Zwei Polizisten nehmen bei einer Anti-Vietnamkrieg Demonstration in Los Angeles einen jungen Mann fest, 23.06.1967.

27.1.2017 | Von:
Lukas Böckmann

"Der Erlöser aus dem Dschungel". Ernesto Guevaras Tod, Vermächtnis und Auferstehung

Unter der Fahne einer heiligen Sache

Kurz nachdem Monje die Gruppe am Neujahrsmorgen verlassen hatte, brach Guevara mit der Mehrzahl der Männer zu einer ersten Trainingsexpedition auf. Entgegen seinem Vorhaben, nach 15 Tagen wieder zurück im Basislager zu sein, kamen sie deutlich langsamer vorwärts als gedacht und blieben fast sieben Wochen lang in den Wäldern. Noch bevor sie zurück zu ihrer Finca gelangten, war das bolivianische Militär jedoch auf die Vorgänge in der Region aufmerksam geworden. Während Guevaras Abwesenheit hatte Moisés Guevara weitere Rekruten in das Basislager gebracht, von denen zwei nach kurzer Zeit beim Versuch zu desertieren von Armeekräften verhaftet worden waren. In den anschließenden Verhören hatten sie den Militärs Auskunft über die sich formierende Guerilla und ihren ausländischen Kommandanten mit dem Decknamen "Ramón" gegeben.[15] Kurz darauf, am 23. März 1967, kam es zu einem ersten Gefecht zwischen Guevaras Gruppe und einer angerückten Einheit der Armee, bei dem sieben Soldaten getötet wurden. Deutlich früher als geplant hatten sich damit die operativen Vorbereitungen in einen Guerillakrieg verwandelt, der die Gruppe dazu zwang, den Komfort des Finca-Camps zu verlassen und ständig in Bewegung zu bleiben.

Anfang April nahm die Armee die zuvor von den Guerilleros übereilt verlassene Finca ein und fand dort neben Verpflegung und Medikamenten auch Unterlagen und diverse Fotos. Ausgehend von diesem Material verstanden es die bolivianischen Offiziellen, in der Öffentlichkeit das Bild einer Castro-kommunistischen und vor allem ausländischen Invasion zu verbreiten. Die Informationspolitik der Regierung richtete sich direkt an die in ärmlichsten Verhältnissen lebenden Bauern der Umgebung und appellierte an ihren Patriotismus – forderte sie sie doch auf, Bolivien gegen diese Invasion zu verteidigen. Die Armee ließ eigens eine Pressekonferenz auf der eingenommenen Finca abhalten, auf der auch das Bild des vermeintlichen Anführers der Gruppe präsentiert wurde, allerdings ohne bekannt zu geben, um wen es sich dabei handelte. Es zeigte Ernesto Guevara, mit Pfeife und ohne Bart.[16]

Am 13. April erhielt Guevara über Radio die Nachricht, die USA würden Militärberater nach Bolivien entsenden. Ganz im Sinne der drei Tage darauf erscheinenden "Botschaft an die Trikontinentale" vermerkte er daraufhin in seinem Tagebuch: "Vielleicht erleben wir gerade das erste Kapitel eines neuen Vietnam."[17] Nachdem der ELN bereits kurz nach Beginn der Kampfhandlungen mit einem ersten Kommuniqué seine Existenz publik gemacht hatte, sollte die Veröffentlichung des Textes an die OSPAAAL nun alle Zweifel über die Anwesenheit Guevaras in Bolivien ausräumen und gerade dadurch eine möglichst breite Wirkung entfalten.[18] Vor allem aber kam der Text einem Aufruf gleich, zu den Waffen zu greifen und sich an der Schaffung weiterer Konfliktherde zu beteiligen. In tief religiös geprägten Bildern forderte Guevara ein diffus adressiertes "Wir" dazu auf, "unter der Fahne der heiligen Sache der Erlösung der Menschheit", den ersten Märtyrern eben dieses Kampfes nachzueifern.[19]

Der siegesgewisse Ton der "Botschaft an die Trikontinentale" täuschte jedoch darüber hinweg, dass sich Guevaras Guerilla zunehmend in eine ausweglose Lage manövriert hatte. Sowohl Juan Pablo Chang und Tamara Bunke als auch Ciro Bustos und der Franzose Régis Debray saßen aufgrund des unerwarteten Eingreifens der Armee bei der Guerilla fest. Sie alle waren zu Beginn des Jahres auf die Finca gekommen und sollten, so der ursprüngliche Plan, mit Nachrichten oder Koordinierungsaufträgen an ihre angestammten Einsatzorte zurückkehren. Die nun eingerichtete militärische Sperrzone machte eine Rückkehr jedoch äußerst riskant. Während Chang und Bunke, deren Tarnung durch die auf der Finca gefundenen Fotos aller Wahrscheinlichkeit nach aufgedeckt worden war, entschieden, bei der Guerilla zu bleiben und damit die Verbindung nach La Paz und Peru unwiederbringlich gekappt war, wurden Bustos und Debray bei dem Versuch, den Belagerungsring zu verlassen, verhaftet. Damit war der letzte Kontaktweg zur kubanischen Führung ebenfalls abgebrochen. Guevara hatte seinerseits zur Unterstützung des Fluchtversuchs seine Guerilla in zwei Kolonnen aufgeteilt. In den folgenden Monaten sollte es ihm nicht mehr gelingen, die ohne Kommunikationsmittel voneinander abgeschnittenen Gruppen nochmals zu vereinen.[20]

Guevara beunruhigte aber vor allem eines: Entgegen seiner Hoffnung hatte sich keiner der örtlichen Bauern seiner revolutionären Kampftruppe angeschlossen. Dabei war er stets von einer organischen Verbindung zwischen der ländlichen Bevölkerung und der Guerilla ausgegangen, sowie davon, dass es auf Grundlage der gemeinsamen Sprache, Sitten und Religion sowie der immer gleichen Formen der Ausbeutung ein starkes übereinstimmendes Klassenbewusstsein unter der gesamten lateinamerikanischen Bevölkerung geben würde. Dieses Bewusstsein werde zwangsläufig eine Solidarität "‚international-amerikanischen‘ Typs" hervorbringen, so seine Annahme.[21] Hätte die bewaffnete Avantgarde den Kampf gegen die Ausbeutung erst angestoßen, so legte er nahe, werde sich das international-amerikanische Volk alsbald an ihm beteiligen. Tatsächlich aber stand die in der Gegend lebende Bevölkerung dem ELN immer ablehnender gegenüber. Unterstützt durch beständige Hinweise auf den ausländischen Charakter der Guerilla, erhielt das Militär vermehrt Meldungen über deren Tätigkeiten vonseiten der Bauern. In einer ansonsten noch optimistischen Monatszusammenfassung des Aprils kam Guevara daher zu dem Schluss, zumindest deren Neutralität könne durch gezielten Terror erreicht werden.[22] Zwar hatten Castro und er schon während der Kubanischen Revolution in ihrem Rückzugsgebiet der Sierra Maestra immer wieder Druck auf die lokale Bevölkerung ausgeübt, doch die explizite Ausformulierung dessen war neu.

Bisweilen ist darüber spekuliert worden, warum Guevara zu diesem Zeitpunkt, als eine Flucht noch realistisch schien, nicht in Erwägung zog, den Einsatz abzubrechen. Einerseits ging er trotz der Rückschläge lange davon aus, die Operation würde sich noch seinen Hypothesen entsprechend entwickeln. Im Juli 1967 hatte der in Argentinien regierende General Juan Carlos Onganía aus Sorge vor einem Übergreifen des Konflikts die Grenze zu Bolivien abriegeln lassen. Für Guevara war dies ein deutliches Zeichen dafür, dass die vorhergesagte Internationalisierung des Kampfes tatsächlich eintrat. Euphorisch vermerkte er in seinem Tagebuch: "Die Legende der Guerilla nimmt kontinentale Dimensionen an."[23] Ebenso wäre es kaum mit seinem militärischen Kodex vereinbar gewesen, die von der Hauptkolonne abgeschnittene Nachhut zurückzulassen. Vor allem aber hatte er sich einen Rückzug durch seine vehemente Rhetorik verstellt, ließ diese doch kein Zurückweichen und keine Ambivalenzen mehr zu. So wie er einforderte, am Schicksal der Unterdrückten teilzuhaben und sie unbeugsam "bis zum Tode oder bis zum Sieg zu begleiten",[24] konnte er den Kampf in Bolivien nicht nach wenigen Monaten aufgeben, ohne seine politische Agenda als weltfremde Heilslehre zu entlarven.

Die Endgültigkeit jener von Guevara nachgerade zur apokalyptischen Entscheidungsschlacht zwischen den antagonistischen Kräften der Welt erhobenen Auseinandersetzung hatte er bereits in der "Botschaft an die Trikontinentale" – wenn auch unbewusst – antizipiert. Sein Aufruf an die "Völker der Welt" endete mit dem posthum als Zeichen einer Todessehnsucht gedeuteten Satz: "An jedem beliebigen Ort, wo uns der Tod überraschen könnte, sei er willkommen, wenn unser Kriegsruf gut aufgenommen würde und eine andere Hand nach unseren Waffen greifen würde und andere Menschen bereit wären, die Totenlieder mit Maschinengewehrgeknatter und neuen Kriegs- und Siegesrufen anzustimmen."[25]

Bereits Ende August 1967 hatte die 8. Division der bolivianischen Armee die Nachhut Guevaras in einen Hinterhalt gelockt. Während die zu diesem Zeitpunkt noch aus acht Personen bestehende Gruppe den Fluss Masicurí überquerte, hatten die Soldaten das Feuer eröffnet und die Mehrzahl von ihnen getötet. Unter den Toten fand sich auch Tamara Bunke, deren Leiche Tage später aus dem Fluss geborgen wurde. Zwei der drei Überlebenden wurden anschließend durch die Soldaten exekutiert.

Knapp einen Monat darauf gaben Anwohner dem Militär Hinweise auf Aktivitäten mutmaßlicher Guerilleros in der Gegend um das Dorf La Higuera. Am 8. Oktober gelang es der von Gary Prado Salmón kommandierten Einheit der Armee, die Gruppe um Guevara in einer nahegelegenen Schlucht zu stellen. Die Mehrzahl der Kämpfer wurde in dem folgenden Gefecht getötet und Guevara, der zuvor verwundet worden war, von Sargento Bernardino Huanca festgenommen. Gemeinsam mit dem bolivianischen Guerillero Simón Cuba ("Willy") wurde er nach La Higuera verbracht und dort von Armeeangehörigen sowie dem CIA-Agenten Félix Rodríguez verhört. Guevara selbst ging, so legt es der Bericht Rodríguez’ nahe, davon aus, dass die Militärs ihn am Leben lassen würden.[26] Am folgenden Morgen wurde auch Juan Pablo Chang nach La Higuera gebracht. Kurz darauf erging von der Obersten Heeresleitung der Befehl, die Gefangenen, allen voran Ernesto Guevara, zu liquidieren. Zu groß waren die Bedenken, ein öffentlicher Prozess könnte, deutlich vehementer noch als dies nach der Verhaftung Régis Debrays geschehen war, die Empörung der Weltöffentlichkeit auf die bolivianische Regierung lenken. Nachdem zunächst Chang und Cuba hingerichtet wurden, wurde auch Ernesto Guevara am Mittag des 9. Oktober 1967 erschossen.[27]

Fußnoten

15.
Vgl. Gary Prado Salmón, Como capturé al Che, Buenos Aires 1987, S. 79–82.
16.
Vgl. Anderson (Anm. 8), S. 635.
17.
Guevara, Diario (Anm. 9), S. 530.
18.
Vgl. ebd., S. 542. Laut Gustavo Villoldo, dem Leiter des Country Team des CIA in Bolivien, sowie Larry Sternfield, dem Verantwortlichen der CIA in Bolivien bis April 1967, war der Agency bereits vor Erscheinen des Artikels und der kurz darauf erfolgenden Festnahme von Ciro Bustos und Régis Debray die Anwesenheit Guevaras in Bolivien bekannt. Vgl. Castañeda (Anm. 7), S. 442.
19.
Guevara, Schaffen wir … (Anm. 3), S. 14.
20.
Vgl. Anderson (Anm. 8), S. 635–639.
21.
Guevara, Schaffen wir … (Anm. 3), S. 12.
22.
Vgl. Guevara, Diario (Anm. 9), S. 541.
23.
Ebd., S. 588.
24.
Guevara, Schaffen wir … (Anm. 3), S. 8.
25.
Ebd., S. 16.
26.
Rodríguez geht auch davon aus, dass Guevara in Bolivien nicht bewusst in den Tod gegangen sei: "Hätte er sterben wollen, dann wäre er unten in der Schlucht geblieben und hätte weitergekämpft. Aber nein, er versuchte davonzukommen." Zit. nach Castañeda (Anm. 7), S. 480f.
27.
Vgl. Anderson (Anm. 8), S. 652f., S. 656–664; Castañeda (Anm. 7), S. 473–478.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Lukas Böckmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Publikationen zum Thema

1968

1968

Für die einen bedeutet Achtundsechzig die Demokratisierung aller Lebensbereiche. Für andere sind d...

Prag 1968

Prag 1968

Alexander Dubceks "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" hatte nicht nur bei den Menschen im Ostbloc...

Der Traum von der Revolte

Der Traum von der Revolte

1968 in der DDR: Sozialismus mit menschlichem Antlitz, Minirock und Rockmusik. Viele DDR-Bürger wü...

Zum Shop

Dossier

Die 68er-Bewegung

Sie protestierten gegen starre Strukturen, den Vietnamkrieg, die rigide Sexualmoral und die Nichtaufarbeitung des Nationalsozialismus: Tausende von Studenten gingen in den 1960er Jahren auf die Straße – und als 68er in die Geschichtsbücher ein. War diese Zeit notwendig für den Übergang in die moderne Gesellschaft?

Mehr lesen