Zwei Polizisten nehmen bei einer Anti-Vietnamkrieg Demonstration in Los Angeles einen jungen Mann fest, 23.06.1967.
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"Der Erlöser aus dem Dschungel". Ernesto Guevaras Tod, Vermächtnis und Auferstehung


27.1.2017
Am 16. April 1967 erschien in Havanna die erste Ausgabe der Zeitschrift "Tricontinental" als dünnes Sonderheft. Die von der knapp ein Jahr zuvor gegründeten Organisation für Solidarität mit den Völkern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas (OSPAAAL) herausgegebene Publikation enthielt nichts weiter als einen Brief an ihr Exekutivkomitee. In diesem als "Botschaft an die Trikontinentale" bekannt gewordenen Schreiben richtete sich Ernesto "Che" Guevara, das wohl prominenteste Gründungsmitglied der OSPAAAL, an die Weltöffentlichkeit.[1] Der ehemalige Kommandant der Kubanischen Revolution forderte in seiner Botschaft die "Völker der Welt" dazu auf, die ihnen von den "imperialistischen Mächten" auferlegte Starre abzuschütteln und die Waffen zu ergreifen, um mit ihm für die endgültige "Befreiung der Menschheit" zu kämpfen. Er selbst befand sich, wie später bekannt werden sollte, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits seit mehreren Monaten in Bolivien und hatte den Text noch im Jahr 1966 vor seinem Aufbruch verfasst. Er hoffte, mit Unterstützung der dortigen Landbevölkerung eine Guerillaarmee aufbauen zu können, um aus dem Andenland ein leuchtendes Beispiel und die Speerspitze einer kontinentalen Revolution zu machen. Doch die in erbärmlichen Verhältnissen lebenden Bauern, die Guevara zu den Subjekten seiner revolutionären Umwälzungen erhoben hatte, konnten seinen Ruf kaum vernehmen: Die überwiegende Mehrzahl von ihnen war des Lesens und Schreibens nicht mächtig.[2]

Breite und umgehende Resonanz fand die "Botschaft" hingegen von lateinamerikanischen Metropolen über nordamerikanische Universitäten bis in die europäischen Großstädte. Die von Guevara formulierte Parole "Schaffen wir zwei, drei … viele Vietnam" stieg umgehend zu einer der ikonischen Losungen der Neuen Linken auf.[3] Begünstigt wurde die weitreichende Rezeption der Botschaft Guevaras durch den historischen Kontext ihrer Veröffentlichung: Wenige Monate nach der Publikation sollten die Tet-Offensive in Vietnam, das Massaker auf der mexikanischen Plaza de Tlatelolco, der Aufzug sowjetischer Panzer in Prag und die Ermordung Martin Luther Kings bis dahin geografisch voneinander getrennt politisierte Milieus in eine scheinbar globalisierte Protestbewegung verwandeln.[4] Doch ebenso bedeutsam für den Widerhall der "Botschaft an die Trikontinentale" war Guevaras zeitgleicher Kampf und dessen von vielen Zeitgenossen als tragisch aufgefasstes Ende in Bolivien. Sein Tod im Oktober 1967, den er in der "Botschaft" scheinbar prophetisch antizipiert hatte, unterstrich auf unumstößliche Weise das von Guevara personifizierte, christlich grundierte Ideal der Synthese von Wort und Tat. Die Hinrichtung Guevaras erhob diesen letzten zu Lebzeiten des Guerillakommandanten veröffentlichten Text gleichsam zu seinem politischen Vermächtnis. Die darin formulierte Programmatik und die dezidiert religiöse Metaphorik haben, neben dem praktischen Wirken Guevaras, dessen Verklärung zu einer "christomorphen Figur" maßgeblich beeinflusst.[5]

Zwei, drei, viele Vietnam



Anfang April 1965, knapp zwei Jahre bevor die "Botschaft an die Trikontinentale" erscheinen sollte, war Guevara unvermittelt aus der Öffentlichkeit verschwunden. Während sein Verbleib für zahlreiche Spekulationen gesorgt hatte, war Guevara im Verborgenen in den Kongo aufgebrochen, um dort eine Revolution nach kubanischem Vorbild voranzutreiben. Ein Vorhaben, das bekanntermaßen in einem Desaster endete. Doch zeitgleich zur Operation im Kongo hatte Guevara mit den Vorbereitungen für einen weiteren Einsatz begonnen. Schon 1964 hatte er seinen argentinischen Landsmann Ciro Bustos darauf angesetzt, in ihrem Herkunftsland potenzielle Kämpfer zu rekrutieren. Weitere Kontakte bestanden zur Gruppe um Juan Pablo Chang in Peru und nach Brasilien. Im Laufe des darauffolgenden Jahres gelang es Tamara Bunke ("Tania"), der Tochter deutsch-jüdischer Exilanten aus Argentinien, die mittlerweile für den kubanischen Geheimdienst tätig war, sich in La Paz niederzulassen. Ausgestattet mit falschen Papieren, die sie als argentinische Ethnologin Laura Gutiérrez Bauer ausgaben, gelang es ihr, Kontakte zu den Kreisen um Präsident René Barrientos aufzubauen. Von dort aus sollte sie die verschiedenen Stränge der Operation zusammenführen.[6]

Der kubanische Staatschef Fidel Castro wiederum hatte die seit Langem bestehenden Beziehungen zu den unterschiedlichen Fraktionen des bolivianischen Kommunismus neu aufleben lassen. Während der von Óscar Zamora geleitete maoistische Partido Comunista Boliviano Marxista Leninista (PCB-ML) sowie der ebenfalls prochinesische Gewerkschaftskreis Moisés Guevaras umgehend ihre Unterstützung für den bewaffneten Kampf signalisierten, reagierte die Parteiführung des unter sowjetischem Einfluss stehenden Partido Comunista Boliviano (PCB) um Mario Monje zurückhaltend.[7] Auch wenn er den bewaffneten Bestrebungen Kubas nicht gänzlich ablehnend gegenüberstand – immerhin hatte er diverse Kader zur militärischen Ausbildung auf die Insel geschickt –, widerstrebte es Monje, das von Moskau vorgegebene Diktum der friedlichen Koexistenz zu brechen. Während eines Besuchs auf Kuba schilderte Castro Monje jedoch, "daß ein gemeinsamer Freund in sein Land zurückkehren möchte, jemand, dessen revolutionäres Format über alle Zweifel erhaben ist," und dass dieser Freund der Meinung sei, am besten über Bolivien dorthin zu gelangen. "Daher", so fügte Castro an, "möchte ich dich bitten, ihm bei der Einreise in dein Land behilflich zu sein."[8] Die Referenz auf Ernesto Guevara muss für Monje eindeutig gewesen sein, und so sagte er zu. Er tat dies wohl auch aus dem Kalkül heraus, einen Guerillakrieg auf bolivianischem Boden verhindern zu können, indem er Guevara dabei half, seine Einheit in Bolivien vorzubereiten und dann an die argentinische Grenze zu geleiten.

Im November 1966 reiste Guevara, getarnt als Mitarbeiter der Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS), nach Bolivien. Bereits im August hatte er über Mittelsmänner von Monje eine Finca und 1500 Hektar Land in einer schroffen Gegend zwischen Andenausläufern und der Chaco-Tiefebene, knapp 250 Kilometer südwestlich von Santa Cruz de la Sierra, aufkaufen lassen. In dem bewaldeten Gelände richtete er dann gemeinsam mit einigen seiner engsten Vertrauten aus Zeiten der Kubanischen Revolution bis zum Ende des Jahres ein Basislager, Waffendepots und eine rudimentäre medizinische Station ein.[9] Als sich Mario Monje für den 31. Dezember zu einem Besuch ankündigte, verfügte die von Guevara als Ejército de Liberación Nacional (ELN) benannte Gruppe bereits über 25 Guerilleros, von denen jedoch lediglich neun aus Bolivien stammten.

Das Treffen mit Monje zum Jahreswechsel sollte sich als entscheidend für den weiteren Verlauf der Guerilla in Bolivien herausstellen. Guevara hoffte, wie er kurz vor dem Eintreffen Monjes in einer Ansprache gegenüber seinen Guerilleros darlegte, auf eine Versöhnung der beiden großen sozialistischen Blöcke. Indem er, so sein Kalkül, in Bolivien sowohl mit Monje als einem Vertreter der sowjetischen Seite als auch den prochinesischen Fraktionen von Moisés Guevara und Óscar Zamora zusammenarbeite, könne Bolivien eine Beispielwirkung von immenser Bedeutung entfalten und die über das Schisma zwischen der Sowjetunion und China in zwei Blöcke zerfallene sozialistische Welt wieder vereinen. Schon in seiner "Botschaft an die Trikontinentale" hatte er die Differenzen zwischen diesen beiden Mächten als eine der zentralen Problemstellungen bezeichnet und gefordert: "Dies ist die Stunde, unsere Differenzen zurücktreten zu lassen und alles in den Dienst des Kampfes zu stellen."[10]

Anders als gegenüber Monje suggeriert, war Bolivien in diesem Kampf aber nicht nur als Zwischenstation auf dem Weg nach Argentinien vorgesehen. Vielmehr sollte das Andenland, dem Beispiel Vietnams folgend, Ausgangspunkt größerer Ereignisse werden. Denn einmal aufgenommen, würde der Guerillakampf nach Guevaras Einschätzung umgehend kontinentale Dimensionen annehmen und der gesamte Subkontinent zur "Szene von vielen großen Schlachten für die Befreiung der Menschheit" werden.[11] Endpunkt dieses Kampfes sollte nichts weniger sein als die "Vernichtung des Imperialismus durch die Eliminierung seines mächtigsten Bollwerks, die imperialistische Herrschaft der Vereinigten Staaten von Nordamerika".[12] Doch nur wenn es China und Russland gelänge, so Guevara weiter, ihre Differenzen zu überwinden und sich mit den Revolutionären in allen Teilen der Welt zusammenzuschließen, könne dem nordamerikanischen Imperialismus endgültig der letzte Stoß verpasst werden. Seiner Vorstellung nach sollte in Bolivien also ein neuer weltumspannender Krieg seinen Anfang nehmen, dessen Ausgang entscheiden würde, ob der Planet in Zukunft sozialistisch oder kapitalistisch sei.

Das Gespräch mit Monje führte zu keiner Übereinkunft. Denn dieser forderte – nachdem ihm immer deutlicher geworden war, dass es nicht lediglich darum gehen würde, Guevara bei der Passage nach Argentinien zu unterstützen –, dass ihm die politische und militärische Führung der gesamten Operation übertragen werde. Zu einem solchen Zugeständnis war Guevara unter keinen Umständen bereit. Monje kündigte daraufhin die Unterstützung der PCB auf und forderte die von der Partei entsandten Kämpfer unmissverständlich, jedoch erfolglos dazu auf, die Guerilla Guevaras zu verlassen.[13] Seine Abschiedsworte an die bei Guevara verbleibenden Genossen am nächsten Morgen sollten sich als ebenso präzise wie tragisch erweisen: "Sobald das Volk davon erfährt, dass diese Guerilla von einem Ausländer geführt wird, wird es ihr den Rücken zukehren und die Unterstützung versagen. Ich bin mir sicher, dass sie scheitern wird, weil sie nicht von einem Bolivianer kommandiert wird. Ihr werdet alle einen heroischen Tod sterben, aber ihr habt keinerlei Aussicht auf Erfolg."[14]


Fußnoten

1.
Ernesto Che Guevara, Mensaje a la tricontinental, in: Tricontinental. Suplemento especial, 16.4.1967. Jan Gerber danke ich für wertvolle Anregungen und Diskussionen.
2.
Vgl. Instituto Interamericano de Ciencias Agricolas, Programa de desarrollo rural 1977/80, San José 1977, S. 45; Interamerikanische Entwicklungsbank, Progreso socio-económico en América Latina, Washington D.C. 1967, S. 69.
3.
Entsprechend auch die Titel der Übersetzungen der "Botschaft an die Trikontinentale": Ernesto Che Guevara, Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam, Berlin 1967; ders., Creare due, tre, molti Viet-Nam, Mailand 1967; ders. Créer deux, trois … de nombreux Vietnam, Paris 1967; ders. Create Two, Three … Many Vietnams, That Is the Slogan, Hauts-de-Seine 1967.
4.
Vgl. Wolfgang Kraushaar, Achtundsechzig. Eine Bilanz, Berlin 2008, S. 103.
5.
Wolfgang Kersten, Einleitung, in: David Kunzle, Chesucristo. Die Fusion von Che Guevara und Jesus Christus in Bild und Text, Berlin–Boston 2016, o.S.
6.
Vgl. dazu den internen Report des tschechoslowakischen Geheimdiensts zur "Operation Tania", archiviert unter der Ordnungsnummer 80723 300. Ich danke Juan B. Yofre für die Bereitstellung des entsprechenden Materials.
7.
Vgl. Jorge Castañeda, La vida en rojo. Una biografía del Che Guevara, Buenos Aires 1997, S. 410.
8.
Zit. nach Jon Lee Anderson, Che. Die Biographie, München 1997, S. 605f.
9.
Vgl. Ernesto Guevara, Diario en Bolivia, in: ders., Obras 1957–1967, Havanna 1977², S. 435–630; hier S. 457–477.
10.
Guevara, Schaffen wir … (Anm. 3), S. 14.
11.
Ebd., S. 12.
12.
Ebd., S. 15.
13.
Vgl. Guevara, Diario (Anm. 9), S. 477ff.
14.
Zit. nach Inti Peredo, Mi campaña con el Che, Mexiko 1971, S. 27 (Übertragung aus dem Spanischen: L.B.).
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Autor: Lukas Böckmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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