Zwei Polizisten nehmen bei einer Anti-Vietnamkrieg Demonstration in Los Angeles einen jungen Mann fest, 23.06.1967.

27.1.2017 | Von:
Lukas Böckmann

"Der Erlöser aus dem Dschungel". Ernesto Guevaras Tod, Vermächtnis und Auferstehung

Gekreuzigter Gott

Das Militär brachte Guevaras Leichnam noch am selben Tag nach Vallegrande, wo er von den Nonnen des örtlichen Krankenhauses gewaschen wurde. Ein Arzt injizierte ihm, um den Verwesungsprozess zu verlangsamen, Formaldehyd und öffnete ihm die Augen. Am Tag darauf wurde der Leichnam in einem rudimentären Waschhaus des Hospitals auf einem Betonbecken aufgebahrt und angereisten Pressevertretern als Beweis für den Tod des weltweit berühmtesten Guerillakommandanten vorgeführt. Die Militärs hofften wohl, durch die Präsentation des Gefallenen und die anschließende anonyme Bestattung Guevaras, einer posthumen Heroisierung vorbeugen zu können. Doch die tags darauf weltweit auf den Titelseiten der Tageszeitungen publizierten Fotos Guevaras erzielten einen Effekt, der gegensätzlicher zur eigentlichen Intention der Zurschaustellung nicht hätte sein können. Die Bilder des Leichnams, dessen entrückten und gleichsam lebendigen Blick ein sanftes Lächeln zu umspielen schien, wiesen in ihrer Bildsprache, wie zeitgenössische Beobachter alsbald bemerkten, eine frappierende Ähnlichkeit zu Darstellungen eines anderen, deutlich älteren, aber nicht minder bedeutenden Propheten der Menschheitsbefreiung auf: Jesus Christus.[28]

Die ästhetische Amalgamierung Jesu Christi und Ernesto Guevaras, die weit mehr über ihre Interpreten aussagt als über die aller Wahrscheinlichkeit nach nicht vorhandene Absicht der Fotografen, reicht jedoch über rein äußerliche Ähnlichkeit hinaus. Vielmehr verweist sie auf ideengeschichtliche Analogien, deren Kern ebenfalls in der "Botschaft an die Trikontinentale" aufscheint: eine christlich imprägnierte Eschatologie. Unmissverständlich deutlich wird dies, wenn Guevara von der "heiligen Sache der Erlösung der Menschheit" schreibt. Guevara, der sich hier gewissermaßen als Schüler Carl Schmitts und dessen "Politischer Theologie" erweist, unterteilte die Welt gedanklich in zwei antagonistische Blöcke, die in einer alles entscheidenden Auseinandersetzung um die endgültige Vollendung der Geschichte ringen würden. Während er von seinen Apologeten zu einem christusgleichen Propheten der Liebe verklärt wird – hiervon zeugt insbesondere der häufige Bezug auf seinen Ausspruch: "Ich wage zu behaupten (…), dass der wahre Revolutionär von großen Gefühlen der Liebe geleitet wird"[29] – richtete er auf seine Widersacher komplementär hierzu den Hass. In der "Botschaft an die Trikontinentale" erhob Guevara den "unbeugsame[n] Haß dem Feinde gegenüber, der den Menschen über seine physischen Grenzen hinaus antreibt und ihn in eine wirksame, gewaltsame, selektive und kalte Tötungsmaschine verwandelt" gar zur Triebfeder des gesamten Kampfes.[30] Gerade dieses Erlösungsdenken erlaubte es Guevara, für sich selbst den Weg eines Märtyrers vorzuzeichnen und zugleich gegenüber all jenen, die sich von diesem Weg abwandten, äußerste Härte anzuwenden. Ebenso wie er zu Lebzeiten dafür eintrat, die Lebensbedingungen jener zu verbessern, die unter der Einrichtung der Welt unbestreitbar litten – und nach seinem Tod zu einem Symbol für das Unbehagen am Fortbestehen dieser Missstände wurde – zeigte er sich unbarmherzig gegenüber all jenen, die als Renegaten, Deserteure oder Informanten des Militärs vom geforderten Glauben abgefallen waren.

Die religiöse Imprägnierung seines Denkens tritt sinnbildlich in einer Episode zutage, die er in seinem Tagebuch aus der Sierra Maestra schildert. Den Guerilleros um Fidel Castro war im Januar 1957 der abtrünnige Mitkämpfer Eutimio Guerra in die Hände gefallen, der die Rebellen an das kubanische Militär verraten hatte. Die daraufhin angeordnete Hinrichtung Guerras, aller Wahrscheinlichkeit nach die erste von ihm selbst ausgeführte, schildert Guevara in seinen Aufzeichnungen in den Metaphern biblischer Parabeln: In jenem Moment, schreibt er, als Eutimio hingerichtet wurde, "brach ein schwerer Sturm los, und der Himmel verdunkelte sich. Inmitten einer Sintflut, die hereinbrach, als Blitze über den Himmel zuckten und Donner hallte, wurde Eutimio Guerras Leben gerade in dem Augenblick ein Ende gesetzt, als einer dieser Blitzstrahlen aufleuchtete und ihm sofort ein Donnerschlag folgte – und nicht einmal die Kameraden, die in seiner Nähe standen, hörten den Schuß."[31] Als der Leichnam am folgenden Morgen begraben wurde, untersagte Guevara seinen Kameraden, zum Andenken ein hölzernes Kreuz aufzustellen und gestattete lediglich eine geritzte Markierung an einem Baum. Guerras Name sollte auf immer in einem Akt der damnatio memoriae aus der Geschichte getilgt werden.

Der heilsgeschichtlichen Erwartung, die gesamte Schöpfung durch einen Guerillakrieg zu erlösen, stellte Guevara auf individueller Ebene sein Konzept des Neuen Menschen zur Seite. Eine Analogie, die in der eschatologischen Hoffnung auf die Vollendung des Einzelnen im christlichen Denken ebenfalls ihre Entsprechung findet. Guevara eiferte einem Ideal nach, das jedes Streben nach Genuss und materiellem Reichtum zugunsten von Opferbereitschaft, Entsagung, Askese und moralischer Überlegenheit ablehnte. An dessen Ende steht, als säkularisierte beziehungsweise subjektivierte Gottesvorstellung, der revolutionäre Guerillero als "höchste Stufe der menschlichen Spezies".[32] Und das verkörperte bereits zu Lebzeiten niemand so prototypisch wie Guevara selbst. So wie Christus erst durch seine Kreuzigung zum Heiland werden konnte, stieg auch Guevara durch seinen "Opfertod" in Bolivien endgültig zum "Erlöser aus dem Dschungel" auf, wie "Der Spiegel" im Juli 1968 titelte. Darauf, dass er sich seines Stellenwertes durchaus bewusst war, deutet ein Gedicht León Felipes hin, das Guevara kurz vor seinem Tod aus dem Gedächtnis niedergeschrieben hatte. Darin heißt es:

Christus, ich liebe dich (…)
Du hast uns gelehrt, dass der Mensch Gott ist
ein armer, gekreuzigter Gott wie Du.
Und dass der zu deiner Linken in Golgatha
der schlechte Dieb
auch ein Gott ist. [33]

Eben diese Konstellation aufgreifend, wenn auch wohl unbewusst, gedachte das Milieu der Neuen Linken Guevara nach seinem Tod mit der ebenso griffigen wie christlich grundierten Formel: "Che vive!" beziehungsweise "Che lebt!" Die hieran anknüpfende Heroisierung des Guerillakommandanten sparte, wie dies allen Heldenerzählungen gemein ist, all jene Bereiche aus, die das Bild hätten beschädigen können. Und so traten Guevaras maßgebliche Beteiligung an den Erschießungen Oppositioneller im Gefangenenlager La Cabaña auf Kuba oder sein fatalistischer Wille, die gesamte kubanische Bevölkerung während der Kubakrise 1962 in einem atomaren Krieg zu opfern, zugunsten eines Narrativs in den Hintergrund, das ihn als zeitgenössischen Christus inszenierte.

Vor diesem Hintergrund ist es alles andere als zufällig, dass es gerade Rudi Dutschke war – ein Pastorensohn, der für seine öffentlichen Auftritte als Wortführer der Studentenbewegung mehrfach den Hörsaal gegen die Kirchenkanzel eintauschte –, der Guevaras "Botschaft an die Trikontinentale" gemeinsam mit dem Schriftsteller Gaston Salvatore ins Deutsche übertrug und unter dem noch heute emblematischen Titel "Schaffen wir zwei, drei … viele Vietnam" im Sommer 1967 in West-Berlin herausgab. Auch wenn sich Dutschke in seiner Einleitung von der emphatischen Apologie des Hasses distanzierte, die Guevara in seinem Text propagierte, teilte er doch dasselbe eschatologische Grundverständnis von Politik. Dieses verdichtete sich in der ebenso heilsversprechenden wie apokalyptischen Vietnam-Formel, die noch vor dem Tod des lateinamerikanischen Revolutionärs – aber auch weit über das Jahr 1967 hinaus – erhebliche Wirkung entfalten sollte.

Fußnoten

28.
Vgl. John Berger, "Che" Guevara, in: ders. The Look of Things, New York 1971, S. 42–52, hier S. 44. In der Tat erscheinen einige der Fotos wie zeitgenössische Neuauflagen klassischer Gemälde. So verweist beispielsweise das von Freddy Alborta von den Füßen her aufgenommene Foto Guevaras auf Andrea Mantegnas "Beweinung Christi" (1490). Eine andere Aufnahme bildet den Leichnam auf der gesamten horizontalen Bildachse aus seitlicher Perspektive ab, mit dem Kopf am linken, den Füßen am rechten Bildrand, und gleicht bis in die Armstellung Philippe de Champaignes "Le Christ mort couché sur son linceul" (1654).
29.
Zur Rezeption vgl. Kunzle (Anm. 5), S. 106.
30.
Guevara, Schaffen wir … (Anm. 3), S. 14.
31.
Ernesto Che Guevara, Aufzeichnungen aus dem kubanischen Befreiungskrieg 1956–1959, Reinbek 1969, S. 33.
32.
So notierte es Guevara am 8. August 1967 in sein Tagebuch, als er – körperlich zunehmend geschwächt – die Drastik seiner Situation bereits erkannt hatte: "Diese Art von Kampf eröffnet uns die Möglichkeit, uns in Revolutionäre zu verwandeln; die höchste Stufe der menschlichen Spezies." Guevara, Diario (Anm. 9), S. 560f.
33.
Zit. nach Juan José Sebreli, Comediantes y mártires. Ensayo contra los mitos, Barcelona–Buenos Aires 2008, S. 162.
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Autor: Lukas Böckmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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