPD dem Zusammengehen von Aktiven aus verschiedensten nationalistischen und rechtsextremen Kleingruppierungen und Splitterparteien, dazu der Deutschen Reichspartei (DRP), auf deren Organisationsstrukturen sie aufbauen konnte. Bei der Bundestagswahl 1965 erzielte die NPD mit zwei Prozent einen höheren Stimmenanteil als je zuvor die DRP. Anfang 1966 hatte die Partei 13.700 Mitglieder, am Ende des Jahres waren es 25.000.

Der Aufstieg einer nationalistischen Partei in Deutschland wird im In- und Ausland aufmerksam verfolgt, die Sorge um die Haltbarkeit der Demokratie ist groß. Der NPD-Vorsitzende hat sich bereit erklärt, in einer Art Tribunal Rede und Antwort zu stehen. Seine Zielrichtung ist klar. Er will seine Partei als ernst zu nehmende politische Alternative in der bundesdeutschen Parteienlandschaft etablieren. Das von den bürgerlichen Parteien und ihren journalistischen Sympathisanten viel Gegenrede kommen wird, will er zur Selbstdarstellung nutzen. Von Thadden traut es sich zu, in der bevorstehenden Debatte, die später in Rundfunk und Fernsehen übertragen wird, zu punkten. Tatsächlich erntet er durch gezielte Jovialität eine Menge Beifall.

Der Ost-Berliner Jurist Friedrich Karl Kaul, führendes SED-Mitglied, ist eingeladen worden, weil er – als auch im Westen zugelassener Anwalt – in den 1950er Jahren die KPD im Verbotsprozess vor dem Bundesverfassungsgericht vertrat. Er sorgt für einen Eklat: Nachdem er eine im Verlautbarungsjargon seiner Partei verfasste Erklärung abgegeben hat, wonach er als Vertreter aus dem Ausland nicht befugt sei, sich in die inneren Angelegenheiten der Bundesrepublik einzumischen, steht er auf und verlässt den Saal. Der Vorgang wird als schallende Ohrfeige für all jene gewertet, die auf eine offene Diskussion mit einem SED-Vertreter gehofft hatten.

Im weiteren Verlauf des Abends tritt der junge Ralf Dahrendorf Forderungen nach Einführung des Mehrheitswahlrechts entgegen: "Die große Frage, die sich uns heute stellt, ist doch: Ist die wildgewordene Mitte, die uns in den Zwanziger und Dreißiger Jahren den Nationalsozialismus beschert hat und die in anderen Ländern nicht im selben Maße, aber in erheblichem Maße auch wirksam war, heute noch lebendig? Gibt es also heute noch die politischen Interessen und Einstellungen, in der Regel mittelständischer Gruppen – es lässt sich nicht leugnen –, die antidemokratisch für eine autoritäre oder gar totalitäre Staatsordnung sind, die ein breites Echo finden und die zu beseitigen nach meiner Meinung nur möglich ist durch eine klare innere und äußere Politik, nicht dagegen durch Wahlrechtsmanipulationen?"

Schlaglichter



Blende: Am 11. Mai 1967 beschließt der Bundestag einstimmig und ohne Enthaltungen auf Antrag der Fraktionen der Großen Koalition von CDU/CSU und SPD die Einrichtung einer Enquete-Kommission zur Untersuchung der Konzentration und der Meinungsfreiheit im deutschen Pressewesen.[1] Innenminister Paul Lücke erklärt, dass es für die Bundesregierung bei der Konzentration keineswegs nur um einen wirtschaftlichen Vorgang gehe. Entscheidend sei auch die politische Frage, ob dieser Vorgang die in Artikel 5 des Grundgesetzes garantierte Pressefreiheit und Freiheit der Berichterstattung gefährde. Die Absicht, eine solche Kommission einzusetzen, hatte die Bundesregierung bereits im Januar erklärt. Der erste Zwischenbericht soll bereits am 1. Oktober vorliegen. Besonders betroffen ist der Verleger Axel Springer, der nach Höhe der Auflagen seiner Zeitungen 40 Prozent des gesamten westdeutschen Zeitungsmarkts kontrolliert und in Hamburg und Berlin jeweils über 90 Prozent.[2]

*

Blende: Am frühen Abend des 17. August 1967 ist der Georgsplatz in Hannover erneut Schauplatz einer polizeilichen Maßnahme gegen "Gammler". Angeblich ist einer der so bezeichneten Jugendlichen auf dem Platz Fahrrad gefahren. Ein halbes Dutzend Streifenwagen rückt an, um ihn festzunehmen. Vor den Augen von fast 1000 Schaulustigen kommt es zu einem Handgemenge, bei dem einer der Jugendlichen ein blaues Auge davonträgt. Seine Gefährten marschieren zur nächsten Polizeiwache, um dort Anzeige zu erstatten. Dort teilt ihnen ein Polizeihauptmeister mit: "Anzeige gibt es nicht. Das Grundgesetz ist heute außer Kraft."[3] Nachts gibt es eine erneute Razzia gegen die "Gammler" auf dem Georgsplatz. Die wenigen, die noch angetroffen werden, begrüßen die Polizisten wie alte Bekannte und lassen die Prozedur aus Festnahme, Abführen, Überprüfen und ein paar Stunden in Gewahrsam halten geduldig über sich ergehen.

*

Blende: Am 27. September 1967 findet abends in der ältesten Hamburger Kunstgalerie Commeter eine Vernissage zur Eröffnung der Ausstellung von Handzeichnungen und Radierungen Egon Possehls statt. Obwohl die geschlossene Veranstaltung nur geladenen Gästen und der Presse vorbehalten ist, ist der Andrang riesig. Possehl war bis vor Kurzem unbekannt. Doch nun ist das Werk durch Berichte in der "Bild" und der "Welt" in aller Munde: Ein reicher Sammler aus den Vereinigten Staaten soll sieben Illustrationen seines Zyklus "Die sieben Todsünden" für 108.000 Mark erworben haben. Als Gäste haben sich unter anderem der als Kunstsammler bekannte Gunter Sachs und die Schauspielerinnen Brigitte Bardot, Claudia Cardinale, Jeanne Moreau sowie Wirtschaftsminister Karl Schiller angekündigt, daneben die gesamte kunstliebende Hautevolee der Hansestadt und etliche Stars und Sternchen, die es ins Rampenlicht drängt. Zur Einführung in das sozialkritische Werk von Possehl wird Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Paul Nevermann sprechen.

Im Vorfeld mussten die Veranstalter bereits um Unterstützung durch berittene Polizei und Staatschutz bitten, da Störaktionen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) befürchtet werden. Gegen 18 Uhr treffen die ersten Streifenwagen der Polizei ein, um für Ordnung vor dem Gebäude zu sorgen. Neugierige behindern schon lange vor der offiziellen Eröffnung den Verkehr. Die Zaungäste wollen eher einen Blick auf all die Prominenten werfen, die erwartet werden, als auf die Werke von Possehl. Drei Kamerateams und ein ganzes Rudel von Reportern und Fotografen drängeln sich bereits in der Galerie. Als erster Hauptgast trifft gegen 19.15 Uhr Nevermann ein. Die Stars verspäten sich. Bardot lässt über den PR-Agenten der Galerie wissen, dass sie sich gerade umziehe. Dass er mehrere Telefonate mit Claudia Cardinale führt, können alle mithören, die neben ihm stehen. So bekommen auch einige Besucher mit, dass es sich bei dem anonymen amerikanischen Sammler um niemand geringeres als Peggy Guggenheim handelt. Auch sie ist auf dem Weg in die Galerie.

Tatsächlich trifft sie kurz nach Nevermann ein, der nun seine Rede hält. Die berühmte Galeristin und Kunstmäzenin wechselt mit einigen Anwesenden ein paar Worte. Von den anderen Prominenten lässt sich jedoch niemand blicken. Die Stimmung wird angespannt. Auch der gereichte Wein kann den wachsenden Unmut nicht mehr beschwichtigen. Wo bleiben die angekündigten Promis? Nach zwei Stunden tritt der PR-Agent dann noch einmal vor Publikum und Presse. Alles war ein großer Bluff! Kunstkenner hätten auch schon eher darauf kommen können, dass irgendetwas nicht stimmt. Peggy Guggenheim ist mittlerweile 69 Jahre alt. Die Peggy, die hier erschienen ist, ist noch nicht einmal volljährig. Es ist die 17-jährige Schülerin Iris Berben.[4]

Der PR-Agent erklärt, dass er seinem Freund, dem erfolglosen Künstler Possehl, habe helfen wollen. Man habe zusammen in einer Kneipe in Hörweite des Springer-Verlags gesessen, als man überlegte, wie der Karriere des Malers auf die Sprünge zu helfen sei. Rasch habe sich ein "Bild"-Reporter gefunden, der die erfundene Geschichte vom armen Künstler, der über Nacht reich wurde, dankbar aufgegriffen habe. Zahlreiche Medien hätten die Geschichte dann verbreitet. Man hätte also gar nicht anders gekonnt, als dies auszunutzen. Und, Hand aufs Herz, es habe doch wunderbar geklappt! Wem wolle man da einen Vorwurf machen?[5]


Fußnoten

1.
Vgl. Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll vom 11.5.1967, S. 5179.
2.
Vgl. Vorläufiger Bericht der Pressekommission, 15.12.1967, Bundestagsdrucksache V/2403, Anhang, S. 55ff.
3.
Vgl. Andreas Kater, "Heute keine Anzeigen", in: Die Zeit, 25.8.1967.
4.
Vgl. Doller Jux, in: Der Spiegel, 2.10.1967, S. 194.
5.
Vgl. Und alle, alle kamen nicht, in: Die Zeit, 6.10.1967.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Sabine Pamperrien für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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