Zwei Polizisten nehmen bei einer Anti-Vietnamkrieg Demonstration in Los Angeles einen jungen Mann fest, 23.06.1967.
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Die amerikanischen Träume zersplittern: 1967 in den USA


27.1.2017
1967 zerfaserte in den USA der liberale Nachkriegskonsens. Dieser hatte auf einer Kombination mehrerer Elemente beruht: zum einen auf einem robusten außenpolitischen Antikommunismus und Internationalismus, zum anderen auf wachsender Prosperität im Zuge des Wirtschaftsbooms nach dem Zweiten Weltkrieg, womit die Ausweitung sozialstaatlicher Programme, aber auch wachsende politische Teilhabe bisher diskriminierter Gruppen einhergegangen waren.[1] Fortschritte hatten vor allem Afroamerikaner zu verzeichnen gehabt. Staatlich sanktionierte "Rassentrennung" und der weitgehend legale Ausschluss der meisten Schwarzen vom Wahlrecht in den Südstaaten wurden mit den Bürgerrechtsgesetzen 1964/65 aufgehoben. Hierfür hatten die Köpfe der Bürgerrechtsbewegung nicht zuletzt auf den antitotalitären und antikommunistischen Konsens der USA gesetzt, weil der Kampf für die Freiheit in der Welt konsequenterweise Freiheit und Gleichheit zuhause erforderte.[2] Dieser prekäre Kompromiss zersplitterte 1967, auch weil sich zeigte, dass rechtliche Gleichstellung nicht den raschen Abbau ökonomischer Ungleichheit zur Folge hatte. Rassismus und Ausgrenzung dauerten an, Schwarze blieben wirtschaftlich weit überdurchschnittlich schlechter gestellt. Während sich die von Mittelschichts-Amerikanern stark beargwöhnte Gegenkultur im summer of love 1967 zu ihrem Alptraum verkehrte, kam es im Juli 1967 in mehreren innerstädtischen schwarzen Ghettos, vor allem in Newark und Detroit, erneut zu massiven Aufständen, teilweise ausgelöst durch Polizeigewalt.

Auch der Krieg der USA in Vietnam wurde zunehmend angeprangert. Er wurde im Herbst 1967 zum alles beherrschenden Thema. Einen ersten symbolträchtigen Höhepunkt erreichte der Antikriegsprotest im Oktober 1967, als Demonstrierende das Verteidigungsministerium in Washington belagerten (march on the Pentagon). Der Krieg spaltete die Demokratische Partei. Ende November kündigte Senator Eugene McCarthy (Minnesota) an, sich als "Friedenskandidat" um die Nominierung der Demokraten für die Präsidentschaftswahl 1968 zu bewerben. Er forderte damit Präsident Lyndon B. Johnson in dessen eigener Partei direkt heraus. Anfang November rief Johnson eine Gruppe älterer Staatsmänner und hochrangiger Berater (the wise men) zu einem Geheimtreffen zusammen, um Strategien zu überlegen, wie er das amerikanische Volk im Vietnamkrieg hinter sich halten könne. Obwohl der US-Oberkommandierende General William Westmoreland siegesgewiss von militärischen Fortschritten sprach, trennte sich Johnson Ende des Monats von seinem Verteidigungsminister Robert McNamara, der zwar zu den Architekten des Engagements in Vietnam gehört hatte, aber nun ein Ende der Bombardierungen forderte.[3] Im Dezember 1967 ließ sich die Beat-Ikone Allen Ginsberg medienwirksam verhaften, als er zur Kriegsdienstverweigerung aufrief.

1967 zeigen sich tiefe Risse im sozialen und politischen Gefüge der USA. Bisher verborgene Konflikte wurden manifest. Ein entscheidender Umbruch bahnte sich an, der sich 1968 ereignisgeschichtlich weiter verdichten sollte. Über die "Rassenfrage", Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit, Fragen von Sexualität, Frauenrechte, patriarchalische Autorität und "amerikanische Werte", aber ganz besonders über Vietnam, zerbrach die innere Einheit der Demokratischen Partei und des US liberalism.[4] Anfang 1967 trat Ronald Reagan sein Amt als Gouverneur von Kalifornien an. Er profilierte sich als harter Kämpfer für "Recht und Ordnung". Die konservative Tendenzwende, in deren Schatten die US-Politik bis heute steht, nahm Fahrt auf. Die politische Hegemonie der Demokraten endete, deren Basis Präsident Franklin D. Roosevelt mit dem New Deal ab 1933 gelegt hatte. Symbolisch festmachen lässt sich die Fragmentierung des liberal-demokratischen Spektrums an einer Rede des prominentesten Repräsentanten der US-Bürgerrechtsbewegung, Dr. Martin Luther King, Jr., in der Riverside Church in New York im April und dessen wachsendem Engagement für Arme. Kings Rede bildet den Ausgangspunkt einer auf wenige Stichworte konzentrierten Zeitreise durch das Jahr 1967, in dem soziale Ungleichheit zum großen Thema wurde, daneben die counter culture (Gegenkultur) von einer Ideologie der Freiheit zur Gewaltorgie mutierte sowie Vietnam zunehmend alles andere übertönte.

Martin Luther Kings Appell an das Gewissen



Am 4. April 1967 hielt Amerikas bekanntester Geistlicher, der Baptistenprediger, Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King in der Riverside Church in New York eine Aufsehen erregende Rede. In dieser brach er endgültig sein langes Schweigen über Vietnam und redete Nation und Politik ins Gewissen. Als Friedensnobelpreisträger, aber ganz besonders als Pfarrer sei es seine Pflicht und Schuldigkeit, die Friedensbotschaft Christi ohne jedes Wenn und Aber zu verkündigen. Irgendwann werde aus Schweigen Verrat ("A time comes when silence is betrayal"). Dieser Punkt sei mit Blick auf Vietnam jetzt erreicht. Möglichen Einwänden hielt er entgegen, dass sich das Evangelium an alle Menschen richte: "Kommunisten und Kapitalisten, deren Kinder und unsere, Schwarz und Weiß, Revolutionäre und Konservative." Doch der Krieg sei deshalb so verhängnisvoll, weil er die USA im Innersten verwunde, weil er Amerikas Seele vergifte. Wie könne er die wütenden jungen Männer in den innerstädtischen Ghettos davon abhalten, in ihrer sozialen Ausweglosigkeit nicht zu Molotow-Cocktails und Gewehren zu greifen, wenn die US-Regierung der weltweit "größte Lieferant von Gewalt" ("greatest purveyor of violence") geworden sei, fragte er.[5]

King wurde mehrfach von lang anhaltendem Applaus unterbrochen. Das Publikum von etwa 3.000 christlichen und jüdischen Kriegskritikern, überwiegend Mitglieder der Organisation Clergy and Laymen Concerned About Vietnam (CALCAV), war vorhersehbar begeistert. Es hatte auf diesen Moment der Absage an den Vietnamkrieg von einer überragenden moralischen Autorität wie King geradezu gewartet. Doch die breite Öffentlichkeit reagierte ablehnend. Die liberale "New York Times" nahm zwar seit einiger Zeit eine kritische Haltung zum Krieg in Vietnam ein, kritisierte jedoch Kings Verknüpfung mit dem Kampf gegen Armut. Eine Vermengung komplexer Probleme schade allen Seiten. King erweise seinem Anliegen einen Bärendienst, weil konservative Kongressmitglieder gegen sozialstaatliche Programme munitioniert würden, wenn er Aspekte der Kriegführung in Vietnam mit Nazi-Methoden vergleiche.[6] Im Oval Office ließ Präsident Lyndon B. Johnson seiner Empörung freien Lauf: King sei "ein naiver schwarzer Prediger, der von den Kommunisten reingelegt worden ist".[7]

Die ganz überwiegend feindseligen Reaktionen auf die Riverside Church Speech sind Indikator des bröckelnden Konsenses und des Zerfalls der Koalition, die die Bürgerrechtsbewegung getragen hatte. Aus liberaler Sicht schlug King sich auf die Seite der schwarzen Radikalen rund um den Vorsitzenden des Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC), Stokely Carmichael. Er wurde daher nicht allein im demokratischen Establishment kritisiert. Afroamerikanische Zeitungen wie der "Pittsburgh Courier" hielten die Rede für einen schweren taktischen Fehler, weil sie das Bündnis mit Johnson untergrabe. Führende Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung wie der Direktor der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), Roy Wilkins, distanzierten sich öffentlich in harschen Tönen.[8] Schließlich gab es Fortschritte zu verzeichnen: Immer mehr Schwarze schafften den sozialen Aufstieg. Große, symbolische Durchbrüche wurden erreicht: 1966 war mit der Ernennung von Robert Weaver zum Secretary of Housing and Urban Development zum ersten Mal ein Schwarzer ins Kabinett berufen worden. Mit Edward Brooke (Massachusetts) saß seit Anfang 1967 zum ersten Mal ein direkt gewählter Afroamerikaner im Senat. Und im Herbst 1967 wurde in Cleveland mit Carl Stokes erstmals ein Schwarzer Bürgermeister einer amerikanischen Großstadt.

Als Krönung der wachsenden politischen Teilhabe von Afroamerikanern konnte die Berufung des ehemaligen NAACP-Justiziars Thurgood Marshall zum Richter am Obersten Gerichtshof im Oktober 1967 gesehen werden. Dieser hatte schon zuvor als erster Schwarzer im Amt des Chefanwalts der Regierung (Solicitor General) eine Schranke durchbrochen. Seine Wahl erfüllte die etablierten Kräfte der Bürgerrechtsbewegung mit Stolz.[9]


Fußnoten

1.
Vgl. Alan J. Matusow, The Unravelling of America. A History of Liberalism in the 1960s, New York 1984; Robert D. Johnson, Washington, 20. Januar 1961. Der amerikanische Traum, München 1999, S. 171ff.; Philipp Gassert/Mark Häberlein/Michael Wala, Kleine Geschichte der USA, Stuttgart 20082, S. 474ff.
2.
Vgl. Manfred Berg, The Ticket to Freedom. Die NAACP und das Wahlrecht der Afro-Amerikaner, Frankfurt/M. 2000.
3.
Vgl. Marc Frey, Geschichte des Vietnamkrieges, München 19993, S. 159.
4.
Vgl. Michael Hochgeschwender, Freiheit in der Offensive? Der Kongreß für kulturelle Freiheit und die Deutschen, München 1998, S. 68–86; Anselm Doering-Manteuffel/Jörn Leonhard (Hrsg.), Liberalismus im 20. Jahrhundert – Aufriss einer historischen Phänomenologie, in: dies. (Hrsg.), Liberalismus im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2015, S. 13–32, hier S. 26f.
5.
Martin Luther King, Jr., "Beyond Vietnam", Address delivered to the Clergy and Laymen Concerned about Vietnam, Riverside Church, New York City, 4.4.1967, http://kingencyclopedia.stanford.edu/kingweb/publications/speeches/Beyond_Vietnam.pdf«.
6.
Dr. Kings Error, New York Times, 7.4.1967, S. 36, Reprint in OAH Magazine of History 1/2005, S. 45.
7.
Zit. nach Peter J. Ling, Martin Luther King, Jr., London 2002, S. 274.
8.
Vgl. Britta Waldschmidt-Nelson, Gegenspieler. Malcolm X und Martin Luther King, Jr., Frankfurt/M. 20106, S. 136.
9.
Vgl. hierzu und zum Folgenden James T. Patterson, Grand Expectations. The United States, 1945–1974, Oxford 1996, S. 653ff.
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Autor: Philipp Gassert für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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